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SARDINIEN: SARDISCHE TET-OFFENSIVE


Motorrad ABENTEUER - epaper ⋅ Ausgabe 6/2019 vom 18.10.2019

Auf den Spuren des Trans-Euro-Trails auf Sardinien – dieser Offroad-Track verlässt hier quer über die Insel ausgetretene Pfade. Markus Golletz (Text und Fotos) ging mit Freunden auf Entdeckungstour und erlebte dabei nicht nur landschaftliche Überraschungen.


Artikelbild für den Artikel "SARDINIEN: SARDISCHE TET-OFFENSIVE" aus der Ausgabe 6/2019 von Motorrad ABENTEUER. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Motorrad ABENTEUER, Ausgabe 6/2019

Das war einmal eine Brücke. Nur noch Ruinen sind von der Überführung am Riu Piricana übrig.


Entlang der Bergbau-Ruinen von Ingurtosu: Von diesem Punkt aus geht es zu den Sanddünen von Is Psicina oder ins Bergarbeiternest Montevecchio.


Steineichenwald bei Sa Duchessa, Grotta di San Giovanni.


Alles fing schon gut an. Der Anruf von Chris macht mich ...

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... nachdenklich: Hörsturz am letzten Arbeitstag, er sagt ab und kann nicht mitkommen.

Ich muss auf eigener Achse fahren. 700 km bis zum gemeinsamen Abfahrtspunkt in Basel, na schön. Dort angekommen, sagt mir Karsten, den alle nur »Kiste« nennen, dass seine reisefertige 701er Husky gestern vor der Türe weggeklaut wurde – in der braven Schweiz! Als ich die KTM 690 Enduro abschließen will, fehlt mir der Schlüssel zum Schloss. Das Ding hat sich offensichtlich auf der langen Anfahrt vom Schlüsselbund abvibriert. Das Schloss wird wohl für den Rest der Reise lediglich Balast sein.


Auf dem TET in Norditalien sammeln wir unsere ersten Offroad-Erfahrungen dieser Reise


Aber wie schön, wenn man Freunde hat, die dafür sorgen, dass sich die Dinge zum Guten wenden. »Kiste« bekommt von Pascal, einem befreundeten Ténéristi, dessen XT geliehen.

Alles wird gut, mit diesem Gedanken brechen wir nach kleinen Umbauarbeiten in der hauseigenen Ténéré-Werkstatt auf und es kann endlich losgehen, über die Alpen nach Genua! Nach so viel Pech müsste jetzt eigentlich alles klappen.

Doch mit dem Glück ist das so eine Sache. Schon bei unserer ersten Übernachtung auf dem Monte Mottarone am Lago die Orta spuckt der Kocher plötzlich Feuer, ich hechte zum brennenden Campingtisch und trample auf den Flammen herum. Doch trotz all dieser »Schwierigkeiten« setzt langsam das schöne Gefühl der reisebedingten Gelassenheit ein.

Am nächsten Morgen erwachen wir neben einem Ferrari Trecker. Ein paar freundliche Pilzsammler wünschen uns einen »Guten Morgen«, die Sonne steht prachtvoll am Himmel. Die Wettervorhersage kündigt an, dass es im Juni warm, ja sogar sehr warm werden würde. Der Monte Mottarone ist ein Hausberg zwischen Maggiore und Orta und verwöhnt uns mit beidseitigen Aussichten, samt zumindest mental kühlendem Schnee in den Bergen. Ich stelle fest, dass meine Schweizer Vignette, die ich schlau unter die Sitzbank geklebt hatte, vom Luftfilterschnorchel zerteilt und in den Luftfilter gesogen wurde. Gelassenheit… Es ist der Trans-Euro-Trail (TET) in Norditalien, an dem wir unsere ersten Offroad-Erfahrungen dieser Reise sammeln. An der berühmten Sesia, einem Wildfluss aus den Alpen, passieren wir eine interessante Stelle, an der ein Kanal den Fluss quert.

