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SAMMLER SEMINAR


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Weltkunst - epaper ⋅ Ausgabe 190/2021 vom 28.09.2021

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Bildquelle: Weltkunst, Ausgabe 190/2021

Wie ein Sturm fegte die Moderne um 1900 durch die Hauptstadt des Habsburgerreichs. Aufbruch, Umbruch, Erneuerung – das geschah in Wien wie im Zeitraffer. Der blumige Jugendstil à la française war keine Perspektive für eine Generation, die nicht mehr an den schönen Schein glaubte. Auch wenn der Hofball und die Militärparaden des greisen Kaisers Franz Joseph I. für viele die Höhepunkte des Jahres waren. Gleichzeitig wurde das Althergebrachte infrage gestellt. Der Ökonom Carl Menger revolutionierte mit seiner Preis- und Werttheorie die Wirtschaftswissenschaften. Der Komponist Arnold Schönberg, erforschte die Atonalität von Musik. Und Sigmund Freud legte mit der Psychoanalyse die Geheimnisse der Seele frei. Da musste auch das Design zum Elementaren kommen. Wenn Egon Schiele in seinen expressiven Zeichnungen die menschliche Erotik mit schonungsloser Direktheit betrachtete, konnte auch ein ...

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... Möbel nicht länger das Wesen der Dinge unter Plüsch und Goldbronze verbrämen.

In nur drei, vier Jahren setzten einige Architekten die ersten Marksteine der neuen Zeit. Die Wiener Moderne begann im Café Museum, sagen manche. 1899 gestaltete Adolf Loos das Kaffeehaus als konsequente Absage auf Dekor, schwere Stoffe und jede Art von Prunk. Er entwarf schlichte Bugholzstühle und Tische. Der Tresen ein Dreiviertelkreis ohne Schnörkel und Ornament, in den Leuchterringen darüber nackte Glühbirnen. Spötter nannten es »Café Nihilismus«. Für Musiker wie Alban Berg, Maler wie Gustav Klimt oder die Dichter Georg Trakl und Robert Musil war es eine Erlösung vom Gestrigen, das Café Museum war ihr Treffpunkt.

Wenige Jahre später, 1904, realisierte Otto Wagner in Stahlbauweise und einem puristischen Neoklassizismus die Postsparkasse mit ihrem gläsernen Tonnendach. »Was nicht nützlich ist, kann nicht schön sein«, sagte er angesichts des schwer beladenen Historismus, der noch keine zwanzig Jahre zuvor an der Wiener Ringstraße ein letztes Mal die Herrlichkeit der Monarchie propagierte. Vielleicht war die Redewendung »Less is more« noch nicht erfunden, doch für das funktionale, lineare Mobiliar in dem Postbau war sie allemal Wagners Taktik, um das schwere Parfüm der Dekadenz zu vertreiben. Den Geruch des Verfalls, der sich Ende des 19. Jahrhunderts im K.-u.-k.-Reich verbreitete, vernahm auch Josef Hoffmann. Und er glaubte wie Josef Maria Olbrich, Adolf Loos und Koloman Moser fest daran, dass die Erneuerung der Kunst und die Renaissance des Handwerks dem Alltag jenen ästhetischen Sprung in die Zukunft bringen würden, den die Industrialisierung dem Tempo des Leben längst beschert hatte. Hoffmann war so kompromisslos wie talentiert. Zwei Jahrzehnte bevor Le Corbusier seinen kubischen Stahlrohrsessel erfand, entwarf Hoffmann 1901 für das Kaminzimmer des Fotografen Johannes Salzer einen Fauteuil, der wie ein geöffneter Würfel auf einem Lattengestell aussah.

