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S’Annegret


Der Spiegel - epaper ⋅ Ausgabe 46/2018 vom 10.11.2018

Karrieren Im Duell mit Friedrich Merz um den CDUParteivorsitz wirkt Annegret Kramp-Karrenbauer als blasse Kandidatin. Genau daraus will sie eine Stärke machen.


Püttlingen im Saarland hat keine 19000 Einwohner, aber mehr als 180 Vereine, fünf katholische Kirchen und ein Museum, das an die längst eingestellte Kohleförderung erinnert. Und bald könnten die Püttlinger sich vielleicht noch mit einer CDU-Bundesvorsitzenden und möglichen Bundeskanzlerin schmücken.

Im Mikrokosmos von Püttlingen kennt jeder jeden, und sowieso kennen alle »S’Annegret«, wie die CDU-Generalsekretärin hier genannt wird. Seit 56 Jahren ist Annegret Kramp-Karrenbauer eine Bürgerin Püttlingens, ihre Nummer steht ganz normal im örtlichen Telefonbuch, auch wenn meistens ihr Mann abnimmt. Der Bergbauingenieur Helmut Karrenbauer gab seinen Beruf auf, damit seine Frau Karriere in Saarbrücken machen konnte.

»S’Annegret kommt aus einer angesehenen Püttlinger Familie«, sagt Ilse Weiland. Die 70-Jährige, die mit ihrer Einkaufs - tasche vor der Volksbank Püttlingen steht, kann alle Geschäfte und ...

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... Supermärkte aufzählen, in denen man die CDU-Frau beim Bummeln treffen könne – oder eher treffen konnte. Seit ihrer Wahl zur General sekretärin im Februar zeigt sich Kramp-Karrenbauer nur selten in ihrem Heimatort, sie verbringt die Abende und Wochenenden auf Parteiterminen irgendwo »im Reich«, wie man den Rest Deutschlands in Püttlingen nennt.

Wird die Frau aus dem saarländischen Zwergstaat eines Tages die ganze Bundesrepublik steuern und in der Welt vertreten? Wladimir Putin oder Donald Trump die Stirn bieten? Um die Zukunft des Euro ringen oder milliardenschwere Autokonzerne in die Schranken weisen?

Alles hängt davon ab, ob »AKK« sich gegen ihren Konkurrenten Friedrich Merz durchsetzen kann. Neben dem gut vernetzten Ex-Fraktionschef, dem weltgewandten Transatlantiker und betuchten Wirtschaftsmann mit der Lizenz zum Fliegen, wirkt Kramp-Karrenbauer blass, fast langweilig. Die Parteifreunde schätzen sie sehr, aber der Kandidat Merz versetzt die Basis geradezu in Ekstase. In seiner Person verbindet sich der Reiz des Neuen mit der Sehnsucht nach dem Alten.

Kramp-Karrenbauer versucht erst gar nicht, mit Merz gleichzuziehen. Denn in Wahrheit sind ihre Bodenständigkeit und Verlässlichkeit ihre größten Stärken im Wettstreit um die CDU-Spitze. Sieg oder Niederlage hängen für sie davon ab, wie experimentierfreudig sich die Parteitagsdelegierten am 7. Dezember in Hamburg zeigen. Bisher ist die CDU eher für das Gegenteil bekannt.

Annegret Kramp wurde 1962 als fünftes von sechs Kindern in einer katholischen Familie geboren, der Vater Lehrer, die Mutter Hausfrau. Sie ging in Püttlingen zur Schule, saß für die CDU im Rat der Stadt, lernte in Püttlingen ihren Ehemann kennen und zog mit ihm auf einen Hügel am Stadtrand, in ein Haus mit Solarzellen auf dem Dach. Kinder anderer Ministerpräsidenten studieren in Harvard, die von Kramp-Karrenbauer machten


Nach 18 Jahren Merkel ist eine Kandidatur der ruhigen Hand eine riskante Strategie.


Ausbildungen zum Polizisten und zur Hotelfachfrau, der Jüngste will Erzieher werden.

Wer in Püttlingen politisch etwas erreichen wolle, müsse in der CDU sein, sagt Martin Speicher, der Bürgermeister: »Wir sind eine Hochburg.« Speicher kennt Kramp-Karrenbauer seit Mitte der Achtzigerjahre, als beide für die CDU in den Stadtrat einzogen. Ehrgeizig und »sehr, sehr zielstrebig« sei Annegret schon mit Anfang zwanzig gewesen, erinnert sich Speicher. Man habe sich vor den Fraktionssitzungen in kleiner Runde getroffen, um eine Strategie gegen die CDU-Altvorderen abzusprechen.

