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SCAM-MMO? EARTH 2 –DER CASHSHOP OHNE SPIEL


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Games Aktuell - epaper ⋅ Ausgabe 2/2022 vom 19.01.2022

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Bildquelle: Games Aktuell, Ausgabe 2/2022

Es ist der Traum jeden Videospielers: die gesamte Erde in einem Maßstab von 1:1 begehbar, simuliert bis runter auf die einzelnen Blütenblätter. Ihr wollt den kompletten Jakobsweg entlang wandern, ohne euer Haus zu verlassen? Kein Problem. Euer sehnlichster Wunsch war es schon immer, die Seidenstraße zu bereisen? Dann legt los! Und das allerbeste: Ihr müsst euer Abenteuer nicht zwingend in schnödem 2D erleben. Wer eine VR-Brille sein Eigen nennt, kann die bekannte Welt bereisen, verändern und erleben – in vollem, glorreichen 3D und ganz ohne Ladezeiten. Euer Rechner ist etwas älter? Auch kein Problem, denn durch revolutionäre Programmierkunst sind auch schwächere Computer problemlos dazu in der Lage, euch den gesamten Umfang des Spiels zu zeigen. Und nun kommt der Super-Duper-Bonus: Ihr könnt damit Geld verdienen! Ja, richtiges Geld. Ihr müsst nur eines der Felder auf Earth2.io kaufen und schon ...

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... besitzt ihr das Pentagon, die Pyramiden von Gizeh oder ganz Frankfurt. Auf eurem erworbenen Land könnt ihr dann Häuser bauen, Ressourcen produzieren und im Endeffekt tun und lassen, was ihr wollt. Schnappt euch noch heute die besten Standorte, verkauft sie für echtes Geld an andere Spieler weiter und werdet reich! Schaut besser sofort nach, denn ihr wollt ja nicht, dass jemand euer eigenes Haus kauft. Oh, und wir haben gehört, der Eiffelturm ist ebenfalls käuflich erwerbbar. Haftungsausschluss: Derzeit ist nur das virtuelle Land kaufbar, alle anderen Features folgen „in Kürze“™. Sichert euch noch heute euer Land, denn ihr wollt ja nicht hintenanstehen, wenn es losgeht ... Oder? Brummt euch schon der Schädel? Gut, denn die Versprechen auf Earth2.io lesen sich für gestandene Videospiel-Vetera-nen wie eine Checkliste für „Ready Player One“: Eine bis auf den Grashalm präzise Nachbildung der Erde, die von Spielern bevölkert wird, die echtes Geld in das Spiel stecken und echtes Geld damit verdienen. Earth 2 soll den Anfang des sogenannte Metaversums darstellen, den Grundstein der OASIS aus der Feder von Ernest Cline; gewissermaßen eine Paralleldimension zu unserer physischen Realität. Nun wird es jedoch interessant, denn vor allem das nächste Detail lässt augenblicklich unsere Betrugs-Alarmsirenen aufheulen: Derzeit gibt es noch gar kein Spiel. Auf Earth2.io könnt ihr lediglich 10x10 m durchmessende Kacheln auf einer Nachbildung der Erde von Google Maps für echtes Geld kaufen, die später im Spiel von euch bewohnbar sein sollen. Der Clou: Ihr könnt die Kacheln mit anderen Spielern für Echtgeld handeln und eure Landesflagge darauf anzeigen lassen. Um es klipp und klar zu sagen: Selbst das von uns in einem eigenen Artikel auf pcgames. de behandelte und ebenfalls extrem suspekte Projekt Dreamworld bietet seinen Spielern immerhin etwas, das sie spielen können. Earth 2 besteht zum Zeitpunkt dieses Artikels seit einem Jahr ausschließlich aus einem Cashshop und einer Plattform, auf der virtuelles Land für Echtgeld gehandelt werden kann – dessen Wert explizit durch den Anbieter festgelegt wird und der sich ohne vorherige Erklärung oder Warnung ändern kann. Wenn euch das Ganze nun extrem stark an einen Vorschussbetrug erinnert, seid ihr nicht die Einzigen. In diesem Artikel breiten wir alle Informationen über Earth 2 vor euch aus, die wir finden konnten. Dazu befassen wir uns zunächst mit dem professionellen Hintergrund des Gründers Shane Isaac und seiner Firma, erläutern die exakte Funktionsweise von Earth 2 sowie dessen Monetarisierung und zeigen im Anschluss auf, welche Probleme wir in diesem Konzept sehen. Wenn ihr euch nach der Lektüre dieses Artikels weiter über Earth 2 informieren möchtet, empfehlen wir euch stark die Videos der You- Tuber KiraTV, Josh Strife Hayes und Callum Upton, die mit ihrer Arbeit einen wertvollen Beitrag leiten, um Scams in der Videospielebranche aufzudecken. Eine Warnung im Voraus: Dieser Artikel ist extrem lang, denn Earth 2 ist ein hochkomplexes Thema, das sogar berühmt-berüchtigte Titel wie Dreamworld problemlos in den Schatten stellt. Braut euch ein beruhigendes Heißgetränk und macht es euch gemütlich. Das hier wird eine Weile dauern.

