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SAHARA 2WD


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Off Road - epaper ⋅ Ausgabe 4/2022 vom 08.03.2022

SAHARA 1971

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Bildquelle: Off Road, Ausgabe 4/2022

Es ist ein grauer Dezembertag 2021, als sich in einem schmucken Bauernhäuschen im Elsass vier alte Reisegefährten zusammenfinden, um gemeinsam ein Jubiläum zu feiern. Gute 50 Jahre ist es nun her, dass die vier sich aufmachten, einen ihnen bis dahin nur aus Erzählungen bekannten Teil der Welt zu befahren. Afrika! Es war wohl Dagmar, die auf die Idee kam, von Oberaichen bei Stuttgart aus den sogenannten größten Sandkasten der Welt, die Sahara, anzusteuern. Zusammen mit ihrem damaligen Freund Micha, ihrem jüngeren Bruder Deti und dessen Klassenkameraden Thommy (Letzterer war gerade 18 Jahre alt) brachen sie am 12.08.1971 um 13:46 auf, um ihr Vorhaben in die Tat umzusetzen. Der gebrauchte VW T2 wurde freundlicherweise von Dagmars und Detis Vater, einem Händler für Campingzubehör und selbst ein Reisemensch, als Leihgabe zur Verfügung gestellt und innerhalb eines Monats von Micha ausgebaut. ...

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DER AUSBAU

Statt einer Rücksitzbank bekam er Kisten in U-Form als Staufächer und Sitzgelegenheit. Der Leerraum dazwischen konnte unter Einbeziehung der Tischplatte zu einem Bett umfunktioniert werden. Auf dem Dachträger fanden eine Holzkiste, die mit einer Matratze, einem Stück Stoffbahn und etwas Gaze versehen zu einem Dachzelt avancierte, und noch jede Menge Kanister für Sprit und Wasser Platz. So ausgerüstet konnte es losgehen: Zunächst führte die Fahrt der vier Abenteurer in fünf Tagen über Frankreich nach Algericas, von wo sie für 36 Peseten nach Ceuta übersetzten. In Tanger erhielt der Wagen die erste Aufmerksamkeit: Man ließ die Ventile einstellen und trank währenddessen ein Schnäpschen im Straßencafé. Und weiter ging es über Meknes und Fes nach Algerien (Ja! Das war damals noch möglich). Auf dem Campingplatz von Oran stießen sie auf zwei Gleichgesinnte aus Münster, die das Mittelmeer umfahren wollten. Wilde Geschichten gab es von denen zu hören. Zum Beispiel die der drei englischen Tramper auf einer Polizeistation. Die Münsteraner waren dort, weil ihnen 300 DM und eine Kamera aus dem Auto gestohlen worden waren. Bei den Engländern ging es um Rucksäcke. Als sie die nicht kampflos aufgeben wollten, bekam einer ein Messer quer übers Gesicht gezogen. Spätestens jetzt könnte sich die eine oder der andere gefragt haben, was genau man sich denn da vorgenommen hat. Aber solche Schauermärchen hauen doch keinen echten Wüstenfahrer um. Zwischen Djelfa und der Oase Ghardaia verbrachten sie zum ersten Mal eine Nacht ganz allein, frei stehend. Thommy vermerkte dazu in seinem Tagebuch: „Traumhaft, um uns herum Steinwüste und nur in der Ferne ein paar Nomadenzelte.“ Nach nunmehr zwei Wochen beinahe ununterbrochener Fahrt stellten sich die ersten Anzeichen von Verschleiß bei der Truppe ein: Micha wurde derart heftig von Montezumas Rache heimgesucht, dass ihm nichts anderes übrig blieb, als sich in Ghardaia ins Krankenhaus zu begeben. Zum Glück stellte sich sein Leid als nicht weiter schlimm heraus und so konnte die Fahrt – nach einem Tag Aufenthalt, den der Rest des Quartetts größtenteils in einem Bewässerungsbecken badend (Thommy: „Traumhaft hoch zehn!“) verbrachte – fortgesetzt werden.

