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Sandgestrahlte Jeans: Der helle Wahnsinn


ÖKO-TEST Ratgeber Kosmetik und Wellness - epaper ⋅ Ausgabe 98/2011 vom 16.09.2011

Gebleichte Jeans gelten als cool, schick und lässig. Doch für die Arbeiter in den Jeansfabriken ist dieser Used Look tödlich. Das Sandstrahlverfahren, mit dem die Hosen künstlich altern, zerstört ihre Lungen. Die Textilindustrie führt die Produktion dennoch fort – weil sie billig ist. Jetzt wächst der öffentliche Druck.


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Fotos: Altemeier & Hornung Filmproduktion (2)

Abdulhalim Demir sieht nicht wie einer aus, dem ein bisschen Staub etwas ausmachen könnte. Bilder zeigen einen gesund wirkenden Mann mit dichtem Backenbart und vollem Haar. Demir ist in der Osttürkei geboren. In der Hoffnung auf Arbeit ging er ...

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Abdulhalim Demir sieht nicht wie einer aus, dem ein bisschen Staub etwas ausmachen könnte. Bilder zeigen einen gesund wirkenden Mann mit dichtem Backenbart und vollem Haar. Demir ist in der Osttürkei geboren. In der Hoffnung auf Arbeit ging er vor gut zehn Jahren nach Istanbul, ein Migrant im eigenen Land. Einer, der von ganz unten anfangen musste, wenn er Geld verdienen wollte. Demir landete in einer Jeansfabrik. „Von 1998 bis 1999 arbeitete ich ein ganzes Jahr als Sandstrahlmeister in einer Fabrik, die für Tommy Hilfiger produzierte. Ich arbeitete und schlief dort. Ich glaube, das muss die Zeit gewesen sein, die mich krank gemacht hat.“ Heute ist der Türke ein schwerkranker Mann, seine Lungen arbeiten nur noch zur Hälfte. Der ehemalige Sandstrahler leidet unter den Folgen seines Berufs. Die Kampagne für Saubere Kleidung (CCC) hat Demirs Bericht im Internet veröffentlicht. So will das europaweite Netzwerk, an dem sich unter anderem Gewerkschaften, Kirchen und Verbraucherorganisationen beteiligen, Aufmerksamkeit erzeugen. Seit Jahren kämpft die CCC gegen das Sandstrahlen. Und damit gegen eine Praxis, die Arbeiter wie Abdulhalim Demir in den Tod schickt. Einfach nur, weil sie einatmen, was in der Luft liegt. Ein feiner Staub aus Sand und Quarz, der tödlich wirkt.

Es geht ums Sandstrahlen, und zunächst stellt sich die Frage: Was hat diese Methode mit der Textilproduk- tion zu schaffen? Die Antwort: ursprünglich nichts. Die Technik findet man traditionell im Bergbau oder bei der Metall- und Keramikverarbeitung. Dabei wird quarzhaltiger Sand aus Düsen oder Schläuchen mit hohem Druck auf das Material geschossen. Die Oberflächen können so aufgeweicht und verformt werden. Der Sand wirkt wie Schleifpapier. Und das ist der Grund, warum das Sandstrahlen heute auch bei der Jeansherstellung beliebt ist.

Ein Jahrzehnt, bevor Abdulhalim Demir nach Istanbul ging, kam in Europa der Used Look in Mode. Die Kunden verlangten nach einer fabrikneuen Hose, die alt und gebraucht aussah. Ein neuer Stil war geboren, und auf der Suche nach einer geeigneten Produktionsmethode stießen die Jeanshersteller auf die Sandstrahltechnik. Sand ist nicht nur günstig zu kaufen, er ist auch ein Alleskönner. Er macht die Stoffe weich und geschmeidig, bleicht sie und kratzt Muster aus ihnen heraus. Der Used oder Vintage Look ist ein Megatrend, der bis heute populär geblieben ist. Die einen geben viel Geld für ihn aus. Die anderen bezahlen ihn mit ihrem Leben.