DER GRÜNDER VON EARTH 2: SHANE ISAAC UND SEINE FIRMA

Wenn ihr vor der Entscheidung steht, euer hart verdientes Geld in ein Early-Access-Spiel zu stecken, lohnt es sich immer, ein wenig Recherche zu treiben. Der erste Blick sollte dabei dem Gründer und dem Team hinter ihm gelten – und im Falle von Earth 2 wird es sehr interessant. Der Gründer Shane Isaac schient auf den ersten Blick gut geeignet zu sein, um ein derartiges Mammut-Projekt zu stemmen: „Über 20 Jahre Erfahrung in der Entwicklung, Produktentwicklung und Management“ sind eine starke Empfehlung! Aufmerksamen Beobachtern fällt jedoch auf, dass diese Aussage sehr allgemein gehalten ist. Im Sales-Bereich werden solche Äußerungen gerne als das „Vertraut-mir-Statement“ bezeichnet, das dem Kunden ein gutes Gefühl gibt, ohne harte Fakten auf den Tisch zu legen. Ein Blick auf sein LinkedIn-Profil offenbart, dass es erst wenige Monate erschaffen wurde, bevor die Website Earth2. io online ging. Zudem findet man hier lediglich zwei Einträge: Managing Director von XYZ Social Media seit 2016 und CEO von Earth 2 seit 2020. Die App id.XYZ bietet ihren Nutzern Chat, Anrufe, einige Augmented-Reality-Features und eine Social-Media-Platform, scheint aber keine Möglichkeit aufzuweisen, seine Accountinformationen im Anschluss wieder zu entfernen. Wechseln wir auf die Website der App, wird uns mitgeteilt, dass keine sichere Verbindung hergestellt werden kann. Weder die Website noch das Facebook-Profil des Firma id.xyz Pty Ltd wirken zeitgemäß. Shanes berufliche Laufbahn vor dem Jahr 2016 wird auf LinkedIn gar nicht erst aufgeführt, was für den Gründer eines derartigen Mammutprojektes kein gutes Zeichen darstellt. Das dritte Projekt, das wir mit Shane Isaac in Verbindung bringen konnten, wird übrigens ebenfalls nicht auf LinkedIn gelistet: Ein Patent, das von der TipeME Holdings Pty Ltd angemeldet wurde und sich offensichtlich auf eine App bezieht, die Benutzerdaten auf einem Smartphone verschlüsseln kann. Wenn ihr euch nun fragt, was das alles mit Onlinespielen und der Konstruktion des Metaversums zu tun hat: nichts. Keine dieser Unternehmungen hilft Shane dabei, ein MMO von revolutionärer Größe aufzustellen. In der Tat finden wir nichts, was auch nur am Rande darauf hindeuten würde, dass Shane bereits Erfahrung im Spieleentwicklungssektor sammeln konnte. Forschen wir ein wenig weiter, wird es hochinteressant: Im Gegensatz zu Dreamworld besitzt Earth 2 ein tatsächliches Team aus immerhin 18 Mitarbeitern. Darunter etwa Dillon Seo, einem der Mitgrün-der von Oculus! Ebenso am Projekt arbeitete Wolfgang Walk, der in der Jury des deutschen Entwicklerpreises sitzt und regelmäßig Beiträge zum Podcast The Pod beisteuert, aber inzwischen nicht mehr im Team von Earth 2 ist. Uff, das sind recht große Namen – kann man also bedenkenlos in Earth 2 investieren? Die Antwort darauf ist ein klares Nein, denn es gibt einige Fakten in Bezug auf die Mitarbeiter von Earth 2, die bei potenziellen Investoren Alarm auslösen: Erstens sind 18 Leute zwar besser als die vier Mitarbeiter von Dreamworld, sie sind aber nicht einmal annähernd genug, um das versprochene Projekt auf die Beine zu stellen. Als kleiner Realitätscheck: Wir reden von einer 1:1-Umsetzung des Planeten Erde, optional auch in VR. Zweitens arbeitet die Hälfte der Angestellten laut Earth2.io als „Sicherheitsmitarbeiter“ oder „Berater“, darunter auch Wolfgang Walk und Dillon Seo. Es gibt bei Earth 2 nur acht (in Zahlen: 8!) tatsächliche Programmierer und Spieledesigner. Diese stammen zudem fast ausschließlich aus dem Indie-Entwicklerhaus „Five Studios“ und führen noch nicht einmal durchgehend ihre Anstellung bei Earth 2 in ihrem LinkedIn-Profil auf. Zur Erinnerung: Das Projekt wird seit fast einem Jahr bearbeitet. Five Studios selbst setzt sich aus Mitarbeitern zusammen, die von Polen, Spanien und Österreich aus arbeiten; ein Bürogebäude als solches besitzt das Entwicklerhaus nicht. Das ist in der heutigen Zeit zwar auch nicht mehr zwingend nötig, führt aber sehr effektiv die geringe Größe des Studios vor Augen. Das bisher einzige Spiel von Five Studios ist D.R.O.N.E., ein auf Unity basierender Arena-Shooter, in dem der Spieler seine eigenen Drohnen montieren kann. Die Grafik ist für ein Indie-Spiel sehr gut und auch die modulare Bauweise der Drohnen scheint Spaß zu machen, wie die „größtenteils positiven“ Bewertungen beweisen. Schaut man sich die jüngsten Bewertungen an, sind diese jedoch „sehr negativ“, weil die Entwickler seit mehr als einem Jahr kein Update oder Lebenszeichen mehr von sich gegeben haben. Zufälligerweise ist das ziemlich genau der Zeitpunkt, an dem Earth 2 auf der Bildfläche erschien. Wir fassen zusammen: Das Metaversum wird von einem kleinen Indie-Team erstellt, das bisher ein halb fertiges Unity-Spiel in seinem Portfolio aufweist. Wenn ihr uns fragt: eher unwahrscheinlich.

DROHUNGEN UND LÜGEN: DER UMGANG MIT DER COMMUNITY

Am 11. Juni 2021 gab Earth 2 in seinem Discord bekannt, dass ein neuer Entwickler dem Team beitritt: Tanner Rozankovic. Sucht man nach diesem Namen, findet man ein Steam-Profil, mit dem Handle „Varius Benson“ – ein Klick auf den Namen bestätigt jedoch, dass es sich um den Entwickler Tanner Rozankovic handelt, der auf Steam auch bis vor kurzem das Spiel Civil Contract anbot. Sein Reddit-Account /tannerjackjoe führt ebenfalls zu seinem echten Namen und stellt eine direkte Verbindung zwischen ihm und Civil Contract dar. Inzwischen wurde das Spiel von der Plattform entfernt, denn Tanner hinterließ nicht nur eine nachweislich gefälschte Bewertung und benutzte in seinem Spiel ungefragt Assets aus dem Devkit des Spiels „Squad“, sondern begann kurz darauf auch mit der Einreichung von Copyright-Klagen an seine Kritiker. Unter australischen Recht und der GDPR (General Data Protection Regulation) der EU wollte Rozankovic seine Kritiker dazu zwingen, seinen Namen aus allen Videos und Berichten zu entfernen. Das ist rechtlich natürlich nicht möglich und schießt an dem eigentlichen Zweck des GDPR meilenweit vorbei. Für den Kläger ist das jedoch unerheblich, denn falsche Klagen dieser Art werden in der Hauptsache eingereicht, um Kritiker einzuschüchtern. Doch es kommt noch besser: Benson/Rozankovic drohte Youtube-Kanälen, die vor seinem Spiel warnen, mit DMCA-Takedown-Strikes. Der sogenannte Digital Millennium Copyright Act der USA sollte eigentlich das Urheberrecht im Internet schützen, wird aber oft von zwielichtigen Entwicklern missbraucht, um Youtube-Kanäle zum Schweigen zu bringen. Nach drei DMCA-Strikes wird ein Kanal von den Youtube-eigenen Bots automatisch gelöscht, denn diese können nicht zwischen Urheberrechtsverletzungen und legalem Gebrauch unterscheiden. Dagegen kann man zwar rechtlich vorgehen, ein solcher Prozess ist jedoch langfristig und nur schwer mit Beweisen zu unterlegen, während die Inhaber der Kanäle vielleicht auf ihr Youtube-Einkommen angewiesen sind. Um an dieser Stelle vollkommen klar zu sein: Das ist nicht nur in Bezug auf den Missbrauch der Urheberrechts-Mechaniken extrem grenzwertig, es ist obendrein blanke Erpressung. Noch nicht genug? Dann wird es jetzt richtig bizarr, denn laut seiner eigenen Aussage im CapitalGamingRP-Discord am 14. Mai 2021 verpflichtete sich Tanner zu vier Jahren in der australischen Armee. Zur gleichen Zeit tauchte allerdings ein Profil mit Tanners eigenem Bild im Earth 2-Discord auf – in der Position „E2 Dev“. Auch sein LinkedIn-Profil wurde aktualisiert, und zeigt derzeit korrekt an, dass er bei Earth 2 arbeitet. Wohlgemerkt ohne, dass er im „Team“ auf der offiziellen Earth2.io-Website aufgeführt wird. Damit nahm das Earth-2-Drama jedoch erst seinen Anfang, denn Tanner tat augenblicklich das, was er am besten konnte: Youtuber verklagen. In einer Audioaufnahme von Tanners eigenem Community Manager gab der Developer bekannt, dass das Earth-2-Team kurz davor stünde, die zwei Youtuber BigFryTV und SidAlpha mit einem Budget von drei Millionen Dollar zu verklagen.

