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Sag bloß!


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Partner Hund - epaper ⋅ Ausgabe 10/2022 vom 07.09.2022

Noch ist Zwergschnauzer Toni skeptisch: Was soll er bloß mit diesem komischen Knopf? Kathrin Hartmann Die Journalistin ist Autorin des Buches „Mein grüner Hund“. Darin beschreibt sie, wie wir fair, tier- und umweltgerecht mit unseren Hunden leben können, räumt mit Erziehungsmythen auf – und erzählt, wie ihr Zwergschnauzer Toni ihr Leben bereichert hat. S -P-I-E-L-E-N“. Meine Stimme klingt blechern und Toni schaut gebannt auf den handtellergroßen Knopf auf dem Boden. Ich drücke den Buzzer noch einmal: „S-P-I-E-L-E-N“. Toni stellt die Ohren auf, legt den Kopf schief und beschnuppert den Knopf. Er schaut mich fragend an. Ich halte seinen aus Schnüren geflochtenen Tintenfisch in der Hand. „Willst du spielen?“, frage ich, und Toni wedelt mit dem Schwanz. Während wir herumalbern, sage ich abwechselnd „Spielen“ und drücke den Knopf. Drückt er ihn bald selbst, um mir zu sagen, dass er spielen ...

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Bildquelle: Partner Hund, Ausgabe 10/2022