Was weder Demir noch seine Arbeitskollegen vor zehn Jahren wussten: Sandstrahlen ist eine höchst gefährliche und umstrittene Technik. Wer den quarzhaltigen Sand mit Volldampf auf ein Material bläst, bekommt das Zeug ins Gesicht zurückgeschleudert. Es liegt überall in der Luft, es kriecht in die kleinsten Ritzen und setzt sich dort fest. Deshalb hat die EU geregelt, dass Sandstrahler Schutzkleidung tragen müssen: Anzüge, die den Körper bedecken, dazu Schutzhelme mit Atemschutzmasken, um die Luft zu filtern. Es ist eine Montur, die ans Militär erinnert und an Giftgas einsätze. Sie lässt ahnen, wie schwer der Schutz gegen die winzigen Quarzsandpartikel ist.

Außerhalb der europäischen Grenzen gelten diese Regeln nichts. Atemmasken, Luftfilter, Schutzkleidung: allesamt Mangelware. Die Sandstrahler, oftmals junge Männer, atmen für zwölf, mitunter sogar 16 Stunden am Tag ein, was in den Jeansfabriken durch die Luft wirbelt. Die Folge: Silikose, besser unter dem Begriff Staublunge bekannt. Eine tödliche Berufskrankheit, die bei Bergleuten und Bauarbeitern auftreten kann. Dass sie auch in der Textilbranche vorkommt, ist erst seit wenigen Jahren bekannt.

Das Magazin Der Spiegel hat bereits 2009 berichtet, wie die Lungenkrankheit unter türkischen Textilarbeitern grassiert. Der Reporter war schwerkranken jungen Männern begegnet, etwa Mustafa aus einem ostanatolischem Dorf. Der 23-Jährige war sterbenskrank. Wenn er sprach, keuchte er, rang um Luft. Der junge Türke hatte wie Abdulhalim Demir in einer Jeansfabrik gearbeitet und den feinen Quarzstaub eingeatmet, der die Lungenschäden verursacht. Silikose ist eine Krankheit, für die es keine Heilung gibt. Das Einatmen der scharfen Partikel zerstört das Lungengewebe, das anschließend vernarbt. Dadurch sinkt die Lungenkapazität; das Blut wird nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff versorgt. Die Betroffenen ringen um Atem, sie husten Blut mit aus, verlieren Gewicht. Am Ende steht der Erstickungstod.

Atemmasken, Luftfilter, Schutzkleider: Bei Produzenten außerhalb der EU sind sie Mangelware. Die Sandstrahler – oftmals junge Männer – atmen den quarzhaltigen Sand für zwölf, mitunter sogar 16 Stunden am Tag ein.


Jeder Zweite ist erkankt

Bis zu 10.000 Menschen in der Türkei sollen in den Anfangsjahren dieses Jahrhunderts mit Sandstrahlen beschäftigt gewesen sein. Die Kampagne für Saubere Kleidung geht davon aus, dass fast jeder Zweite von ihnen an Silikose erkrankt ist. 46 Todesfälle wurden bisher bekannt. Doch die Zahlen sind wohl nur die Spitze des Eisbergs. Bei Bergleuten ist die Staublunge eine langsame Krankheit. Es können bis zu 20 Jahre vergehen, ehe die Symptome auftreten. Die Arbeiter in den Jeans fabriken leiden aber rasend schnell an Silikose. „Sie erkranken bereits nach drei Monaten“, sagt Abdulhalim Demir; er ist heute Sprecher des türkischen Solidaritätskomitees für Sandstrahler. Der Grund für den schlechten Krankheitsverlauf sei die extrem hohe Menge an Staub in den Werkstätten. „Die Belastung ist etwa eine Million Mal höher als der Normalwert“, sagt Demir.
Seit März 2009 ist das Sandstrahlen in der Türkei offiziell verboten. Doch die Technik selbst existiert weiter. Aus den Berichten der Menschenrechtsorganisationen und aus den Erkrankungen der Arbeiter haben die Jeanshersteller offenbar nichts gelernt. Sie haben nur das Land gewechselt. Die CCC berichtet, dass nun Länder wie Bangladesch, Argentinien oder China die Bezugsquellen für sandgestrahlte Jeans sind. Die Arbeiter dort wissen nicht, dass der Staub in der Luft sie töten kann. Eine Fernsehdokumentation von 2010, ausgestrahlt auf Arte, zeigt junge Männer in Bangladesch bei der Sandstrahlarbeit. Nur ein dünnes Stoffläppchen über Mund und Nase schützt ihre Lungen. Von Schutzkleidung keine Spur. Für kleines Geld riskieren sie unwissentlich ihr Leben.