Das führte dazu, dass der Community Manager dem YouTuber Big- FryTV die Audiodatei zukommen ließ und diese nun für jeden frei hörbar auf der Website bigfry.tv zugänglich ist. Da dies nicht gerade die Nutzung war, die sich Backer für ihren Geldeinsatz vorstellten, wurden in der Earth-2-Community kritische Stimmen laut. Und nun der Knackpunkt: All das war eine Lüge. Der Earth-2-Gründer Shane Isaac veröffentlichte ein Video, in dem er die Behauptungen von Tanner widerlegte. Anstatt jedoch mit dem Satz zu schließen „es gab nie eine Klage und wir haben uns von dem verantwortlichen Mitarbeiter getrennt“, begann Shane in dem Video selbst damit, die Kritiker zu attackieren und sich vor seinen Mitarbeiter zu stellen. An sich eine löbliche Eigenschaft für einen CEO. Es bleibt jedoch der Fakt bestehen, dass Tanner Rozankovic bei Earth 2 arbeitet und er für seine Drohungen zudem bis heute keinerlei Konsequenzen zu spüren bekom-men hat. Antworten auf Kritik fallen vonseiten des Earth-2-Teams in der Regel unprofessionell bis passiv-aggressiv aus, gespickt mit rhetorischen Fragen und Anwaltsdrohungen – dazu später mehr. Das ist zwar extrem unhöflich und obendrein unprofessionell, an sich aber nicht weiter schlimm. Denn es handelt sich im Endeffekt immer noch um ein kleines Indie-Studio, das weder eine Rechtsabteilung noch Erfahrung im Umgang mit Kritik besitzt. Wenn man jedoch das hochtrabende Ziel von Earth 2 nimmt und dieses mit dem Echtgeld-Handel und den Legitimitäts-Ansprüchen des Gründers kombiniert, ergibt sich ein sehr schlechtes Bild.