EL GOLEA

Am 27.08. schloss man sich am Tor zur großen Sandwüste, im Ort El Golea, mit Rainer und Jürgen zusammen. Mit den beiden Stuttgarter Bekannten von Dagmar und Deti war für diesen Tag ein Treffen verabredet, um gemeinsam und mit zwei Fahrzeu-gen das Herz der Sahara zu meistern. Die Strecke von El Golea in Algerien bis nach Zinder im Niger. Die beiden reisten mit der Fähre nach Tunis an und bewegten einen VW T1. Um vier Uhr am nächsten Morgen wurde die erste gemeinsame Etappe, beladen mit 200 Liter Benzin und 400 Liter Wasser, in Angriff genommen. Nach dem Start gestalteten sich die ersten 64 Kilometer noch versöhnlich, bester Asphalt führte in Richtung Süden. Doch danach zeigte sich die Wüste zum ersten Mal von ihrer wilden, ihrer anstrengenden Seite: Der Straßenbelag wechselte abrupt zu nicht mehr vorhanden, der Stundendurchschnitt sank auf weniger als 30 Kilometer und prompt übersah Deti einen großen Stein und der T2 setzte zum ersten Mal geräuschvoll auf. Wie sich herausstellte, wurde eine Motoraufhängung dabei beschädigt, was zur Folge hatte, dass die Maschine etwas schräg in den Angeln hing. Von nun an wurden die Ortschaften spärlicher und die Mannschaft genoss immer öfter die nächtliche Einsamkeit unter dem beeindruckenden Sternenzelt der Sahara. Die einzige Gefahr dabei waren die riesigen Erz-Transporter, die auch nachts über die manchmal kilometerbreite Piste hämmerten. Im Zweifel zu schnell, um auf einen plötzlich in ihrem Scheinwerferlicht geparkten VW-Bus reagieren zu können.

BERLIET T100

Diese Berliet T100 waren schließlich die größten Lkws weltweit. Mit ihren 600 PS, einem Reifendurchmesser von 2,4 Metern und einem Leergewicht von bis zu 120 Tonnen hätten sie den nächtlichen Vollkontakt mit einem T2 womöglich nicht einmal bemerkt. Kurz vor In Salah gerieten die beiden Autos in einen Sandsturm. Vom einen auf den anderen Moment verdunkelte sich der Himmel und wie es der Zufall wollte, hieß es genau in diesem Moment: Tanken oder stehen bleiben. Jedem Fahrzeugmechaniker werden die Haare zu Berge stehen bei der Vorstellung, während eines Sandsturms ein Auto mittels Kanister und Trichter betanken zu müssen. (Thommy: „Wir mussten bei die-sem Sturm tanken, brutal!“) Aber der Bus verzieh alles. Auch dass es in In Salah zwar eine Abschmiergrube, jedoch keine Mechaniker gab und es deshalb hieß: Selbst ist der Mann! Deti und Micha konnten hier mit Hilfe von Rainer und Jürgen den schief hängenden Motor wieder an seinen Platz bringen und die kaputte Halterung mit Draht ersetzen (Spoileralarm: Diese Konstruktion sollte bis nach Hause halten). Auf der Etappe In Salah – Tamanrasset mussten zum ersten Mal die Schaufeln bemüht werden. Zwischen riesigen Sanddünen lief der VW immer wieder auf Grund. Bis auf den Fahrer hieß es für alle: Aussteigen, schaufeln und schieben! Es war ein einmaliges Erlebnis, in der Morgendämmerung barfuß im lauwarmen Sand zu arbeiten und die Fuhre gemeinsam voranzubringen.