Die Kampagne für Saubere Kleidung macht deshalb Druck. Sie sucht die Öffentlichkeit, bringt Bilder und Berichte in Umlauf, um auf die Situation der todkranken Arbeiter aufmerksam zu machen. Denn kein Kunde kann erkennen, ob eine Jeans sandgestrahlt oder manuell – mit Steinen, Bürsten oder Lasern – auf alt getrimmt wurde. Er muss sich auf die Garantie der Hersteller verlassen. Immer mehr Menschen fordern diese Garantie ein – unter anderem über Protestmails und Forenbeiträge in sozialen Netzwerken.

Kampf für ein Verbot

Den Unternehmen ist diese Art der Öffentlichkeitsarbeit offenbar höchst unangenehm. 20 Jeanshersteller aus ganz Europa sind mittlerweile öffentlich auf die Forderungen der CCC eingegangen. Unternehmen wie H&M, Levi Strauss, C&A oder Esprit wollen ein Sandstrahlverbot umsetzen und dazu die Arbeits situationen ihrer Zulieferer überprüfen. Allerdings ist fraglich, ob solche Selbstverpflichtungen mehr als ein PR-Bekenntnis sein können: Meist reichen die Überprüfungen nicht über die Kette der direkten Zulieferer hinaus. Das schmutzige Geschäft wird dann einfach an die nicht registrierten Sweatshops weitergereicht.

Zudem ist die Liste derer, die an der Sandstrahlpraxis nichts ändern wollen, noch lang. So verweigern Luxushäuser wie Armani oder Dolce & Gabbana der CCC zufolge alle Auskunft zum Thema. Die spanische Modekette Zara mag sich ebenso wenig wie S. Oliver öffentlich zu einem Verbot der Sandstrahltechnik durchringen. Lee und Wrangler behaupteten, die Sandstrahltechnik werde in ihrer Zulieferkette nicht angewandt. Und kein Unternehmen hat sich bisher dazu bereit erklärt, Verantwortung für die betroffenen Arbeiter zu übernehmen. „Wir fordern, dass die Firmen den Sandstrahlopfern medizinische Versorgung sowie angemessene finanzielle Entschädigung zukommen lassen“, sagt Julia Thimm vom ökumenischen Netzwerk Inkota, das dem CCC verbunden ist (s. Interview). Doch einzig das Luxusunternehmen Gucci hat bisher neben dem Verbot der Sandstrahltechnik auch eine Untersuchung in Zusammenarbeit mit lokalen Gewerkschaften eingeleitet.

Schlussendlich kann nur eine Ächtung der Sandstrahltechnik wirksamen Schutz gegen Silikose bieten. Es gibt zu viel Armut in der Welt, zu viele Werkstätten ohne jede Kontrolle. Irgendwo wird immer irgendwer bereit sein, für ein bisschen Geld seine Gesundheit aufs Spiel zu setzen. Die Hersteller müssen sich von der Sandstrahltechnik verabschieden.