Noch ist Zwergschnauzer Toni skeptisch: Was soll er bloß mit diesem komischen Knopf?
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... will? Können Hunde wirklich sprechen lernen? Christina Hunger ist davon überzeugt. Mit ihrer Hündin Stella benutzt die Sprachtherapeutin programmierbare Buttons, seit diese ein Welpe ist. Heute, mit vier Jahren, kann der Catahoula-Blue-Heeler-Mix damit mehr als 50 Begriffe gebrauchen und bis zu fünf kombinieren. Das klingt so: „Mad Stella eat eat eat“. „Help beach beach“. „Park love you come outside“. Damit sind die beiden berühmt geworden: Mehr als 800.000 Menschen folgen dem Instagram-Account „hunger4words“, das Buch „How Stella learned to talk“ wurde in den USA zum Beststeller, jetzt erscheint es auf Deutsch (siehe S. 35). Die Logopädin arbeitet mit autistischen Kindern, die nicht sprechen können, und Kleinkindern mit Sprachentwicklungsstörungen. Dabei wendet sie die Unterstützte Kommunikation an und hilft ihnen mit technischen Geräten, sich zu verständigen. Angespornt von den Erfolgen ihrer Arbeit fragt sich Hunger, ob ihre Hündin menschliche Sprache ebenfalls mit logopädischen Techniken lernen und anwenden kann. Hunde verstehen Worte. Sie können ihre Bedeutung getrennt vom Tonfall des Menschen erfassen und einzelne Wörter im Redefluss erkennen. Das ist wissenschaftlich belegt. Eine Studie der Eötvös-Loránd-Universität in Budapest zeigte unlängst, dass die Gehirne von Hunden und Menschen Sprache auf ähnliche Weise verarbeiten. Vor 23 Jahren bewies das Border Collie Rico auf spektakuläre Art und Weise: In der Sendung „Wetten dass..?“ ordnete er 77 Worte den jeweiligen Spielzeugen zu. So wurde der Rüde nicht nur Wettkönig, sondern eine wissenschaftliche Sensation. Das Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig untersuchte Ricos Fähigkeiten und fand heraus, dass er Begriffe durch sogenanntes „fast mapping“ lernte. Sagte seine Besitzerin ein neues Wort, das zu keinem Spielzeug vor ihm passte, das er kannte, schloss der Hund daraus, dass sie das neu dazugelegte meinte. Man nahm bis dahin an, dass dieses schnelle Zuordnen per Ausschluss eine rein menschliche Fähigkeit sei. Es war zuvor nur bei Kleinkindern nachgewiesen geworden.“WILLST DU SPIELEN?”Als die acht Wochen alte Stella einzieht, merkt Hunger, dass der Welpe auf eine vergleichbare Weise mit Gesten und Lauten kommuniziert und auf Worte reagiert, wie das Kleinkinder tun, bevor sie sprechen. Sie beginnt bei den Interaktionen mit ihrer Hündin, die passenden Worte dazu zu sagen. Eine Woche nach Stellas Ankunft führt sie zusätzlich programmierbare Sprachbuttons ein. Auf den ersten Knopf “ Jeder verdient es, gehört zu werden – und Hunde sagen und denken viel mehr, als wir ihnen bisher zugetraut haben ” spricht sie „Raus“ und legt ihn neben die Tür zum Hof. Dazu kommt später ein „Spielen“-Knopf neben den Spielzeugkorb und ein „Wasser“-Knopf neben den Wassernapf. Wenn Hunger mit Stella spielt, rausgeht oder ihr zu trinken gibt, sagt sie das Wort mehrmals und betätigt den Knopf. Videos von Stella hatte ich bereits auf Youtube gesehen. Sie haben mich fasziniert. Mir gefällt Hungers empathischer und emanzipatorischer Ansatz: „Jeder verdient es, gehört zu werden – und Hunde sagen und denken viel mehr, als wir ihnen bisher zugetraut haben“, schreibt sie. „Werden wir irgendwann aufhören, für unsere Tiere zu sprechen und sie stattdessen lieber für sich selbst sprechen lassen?“ Das passt gut dazu, wie wir mit unserem dreijährigen Zwergschnauzer Toni leben: Wir arbeiten an einer engen und vertrauensvollen Bindung und versuchen, seine Bedürfnisse zu verstehen und zu erfüllen. Wie toll wäre das also, wenn Toni uns mitteilen könnte, was exakt er gerade möchte, fühlt oder gar denkt? Deswegen will ich die Sprachknöpfe ausprobieren. Außerdem hat Toni Spaß daran, Neues zu lernen. Auf Worte reagiert er jedenfalls weit über „Sitz“, „Platz“ und „Bleib“ hinaus. Er streckt bei „Zunge“ die Zunge raus. Bei „Halt, Polizei!“ stellt er sich mit erhobenen Pfoten an die Wand. Hört er „Eiswürfel“, rennt er zum Gefrierfach. Er kann seine Spielsachen auf das Kommando „Aufräumen“ in seine Kiste packen. Gerade trainieren wir mit ihm, sie zu unterscheiden. Das ist eine ziemlich aufwendige Sache, aber er kann immer öfter einen Hasen, sein Schlaftier, ein Handtuch und das Hüpfei holen, wenn wir die jeweiligen Namen sagen.