»Quadratl«-Hoffmann

Anfänglich standen die Wiener Architekten und Entwerfer noch sichtlich unter dem Einfluss der Arts-and-Crafts-Bewegung, aber schnell fanden sie zu einer ganz speziellen Sprache: elegant, raffiniert und reduziert. Streng im Aufbau, doch im Detail von großem Reiz. Aluminium-»Schuhe« für die Stuhlbeine oder messingbeschlagene Tischkanten erzeugten Kontraste zu den meist dunklen Edelhölzern. Andererseits hinterließ auch die Reformbewegung, die Licht, Luft und Klarheit in den Wohnungen forderte, ihre Spuren. Wohl nie zuvor entstanden so viele weiße und cremefarbene Interieurs wie zur Jahrhundertwende. Die Epoche bot eine Carte blanche für Kreative. Und nirgendwo experimentierten die Gestalter so konsequent mit der Ästhetik geometrischer Grundformen wie in Wien. »Sie waren radikal modern und haben in vielem das Art déco und das Bauhaus vorweggenommen«, sagt Wolfgang Bauer. Seit vierzig Jahren betreibt er seine Galerie Bel Etage, eine der führenden Adressen für die Wiener Moderne. Aber die Künstler schauten auch zurück. Die Rationalität der schmucklosen Armlehnstühle der Biedermeierzeit, die Tische, die auf Säulen ruhen, die Tektonik der flächigen Kommoden und Schränke um 1800 – all das haben sie als »Moderne Vergangenheit«, so der Titel einer Wiener Ausstellung von 1981, wahrgenommen. Durch manches Möbel der Zeit um 1900 schimmert sie hindurch. Und doch ist es kein Revival.

Was an diesen Möbeln heute fasziniert, ist die Verbindung der Avantgarde-Idee mit hoher handwerklicher Qualität. Der Kniefall der Moderne vor der Industrieproduktion kam erst später. Das macht die zeitlosen Inkunabeln der Wiener Moderne im Alltag so umgänglich. Vorzugsweise als Einzelstücke. Die kompletten Salons und Herrenzimmer überlassen private Sammler gern den Museen, das stilechte Raumkunstwerk hat im privaten Rahmen weitgehend ausgedient. Inzwischen konkurrieren Privatleute aus Deutschland, Italien, Belgien und Russland mit finanzstarken US-Museen um die besten Stücke. Die Preisschere geht gewaltig auseinander. Ein Museumswerk wie der weiße, mit schwarzen Rahmungen akzentuierte Schrank, den Josef Hoffmann 1904 für den damals angesagtesten Modesalon der Schwestern Flöge entwarf, bewegt sich 2017 auf der Tefaf im hohen sechsstelligen Bereich, während ein einfacher Stuhl Otto Wagners aus der legendären Postsparkasse, an Kaffeehausstühle aus Bugholz erinnernd, vergangenen Dezember im Dorotheum für 1280 Euro brutto den Besitzer wechselte.

Prutscher gegangen. Für 14 000 Euro samt Aufgeld verkaufte das Wiener Unternehmen 2019 ein Exemplar von Hoffmanns »Sitzmaschine«, ein verstellbares Möbel mit technoider Anmutung, dessen Rückenlehne sich wie bei einer Sonnenliege verstellen lässt. Günstiger ging ein ovaler Säulentisch von Adolf Loos für 5100 Euro in neue Hände. Ernst Ploil hat nur eine Erklärung für das anhaltende Interesse an dieser kreativen Blütezeit Wiens: »Ich halte diese Epoche für die bedeutendste in Österreich, weil sie mit dem Vorherigen brach und sich dem Neuen geradezu revolutionär zuwandte.«

Wie in jeder Aufbruchszeit gab es gegensätzliche Strömungen. Die Handschriften der prägendsten Persönlichkeiten können nicht verschiedener sein. Wagners Entwürfe sind selten exaltiert. Sie sind Proklamationen des formal Einfachen, fast bodenständig. Als authentische Zeugnisse des frühen Funktionalismus werden sie hoch geschätzt. Im Mai versteigerte Christie’s in New York einen Armlehnstuhl aus der Serie für die Postsparkasse für 17 500 Dollar brutto. Josef Hoffmann hingegen war der experimentelle Bilderstürmer in Sachen Interieur. Im ersten Jahrzehnt nach 1900 war der Architekt und Designer ganz dem Geometrischen, streng Strukturierten verfallen. Gitterwerk, Rhomben, Kugeln und dicht gesetztes Gestänge bestimmten den klaren, kühnen Look seiner Möbelentwürfe. Überall gab es Quadrate, was ihm den Spitznamen »Quadratl«-Hoffmann einbrachte. Innovative Ideen liefert Hoffmann der Firma J. & J. Kohn. Ein Klassiker aus deren Programm sind seine hohen, tonnenähnlichen Sessel. Mit etwas Glück ist ein Paar mit Bank für knapp 8000 Euro zu ersteigern wie vor zwei Jahren im Dorotheum.