Wir genießen gemeinsam mit einigen Italienern die kühle Luft an einem Wehr, während von einem Kanal Wasser auf die Reisfelder zwischen Vercelli und Novara gepumpt wird. In trockenen Jahren wird der Lago Maggiore angezapft, was dort bei meterweise sinkenden Wasserständen bei den Anwohnern nicht gerade zu Freudenausbrüchen führt.

Bis Novi Ligure üben wir uns auf kleinsten Straßen, queren Reisfelder in der sengenden Hitze der Poebene. Über den kleinen Passo della Bocchetta erreichen wir nach den üblichen Umwegen im Genueser Fährhafen das Schiff nach Olbia.

Nicht nur in Orgosolo, auch in Oliena gibt es neuzeitliche und vielsagende Murales.


Intakte Pineta auf der Abfahrt nach Funtanazza.


Mir steckt die Anreise etwas in den Knochen und so mache ich von meinem Recht auf einen Ruhetag Gebrauch: Nicht weit vom Agriturismo Su Meriacru am Berchida Naturstrand legen wir nach 70 Kilometer Sardinien eine Rast ein. Genau hier ist man ausreichend weit von den Tourismusschwerpunkten entfernt, so dass absolute Ruhe einkehrt. Wir spulen die letzten Ereignisse gedanklich noch einmal ab und baden ausgiebig im glasklaren Wasser. Das Geheimnis dieser Ruhe sind zwei Furten an beiden Enden des Strandabschnittes, die auf andere potentielle Badegäste offensichtlich abschreckend wirken. Unweigerlich steht am kommenden Morgen dann die erste Inspizierung des TET Sardegna auf dem Programm.

Schnell wird klar: der TET Sardegna ist eine »Try & Error«-Unternehmung. Durch ein schon fast experimentelles Vorgehen unserer Reisegruppe schaffen wir keine großen Etappen. Groß ist eher der abendliche Hunger nach den schweißtreibenden Enduro-Essays. In Oliena und Orgosolo ergänzen wir unsere Vorräte um Wein und sardische Salsiccia, die pikant gewürzte Wurst, um dann einen Abstecher auf die Hochflächen des immer noch kommunalen Weidelandes zu wagen.

Bei Funtana Bona gibt es nur ein Forsthaus, Picknickplätze und weite Aussicht.

Genau so etwas suchen wir.


Höflich fragen bringt viel und so signalisiert uns der Förster, dass wir weiterfahren dürfen


Vorbei an Hutewäldern und freilaufendem Vieh erreichen wir das wohltuend schattige Gelände und werden von einem Holzschild »No QUAD – ENDURO – TRIAL« ausgebremst. Doch höflich fragen bringt in Italien immer viel, und so signalisiert uns der Förster, dass wir weiterfahren dürfen.

Wir sehen also nicht nach rücksichtslosen Naturzerstörern aus, was uns sehr ehrt. Er zeigt uns sogar noch einen schönen Platz mit Wasser, das pure Paradies. Wir bekommen Besuch von zwei Africa Twin-Besatzungen, die auf ihren alten 750er die Insel erkunden. Für den heutigen Abend ist also für Unterhaltung gesorgt. Es folgen Einladungen nach Monza, Umarmungen, ein Gruppenfoto unterhalb des Monte San Giovanni. Am nächsten Morgen können wir hier oben noch eine Panoramarunde zu Ende fahren.

Ganz großes Kino, das allerdings für Thomas mit einer kleinen Blessur endet.

Steile Abfahrten und steinige Flussquerungen sind noch nicht optimal für einen Enduro-Novizen. Unten angekommen, nahe eines der so typischen Gigantengräber, beglückwünschen wir uns für dieses kleine Abenteuer. Der TET traut sich hier und am Sopramonte zu Recht nicht auf die schwierigen Pisten, das würde seinen gemäßigten touristischen Anspruch auch etwas konterkarieren.

