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Sag mal, was machst du eigentlich?


myself - epaper ⋅ Ausgabe 11/2019 vom 09.10.2019

Ja, unsere Arbeitswelt hat sich verändert, manch einer kommt da gar nicht mehr mit. Was den Beruf ihrer Kinder angeht, sind Eltern manchmal ratlos


„Ich schwärme immer von dir”
Als Chemikerin, die aktuell über die „Katalytische Umwandlung von Algen zu Kerosin” promoviert, hatLara Milakovic, 27, einen völlig anderen Weg eingeschlagen als ihre MutterMarija, 67. Die führt seit 34 Jahren eine Boutique in München.

Die Mutter: Erinnerst du dich noch, dass du als Teenager gerne gebacken hast? Du hast dich immer ganz exakt ans Rezept gehalten und keines zweimal ausprobiert. Man hätte ahnen können, dass ...

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Bildquelle: myself, Ausgabe 11/2019

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Die Mutter: Erinnerst du dich noch, dass du als Teenager gerne gebacken hast? Du hast dich immer ganz exakt ans Rezept gehalten und keines zweimal ausprobiert. Man hätte ahnen können, dass du Chemikerin wirst.
Lara: Du hast recht, Backen ist auch Chemie. Trotzdem war ich nach dem Abi unentschlossen, und ihr habt damals viel Geld in eine Studienberatung für mich investiert.
Die Mutter: Das war selbstverständlich. Du warst immer unheimlich fleißig. Antreiben mussten wir dich nie.
Lara: Das hast du uns Kindern vorgelebt: Fleiß und Disziplin. Du stehst heute noch im Laden, obwohl du gesundheitlich nicht mehr topfit bist. Auch daheim hast du nie auf der Couch entspannt, sondern gekocht, dich gekümmert. Du und Papa, ihr habt so viel gearbeitet, damit ich mich auf mein Studium konzentrieren konnte. Allein, dass ihr mir ermöglicht habt, in Berkeley meine Masterarbeit zu schreiben!
Die Mutter: Weißt du noch, wie du uns dort mal nachts ins Labor geschleust hast? Das war eine große Ehre! Ich bin stolz und erzähle mit Freude, dass du unbeirrt einen komplett anderen Berufsweg eingeschlagen hast als ich. Irgendwann wirst du vielleicht eine berühmte Wissenschaftlerin. Deshalb freue ich mich immer, wenn du uns davon erzählst. Soweit wir das verstehen können. Du sagst ja selbst, dass nicht mal alle Chemiker verstehen, was du genau machst.
Lara: Ja, meine Arbeit ist wirklich schwer zu erklären. Mich würde interessieren, was du deinen Stammkundinnen darüber erzählst.
Die Mutter: Denen genügt, wenn ich sage: „Lara erforscht im Catalysis Research Center der TU München, wie man Kerosin aus Algen gewinnt. Damit will sie die Welt etwas besser machen.” Manchmal habe ich Angst, es könnte dir peinlich sein, wenn ich so von dir schwärme.
Lara: Manchmal wünschte ich, du würdest dich etwas mehr zurückhalten. Aber meistens fühle ich mich geschmeichelt.

Zwischen ihnen stimmt die Chemie, doch beruflich könnten Marija Milakovic (l.) und Tochter Lara nicht weiter voneinander entfernt sein.


Hans-Jürgen Theinert weiß gut Bescheid über den Job seiner Tochter. Nur zu sehr ins Detail sollte es nicht gehen.


„Unsere Gespräche bringen mich auf Ideen”
Old Economy trifft auf New Work:Hans-Jürgen Theinert, 61, selbstständiger Berater, und seine TochterDr. Sarah Theinert, 30, Venture Capital Investor bei Allianz X, machen beide was mit Wirtschaft – aber eben etwas komplett anderes.