Dass Hoffmann ein Visionär war, hatte er schon 1897 als Mitbegründer der Wiener Secession demonstriert. In der Künstlervereinigung trat er gemeinsam mit Gustav Klimt, Koloman Moser und Josef Maria Olbrich gegen den Konservatismus in der Kunst an. Aber er war auch ein Macher. Kaum war die große Secessionsausstellung 1902 vorbei, auf der Klimts Beethovenzyklus, Max Klingers monumentales Denkmal des Komponisten und Hoffmanns puristische Raumgestaltung Besuchermassen anlockte, gründete der Architekt und Designer im Jahr darauf gemeinsam mit dem »Tausendkünstler« Moser die Wiener Werkstätte. Alles, was hier ab 1903 entworfen wurde, entstand und angeboten wurde, sollte den Geist der Moderne atmen: Stoffe, Keramik, Gläser, Silber- und Messing- Erzeugnisse, Schmuck und auch Möbel.

Luxus für eine neue Elite

Hoffmanns Traum vom Gesamtkunstwerk, vom harmonischen Zusammenspiel aller Teile eines modernen Interieurs schwebte über diesem Labor eines neuen Lebensstils. Virtuos wie er war, diktierte vor allem seine eigene funktional-stereometrische Richtung den Stil des Hauses. Moser bediente die andere Seite der Wiener Moderne. Er war ein Meister der dekorativen Noblesse und der puristischen Extravaganz; Avantgarde und Schönheit widersprachen sich nicht. Im Gegenteil: Die Hässlichkeit des falschen Pomps sollte durch die neuen ästhetischen Ideale überwunden werden. Auch Bescheidenheit war kein Dogma für die Funktionalisten an der Donau. Das zeigte schon die goldene Blätterkuppel des Secessionsgebäudes.

Es klingt wie ein Widerspruch, dass Moser die streng gebauten Schränke und Stühle mit fantastischen Perlmutt- und Edelholzintarsien, mit Frauenfiguren und Ornamentfriesen verzierte. Aber seinen Auftraggebern bescherte er damit die poetischsten und luxuriösesten Möbel. Viele Museen erkannten früh ihren herausragenden Platz im Kanon der Kunstgeschichte. Vom Markt sind sie so gut wie verschwunden. Aber Moser arbeitete auch für die Serienproduktion und lieferte für die Firma Kohn diverse Entwürfe für Vitrinen und Sitzmöbel, die bewusst mit der Technik des Bugholzes spielten. Die Preise dafür fangen im Handel bei 15 000 Euro an.

Die Wiener Werkstätte wurde zur Herzkammer der Avantgarde, die sich an der Donau nicht in einen Elfenbeinturm der Außenseiter verschanzen musste. Frauen wie die Unternehmergattin Sonja Knips ließen sich von Klimt malen, orderten ihre Kleider bei den Flöge-Schwestern, die den innovativen Streifen und Mosaikmustern nicht abgeneigt waren, und ließen sich die Wohnung von der Wiener Werkstätte ausstatten. Das Großbürgertum, häufig mit jüdischem Hintergrund, fühlte sich befreit von einer Tradition, die nicht die ihre war, und war offen für den glamourösen, aber unkonventionellen Esprit der Progressiven. In den Kreisen der Aristokratie rümpfte man arrogant die Nase über die Zuckermillionäre und Stahlmagnaten. Die Moderne hingegen räumte der neuen Oberschicht einen eigenständigen Status ein. Viele Auftraggeber und Mäzene der Wiener Avantgarde stammten aus diesem Milieu. Die Fäden zwischen den Sammlern, Künstlern und Intellektuellen sponn die Journalistin und Kulturkritikerin Berta Zuckerkandl. In ihrem Salon traf sich das künstlerische Österreich: Arthur Schnitzler und Gustav Klimt, Max Reinhardt und Gustav Mahler, aber auch der Walzerkönig Johann Strauss und der Spätimpressionist Carl Moll.