Eine besondere TET-Stelle ist dabei die Brücke über den Riu Piricanas, die nur noch in Bruchstücken erhalten ist. Andreas erkundet die Stelle erst mal mit der Drohne. ehe wir uns auf die Umfahrung wagen. KTM-Absperrband deutet darauf hin, dass der TET hier auch anderen Reisenden bekannt ist. Der Weg hinunter an einer Staumauer des Lago Bau Muggeris wird für uns zur Sackgasse, also lieber Baden im Stausee.

Von Marina di Gairo brechen wir auf, um südlich der Porphyr Felsen von Arbatax auf den TET zu gelangen. Es sieht so aus, als könnte man hier direkt am Meer entlangfahren. Doch leider, so sagen auch die »TET-Linesmen«, muss man dabei ein verseuchtes und längst verlassenes Militärgebiet durchqueren.

Wissenswertes

Der Trans Euro Trail: Informationen zum »Trans Euro Trail« oder auch TET-Sardinien fi ndet man unter www.transeurotrail.org/italy/. Er erstreckt sich von Olbia im Hinterland an der Ostküste entlang bis zur Hauptstadt Cagliari. Bis zu 50 % Schotter fi ndet man hier, aber auch viele Endurostraßen. Im Selbstversuch haben wir einige bessere Strecken gefunden, besonders im äußersten Südosten.

»Linesmen« nennen sich die Verantwortlichen für einen Streckenabschnitt.

Für Sardinien ist das der Milanese Alessandro »Azoto« Baldisserri. Die TET Strecken sind in den meisten Fällen so ausgelegt, dass sie eine günstige und kurze Verbindung zwischen touristisch wichtigen Verkehrsknotenpunkten herstellen und mit leichten Enduros am besten ohne oder nur mit leichtem Gepäck befahren werden können. Leider sind die »Gefahrenstellen« nicht dokumentiert. So mussten wir ab und an umdrehen.

Wer auf dem TET unterwegs ist, sollte einige Regel beachten. Es gibt den »Code of Conduct« (Verhaltenskodex), der Rücksichtnahme vorschreibt, z.B. dass ausschließlich gekennzeichnete Wege zu verwenden sind, in kleinen Gruppen gefahren werden soll und jedes Risiko sollte vermieden werden.

Auch dem ortsansässigen Verkehr Vorrang zu gewähren und die lokalen Einkaufsmöglichkeiten zu nutzen ist ebenfalls im Kodex zu fi nden Kurz gesagt, es gelten folgende Punkte: 1. Respektiert die Wege, 2. Respektiert bei eurer Durchreise die ländlichen Gemeinschaften, 3. Respektiert die Umwelt.

Anreise: Durch die Schweiz und Lombardei, dann zur Fähre nach Savona (nur Sommer) oder Genua. Autozüge fahren im Sommer von Düsseldorf und Hamburg gen Süden, die ÖBB sogar ganzjährig nach Österreich. Praktisch ist die Verbindung Hamburg-Lörrach mit dem Bahntouristik-Express, weil sie über 800 Kilometer Strecke spart (ca. 260 € pro Fahrt).

Allgemeines: Sardinien ist ein besonderes Ziel für Tourer und Enduristen, die es etwas abgelegener mögen.

Wenig Verkehr im Hinterland und ein Angebot an Pisten, das selbst Korsika übertrumpft, machen die Insel für Biker besonders attraktiv. Die Insel ist kulturell und topografi sch sehr abwechslungsreich und die Strände sind in Europa ein Highlight.

Reisezeit Klima: Mai bis November, im April manchmal noch Regen und Morgenkühle, ab Ende Juni heiß, kann bis Ende September anhalten. Die meisten Biker fahren nach Korsika, daher ist selbst in der italienischen Hauptsaison (außer im Raum Olbia-Cala Gonone und Alghero) nicht viel los ist.

Sehenswürdigkeiten und Souvenirs: Die sagenhaft unterschiedlichen Küsten Sardiniens sind das Kapital der Insel. Zu diesem Kapital gehört auch die Weite und Abgeschiedenheit im Landesinneren.

Wer Ruhe und Beschaulichkeit sucht und nebenbei auch offroad unterwegs sein möchte, der ist auf Sardinien genau richtig.