TAMANRASSET

Von dem Aufenthalt in Tamanrasset am Hoggar-Gebirge ist Thommy und Micha der Besuch einer Tuareg-Hochzeit besonders eindrücklich in Erinnerung geblieben. Es war zwar keine Braut zu sehen, aber dafür umso mehr bewaffnete Männer, die während der Zeremonie mit Gewehren in den Boden feuerten. Von hier aus wurde auch eine zweitägige Expedition ins Gebirge gestartet. Natürlich stilecht im Wagen, soweit es ging. Überschüssiges Gepäck ließ man auf dem Campingplatz im Ort und besuchte auf dem Assekrem die Einsiedelei von Charles de Foucauld, einem Eremiten, der hier 1916 in den Wirren des Ersten Weltkrieges vor seiner Hütte erschossen wurde. Bei der Rückkehr nach Tamanrasset lernte Thommy den Nachteil eines Dachzelts kennen: Nämlich dass es auf einem Dach ist! Diese Tatsache erschwerte es ihm deutlich, nachts den Bedürfnissen seiner Magen-Darm-Infektion nachzukommen. Nach mehrmaligen Klettereinlagen schlief er schließlich einfach auf dem Boden. Ein weiterer Tag Ruhe auf dem Campingplatz sorgte für Linderung und bot außerdem die Möglichkeit, kleinere Wartungsarbeiten am Auto durchzuführen. So wurden Reifen gewechselt, die bereits dabei waren, Blasen zu werfen.

DIE SEILWINDE

Eines Tages kam ihnen mitten in der Wüste ein Land Rover entgegen, besetzt mit Briten, die aus dem Kongo kamen. Man tauschte Erfahrungen zu den Streckenverhältnissen aus und bei der Verabschiedung passierte es: Micha am Steuer drehte sich noch einmal zum Winken um, schon hing der Bus im Graben und drohte umzukippen. Glücklicherweise konnte mit Hilfe des Land Rover und seiner Seilwinde die Situation unter Kontrolle gebracht werden. Aber weil ein Unglück selten alleine kommt, schafften es die vier Freunde am Abend desselben Tages nur mit Müh und Not, ihre Habseligkeiten und sich selbst im Bus vor einem weiteren Sandsturm in Sicherheit zu bringen. Was bedeutete: eine Nacht zu viert im Bus, bei brüllender Hitze und geschlossenen Fenstern! Als die letzte große Hürde erwies sich die Grenzregion zum Niger. Wie auch heute noch an manch kleinen afrikanischen Grenzübergängen fanden sich in dieser Gegend die übelsten Pistenbedingungen. Um Thommys Tagebuch zu zitieren: „ Am Anfang dachte ich, das schaffen wir nie. Da waren teilweise überhaupt keine Spuren, nur viel, viel Sand. Der Wagen hat gekocht, mindestens 20 Liter gebraucht und wäre beinahe auseinandergebrochen.“ Mit vereinten Kräften wurden Luftlandebleche untergelegt, metertiefe Lastwagenspuren nivelliert und trotz Schweiß und Blasen an den Händen der Mut nicht verloren. In der Gegend um Agadez trafen sie auf zwei Schweizer, die es für die klügste Strategie hielten, ihren Citroen 2CV nur mit Vollgas über die Piste zu prügeln. Aber die Rache der armen Ente folgte auf dem Fuß: Einen Tag später traf man sich wieder und die Schweizer beklagten einen kapitalen Chassisbruch.

DER ATLANTIK

All diese Herausforderungen konnten unseren vier Wüstenfüchsen nichts anhaben, und so ergab es sich, dass sie am 19.09.1971 bei Cotonou in Dahomey, dem heutigen Benin, den Atlantik erreichten. Hier wurden sie nach all den Entbehrungen von einem Obstgarten Eden empfangen – und sogar Fleisch gab es zu essen, zum ersten Mal seit Spanien. Eine VW-Werkstatt in Abidjan bekleckerte sich nicht gerade mit Ruhm. Die dortigen Mechaniker brauchten sage und schreibe 3 Stunden, um den Wagen abzuschmieren und die Radlager nachzustellen. Außerdem ließen sie das am Tag davor gewechselte Motoröl wieder ab. Tja, wer reist braucht Nerven. Auf der endgültigen Rückreise nach Europa tat sich aber doch noch ein kleines Hindernis auf. Nämlich die Kosten. Eine offizielle Schiffspassage von Dakar nach Spanien oder Frankreich hätte 2500 DM gekostet. Utopisch. Also hörten Deti und Micha sich im Hafen nach Alternativen um. Schlussendlich landete die ganze Truppe auf einem griechischen Seelenverkäufer von Dampfschiff. Der Kapitän versprach, sie alle für 300 DM nach Sète in Frankreich zu bringen, und hievte am 26.10.1971 den T2 in einem Netz(!) an Deck. ■

T | August Auer