Es war wohl kein Zufall, dass Hoffmann 1903 den Auftrag für den Bau des Sanatoriums Purkersdorf erhielt: Der Bauherr war Victor Zuckerkandl, Generaldirektor der Schlesischen Eisenwerke Gleiwitz und Schwager der Salonnière. Die Kurklinik im Secessionsstil wurde die Visitenkarte für das junge Designunternehmen. Bis heute hält sich der Mythos von der Wiener Werkstätte als alles überstrahlender Leuchtturm der Moderne. Aber es ist ein Missverständnis, dass jeder Möbelentwurf im eigenen Haus produziert wurde. Schon der Stuhl für den Purkersdorfer Speisesaal wurde in weitaus größerer Zahl als nur für das Sanatorium produziert. Die Möbelfabrik J. & J. Kohn nahm das Sitzmöbel mit den Kugeln in den Zwickeln der Beine und dem charakteristischen Rückenbrett, das mit seinen ausgestanzten Kreisen wie ein Lochblech aussieht, unmittelbar nach Fertigstellung der Einrichtung in ihr Möbelprogramm auf. Im Verkaufskatalog von 1906 ist der Typus um eine Bank, einen Armlehnstuhl und einen Tisch erweitert. Für Sammler gehört das Modell 322, dessen wahre Auflage nirgendwo fixiert ist, zu den Hoffmann-Ikonen. Im Dezember 2020 versteigerte Sotheby’s in New York ein Exemplar für 25 000 Dollar brutto. »Nur zwischen 1904 und 1907 betrieb die WW eine Möbelwerkstatt«, sagt Jugendstilkenner Ernst Ploil. Danach hat neben anderen das Möbelatelier Jakob Soulek viele Entwürfe ausgeführt.

Ein Fehler war das nicht. Wiens Möbelhersteller nannten sich Kunsttischler. Durch die Ausstattung der Ringstraßen-Palais, Landschlösser und öffentlicher Repräsentationsbauten besaßen sie nicht nur einen hohen handwerklichen Standard, sie setzten auch früh auf die Moderne und die Zukunft, suchten die Nähe zu den Begabten aus Hoffmanns und Wagners Talentschmieden. J. & J. Kohn etwa beauftragte kurz vor 1900 den Hoffmann-Schüler Gustav Siegel mit dem Entwurf eines Armlehnstuhls für die Weltausstellung 1900 in Paris. Das Sitzmöbel, das wie eine Vorstufe des Postsparkassenstuhls aussieht, wurde mit dem Grand Prix ausgezeichnet. Anschließend leitete Siegel das Entwurfsbüro des Großunternehmers Kohn.

Andere beauftragten die führenden Designer direkt oder übernahmen die projektgebundenen Entwürfe in Lizenz, sofern sie Massentauglichkeit zeigten. Der Korbmöbelhersteller Prag-Rudniker nahm 1903 mehr als ein Dutzend moderner, konstruktiver Modelle nach Entwürfen von Koloman Moser, Hans Vollmer und dem Hoffmann- Schüler Wilhelm Schmidt ins Programm. Die Firma Friedrich Otto Schmidt legte Möbel von Adolf Loos auf – mit der Folge, dass nebenbei auch Modelle in Anlehnung an Loos’ Entwürfe entstanden. Thonet und Kohn versuchten beide, die Bugholztechnik und die Formvorstellungen der Moderne zusammenzubringen. Man mag gar nicht von Jugendstil sprechen, so futuristische Züge zeigen manche Entwürfe, wie etwa eine Vitrine aus der Kohn’schen Produktion von 1902: Breit ausladend ist die obere Schau-Partie, die wie ein weich geschwungener Kasten in einer schmaleren Stellage ruht.

Alle Preisklassen

Die große Bandbreite der Wiener Möbel zwischen exklusiven Einzelanfertigungen und den Modellen in den Firmenkatalogen sorgte schon um 1900 für ein großes Preisgefälle. Das ist heute nicht anders. Die Hierarchie des Marktes ist dreigeteilt. Ganz oben die bedeutenden, authentischen Einzelstücke und Prototypen. Im Mittelbereich bewegen sich die berühmten, aber nicht unbedingt selten ausgeführten Entwürfe der Meister. Die untere Stufe bilden damals populäre, in hohen Auflagen produzierte Möbeltypen, deren Qualität durch Nachahmer häufig sank.