Sardisches Messer aus Pattada und Santu Lussurgiu sind tolle und handwerklich originale Mitbringsel. Die Klingenform folgt den Linien des Mirto Blattes. Öl, Cannonau di Sardegna oder Vernaccia Wein, Monica di Sardegna, Malvasia, etc. und auch Kork-Produkte stammen von hier, genauso wie der Mirto oder leckere Peccorinos und Salsiccias.

Im Sinne des TET sollte man regional einkaufen: In Tante-Emma-Läden (Alimentari) und in den meist inhabergeführten ISA Märkten (Industria Sarda Agrolimentari).

Handwerk und Kunsthandwerk gibt es meist original unter dem Label ISOLA oder direkt beim Hersteller.

Nur so ist gewährleistet, dass man sich kein Schweizer Messer, made in China zulegt.

Unterkunft/ Essen: Wildes Camping ist in Italien durch regionale Gesetze geregelt. Oft wird dies kurzzeitig toleriert, wie z. B. in Piemont, Ligurien, auf Sardinien oder der Lombardei. Fragen kostet nichts und bringt oft viel – und seinen Müll wieder mitnehmen ist natürlich Ehrensache.

Literatur/Karten: Sardinien TCI Karten 1: 200.000 reißfeste Ausführung, ca. 10 Euro

Literatur: Der Michael Müller Reiseführer von Eberhard Fohrer ist etwas ausführlicher als der ebenfalls gute Reiseführer aus dem Reise Know-How Verlag (Peter Höh).

Internet: www.sardegnaturismo.it/de.

Furt in Strandnähe: Is Piscinas.


Gibt‘s noch: einsamer Strand bei Berchida.


Drohnen-Aussicht: Am Monte San Giovanni glaubt man nicht auf einer Insel zu sein.


Abgefahren: Nur die Leitplanke limitiert die Küstenstraße an der Costa Verde.


Ich verschwinde in der Staubwolke meiner drei Begleiter. Einen Stopp gibt es, weil Andreas sich den Ténéré Motorschutz abgefahren hat und weitere Verzögerungen, weil es zu heiß ist und wir öfter die DR unseres Offroad-Neulings Thomas über besonders schwierige Wegstrecke fahren müssen. Immer wieder säumt Oleander den Weg, unterbrochen von dichter Macchia und dann und wann gibt es ein Viehgatter.

Nur ein paar Kilometer hinter der Betonkonstruktion des ehemaligen Ladeterminals Porto Santoru kommen wir – mittlerweile zu Fuß zur Begutachtung der Strecke – nur noch ein Stück weiter. Es folgt die Einsicht, dass weiterfahren bei unklarem Ausgang nicht viel bringt. Noch einmal kreist unsere Drohne über uns, um die Schönheit der Küste zu dokumentieren. Wir müssen in der Mittagshitze umdrehen, umfahren die Szenerie, um dann von Westen in die einsame Bucht von Quirra zu gelangen. Die Badegäste scheinen die unmissverständlichen Schilder des militärischen Sicherheitsbereiches nicht zu stören, auch von radioaktiver Strahlung ist die Rede. Am anderen Ende der wunderschönen Sandbucht bei Capo San Lorenzo liegt sogar eine Raketenabschussrampe und auch sonst zieht die benachbarte Ogliastra Militärs aus allerleih Ländern an: Es gibt einen umstrittenen NATO-Übungsplatz, eine Rheinmetall Munitionsfabrik und Anwohner und Schäfer klagen über Krankheiten und Missgeburten bei Lämmern. In einer Staubwolke entfernen wir uns lieber von dem eigentlich so schönen Stückchen Erde.