PHASE 1: VIRTUELLES LAND FÜR ECHTES GELD

Kommen wir schließlich zum Kern des Projektes. Earth 2 verspricht dem Spieler die Kreierung eines Metaversums samt florierender Echtgeld-Wirtschaft. Die Crux an der Sache: Derzeit gibt es noch kein Spiel, sondern nur die Möglichkeit, auf Eart2.io virtuelles Land zu kaufen; die dahinterstehende Software soll in einem Plan mit drei Phasen ausgeliefert werden. Phase 1 startete im Dezember 2020 und bietet Spielern den Kauf von virtuellem Land in 10x10-m-Kacheln auf einer mithilfe von Mapbox erstellten Karte. Da die gesamte Erde mit diesen Kacheln versehen wurde, gibt es insgesamt 5.1 Trillionen einzelne Tiles, die von Kunden gekauft werden können. „Kunden“ wohlgemerkt, denn wie bereits erwähnt, gibt es noch keine „Spieler“ in Earth 2. Das auf diese Weise eingenommene Geld soll in die weitere Entwicklung fließen und obendrein unter Spielern gehandelt werden, indem im Website-eigenen Marktplatz Angebote eingestellt werden. Der erste Geniestreich von Earth 2 ist seine Designation als Spiel: Um handeln zu können, verwandelt ihr euer echtes, investiertes Geld in einem Verhältnis von 1:1 in E$ (E-Dollars). Sprich, ihr kauft eine Spielwährung, mit der ihr alle anderen Geldgeschäfte innerhalb des Spiels regelt. Das macht Earth 2 anstelle eines Glücksspiels oder einer Spekulation zu einem Videospiel, und diese unterliegen in fast allen Ländern der Erde, wenn überhaupt, nur minimalen Regularien. Videospiele-Investitionen und -Haftungen werden rechtlich von Steuerbehörden wie der IRS nicht als „echt“ eingestuft. Das Ergebnis dieser regelfreien Zone erkennt man sehr gut am „Lootbox-Skandal“ aus dem Jahr 2017, bei dem Electronic-Arts-Spiele wie Star Wars Battlefront 2 sowie fast alle Sport-Titel von den Spielern quasi über Nacht als riesiges, von Minderjährigen nutzbares Online-Casino bloßge-stellt wurden. Gesetzt den Fall, dass ihr Land kaufen wolltet und am 23. März 2021 online wart, habt ihr vielleicht den „Dubai/UAE“-Launch von Earth 2 mitbekommen. Das Ganze stellte die Freigabe für den Kauf von Kacheln in Dubai sowie den Vereinigten Arabischen Emiraten und damit ein riesiges Event für die Earth-2-Community dar. Was dabei herauskam, war jedoch eine Katastrophe: Serverabstürze und gigantische Flächen von 300 Kacheln und mehr, die angeblich innerhalb von Sekunden von Bots gekauft wurden. Zum Teil wurden sogar falsche Preise ausgeschrieben, was dazu führte, dass einige Spieler Kacheln für 10 Cent kaufen konnten, während andere Spieler für die gleichen Kacheln 28 Cent bis 9 Dollar bezahlten. Weder die Server noch die Entwickler waren auf den Ansturm vorbereitet und die Kommunikation vonseiten des Earth-2-Teams war nicht existent. Die Kunden waren verständlicherweise wütend, denn pro 100.000 verkaufter Kacheln steigt der Wert aller anderen Kacheln innerhalb eines Landes und Dubai wurde von Käufern geradezu überrannt. Dieser Kniff steigert nicht nur die FOMO (Fear Of Missing Out) der Kunden, sondern treibt den Preis zusätzlich künstlich in die Höhe. Kritiker sagen nun, dass das soweit alles ganz normal für einen großen Launch war – wir alle erinnern uns an den Start von New World oder praktisch jeder existierenden WoW-Erweiterung. Der große Unterschied ist, dass es sich bei den letzteren Beispielen um tatsächliche Spiele handelt. Zur Erinnerung: Der „Dubai/UAE“-Launch von Earth 2 bestand aus einer Landkarte, auf der Spieler kleine Fotos kauften. Geld einzuzahlen funktioniert in Earth 2 übrigens problemlos. Wer sein Geld jedoch wieder abheben möchte, stößt auf ein paar Probleme: Erstens muss er das (wir erinnern uns: 18-Köpfige) Team in Handarbeit per E-Mail anschreiben und um eine Überweisung von Bank zu Bank bitten; in der Mail müssen alle persönlichen Informationen inklusive Adresse und Bankkonto angeben werden. Das dauert in der Regel aus offensichtlichen Gründen extrem lange und oft gehen Mails einfach verloren; ein großer Teil der Community ist deshalb inzwischen zurecht wütend. Die Alternative dazu sind Kreditkarten wie „Revolut“, die inzwischen von vielen Earth-2-Spielern genutzt werden, um ihr Geld durch die Rückerstattungs-Option zurückzuerhalten. Selbst in diesem Fall muss vor der Rücküberweisung ein aktuelles Foto (!) und ein Bankauszug der entsprechenden Person bei Earth 2 eingehen, bevor das Team eine Überweisung genehmigt. Jede Rückbuchung wird zudem von Earth 2 mit einem bestimmten Prozentsatz „besteuert“ und weist eine nicht verhandelbare Bearbeitungsgebühr von 7.50 Dollar auf. Richtig gelesen, es gibt zwar eine Möglichkeit schnell Geld zu investieren, um seine Investition jedoch auf sein Echtwelt-Bankkonto zu überweisen, muss der Kunde durch brennende Reifen springen. Wenn euer Geld und eure Informationen bei Earth 2 eingegangen sind, werft ihr einen Blick in die Nutzungsbedingungen von Earth 2 und müsst vermutlich erst einmal zur Beruhigung in eine Papiertüte atmen. Was wir euch nun nennen, sind die vermutlich unverantwortlichsten TOS (Terms of Service), die wir je gelesen haben. Wir zitieren: „Sie erkennen an, dass alle von Ihnen an die Website übermittelten Informationen oder Materialien von uns als nicht vertraulich und nicht urheberrechtlich geschützt behandelt werden und wir diese Materialien ohne Einschränkung verwenden können.“ Uff! Wir erinnern uns: Um Geld abzuheben, müsst ihr eure komplette Anschrift, ein Bild eures Gesichts, Bankauszüge und/oder eine Kreditkartennummer angeben. Das alles wird als „nicht vertraulich“ behandelt und Earth 2 kann diese Informationen „ohne Einschränkung verwenden“. Damit weist Earth 2 selbst im Falle eines umfassenden Identitäts- oder Kreditkarten Diebstahls von Beginn an alle Verantwortung von sich. Doch es kommt noch besser: „[...] Wir übernehmen keine Gewähr für die Richtigkeit, Angemessenheit oder Vollständigkeit der Informationen auf dieser Website und verpflichten uns auch nicht, diese Website auf dem neuesten Stand zu halten. Sofern nicht ausdrücklich in diesen Website-Bedingungen festgelegt oder in nicht ausschließbarem Recht erforderlich, übernehmen wir keine Verantwortung für Verluste, die aufgrund Ihres Vertrauens auf die Richtigkeit oder Aktualität der auf dieser Website enthaltenen Informationen entstehen.“ Das liest sich sehr interessant, wenn das gesamte Konzept der Website der Handel mit virtuellem Land ist, für das man echtes Geld bezahlt. Informationen wie der Besitz des Landes, die Preise des Landes und praktisch alles andere können also absolut inkorrekt sein – und ihr seid selbst schuld, dass ihr das Ganze als Investment-Möglichkeit behandelt habt. Um es klipp und klar zu sagen, und bitte verzeiht uns an dieser Stelle die Großbuchstaben: EARTH 2 STELLT KEINE ECHTE INVESTITION DAR. Der Wert eurer teuer erworbenen oder getauschten Landstücke ist absolut fiktiv. Euer Earth-2-Land ist nutzlos und besitzt keinen wirtschaftlichen Wert. Ihr habt kein Haus, das einen echten Vermögenswert darstellt, ihr habt noch nicht einmal eine Kryptowährung, die sich durch ihre Verwendung von NFTs in eurer digitalen Börse und damit eurem Besitz befindet. Ihr benutzt den Cash-Shop eines noch nicht existenten Spiels, dessen Indie-Studio-Erschaffer als einzige Instanz über den Wert des Landes bestimmen. Es gibt keine Regularien oder Sicherheiten. Eure Landstücke sind im wahrsten Sinne des Wortes wertlos. Noch einmal mit Gefühl: Shane Isaac hat keine Erfahrung im Bereich der Spieleentwicklung. Ihr kauft Bilder auf einer Landkarte. Das weniger als zwei Dutzend Leute umfassende Entwicklerteam hat bisher ein halbes Spiel in der Unity-Engine entwickelt. Seid vorsichtig mit eurem Geld.