Drei Beispiele vom Markt bringen diese Abstufungen anschaulich zum Ausdruck. Von taxierten 40 000 auf stattliche 245 000 Euro brutto stieg 2015 im Dorotheum in Wien ein ebenso reduziertes wie opulentes, mit goldbedrucktem Leder überzogenes Kabinett von Otto Prutscher aus der Wiener Werkstätte. Ganz offensichtlich handelte es sich um ein Unikat, das als Schaumöbel von Gewerbeschau zu Gewerbeschau gereicht wurde. Beispiel zwei: Ein berühmtes Werk der Designgeschichte ist Josef Hoffmanns »Sieben-Kugel-Stuhl«, der 1907/08 für die Kunstschau in Wien entworfen wurde. Er war kein Einzelstück; es bleibt Spekulation, wie oft er von der Firma Kohn als Modell 371 hergestellt wurde. Mit seinen kleinen Holzkugeln zwischen zwei schmalen Bugholz- Bögen als Rückenlehne steht er für Leichtigkeit und Minimalismus, die einem Sammler bei Christie’s New York Ende letzten Jahres samt Aufgeld 50 000 Dollar wert waren. Eher als stilvolle Gebrauchsmöbel und weniger als Objekte kühner Ideen werden Hoffmanns praktische Satztische gekauft. Etwas über 3000 Euro kostete ein Exemplar in der diesjährigen Juni-Auktion von Quittenbaum.

Schlüsselwerke der Wiener Moderne sind auch anderen Künstlern gelungen. Adolf Loos etwa hat mit seinem Liegesessel »Knieschwimmer« und dem »Elefantenrüsseltisch« zwei Designs entwickelt, die weit über ihre Entstehungszeit hinausweisen und im Kern bereits die stilvolle Lässigkeit des Art déco bergen. Der Architekt, der das Ornament so vehement ablehnte, präsentierte auf der Pariser Weltausstellung von 1900 gemeinsam mit der Firma Friedrich Otto Schmidt den dekorlosen, aber durch seine geschwungenen Beine äußerst dekorativen Tisch. Kurz danach legte Schmidt ihn in sechs- und achtbeiniger Version auf. »Aber«, so Wolfgang Bauer, »an ihm haftet ein Problem. Der Elefantenrüssel-tisch wurde über einen langen Zeitraum hin produziert, und nicht immer setzte man den Qualitätsmaßstab des Entwerfers um.« Die Möbelfirma produzierte den Loos-Klassiker sogar noch in den 1950er-Jahren; mit jedem Jahr schwand ein Stück der Eleganz. »Es ist ein Gespür für Proportionen und Formen nötig, um die schönen von den derben zu unterscheiden«, erklärt der erfahrene Insider. Bauers Auge ist kritisch. Exemplare, die die Ansprüche des weltweit agierenden Händlers erfüllen, sind in seiner Galerie nicht unter 30 000 Euro zu haben. Im Dorotheum erzielte 2019 eine Version nur rund 9000 Euro brutto – es mag ein Glücksfall gewesen sein, womöglich aber auch ein Beispiel aus der späten Produktion.

Selbst grandiose Entwürfe sind nicht davor gefeit, dass die Massenproduktion ihnen Klasse austreibt. So erging es dem »Fledermaus«-Stuhl. Josef Hoffmann entwarf das aparte Leichtgewicht 1906 ursprünglich für das Wiener Kabarett Fledermaus – zugleich Nachtklub, Kleinkunstbühne und Raumkunstwunder im mondänen Secessionsstil. Der Stuhl wurde ein Ausstattungsrenner weit über die Donaumetropole hinaus. In Böhmen, in Ungarn wurde er kopiert, variiert und verändert, selbst als das Habsburgerreich schon zusammengebrochen war. Als Wiener Klassiker wird er selbst heute noch in einigen Firmen reediert. Wenn auf einer Auktion ein paar authentische Fledermausstühle nur 260 Euro kosten, hat man gewiss ein Hoffmann-Modell erworben. Aber die Frage ist, aus welcher Produktion und aus welchem Jahrzehnt sie stammen.