Politisch sei Püttlingen der Parteifreundin aber bald zu klein geworden, sagt Speicher. Sie wechselte in das für saarländische Verhältnisse große Saarbrücken, in die Landespolitik. Saar-Ministerpräsident Peter Müller holte die damals 38-jährige Landtagsabgeordnete in sein Kabinett. Fortan galt sie als »Müllers Mädchen« , so wie Angela Merkel in den frühen Neunzigerjahren als »Kohls Mädchen« belächelt wurde.

Aber Müller traute Kramp-Karrenbauer aus dem Stand ein Ministerium zu, das in Regierungen als »hartes Ressort« gehandelt wird: Sie wurde Innenministerin, die erste in Deutschland. Im kleinen Kreis spottete Kramp-Karrenbauer fortan über den »Männerklub« , in den sie da hineingeraten sei. Bei Innenministerkonferenzen würden sich manche Ministerkollegen weitaus engagierter über Panzerung und PS-Werte ihrer Dienstwagen austauschen als über sicherheitspolitische Konzepte.

Anders als Merkel glitt Kramp-Karrenbauer fast konfliktfrei nach oben, musste sich nie hart durchsetzen. Als der amts - müde gewordene Müller 2011 Bundesverfassungsrichter wurde, schlug er sie als Nachfolgerin vor. Niemand widersprach.

Im kleinen Saarland konnte Kramp-Karrenbauer wie im Testlabor ihre politische Tauglichkeit in immer anspruchsvolleren Experimenten erproben. Jetzt, als Kandidatin für den CDU-Vorsitz, wirbt sie mit fast 18 Jahren Regierungserfahrung, davon 11 als Ministerin und gut 6 als Minister - präsidentin. Mit den Amtskollegen rang sie über komplizierte Themen wie Länderfinanzausgleich oder Föderalismusreform.

Der Püttlinger Geborgenheit verdankt Kramp-Karrenbauer Eigenschaften, die Spitzenpolitiker brauchen, aber zu selten haben: innere Ruhe und Nervenstärke. Parteifreunde schwärmen, wie souverän Kramp-Karrenbauer agiere, wenn um sie herum schon alle die Nerven verlören. Sei es, als sie 2012 den Befreiungsschlag aus der kriselnden Jamaikakoalition im Saarland wagte, oder als sie 2017 ihren Landtagswahlkampf gegen alle Negativumfragen zum Sieg führte – stets scheint Kramp-Karrenbauer auf derselben Betriebstemperatur zu laufen.

Sie käme nicht auf die Idee, ein Bewerbungsvideo zu drehen, in dem kein einziges CDU-Logo auftaucht, wie Jens Spahn, dessen Werbebotschaft sich bislang primär auf die Twitter-Hashtags #Spahn und #Neustart beschränkt. Und anders als Merz heuert sie auch keine Agentur für Krisen-PR an, die Medienauftritte plant. Der einzige bekannte Skandal in ihrer Vita ist ein überteuerter Museumsbau in Saarbrücken.

Bis Merz auf der Bildfläche auftauchte, schien der Weg von »AKK« an die Spitze vorgezeichnet. Auf dem Deutschlandtag der Jungen Union im Oktober machte die Mittelstandsvereinigung der CDU einen Stimmungstest: Die JU-Leute konnten bunte Bälle in Glascontainer werfen, um den nächsten Kanzlerkandidaten zu küren.

Wieder Angela Merkel? Für die Kanzlerin gab es nur eine Handvoll Bälle.

Jens Spahn? Hier war das Glasrohr deutlich voller.

Kramp-Karrenbauer? Noch mehr Bälle, die klare Favoritin.

Aber die meisten Bälle landeten im vierten Container mit der Aufschrift: »Andere(r)«. Die Parteijugend hätte also am ehesten auf die sichere Bank Kramp-Karren- bauer gesetzt – hoffte aber insgeheim auf jemand anderen. Irgendeinen anderen.

Generalsekretärin Kramp-Karrenbauer: Die Basis lechzt nach Neuem


HANS CHRISTIAN PLAMBECK / LAIF

Die CDU-Basis lechzt nach Neuem, will begeistert werden, und noch ist der Funke der Saarländerin nicht übergesprungen.