PHASE 2: INTERAKTION ZWISCHEN SPIELERN

Phase 2, die im Juli dieses Jahres startete, soll den Beginn der Interaktionen zwischen den Spielern von Earth 2 und den Start eines Ressourcen-und Handelssystems für Ingame-Währung darstellen, im Endeffekt das Grundgerüst, um das Projekt langsam, aber sicher in Richtung eines funktionierenden Spiels zu entwickeln. Jede Kachel in Earth 2 wird im fertigen Spiel Ressourcen wie Öl, Kohle, Felsen und Mineralien produzieren, die durch Tauschhandel oder eine Ingame-Credit-Währung zwischen Spielern handelbar ist. Welchen Zweck die Ressourcen haben, außer sie in Handelsgeschäften hinund herzuschieben, ist derzeit nicht klar. Ebenfalls unklar ist, ob eine Kohlemine in der echten Welt auch Kohle im Spiel liefert, wenn man die Kachel kauft, oder ob Earth 2 überhaupt die gleiche Ressourcenverteilung wie die echte Welt besitzt. Alles, was derzeit in Sachen Ressourcen veröffentlicht wurde, sind Ressourcen-Booster, die „Juwelen“ genannt und von euren gekauften Kacheln produziert werden. Juwelen dienen als 0.05-%-Multiplikator für Ressourcen, sprich, wer ein schwarzes Juwel einsetzt, erhält nicht mehr 100 Kohle/Öl, sondern 100.5 Kohle/ Öl aus einer bestimmten Kachel. Um Juwelen abzuholen, loggt ihr euch in euer Profil ein, navigiert zum „Resources“-Tab und klickt auf den „Claim“-Button. Da Juwelen innerhalb einer Woche von euren Kacheln verschwinden, bringt euch dieses Features dazu, regelmäßig auf der Website vorbeizuschauen und so euer Engagement zu steigern. Und nur, falls es eben untergegangen ist: Es gibt noch keine Ressourcen. Ihr holt derzeit Booster für ein Feature ab, das noch nicht im Spiel implementiert wurde und dessen Nutzen aktuell unklar ist. Ebenfalls in Phase 2 veröffentlicht wurden die sogenannten „Holo-Buildings“. Mithilfe der Mapbox-gl-draw-API können Spieler auf der Karte durchscheinende 3D-Bauwerke konstruieren, die für jeden sichtbar sind und quasi als Planung oder Blaupause für ihre Konstruktionen im fertigen Spiel dienen sollen. Ab dem Zeitpunkt, ab dem ein Holo-Building platziert wurde, wird zudem ein Zeitstempel generiert, der dem Spieler später Ressourcen und Lagerraum bereitstellen soll – je früher ein Gebäude platziert wurde, desto mehr Stauraum und Ressourcen erhält der Spieler. Noch einmal zur Erinnerung: Es gibt noch keine Ressourcen und auch keine bekannten Pläne, wofür die Ressourcen im Endeffekt eingesetzt werden sollen, wenn sie implementiert werden. Fall ihr euch nun fragt, wie man ein Holobuilding erstehen kann: Man kauft es auf der Website durch echtes Geld, anstatt eine Ingame-Währung zu verwenden – das Feature soll später eingefügt werden. Je mehr Kubikmeter ein Holo-Building besitzt, desto teurer ist es. Mentars sind ebenfalls eine Konstruktion, die Spieler für echtes Geld auf ihren Kacheln errichten können. Für 5 Dollar erhaltet ihr eine Maschine, die das Spiel-Gas „E-ther“ in die Spielwährung „Essence“ verwandelt, die allerdings nichts mit „E-Credits“ oder „E-Dollar“ zu tun hat. Die vorher angesprochenen Juwelen können nur verwendet werden, wenn ihr einen Mentar kauft und die Anzahl der Juwelen-Sockel werden durch die Größe des Grundstücks bestimmt. Auch der Sinn von Essence ist derzeit unklar, denn es gibt noch nichts, wo-für die Währung eingesetzt werden könnte. Diese ganze Situation ist extrem grenzwertig und hängt mit dem nächsten Feature von Earth 2 zusammen. EPL sind die sogenannten „Earth 2 Property Locator“, die auf der Website als „einzigartiges globales Identitätsmerkmal“ bezeichnet werden, die eine ähnliche Funktion erfüllen wie die URL einer Website. Übersetzt bedeutet das, dass ihr euer Grundstück mit einem einzigartigen Namen versehen könnt, der es „erinnerungswürdig [und] einfach zu finden“ macht. Zudem sollen sich Spieler in Phase 3 mithilfe eines EPL von jedem Punkt in Earth 2 direkt auf ihr Grundstück teleportieren können. Der Kostenpunkt für einen EPL sind 9.95 $ und nach spätestens 24 Monaten wird, laut Earth2.io, ein noch nicht näher definiertes Abonnement-System für den Betrieb von EPLs eingefügt. Wieder einmal gibt es hier einen enormen Haken: Shane Isaac hatte der Community versprochen, dass EPLs auch für Essence erhältlich sein werden. Erst ab dem Launch des Features wurde klar, dass erst mit der (noch nicht mit einem Release-Datum versehenen) Einführung des Essence-Handelssystems auch die Ingame-Währung für den Kauf benutzt werden kann und viele Spieler damit die besten EPL-Namen und -Orte verpassten. Außer sie griffen erneut zu ihrer Geldbörse. Tatsächlich war die Essence-EPL-Wechselwirkung der Hauptgrund, warum viele Spieler sich überhaupt die zuvor erwähnten Mentars kauften. An dieser Stelle kommen wir auf den passiv-aggressiven Ton des Earth- 2-Teams und insbesondere Shanes zurück. In einem inzwischen berühmt-berüchtigten Dev-Chat, der auf der e2.news veröffentlicht wurde, versuchte die Community, Shane auf seine Aussage und die plötzliche Monetarisierung der EPLs anzusprechen. Was dabei herauskam war, dass der CEO von Earth 2 Perlen von sich gab wie „es ist einfach, Leute – wenn ihr einen EPL für euer Grundstück haben wollt, dann kauft ihn ... wenn ihr keinen haben wollt, kauf keinen. Bekommt Epic so viel Gegenwind, wenn sie einen SKIN veröffentlichen? Kauf es oder lasst es ...“ Dabei ließ er praktischerweise vollkommen außer Acht, dass Epic keine Skins verkauft, die Spielern einen Spielvorteil bieten, diese für Ingame-Währung ankündigt und dann kurz vor dem Launch auf harte Echtwelt-Währung umschwenkt. Äußerungen wie „kein Problem, attackiert mich ruhig weiter, das bin ich gewohnt. Tut mir leid, dass ihr wütend seid, weil wir für etwas Geld nehmen und langfristige Nachhaltigkeit ausarbeiten“ wirken für einen CEO extrem unprofessionell. Weitere grenzwertige Äußerungen sind unter anderem die Weigerung, eine Roadmap zu veröffentlichen, weil er sich nicht an getätigte Aussagen halten möchte, der Wunsch, dass Spieler eigene Scripts fahren und Earth 2 zu einem „Spieler-Hacker-Ort“ wird, sowie ein komplettes Unwissen in Bezug auf geschützte Handelsmarken und deren Verwendung in Earth 2. Seine Antwort auf die Frage, wer entscheidet, ob es erlaubt sei, EPLs wie „Coca-Cola“ und „Lamborghini“ zu wählen, lautet, und wir zitieren: „[...] du musst vermutlich ein wenig Zeit investieren, um das selbst in Erfahrung zu bringen.“ Wir kürzen das Ganze ab und geben die Antwort: Nein. Es ist nicht erlaubt und derjenige, der die Spieleplattform betreibt, haftet für die Einhaltung geltender Gesetze. Es gibt einen Grund, warum die Namensregeln in Onlinerollenspielen so streng durchgesetzt werden. Wir fassen zusammen: Earth 2 besitzt, trotz des Launches von Phase 2, kein einziges „Spiele-Feature“, für das man kein echtes Geld bezahlen muss. Spieler können Juwelen sammeln, EPLs, Mentars und Holobuildings kaufen – und nichts damit tun. Sie können noch nicht einmal damit handeln; die Plattform bleibt weiterhin eine Börse für Mapbox-Fotos. Niemand weiß, wofür Ressourcen benutzt werden, niemand weiß, wofür Essence benutzt wird ... Nur der Cash-Shop wurde weiter ausgebaut.