Wer sich für die Wiener Möbel der Zeit von 1900 bis 1920 interessiert, wird schnell auf Namen stoßen, die vielleicht nicht zu den Glorreichen Vier gehören, aber bemerkenswerte Werke im Geist der Zeit entdecken. Joseph Urban etwa, der sein gestalterisches Vokabular vor allem aus den schlichten Formen des Klassizismus um 1800 schöpfte und zu den Entwerfern im Umkreis der Wiener Werkstätte gehörte. Robert Fix, Nachfahre des Firmengründers Portois & Fix, hat ein glanzvolles Repertoire hinterlassen. Und über ein dezent dekoriertes, schwarzpoliertes Speisezimmer des Hoffmann-Schülers Carl Witzmann, das für die erste Designschau in Turin 1902 entstand, sagt Wolfgang Bauer: »Da war der Schüler moderner als der Lehrer.« Ob die Wertschätzungskluft zwischen Meister und Schüler, zwischen Topnamen und sogenannter zweiter Reihe in den letzten Jahrzehnten, in denen die Wiener Moderne in all ihren Facetten durchleuchtet wurde, tatsächlich kleiner wurde, darüber streiten sich die Experten. Ernst Ploil ist skeptisch: »Es wird immer um die großen Namen gehen.«

Gerechtfertigt ist das nicht immer, etwa im Fall von Marcel Kammerer. Der Architekt war Chefzeichner bei Otto Wagner, bevor er eigene Projekte realisierte. »Er hat einiges gemacht, was so unglaublich überzeugend und charmant ist, dass wir Händler die Frage nach Meister oder Schüler bei ihm gar nicht mehr stellen«, sagt Katharina Zetter-Karner von der Wiener Galerie bei der Albertina Zetter, deren Engagement seit Jahrzehnten der Moderne Österreichs gilt. Ein raffiniertes Schaustück ist Kammerers Schreibtisch von 1907, der zur Ausstattung des Grand Hôtel Wiesler in Graz gehörte. Gekonnt vereint er das Wiener Stilvokabular von weißer Front und schwarz abgesetzten Details über Kugelfüße bis zu grafisch ornamentierten Vierkantbeinen. Das Möbel hat Zetters Galerie inzwischen zu einem durchaus noch moderaten Preis ins Ausland verlassen.

Ende der Blütezeit

Wien blieb die gesamte Zeit vor dem Ersten Weltkrieg ein Möbelzentrum der Moderne. Aber der Sturm des Konstruktiven, Geometrischen der ersten Jahre legte sich um 1910 etwas. Die klaren Konturen und Volumen wichen weicheren Formen und ornamentalen Details. Ein Hauch von Ludwig XVI. schlich sich in manche medaillenförmige Rückenlehne. Hoch geschätzt wird auch diese Phase, wie bei Nagel in Stuttgart der Erlös von rund 16 000 Euro für acht Hoffmann-Stühle dieser Art aus dem Jahr 1914 zeigt. Schon kurz danach erprobte Dagobert Peche, der ab 1915 künstlerischer Leiter der Wiener Werkstätte wurde, den Zickzackstil und die Auflösung der strengen Flächen, wenn er Kommoden rapporthaft mit goldenen Blättern überzog. Peche mit seinem Hang zum Dekorativen und Elitären baute die Brücke zum Art déco, das allerdings in Paris und nicht an der Donau seine wahren Höhenflüge erlebte.

Für Wien bedeutete der Erste Weltkrieg eine herbe Zäsur. Mit dem Zerfall der Monarchie und des österreichisch-ungarischen Imperiums verschwand auch der Glanz. Eine neue Generation von Architekten wie Oskar Strnad, Oswald Haerdtl und Josef Frank setzt mit dem Aufkommen sozialer Fragen andere Prioritäten. Ihre Moderne war solider, weniger radikal und wohnlich für jedermann. Die Ideen des Funktionalen und Konstruktiven aus der Vorkriegszeit setzten sich in ihren Entwürfen fort, aber in Wien war die Ära der kühnen Avantgarde an ihr Ende gekommen. In den Möbeln der Zeit um 1900 ist sie bis heute lebendig geblieben.