“WOHOO SUPER!”Ich beginne unser Experiment wie Christina Hunger und bespreche drei Knöpfe mit Worten, mit denen Toni etwas Positives verbindet, und lege sie an den Ort, der dazu passt: einen „Raus“-Knopf neben die Wohnungstür, einen mit „Essen“ neben den Napf und den mit „Spielen“ neben sein Spielhäuschen. Anfangs starrt er auf die Knöpfe, stupst sie mit der Nase an oder legt sich davor, um sie anzuzeigen. Ich lobe ihn, gebe ihm aber kein Leckerli, sondern mache, was die Knöpfe sagen. Nach drei Tagen kommt er fast jedes Mal angerannt, wenn er sie hört. So geht das gut zehn Tage, aber er benutzt sie nicht von selbst. Schließlich helfe ich ihm, wie es in Hungers Anleitung steht. Ich drücke auf den Buzzer, zeige darauf und frage „Was willst du, Toni?“. Dabei halte ich Essen, Spielzeug oder die Leine in der Hand. Und hurra: Erst berührt seine Pfote sachte den Knopf, dann haut er richtig drauf. Ein paar Tage später, ich sitze am Schreibtisch, höre ich „R-A-U-S“. Toni steht allein vor dem Knopf im Flur. Er hat ihn wirklich selbst gedrückt! „Wohooo, Toni! Feine Maus!“, schreie ich und suche hektisch Schuhe, Jacke und Schlüssel zusammen. Aber draußen schnüffelt Toni bloß lustlos herum. Schließlich bleibt er stehen und schaut mich ratlos an. Wollte er wirklich raus? Oder hat er den Knopf bloß aus Neugier gedrückt? Versteht er überhaupt, was „Raus“ bedeutet? Ich bin irritiert. Denn eigentlich kapiere ich sonst schon, was er möchte. Er drückt sich ja meistens unmissverständlich aus: Wenn er mit mir spielen will, legt er mir sein Spielzeug, Tannenzapfen oder Stöckchen vor die Füße. Hat er Hunger, stupst er mich an und lotst mich in die Küche. Wenn er einen Snack möchte, brummt er und leckt sich die Lefzen. Und wenn er raus will, kratzt er an meiner Wade und rennt zur Tür. Dafür brauche ich die Knöpfe also eigentlich nicht. Außerdem verbringen wir viel Zeit draußen. Da können wir uns gar nicht mit Sprachbuttons verständigen.Drei Wochen läuft jetzt unser Experiment. Toni haut nun zwar oft auf den Buzzer, wenn ich ihn zuvor bediene oder „Was willst du?“ frage. Aber vielleicht nur, weil er Target-Training kennt. Manchmal ignoriert er sie. Seit der Sache mit dem Raus-Knopf hat er jedenfalls keinen Button mehr von selbst gedrückt. In Hungers Buch lese ich, dass Stella zwei Monate gebraucht hat, um ihre drei Knöpfe ohne fremde Hilfe in unterschiedlicher Umgebung zu bedienen. Ein halbes Jahr ist sie alt, als sie aus zwei Worten Sätze bilden kann. Zum Beispiel „Komm spielen“. Heute ist Stella vier Jahre alt und das Soundboard wesentlicher Bestandteil ihrer Kommunikation. Es würdewohl einen ziemlich langen Atem erfor-dern, wenn ich wollte, dass Toni vor allem in der Menschensprache mit uns kommuniziert.Ist das wirklich hundegerecht? Das frage ich unsere Trainerin Isabel Boergen, die in München die Hundeschule „Weltstadt mit Hund“ leitet. Sie ist skeptisch. „Ich fände es sehr problematisch, wenn ihm dadurch sein natürliches Verhalten abtrainiert und seine Sprache nicht mehr so gut funktionieren würde wie der Button“, sagt sie. Sie sieht für den Alltag sogar eher Gefahren. Etwa die, dass man dann nicht mehr genügend auf die Körpersprache des Hundes achten könnte. „Die wird ohnehin viel zu oft falsch eingeordnet oder interpretiert. Genau daraus entstehen die meisten Verhaltensprobleme“, erklärt Boergen. „Hunde kommunizieren die ganze Zeit mit uns. Wir sind in der Pflicht, die Sprache des Hundes zu lernen, nicht andersherum.“ „Die Sprache wird offenbar als letzte Barriere zwischen der Welt der Menschen und der Menschen und der Tiere betrachtet. Aber was passiert, wenn sich diese Barriere eines Tages in nichts auflöst?“, fragt Hunger in ihrem Buch. Ihr ganzes Projekt ist getragen vom unbedingten Willen, ihrer Hündin auf Augenhöhe zu begegnen und Tieren ein anderes Verständnis entgegenzubringen. Aber als Logopädin ist sie vor allem von den Möglichkeiten menschlicher Sprache fasziniert. Wie sie Stella diese nahebringt und was die beiden erreichen, liest sich dennoch beeindruckend. Demnach kann Stella Beobachtungen ausdrücken – etwa, wenn sie den Knopf „Wasser“ drückt, während Hunger Blumen gießt. Sie kann „Nein“ sagen, „Tschüss“, „glücklich“ oder „wü-tend“. Sie verwendet Namen, auch ihren eigenen. Sie drückt „Hilfe“, wenn ihr das Spielzeug hinter die Couch fällt und „Jake draußen“, wenn sie das Auto von Christinas Mann hört. Wissenschaftlich überprüft wurde Hungers Arbeit bislang