Traumstraße nenne ich ab sofort eine Strecke, die uns von dem Plateau der Sette Fratelli (Klettergebiet der 7 Brüder) allmählich dem südlichen Ende Sardiniens entgegenbringt. Es ist eine »Lost Panorama Street«, die kaum noch unterhalten wird. Mehr als sieben Wasserdurchfahrten, teils mit Oleander oder Schilf überwuchert, zählt die Wegstrecke, die wir vom Plateau aus nach unten ans Meer fahren. Einmal müssen wir ein geschlossenes Tor umfahren, dann ist ein Rollerfahrer hinter uns, der angesichts der Abbrüche in der Straße umdreht. Nur wohin? Brüchiger Asphalt, heißes, fast tropisches Klima, unsere Enduros und wir sind in unserem Revier! Öfter machen wir einen Fahrerwechsel, bugsieren die DR von Thomas durch steile Passagen oder durch Furten. Thomas schlägt sich wacker, im Schweiße seines Angesichts.

Im Mai war es noch angenehm kühl, doch der Juni zeigt nun, was er kann. In den folgenden Tagen sollte das Thermometer kaum noch unter 35°C sinken.

Auf dem Weg zur Grotta di San Giovanni fahren wir die Trasse der ehemaligen »SP1 Cagliari«. Sie schlängelt sich am Riu Gutturu Mannu entlang. Der Staub und die Hitze sind unerbittlich. Ich motiviere mich mit dem Gedanken: »Das machen wir alles freiwillig«. Der Fluss führt immer weniger Wasser und dann biegen wir ab zur Grotta di San Giovanni, an der wir zelten wollen. Die Sarden hatten durch einst die Tropfstein-Grotte eine Straße gebaut, die noch bis Anfang der 1990er Jahre in Betrieb war, nun hängen an den Eingängen öfter Freeclimber in den Seilen und das Fledermaus-Refugium ist für den Verkehr gesperrt. Die Umgebung ist durch ehemalige Bergwerke geprägt, wie es an der Costa Verde üblich ist. Es ist der wärmste Abend bisher, es gibt wenig Wasser und viele Mücken.

An der Costa Verde lässt der Tourismus noch mehr nach und die Wildheit der Landschaft steigert sich: Serpentinen zum Meer hinunter und legale Straßen ohne Belag, Wasserdurchfahrten, all das ist hier Alltag. Was sich wie ein Sanierungsstau anfühlt, ist aber auch Kulisse für ein entschleunigtes Leben unter der sardischen Sonne, wie wir es zelebrieren können.

Vom Camping Sciopadroxiu aus fahren wir für einen Badetag nach Funtanazza, einem verlassenen Ort am Meer, der durch das ehemalige Sartori-Erholungsheim für Bergarbeiterkinder entstand. Hier ist quasi alles untersagt, wir dürfen nicht weiter und aufhalten sollen wir uns hier auch nicht. Aber wen interessiert‘ s? Die Sarden jedenfalls nicht. Neben Imbisswagen (lecker) und Espressobude ist alles da, selbst die alten Badeanlagen aus den 30ern werden noch lebhaft benutzt. Auch die Straße ist ein Highlight. Eine wunderbare zerbröselnde Pinienallee.

Auch die anderen Strecken an der Costa Verde machen das Fahren zum Erlebnis. Wichtige Straßen sind geteert und ungeheuer dynamisch in die Landschaft verlegt. Unser Campingplatz Sciopadroxiu ist sehr harmonisch an den geschützten Sanddünen der Costa Verde gelegen und bietet alles, was wir brauchen, inklusive nettem Personal.

Während die Freunde versuchen, die Giara di Gesturi zu befahren, fahre ich noch über einen Salzsee zur Sinis-Halbinsel.

An den Sommerfrischen der Halbinsel hat es in den letzten Jahren viele Sperrungen und Beschränkungen gegeben, weil die wunderbaren Strände einfach zugeparkt waren.

Das Thermometer steigt auf 42° Celsius, jeden Tag ein neuer Rekord, und ich trolle mich von der Badebucht nach Santu Lussurgiu in die Berge. Die Gegend um Alghero und das schicke Bosa lassen wir aus, seitdem die Billigflieger von Ryanair hier für 12,99 Euro eine Landeerlaubnis bekommen. In der Messerstadt Pattada sehen wir uns nach unterschiedlichen Abstechern wieder.

Auf die Giara kommt man mit dem Motorrad nicht hoch, schade. Es ist der Monte Lerno, der meine Mitfahrer magisch anzieht.