Der Vater: Ich schätze, zu deinen Hauptaufgaben als Investorin gehört das Netzwerken.
Sarah: Du meinst, ich trinke den ganzen Tag Kaffee?
Der Vater: Nein! Ich weiß, wie wichtig Netzwerken ist, und ich glaube, dass du das sehr gut kannst.
Sarah: Danke. Wir wollen gut mit den Unternehmen zusammenarbeiten, in die wir Geld stecken. Mein Arbeitgeber gehört zu den sogenannten strategischen Investoren.
Der Vater: Wenn ich erzähle, wo du arbeitest, überhören viele Leute das X im Namen, aber Allianz sagt ihnen natürlich was.
Sarah: Und dann fragen sie dich, ob sie bei mir eine Lebensversicherung abschließen können.
Der Vater: Ich versuche immer zu erklären, dass es junge Unternehmen gibt, die zur Umsetzung ihrer Geschäftsidee Geld brauchen, und andere Unternehmen, die dieses Geld, also Venture Capital oder Risikokapital, übrig haben.


„Ich wusste gar nicht, dass du so viel über meinen Job weißt”


Sarah: Ach. Ich wusste gar nicht, dass du so viel über meinen Job weißt.
Der Vater: Nur oberflächlich. Zu sehr in die Tiefe darf es nicht gehen. Erklär es mir noch mal.
Sarah: Für meine Arbeit ist es entscheidend, Trends, Innovationen und Firmenzusammenschlüsse mitzubekommen. Ich führe viele Gespräche mit Start-ups und Projektmanagern. Und ich prüfe anhand bestimmter Indikatoren, ob sich ein Markt für ein potenzielles Investment positiv entwickelt, ob ein Geschäftsmodell innovativ ist, die Finanzen stimmen und ob es strategisch zu uns passt.
Der Vater: Bei mir hieß es früher: Innovationen stören den Betriebsfrieden. Ich bin gespannt, ob die traditionellen Unternehmen da die Kurve kriegen. Aber im Gegensatz zu vielen meiner Kollegen finde ich diese Entwicklungen aufregend. Dennoch begegnen mir Jüngere oft mit Vorurteilen: „Der ist 61, kann der das überhaupt noch?” Natürlich! Gespräche mit dir bringen mich auf neue Ideen und liefern mir Einblicke, die auch für mich beruflich hilfreich sind.
Sarah: Umgekehrt habe ich auch viel von dir gelernt, etwa wie wichtig der Austausch ist. Als Teenager hast du mich oft auf Termine mitgeschleppt, und ich dachte nur:
„Kann ich nicht einfach zu Hause bleiben?” Rückblickend habe ich spannende Leute aus Wirtschaft und Politik kennengelernt – und kapiert, wie wichtig ein nachhaltiges Netzwerk für den beruflichen Erfolg ist.
Der Vater: Und Humor!
Sarah: Stimmt, den habe ich ja auch von dir!

Gaby Lamersdorf (l.) erkannte schon früh die Führungsstärke von Tochter Maren.


„Ich wünschte, du könntest auch mal abschalten”
Als Vice President Digital Buzzroom bei ProSiebenSat.1 mussMaren Lamersdorf, 35, das Weltgeschehen im Blick haben. Ihre MutterGaby, 60, die in einer Bibliothek arbeitet, versteht das – und sorgt sich trotzdem.

Die Mutter: Also, ich stelle mir unter Buzzroom einen Konferenzraum vor, in dem du mit anderen an einem Tisch sitzt und besprichst, über welche Neuigkeiten ihr berichtet.
Maren: Mit Buzzroom ist eher das Team gemeint, das die Nachrichten produziert, weniger der Raum an sich. Wir bereiten Neuigkeiten als digitale Videos auf, die dann auf den Websites der Sender gespielt werden. Früher war ich Teamleiterin, heute bin ich Vice President.
Die Mutter: Ich war früher Bibliotheksassistentin, aber seitdem digitale Medien, Computerspiele und E-Books dazugekommen sind, heiße ich Fachangestellte für Medien- und Informationsdienste. Klingt auch besser, oder? Ab und zu schaue ich auf eure Seiten, aber ich weiß leider nie, ob der Bericht von dir ist. Als du noch selbst in den Videos zu sehen warst, am roten Teppich mit den Prominenten, da war ich schon sehr stolz …
Maren: Mittlerweile produziere ich kaum noch selbst, sondern bespreche mit anderen, welches Thema wir wie umsetzen. Zu 80 Prozent sitze ich in Konferenzen und erarbeite Strategien.
Die Mutter: Ja, du hast immer gerne Dinge geregelt. Schon im Kindergarten hast du zu den anderen gesagt: „Ich zeig euch, wie ihr das machen müsst.”
Maren: Du hast recht: Ich agiere lieber, als zu reagieren. Hab ich es nicht auch ein bisschen dir zu verdanken, dass ich heute diesen Job mache? Ich war oft mit dir bei der Arbeit, auch zu Hause hatten wir viele Bücher und Zeitschriften. Ich wollte immer für Magazine schreiben, bin dann aber schnell ins Digitale gerutscht.
Die Mutter: Dabei saßt du immer ungern am Rechner und hattest keine Affinität zu technischen Dingen.
Maren: Stimmt, mein erstes Handy musstest du mir regelrecht aufdrängen. Heute habe ich zwei.
Die Mutter: Ich finde diese ständige Erreichbarkeit schwierig und wünschte, du könntest auch mal abschalten.
Maren: Du weißt, dass mich das nervt, wenn du dir Sorgen machst. Ich will mich nicht erklären müssen, wenn ich mich noch mal kurz hinsetze und arbeite.
Die Mutter: Ich mache mir zwar Sorgen, aber ich verstehe es schon. Du hattest schon immer den Ehrgeiz, alles was du anpackst, gut zu machen.