nicht. Vieles hört sich überzeugend an, anderes jedoch überinterpretiert. So bekommt die Hündin einen mit Erdnussbutter gefüllten Kong, wenn Hunger und ihr Mann zur Arbeit gehen und Stella zu Hause bleiben muss. „Tschüss Essen“ drückt Stella dann. Hunger glaubt, sie würde sie auffordern, zu gehen, damit sie in Ruhe fressen kann. Das klingt für mich allerdings eher nach Wunschdenken. Die Biologin Juliane Bräuer leitet die Gruppe „HundeStudien“ am Max-Planck-Institut für Geoanthropologie in Jena und beschäftigt sich mit vergleichender Psychologie zwischen Menschen und Tieren. „Wir wissen, dass Tiere in Ansätzen einiges können, was wir Menschen können“, sagt sie. So gebe es Kommunikationsformen bei Tieren, die Sprachmerkmale aufwiesen. „Aber ob und was ein Hund denkt, wenn er Wörter hört, das wissen wir nicht.“ Federico Rossano leitet seit 2020 die Langzeitstudie „They can talk“ an der University of California in San Diego.“WAS WILLST DU?”FOTOS: KATHRIN HARTMANN; PRIVAT “ Wir müssen uns sicher sein, dass sie ihre Menschen nicht einfach nur imitieren ” Darin werden Haustiere erforscht, die wie Stella und Hunger Sprachboards nutzen (die beiden nehmen allerdings nicht teil). „Bevor wir erörtern können, inwieweit Soundboards uns helfen können, das Zeitverständnis von Hunden oder ihre Selbstwahrnehmung oder Ähnliches zu beurteilen, müssen wir zuverlässige Beweise dafür erbringen, dass die Tiere wissen, was sie tun, wenn sie die Knöpfe drücken“, sagt er. „Wir müssen sicher sein, dass sie ihre Menschen nicht einfach nur imitieren.“ Und dass die Tiere wissen, was die Wörter bedeuten. „Zum jetzigen Zeitpunkt besteht eindeutig ein Problem der Überinterpretation.“Für die Studie werden Fragebögen und Aufzeichnungen ausgewertet, die Kameras im Zuhause der Tiere rund um die Uhr aufzeichnen. „Wir wollen nicht nur sehen, was das Tier vor, während und nach dem Drücken der Tasten tut, sondern auch mögliche Hinweise des Menschen. Wir wollen sehen, wie systematisch das Tier eine Reihe von Knöpfen in schneller Folge drückt und dann auf eine Antwort des Menschen wartet, was verhaltenstechnisch einem Satz ähnelt.“ Schließlich besuchen Forscher die Tiere und ihre Menschen für Verhaltensstudien zu Hause. Es gibt keine Vorgaben, wie die Soundboards zu nutzen sind. Das ist für eine Tierstudie ungewöhnlich. „Wir wissen nicht, was am besten funktioniert.“ Weder, welche Konzepte leichter oder schwieriger zu trainieren sind. Noch ob Erfolge abhängig von Rasse oder Alter sind oder davon, wie häufig sich die Menschen mit ihren Tieren beschäftigen. „Uns interessiert, wie die Tiere anfangen, die Soundboards aktiv zu nutzen, wie sie mit ihren Menschen oder anderen Haustieren interagieren und was dies darüber aussagen könnte, was ihnen wichtig ist, worüber sie nachdenken und wie komplex ihre Gedanken oder ihr Verständnis bestimmter Situationen zu sein scheinen.“ Mich würde brennend interessieren, was in Tonis Kopf vorgeht. Warum er seine heißgeliebte Terrierfreundin Luli manchmal links liegen lässt und weshalb er Willi nicht ausstehen kann. Was so interessant ist an der einen schmutzigen Ecke, an der er sich jeden Tag festschnüffelt. Ob es ihm gefällt bei Oma und Opa, ob er seine Geschwister vermisst, wann er Schmerzen hat oder warum er manchmal traurig ist. Was würde er uns wohl gerne erzählen? Was möchte er fragen? Das beschäftigt mich noch mehr, seit ich Hungers Buch gelesen habe. Ob wir mit den Sprachknöpfen eine Antwort darauf finden werden? Spannend ist das alles auf jeden Fall. Gerade überlege ich, welches Wort ich auf den vierten Button sprechen soll. Da stößt Toni mit Schwung meine Zimmertür auf. Er wirft mir seine Leine vor die Füße und wedelt mit dem Schwanz. Zumindest das weiß ich sicher: Toni will mit mir raus. Jetzt. KATHRIN HARTMANN Zum Nachlesen und Nachmachen Mehr über das spannende Duo kann man auf Christina Hungers nachlesen – hier gibt es auch die im Text beschriebenen Buttons zu bestellen: www.hungerforwords.com Auf ihrem veröffentlicht die Sprachtherapeutin immer wieder Videos, die Stellas Fähigkeiten dokumentieren. Anschauen und staunen! ▷ In ihrem Buch beschreibt Christina Hunger, wie ihr Hund Stella lernte, unsere Sprache zu benutzen. Ihr Wortschatz umfasst mittlerweile mehr als 40 Begriffe. Außerdem gibt es eine Step-by-Step-Anleitung zum Nachmachen. „Wie ich meinem Hund das Sprechen beibrachte“ von Christina Hunger, Goldmann, 14 Euro