PHASE 3: DIE GRAFIK-ENGINE UND DAS SPIEL

Mit Phase 3 soll das tatsächliche Spiel eingeläutet werden, sprich die dreidimensionale Darstellung der Erde, in welcher sich die Spieler letztenendes bewegen sollen. Den ersten Blick auf die Engine gab es am 17. Februar 2021, als Earth 2 einen Devstream veröffentlichte, in dem eine Kamerafahrt gezeigt wurde, die von einer Wiese über den Orbit bis hin auf einzelne Blütenblätter zoomte. Wir zitieren: „Die Earth-2-Terrain-Engine ist in der Lage, die gesamte Erde mit extremen Gelände- und Vegetationsdetails zu rendern, die so noch nie in einem Spiel zu sehen waren, mit einer Spielerbewegung, die ohne Ladebildschirme und Artefakte im korrekten Maßstab erfolgt. Und das alles mit hoher Leistung, mit der Option, auf niedrigere Hardware herunterzuskalieren.“ Sehr beeindruckend, wenn man berücksichtigt, dass ein Team aus zwei Dutzend Indie-Developern das größte Problem des Open-World-Genres überhaupt gelöst haben will. Betrachtet man das Ganze auch nur oberflächlich, kommen jedoch Ungereimtheiten ans Tageslicht: Kurz nach dem Start des Videos bei Zeitmarke 12:30 sieht man, dass hier lediglich ein YouTube-Video gestreamt wird; die Developer stellen sogar die Auflösung von „Auto“ auf „1080p60HD“ und starten das Video danach noch einmal neu. Shane Isaac, der CEO von Earth 2, behauptet daraufhin bei Zeitmarke 13:00 und wir zitieren: „Das, ist ... das lädt, das streamt alles in Echtzeit.“ Und bei 13:53 noch einmal: „Erinnert euch dran Leute, das lädt alles in Echtzeit.“ Um an dieser Stelle wieder einmal so klar wie möglich zu sein: Wir sehen hier ein Video. Keine Aufnahme aus dem Editor, kein direkt gestreamtes Gameplay in „Echtzeit“, keinen Hinweis darauf, wie die Spielmechaniken aussehen werden und schlussendlich keinen Beweis für ein funktionierendes Spiel. Doch es wird noch weitaus bizarrer. Am 07. Juni 2021 veröffentlichte Earth 2 das Video „Initial Physics inside the E2 Terrain-Engine“. Hier sehen wir, wie ein Buggy aus dem Asset Store der Unity-En-gine Purzelbäume in einem kleinen Tal schlägt. Ihr glaubt uns nicht? Schaut nach: Die Assets stammen aus dem Unity-Asset-Pack „Unity3d realistic car controller“, achtes Bild von links. Alles, was hier unternommen wurde, ist, das Earth-2-Logo auf die Seite des Buggys zu kleben. Damit wurde auch das große Rätsel um die Grafik-Engine von Earth 2 gelöst: Es ist die Unity-Engine. Das Spiel besitzt also weder eine eigene Engine, noch die Fähigkeit „die gesamte Erde mit extremen Geländeund Vegetationsdetails zu rendern, die so noch nie in einem Spiel zu sehen waren“ – außer, wir haben die Unity-Engine massiv unterschätzt. Übrigens: Wenn ihr wissen möchtet, wie ihr ebenfalls in kurzer Zeit so eine schöne Landschaft auf den Bildschirm zaubern könnt, dann sucht nach dem (sehr empfehlenswerten) Tool „Terraworld Automated Level Designer“ im Unity-Store und werft einen Blick auf die Bilder. Nun müsst ihr nur noch den Buggy kaufen, und schon könnt ihr die Szene aus dem Video nachstellen. Die eigentlichen Leckerbissen verstecken sich jedoch in der Kommentarsektion, wo das Earth-2-Team auf Spielerfragen antwortet. Das Amüsante daran ist, dass hier offensichtlich entweder ein völlig überforderter Community Manager am Werk war, oder ein Bot eingeschaltet wurde, weil sich die Antworten zu neunundneunzig Prozent auf das folgende, wieder und wieder kopierte Statement beschränken: „Hallo, das Fahrzeug und seine Masse oder das Gras/die grafische Umgebung/ Bäume sind nur ein Beispiel, Assets, die für einen Physik-Test benutzt wurden, der verschiedene Aspekte in Relation zueinander zeigt. Wir werden in kommenden Videos mehr Informationen veröffentlichen und dabei auch mehr technische und detaillierte Informationen teilen.“ Ihr habt keine Ahnung, was da gerade eigentlich gesagt wurde? Kein Problem, wir übersetzen gerne: Nichts in diesem Video hat etwas mit dem eigentlichen Spiel zu tun. Was ihr gesehen habt, waren vorgefertigte Assets, die über eine Wiese gerollt sind, nicht mehr. Selbst der Hinweis auf den „Physik-Test“ ist falsch, denn der einzige offizielle Kommentar, der die oben geschriebenen Zeilen nicht mit roboterhafter Monotonie wiederholt, besagt: „Es geht nicht um den Buggy, sondern um das Terrain-Rendering und die Physik. Wie wir in der [Video-]Beschreibung erwähnten, sind der Buggy und die Buggy-Physik nur Placeholder.“ Lassen wir uns dieses Statement auf der Zunge zergehen: Es geht um die Physik – diese ist aber gleichzeitig ein Placeholder. Wir haben es schon einmal in unserem Dreamwold-Artikel gesagt und es kommt auch hier zu Anwendung: So sieht es aus, wenn Entwickler sich absichern wollen, ohne einen Anwalt zurate zu ziehen. Noch einmal zusammengefasst: Earth 2 brachte „Beweise“ für seine Arbeit an Phase 3 heraus, die allesamt weder auf der der groß angekündigten Grafikengine basierten noch auf irgendeine Art und Weise mit den zwei vorhergegangenen Phasen verknüpft waren. Selbst der „Physik-Test“ stellte einen Buggy dar, der sich in einer Unity-Umgebung überschlug, anstatt einen Ausblick auf das eigentliche Gameplay zu geben. Denn bei alledem ist es am wichtigsten sich vor Augen zu halten, dass wir nicht wissen, wie das fertige Spiel aussehen oder was man dort tun wird! Wir wissen nicht, ob es ein 1st-Person- oder ein 3rd-Person-Spiel ist, wir wissen nicht, welche Mechaniken oder Features es besitzt, wir wissen noch nicht einmal, ob man dort Buggys fahren wird, weil laut offiziellen Stimmen jedes einzelne Element in dem Video einen Placeholder darstellt. Damit kommen wir zu Fragen aller Fragen...