Kramp-Karrenbauers Wahlkampf der ruhigen Hand ist nach 18 Jahren Merkel eine riskante Strategie. Die CDU ist unbe - rechenbar geworden, das zeigt der überraschende Wahlsieg von Ralph Brinkhaus zum Chef der Bundestagsfraktion. Kramp-Karrenbauer umweht weder die »Messias«-Aura von Merz, noch hat sie die unbekümmerte Angriffslust eines Spahn, also präsentiert sie sich als Gegenmodell: bescheiden, dienstbereit, auf den Zusammenhalt ausgerichtet.

Die erste Pressekonferenz zu ihrer Kandidatur begann sie mit einer Art Parteitagsrede. 20 Minuten Monolog, offensichtlich zugeschnitten auf die 1001 Delegierten daheim auf dem Sofa, nicht auf die Medienleute im Saal. Auf dem Parteitag in Hamburg wird auch nicht die Basis sitzen, sondern Abgeordnete und Funktionäre – Leute, bei denen eine erfolgreiche Bundestagswahl über Fortgang oder Ende ihrer Karriere entscheidet. Diese Motivlage könnte Kramp-Karrenbauer den Sieg bringen.

Und so lautet ihr stärkstes Argument gegen die Konkurrenz: Ich habe jahrelang regiert und Wahlen gewonnen – und ihr so? Merz führte nie ein Ministerium, Spahn führt seins erst ein halbes Jahr. Keiner stand je als Spitzenkandidat für einen Wahlkampf gerade.

Kramp-Karrenbauers Strategie kommt demonstrativ unstrategisch daher, sie zeigte sich am Dienstagabend bei einem Auftritt vor dem CDU-Kreisverband Berlin-Reinickendorf. »Was qualifiziert Sie für den Parteivorsitz?« , will ein Zuhörer wissen. Eigentlich wolle sie gar nicht antworten, sagt Kramp-Karrenbauer, »aus Fairness gegenüber den Mitbewerbern«.

Aber natürlich antwortet sie doch. Sie habe ihr Ministerpräsidentenamt aufgegeben, »das ich unter nicht ganz leichten Umständen gegen alle Widerstände und gegen alle Umfragen gewonnen habe«, um der CDU auf die Beine zu helfen. Mit »meiner Erfahrung als Wahlkämpferin, meinen Überzeugungen« wolle sie ihren bescheidenen Beitrag leisten. So viel Opferbereitschaft kommt an, der volle Saal klatscht begeistert. Dass Friedrich Merz einst lieber in die Wirtschaft ging, statt für die CDU zu kämpfen, muss Kramp-Karrenbauer gar nicht mehr ausdrücklich erwähnen.

Dass sie die konservativen Instinkte der Partei zu bedienen weiß, zeigt sie an diesem Abend auch. Leider hießen die anstehenden Martinsumzüge in manchen Kindergärten nur noch »Lichterprozession«, kritisiert die CDU-Frau. »Das ist keine Toleranz, das ist Selbstverzwergung!« Keine Stelle ihrer Rede erntet stärkeren Applaus.

Aus dem Mund von Angela Merkel hat man solche Aussagen noch nie gehört. Der Wunsch der CDU nach Erneuerung liegt auch am Überdruss mit der Langzeitchefin, die ihnen zu vage, zu konturlos erschien. Für die Kandidatin Kramp-Karrenbauer kommt es daher darauf an, aus Merkels Schatten zu treten.

Einen ersten Schritt tat sie in ihrer Pressekonferenz, als sie die jüngste Phase von Merkels Kanzlerschaft als »bleierne Zeit« bezeichnete. Bei allem Lob und Dank für Merkel erwähnte Kramp-Karrenbauer, dass man deren Ära ja »nicht rückgängig machen« könne – es klang fast bedauernd.

Auch Merkels Flüchtlingspolitik verteidigte die Generalsekretärin nicht, sondern stellte nur fest, es bringe nichts, noch lange über die Ereignisse von 2015 zu diskutieren. Sie seien »Fakt« und könnten ebenfalls nicht »rückabgewickelt« werden. Gut möglich, dass den Parteifreunden diese Antwort nicht reichen wird.

Melanie Amann, Matthias Bartsch, Ralf Neukirch