Kathrin Hartmann

Die Journalistin ist Autorin des Buches „Mein grüner Hund“. Darin beschreibt sie, wie wir fair, tier- und umweltgerecht mit unseren Hunden leben können, räumt mit Erziehungsmythen auf – und erzählt, wie ihr Zwergschnauzer Toni ihr Leben bereichert hat.

S -P-I-E-L-E-N“. Meine Stimme klingt blechern und Toni schaut gebannt auf den handtellergroßen Knopf auf dem Boden. Ich drücke den Buzzer noch einmal: „S-P-I-E-L-E-N“. Toni stellt die Ohren auf, legt den Kopf schief und beschnuppert den Knopf.

Er schaut mich fragend an. Ich halte seinen aus Schnüren geflochtenen Tintenfisch in der Hand. „Willst du spielen?“, frage ich, und Toni wedelt mit dem Schwanz. Während wir herumalbern, sage ich abwechselnd „Spielen“ und drücke den Knopf. Drückt er ihn bald selbst, um mir zu sagen, dass er spielen will? Können Hunde wirklich sprechen lernen?

Christina Hunger ist davon überzeugt. Mit ihrer Hündin Stella benutzt die Sprachtherapeutin programmierbare Buttons, seit diese ein Welpe ist. Heute, mit vier Jahren, kann der Catahoula-Blue-Heeler-Mix damit mehr als 50 Begriffe gebrauchen und bis zu fünf kombinieren. Das klingt so: „Mad Stella eat eat eat“. „Help beach beach“. „Park love you come outside“. Damit sind die beiden berühmt geworden: Mehr als 800.000 Menschen folgen dem Instagram-Account „hunger4words“, das Buch „How Stella learned to talk“ wurde in den USA zum Beststeller, jetzt erscheint es auf Deutsch (siehe S. 35).

Kommunikationsgenies

Die Logopädin arbeitet mit autistischen Kindern, die nicht sprechen können, und Kleinkindern mit Sprachentwicklungsstörungen. Dabei wendet sie die Unterstützte Kommunikation an und hilft ihnen mit technischen Geräten, sich zu verständigen. Angespornt von den Erfolgen ihrer Arbeit fragt sich Hunger, ob ihre Hündin menschliche Sprache ebenfalls mit logopädischen Techniken lernen und anwenden kann.

Hunde verstehen Worte. Sie können ihre Bedeutung getrennt vom Tonfall des Menschen erfassen und einzelne Wörter im Redefluss erkennen. Das ist wissenschaftlich belegt. Eine Studie der Eötvös-Loránd-Universität in Budapest zeigte unlängst, dass die Gehirne von Hunden und Menschen Sprache auf ähnliche Weise verarbeiten.

Vor 23 Jahren bewies das Border Collie Rico auf spektakuläre Art und Weise: In der Sendung „Wetten dass..?“ ordnete er 77 Worte den jeweiligen Spielzeugen zu. So wurde der Rüde nicht nur Wettkönig, sondern eine wissenschaftliche Sensation. Das Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig untersuchte Ricos Fähigkeiten und fand heraus, dass er Begriffe durch sogenanntes „fast mapping“ lernte. Sagte seine Besitzerin ein neues Wort, das zu keinem Spielzeug vor ihm passte, das er kannte, schloss der Hund daraus, dass sie das neu dazugelegte meinte. Man nahm bis dahin an, dass dieses schnelle Zuordnen per Ausschluss eine rein menschliche Fähigkeit sei. Es war zuvor nur bei Kleinkindern nachgewiesen geworden.

“WILLST DU SPIELEN?”