IST EARTH 2 EIN SCAM?

Nicht im wahrsten Sinne des Wortes, im übertragenen Sinne aber sehr wahrscheinlich. Lasst uns erklären: Ist das, was Earth 2 verspricht, in vollem Umfang machbar? Mit der aktuellen Technologie nicht, nein. Die Behauptungen über eine revolutionäre Technik sind schlicht und ergreifend Unsinn. Kann man mit Earth 2 Geld verdienen? Ja, kann man durchaus. Das Ganze ist allerdings so riskant, dass wir ausdrücklich davon abraten, auch nur einen Euro in das Projekt zu investieren, da es in dem Finanzsystem von Earth 2 nur eine einzige Entität gibt, welche die absolute Kontrolle über den Markt ausübt: die Entwickler des virtuellen Landes. Noch einmal: Es gibt keine Regularien oder Sicherheiten für Investoren, da das Ganze von keiner Finanzbehörde der Welt als „Investition“ angesehen wird. Leute investieren derzeit Geld in Mapbox-Fotos, in der Hoffnung, dass jemand anderes ihr Foto zu einem höheren Preis kauft. Das ist alles. Hinzu kommt, dass Earth 2 einen Großteil seiner Investoren über ein sogenanntes „Affiliate-Programm“ gewinnt: User können ihren Affiliate -Code posten, der wiederum von einem Interessenten beim Kauf einer Kachel angegeben wird. Der Interessent bekommt einen Rabatt von 5 %, während der Inhaber des Codes eine Kommission von 5 % erhält. Aus welcher Quelle das Geld für diese Kommission kommt, ist derzeit unklar. Dieses aggressive Affiliate-Marketing hat zur Folge, dass Käufer ihrerseits möglichst viele Affiliate-Codes im Internet verteilen wollen, und zwar mit einer klaren Motivation, die darauf basiert, ihre Investition zu schützen. Das hat vor allem eines zur Folge, und zwar, dass Bewertungsbörsen, Foren und Social-Media-Plattformen mit Earth-2-Lob geradezu überschüttet werden. Hinter jeder positiven Bewertung wird natürlich möglichst auffällig ein Affiliate-Code eingefügt. Generell gilt: Sobald ein Artikel oder eine Bewertung einen Affiliate-Code für Earth 2 enthält, sollten augenblicklich eure Alarmsirenen anspringen. Wenn euch das Ganze nun an ein Schneeballsystem erinnert: uns auch. Definitionsgemäß benötigt ein Schneeballsystem eine stetig wachsende Teilnehmer-zahl, während alle Gewinne fast ausschließlich aus der Rekrutierung neuer Teilnehmer und der damit zusammenhängenden Finanzspritze einhergehen. Auch das derzeitige Fehlen eines echten Produktes lässt Earth 2 stark in Richtung Scam rutschen. Dabei wendet Earth 2 gezielt die sogenannte „Induction of behavioural Commitment“ an; eine stete Erinnerung an die Größe des letztendlichen Preises, der in der nahen Zukunft auf den Investor wartet. Durch das Affiliate-System wird die IBC in sozialen Netzwerken weiterverbreitet. Tatsächlich wird sogar ein überwältigender Anteil an Earth-2-Verkäufen auf Social-Media-Plattformen abgewickelt und beworben, weil der Marktplatz auf Earth2.io extrem simpel aufgebaut ist und viele Komfortfunktionen vermissen lässt. Dadurch verbreitet sich die Neuigkeit über eine „einmalige Investment-Gelegenheit“ weit übers Netz. Aber wenn so viele Leute Geld investieren, kann es doch gar kein Scam sein, oder? Sogar berühmte Personen wie Logan Paul sowie der Super-Investor Daymond John aus der amerikanischen Sendung „Shark Tank“ reden über Earth 2, und Wolfgang Walk sowie Dillon Seo sitzen oder saßen im Team – also ist es doch zukunftssicher? Falsch. Das ist ein beliebter Trugschluss, der selbst die Cleversten unter uns ab und zu überwältigt. Nur, weil die Leute massenweise auf etwas hereinfallen, bedeutet das nicht, dass es kein Scam ist. Die Vorschussbetrügerin Elizabeth Holmes überzeugte im Jahr 2011 hochrangige Ex-Militärs und Politiker, darunter General Jim Mattis und Ex-Staatssekretär Henry Kissinger, davon, dass ihr Konzern „Theranos“ eine winzige Maschine erfunden habe, die in Sekundenschnelle akkurate medizinische Resultate ausspuckt, wenn der Patient einen einzigen Blutstropfen hineingibt. Im Jahr 2015 schaffte es Holmes sogar auf das Cover der Zeitschriften New York Style Magazine sowie Fortune und sie wurde als „nächster Steve Jobs“ gehandelt. Als im Jahr 2018 bekannt wurde, dass ihre gesamte Geschäftsidee auf Betrug basierte, brach die Firma praktisch über Nacht zusammen. Die Größe oder Beliebtheit einer „Investition“ gibt keine Auskunft über ihre Zuverlässigkeit. Forscht nach. Seid misstrauisch, bis euch jemand handfeste Beweise liefert. Wer sich tatsächlich in die Höhle des Löwen begibt und mit Mapbox-Fotos handeln möchte, muss damit zurechtkommen, dass es keinerlei Schutzfunktionen in Earth 2 gibt. Im Dezember 2020 und Januar 2021 wüteten sogenannte „Pump and Dump“-Betrüger in Earth 2, die dort ohne Angst vor Strafverfolgung schaufelweise Geld mit Betrug verdienten. Berüchtigte Beispiel waren die Antarktis und der Vatikan, in denen Betrüger in schneller Folge Land kauften und wieder verkauften, um den Preis künstlich in die Höhe zu treiben. Unerfahrene Investoren sahen Preise, die ihnen vorgaukelten, dass das Land extrem begehrt war, kauften die Kacheln – und saßen um Anschluss auf ihren wertlosen Fotos, während sich die Betrüger mit dem Geld aus dem Staub machten. Das geht so weit, dass es inzwischen unzählige Fan-Seiten gibt, die vor Betrügern dieser Art warnen. Vorfälle dieser Art sind jedoch kaum verwunderlich, denn es gibt allen Ernstes ein Leaderboard auf Earth2.io, dass die „reichsten“ Spieler anzeigt. Und da es keine andere Möglichkeit gibt, sich miteinander zu messen, spricht das Leaderboard den Ehrgeiz vieler Käufer an. Alles an Earth 2 wurde explizit designt, um eure FOMO zu steigern und euch bei euren Emotionen zu packen. Wir erinnern uns an die Passage aus unserem Artikel „So erkennt und entlarvt ihr Scam-MMOs auf Kickstarter“ auf pcgames.de: Je mehr Leidenschaft ihr für ein Thema aufbringt, desto einfacher fällt dem Scammer die Manipulation, und je weniger ihr davon versteht, desto schwerer kann der skeptische Teil eures Denkprozesses dagegenhalten. Zeilen wie „werdet Teil der Geschichte“, „erlebt die Geburt der virtuellen Zeitlinie“ oder „unterstützt die virtuelle Zukunft der Welt“ sprechen euer Ego an, während „kreiert eine großartige Gelegenheit für euch, um Profit zu generieren, indem ihr früh einsteigt“ euren Ehrgeiz und eure FOMO gleichermaßen kitzeln. Seid ihr schon einmal über einen bekannten Urlaubsort geschlendert und habt Straßenkünstler dabei beobachtet, wie sie Landesflaggen auf den Boden malen? Ist euch aufgefallen, dass sich die Leute geradezu überschlagen, um mehr Kleingeld auf ihre Flagge zu legen als auf alle anderen? Dasselbe passiert gerade in Earth 2. Sätze wie „seid stolz auf euer Earth2-Land und helft ihm beim Wachsen“, kombiniert mit der Möglichkeit, seine Landesflagge auf den eigenen Kacheln sowie im Leaderboard anzeigen zu lassen, packen euch beim Nationalstolz und schütteln, bis Geld herausfällt. Als kleinen Realitätscheck müssen wir bei alledem etwas Wichtiges klarstellen: Earth 2 unternimmt bei all seinen grenzwertigen Aktionen nie etwas Illegales. Durch seine Selbstdefinition als Spiel und die Zukunftsversprechen sichert sich die Firma rechtlich gesehen gut ab. Earth 2 scheint ein Schneeballsystem, ein Multi-Level-Marketing-Betrug und ein Ponzi-Betrug gleichzeitig zu sein, schwebt aber derzeit in einem so gut ausbalancierten rechtlichen Raum, dass zumindest juristisch gesehen alles mit rechten Dingen zugeht. Trotz allem müssen wir an dieser Stelle vor dem sogenannten „Open- Face-Scam“ warnen, denn diese Art des Betruges muss nicht zwingend strafbar sein: Bei einem „Betrug mit offenem Gesicht“ weiß der Kunde im Kern, dass er etwas Wertloses kauft; der Verkäufer versteht es nur, das Kaufobjekt so aussehen zu lassen, als ob es eine echte Investition darstellen würde. Dabei wird nicht gelogen ... Es wird nur geschickt formuliert und beworben. Land, das auf dem Mond verkauft wird, fällt zum Beispiel in die Kategorie der Open- Face-Scams: Auch, wenn der von den vereinten Nationen im Jahr 1967 in Kraft gesetzte Weltraumvertrag Privatpersonen nicht explizit verbietet, ein Stück des Mondes für sich zu beanspruchen und weiterzuverkaufen, ist der Nutzen oder Wert einer derartigen Besitzurkunde zweifelhaft. Euer Stück Mond-Land besitzt keinen wirtschaftlichen Wert, außer, ihr könnt jemand anderen davon überzeugen, es euch abzukaufen.