Online-Marketing- Expertin Martina Scherer (r.) coacht ihre Mutter Margit in Technikfragen.


„Dank dir weiß ich, was ein Browser ist”
Martina Scherer, 38, ist Head of Targeting & Data Products bei United Internet Media. Dadurch kennt sich ihre MutterMargit, 72, Exportleiterin im Ruhestand, auch in Technikfragen jetzt ganz gut aus.

Die Mutter: Freunden und Bekannten sage ich, du arbeitest im IT-Bereich.
Martina: Aber du weißt schon, dass es einen Unterschied zwischen IT und online gibt.
Die Mutter: Ja, ich weiß: Du bist in einem Media-Unternehmen und machst etwas mit Daten.
Martina: Wieso sagst du nicht einfach, dass ich Online-Marketing mache?
Die Mutter: Das versteht doch keiner in meinem Alter.
Martina: Dann erklär ihnen, dass wir Zielgruppen bilden, an denen die Unternehmen gezielt Werbung ausspielen können. Targeting heißt das. Aber wenn mich früher jemand gefragt hat, was dein Job war, konnte ich es auch nicht erklären. Du warst eine Art Kauffrau, hast mit deinen Chefs die Welt bereist und Verhandlungen in mehreren Sprachen geführt, oder?
Die Mutter: Als ich dann Exportleiterin wurde, habe ich es auch ohne Chefs getan.
Martina: Du warst Führungskraft?
Die Mutter: Ich hatte sogar eine Sekretärin. Ich habe mir das alles hart erarbeitet. Du weißt, dass mein Vater nicht wollte, dass ich Abitur mache, meine Geschwister und ich sollten schnell unser eigenes Geld verdienen. Darum war es mir später so wichtig, dass es bei dir anders läuft.


„Du hast dich echt in vieles reingefuchst”


Martina: Du hast dafür gekämpft, dass ich aufs Gymnasium gehen und studieren konnte.
Die Mutter: Aus dir ist eine Powerfrau geworden, darauf bin ich sehr stolz. Und ich kann viel von dir lernen.
Martina: Wie neulich, als du anriefst und der Meinung warst, du hättest das Internet gelöscht. Am Ende war nur das Symbol des Browsers auf dem Desktop weg.
Die Mutter: Ich weiß, mit meinen Fragen treibe ich dich manchmal in den Wahnsinn.
Martina: Oft verstehe ich gar nicht, was du mir sagen willst. Aber sobald ich mich in deine Welt hineingedacht habe, merke ich, dass deine Fragen überhaupt nicht dumm, sondern berechtigt sind. Mir fällt dann auf, wie seniorenunfreundlich vieles immer noch ist.
Die Mutter: Inzwischen weiß ich zumindest, was ein Browser ist.
Martina: Du hast dich echt in vieles reingefuchst. Es hat mich zwar Nerven gekostet, dir dein erstes Smartphone zu erklären, aber als du mir dann dein erstes Selfie geschickt hast, war ich richtig stolz. Und heute bist du technisch mit Sicherheit die Fitteste in deinem Freundeskreis.
Die Mutter: Dank dir!


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