Als die acht Wochen alte Stella einzieht, merkt Hunger, dass der Welpe auf eine vergleichbare Weise mit Gesten und Lauten kommuniziert und auf Worte reagiert, wie das Kleinkinder tun, bevor sie sprechen. Sie beginnt bei den Interaktionen mit ihrer Hündin, die passenden Worte dazu zu sagen. Eine Woche nach Stellas Ankunft führt sie zusätzlich programmierbare Sprachbuttons ein. Auf den ersten Knopf

“ Jeder verdient es, gehört zu werden – und Hunde sagen und denken viel mehr, als wir ihnen bisher zugetraut haben ”

spricht sie „Raus“ und legt ihn neben die Tür zum Hof. Dazu kommt später ein „Spielen“-Knopf neben den Spielzeugkorb und ein „Wasser“-Knopf neben den Wassernapf. Wenn Hunger mit Stella spielt, rausgeht oder ihr zu trinken gibt, sagt sie das Wort mehrmals und betätigt den Knopf. Videos von Stella hatte ich bereits auf Youtube gesehen. Sie haben mich fasziniert. Mir gefällt Hungers empathischer und emanzipatorischer Ansatz: „Jeder verdient es, gehört zu werden – und Hunde sagen und denken viel mehr, als wir ihnen bisher zugetraut haben“, schreibt sie. „Werden wir irgendwann aufhören, für unsere Tiere zu sprechen und sie stattdessen lieber für sich selbst sprechen lassen?“ Das passt gut dazu, wie wir mit unserem dreijährigen Zwergschnauzer Toni leben: Wir arbeiten an einer engen und vertrauensvollen Bindung und versuchen, seine Bedürfnisse zu verstehen und zu erfüllen.

Wie toll wäre das also, wenn Toni uns mitteilen könnte, was exakt er gerade möchte, fühlt oder gar denkt? Deswegen will ich die Sprachknöpfe ausprobieren. Außerdem hat Toni Spaß daran, Neues zu lernen. Auf Worte reagiert er jedenfalls weit über „Sitz“, „Platz“ und „Bleib“ hinaus. Er streckt bei „Zunge“ die Zunge raus. Bei „Halt, Polizei!“ stellt er sich mit erhobenen Pfoten an die Wand. Hört er „Eiswürfel“, rennt er zum Gefrierfach. Er kann seine Spielsachen auf das Kommando „Aufräumen“ in seine Kiste packen. Gerade trainieren wir mit ihm, sie zu unterscheiden. Das ist eine ziemlich aufwendige Sache, aber er kann immer öfter einen Hasen, sein Schlaftier, ein Handtuch und das Hüpfei holen, wenn wir die jeweiligen Namen sagen.

“WOHOO SUPER!”

Erster Erfolg oder Zufall?

Ich beginne unser Experiment wie Christina Hunger und bespreche drei Knöpfe mit Worten, mit denen Toni etwas Positives verbindet, und lege sie an den Ort, der dazu passt: einen „Raus“-Knopf neben die Wohnungstür, einen mit „Essen“ neben den Napf und den mit „Spielen“ neben sein Spielhäuschen. Anfangs starrt er auf die Knöpfe, stupst sie mit der Nase an oder legt sich davor, um sie anzuzeigen. Ich lobe ihn, gebe ihm aber kein Leckerli, sondern mache, was die Knöpfe sagen. Nach drei Tagen kommt er fast jedes Mal angerannt, wenn er sie hört. So geht das gut zehn Tage, aber er benutzt sie nicht von selbst. Schließlich helfe ich ihm, wie es in Hungers Anleitung steht. Ich drücke auf den Buzzer, zeige darauf und frage „Was willst du, Toni?“. Dabei halte ich Essen, Spielzeug oder die Leine in der Hand. Und hurra: Erst berührt seine Pfote sachte den Knopf, dann haut er richtig drauf. Ein paar Tage später, ich sitze am Schreibtisch, höre ich „R-A-U-S“. Toni steht allein vor dem Knopf im Flur. Er hat ihn wirklich selbst gedrückt! „Wohooo, Toni! Feine Maus!“, schreie ich und suche hektisch Schuhe, Jacke und Schlüssel zusammen. Aber draußen schnüffelt Toni bloß lustlos herum. Schließlich bleibt er stehen und schaut mich ratlos an. Wollte er wirklich raus? Oder hat er den Knopf bloß aus Neugier gedrückt? Versteht er überhaupt, was „Raus“ bedeutet? Ich bin irritiert. Denn eigentlich kapiere ich sonst schon, was er möchte. Er drückt sich ja meistens unmissverständlich aus: Wenn er mit mir spielen will, legt er mir sein Spielzeug, Tannenzapfen oder Stöckchen vor die Füße. Hat er Hunger, stupst er mich an und lotst mich in die Küche. Wenn er einen Snack möchte, brummt er und leckt sich die Lefzen. Und wenn er raus will, kratzt er an meiner Wade und rennt zur Tür. Dafür brauche ich die Knöpfe also eigentlich nicht. Außerdem verbringen wir viel Zeit draußen. Da können wir uns gar nicht mit Sprachbuttons verständigen.