BETRUG ODER TRAUMTÄNZEREI: FINALE WORTE

Earth 2 muss nicht zwingend als Scam gedacht sein, aber: Durch die finanzielle Unsicherheit, ein Konzept, das fast ausschließlich auf der Investition von Geld fußt, ein fehlendes Spiel hinter dem Cash-Shop und ein Team, das seine Aufgabe nicht in Ansätzen stemmen kann, funktioniert es wie ein Scam. Bei den Dreamworld-Gründern Zachary Kaplan und Garrison Bellack glauben wir durch den steten (wenn auch extrem unbeholfenen) Fortschritt inzwischen stark daran, dass es sich schlicht um Ahnungslosigkeit anstelle von Böswilligkeit handelt. Durch die massive Monetarisierung von Earth 2, die von Beginn an Teil des Kernkonzeptes war, fällt es uns diesmal jedoch sehr schwer, nicht von Absicht auszugehen. Abschließend sei gesagt: Seit dem Oktober 2021 springen Earth 2 die Investoren ab. Die zehn größten „Grundbesitzer“ haben ihr Land inzwischen mit Rabatten von bis zu 80 % verkauft. Das ist ein katastrophal schlechtes Zeichen für jeden, der sich auch nur ansatzweise im Investment-Bereich auskennt. Wir lassen uns natürlich gerne eines Besseren belehren und werden sofort einen dementsprechenden Update-Artikel schreiben, wenn Earth 2 tatsächlich beginnen sollte, Ähnlichkeit mit dem beworbenen Produkt zu entwickeln. Bis dahin wiederholen wir unser Lieblingsmantra: Wenn sich etwas zu schön anhört, um wahr zu sein, dann ist vermutlich exakt das der Fall. Passt auf euch auf. Und traut nie jemandem, der euch „eine einzigartige Investment-Gelegenheit“ verspricht.