An den Sommerfrischen der Halbinsel hat es in den letzten Jahren viele Sperrungen gegeben


Die Strecken der WRC-Rallys bilden hier ein dichtes Netz.

Kiste und Andreas haben das Rallye-Geschehen schon mal live miterlebt. An einer Stelle, die auf guten Karten mit Mickys Jump gekennzeichnet ist, versuche ich mit der KTM (und Gepäck) mein Glück. Mir gelingt ein drei Meter Sprung, wo WRC Autos das 10-fache schaffen… Das alles unter Beobachtung des ortsansässigen Feuerwache-Rangers, der sich an unseren Aktivitäten nicht stört. Endlose Schotterstrecken mit Aussicht auf den Monte Limbara, wo wir später die ehemalige »Base Radio« erreichen.

Ein Lost Place mit Parabolantennen, den die Amerikaner quasi umgeräumt dem Zerfall überlassen haben. Per Graffiti wurde ergiebig kommentiert, was die Sarden davon halten.

Auch bei Tempio Pausania gibt es passable TET-Pisten. Thomas und ich ziehen es nach einem Umfaller aber vor, an der kühlen und glasklaren Cala Sarraina ein Bad zu nehmen. Am Strand angekommen, reißt Thomas der Kupplungszug, zum Glück liegt Ersatz im Gepäck. Nach der Badepause nehmen wir noch die Costa Paradiso in Angriff. Die gilt als gigantische Edel-Privatanlage mit rundgeschliffenen Porphyr Felsen und türkisem Wasser.

Unser Ziel dort sind die kleinen architektonischen Wunderwerke der 1960er Jahre, die Cupole di Antonioni. Eher durch Zufall gelangen wird in das Privat-Paradies, die Schranke hinter einem vorfahrenden Paradies Bewohner geht einfach nicht zu. Uns bleibt auch der Mund offen, angesichts der Schönheit der großen Bucht. Die Kuppeln von Antonioni sind sagenhaft: Zugewachsen, teilweise begehbar und von ihrer Lage am Rande der roten Felsen erkennt man die Kreidefelsen von Bonifacio / Korsika. Der Hinausweg gelingt uns ebenso wie der Eintritt, es ist unser letzter Abend, den wir an der Grotta Su Coloru verbringen. Der Abschiedstag ist heiß wie die Hölle und so enden wir irgendwann bei der Fahrt entlang der ehemaligen Gefängnisinsel auf der Sonnendeck-Bar des GNV Fährschiffes.

Ahoi Sardinien! Mit einem Knall oder besser einer Sprengung geht allmählich unsere TET-Sardinien-Reise zu Ende: Am 28. Juli um Punkt 9:37 Uhr MEZ stürzen die restlichen 4500 Tonnen Stahl und Beton der Morandi-Brücke in Genua vor unseren Augen in sich zusammen. Die Stadt wirkt wie vor einem Mega Open-Air Event, überall stehen Menschen mit hochgehaltenen Handys, der Verkehr kommt zum Erliegen. Ein Polizist auf einem Roller lotst uns gegen die Einbahnstraße nordwärts aus der Stadt.

Die Poebene zeigt sich ein weiteres Mal sonnendurchglüht, bei einer Pause in den Reisfeldern mag keiner den Helm abnehmen, sonst wird man gnadenlos von den Zanzare zerstochen. Immer noch 37°C am Alpenrand, dann der erlösende Lago di Orta. Paralysiert peilen wir das kühle Nass an. Die Mopeds lassen wir samt Gepäck nachlässig am Straßenrand stehen.

In der Schweiz auf einen teuren Campingplatz oder noch einmal auf der italienischen Seite des Simplon Passes? Die Frage nach der letzten Übernachtung klärt sich schnell. Wir düsen auf die Alpe di Veglia und campieren an dem kühlen Fluss. Klare Sache. Von der benachbarten Sennerin bekommen wir die inoffizielle Zelterlaubnis. Der Wildbach beschert und eiskalte hopfige Getränke – was will man »Meer«?