Ausdrucksverhalten

Drei Wochen läuft jetzt unser Experiment. Toni haut nun zwar oft auf den Buzzer, wenn ich ihn zuvor bediene oder „Was willst du?“ frage. Aber vielleicht nur, weil er Target-Training kennt. Manchmal ignoriert er sie. Seit der Sache mit dem Raus-Knopf hat er jedenfalls keinen Button mehr von selbst gedrückt. In Hungers Buch lese ich, dass Stella zwei Monate gebraucht hat, um ihre drei Knöpfe ohne fremde Hilfe in unterschiedlicher Umgebung zu bedienen. Ein halbes Jahr ist sie alt, als sie aus zwei Worten Sätze bilden kann. Zum Beispiel „Komm spielen“. Heute ist Stella vier Jahre alt und das Soundboard wesentlicher Bestandteil ihrer Kommunikation. Es würdewohl einen ziemlich langen Atem erfor-dern, wenn ich wollte, dass Toni vor allem in der Menschensprache mit uns kommuniziert.

Ist das wirklich hundegerecht? Das frage ich unsere Trainerin Isabel Boergen, die in München die Hundeschule „Weltstadt mit Hund“ leitet. Sie ist skeptisch. „Ich fände es sehr problematisch, wenn ihm dadurch sein natürliches Verhalten abtrainiert und seine Sprache nicht mehr so gut funktionieren würde wie der Button“, sagt sie. Sie sieht für den Alltag sogar eher Gefahren. Etwa die, dass man dann nicht mehr genügend auf die Körpersprache des Hundes achten könnte. „Die wird ohnehin viel zu oft falsch eingeordnet oder interpretiert. Genau daraus entstehen die meisten Verhaltensprobleme“, erklärt Boergen. „Hunde kommunizieren die ganze Zeit mit uns. Wir sind in der Pflicht, die Sprache des Hundes zu lernen, nicht andersherum.“

„Die Sprache wird offenbar als letzte Barriere zwischen der Welt der Menschen und der Menschen und der Tiere betrachtet. Aber was passiert, wenn sich diese Barriere eines Tages in nichts auflöst?“, fragt Hunger in ihrem Buch.

Ihr ganzes Projekt ist getragen vom unbedingten Willen, ihrer Hündin auf Augenhöhe zu begegnen und Tieren ein anderes Verständnis entgegenzubringen. Aber als Logopädin ist sie vor allem von den Möglichkeiten menschlicher Sprache fasziniert. Wie sie Stella diese nahebringt und was die beiden erreichen, liest sich dennoch beeindruckend. Demnach kann Stella Beobachtungen ausdrücken – etwa, wenn sie den Knopf „Wasser“ drückt, während Hunger Blumen gießt. Sie kann „Nein“ sagen, „Tschüss“, „glücklich“ oder „wü-tend“. Sie verwendet Namen, auch ihren eigenen. Sie drückt „Hilfe“, wenn ihr das Spielzeug hinter die Couch fällt und „Jake draußen“, wenn sie das Auto von Christinas Mann hört. Wissenschaftlich überprüft wurde Hungers Arbeit bislang nicht. Vieles hört sich überzeugend an, anderes jedoch überinterpretiert. So bekommt die Hündin einen mit Erdnussbutter gefüllten Kong, wenn Hunger und ihr Mann zur Arbeit gehen und Stella zu Hause bleiben muss. „Tschüss Essen“ drückt Stella dann. Hunger glaubt, sie würde sie auffordern, zu gehen, damit sie in Ruhe fressen kann. Das klingt für mich allerdings eher nach Wunschdenken. Die Biologin Juliane Bräuer leitet die Gruppe „HundeStudien“ am Max-Planck-Institut für Geoanthropologie in Jena und beschäftigt sich mit vergleichender Psychologie zwischen Menschen und Tieren. „Wir wissen, dass Tiere in Ansätzen einiges können, was wir Menschen können“, sagt sie. So gebe es Kommunikationsformen bei Tieren, die Sprachmerkmale aufwiesen. „Aber ob und was ein Hund denkt, wenn er Wörter hört, das wissen wir nicht.“ Federico Rossano leitet seit 2020 die Langzeitstudie „They can talk“ an der University of California in San Diego.

“WAS WILLST DU?”

“ Wir müssen uns sicher sein, dass sie ihre Menschen nicht einfach nur imitieren ”

Darin werden Haustiere erforscht, die wie Stella und Hunger Sprachboards nutzen (die beiden nehmen allerdings nicht teil). „Bevor wir erörtern können, inwieweit Soundboards uns helfen können, das Zeitverständnis von Hunden oder ihre Selbstwahrnehmung oder Ähnliches zu beurteilen, müssen wir zuverlässige Beweise dafür erbringen, dass die Tiere wissen, was sie tun, wenn sie die Knöpfe drücken“, sagt er. „Wir müssen sicher sein, dass sie ihre Menschen nicht einfach nur imitieren.“ Und dass die Tiere wissen, was die Wörter bedeuten. „Zum jetzigen Zeitpunkt besteht eindeutig ein Problem der Überinterpretation.“

Gegenstand der Forschung

Für die Studie werden Fragebögen und Aufzeichnungen ausgewertet, die Kameras im Zuhause der Tiere rund um die Uhr aufzeichnen. „Wir wollen nicht nur sehen, was das Tier vor, während und nach dem Drücken der Tasten tut, sondern auch mögliche Hinweise des Menschen. Wir wollen sehen, wie systematisch das Tier eine Reihe von Knöpfen in schneller Folge drückt und dann auf eine Antwort des Menschen wartet, was verhaltenstechnisch einem Satz ähnelt.“ Schließlich besuchen Forscher die Tiere und ihre Menschen für Verhaltensstudien zu Hause. Es gibt keine Vorgaben, wie die Soundboards zu nutzen sind. Das ist für eine Tierstudie ungewöhnlich. „Wir wissen nicht, was am besten funktioniert.“ Weder, welche Konzepte leichter oder schwieriger zu trainieren sind. Noch ob Erfolge abhängig von Rasse oder Alter sind oder davon, wie häufig sich die Menschen mit ihren Tieren beschäftigen. „Uns interessiert, wie die Tiere anfangen, die Soundboards aktiv zu nutzen, wie sie mit ihren Menschen oder anderen Haustieren interagieren und was dies darüber aussagen könnte, was ihnen wichtig ist, worüber sie nachdenken und wie komplex ihre Gedanken oder ihr Verständnis bestimmter Situationen zu sein scheinen.“

Mich würde brennend interessieren, was in Tonis Kopf vorgeht. Warum er seine heißgeliebte Terrierfreundin Luli manchmal links liegen lässt und weshalb er Willi nicht ausstehen kann. Was so interessant ist an der einen schmutzigen Ecke, an der er sich jeden Tag festschnüffelt. Ob es ihm gefällt bei Oma und Opa, ob er seine Geschwister vermisst, wann er Schmerzen hat oder warum er manchmal traurig ist.

Was würde er uns wohl gerne erzählen? Was möchte er fragen? Das beschäftigt mich noch mehr, seit ich Hungers Buch gelesen habe. Ob wir mit den Sprachknöpfen eine Antwort darauf finden werden?

Spannend ist das alles auf jeden Fall. Gerade überlege ich, welches Wort ich auf den vierten Button sprechen soll. Da stößt Toni mit Schwung meine Zimmertür auf. Er wirft mir seine Leine vor die Füße und wedelt mit dem Schwanz. Zumindest das weiß ich sicher: Toni will mit mir raus. Jetzt.

KATHRIN HARTMANN

Zum Nachlesen und Nachmachen

Mehr über das spannende Duo kann man auf Christina Hungers BLOG nachlesen – hier gibt es auch die im Text beschriebenen Buttons zu bestellen: www.hungerforwords.com

Auf ihrem Youtube-Kanal hungerforwords veröffentlicht die Sprachtherapeutin immer wieder Videos, die Stellas Fähigkeiten dokumentieren. Anschauen und staunen!

▷ In ihrem Buch beschreibt Christina Hunger, wie ihr Hund Stella lernte, unsere Sprache zu benutzen. Ihr Wortschatz umfasst mittlerweile mehr als 40 Begriffe. Außerdem gibt es eine Step-by-Step-Anleitung zum Nachmachen. „Wie ich meinem Hund das Sprechen beibrachte“ von Christina Hunger, Goldmann, 14 Euro