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Schärfe auf den Punkt gebracht


ColorFoto - epaper ⋅ Ausgabe 6/2020 vom 12.05.2020

Fotografieren mit minimaler Schärfentiefe: Maximilian Weinzierl hat die extrem lichtstarke Festbrennweite Nikon Nikkor Z 58 mm 1:0,95 S Noct ausgiebig in der Praxis getestet. Hier sein Bericht und ein paar eindrucksvolle Beispielbilder für das Gestalten mit der malerischen Unschärfe.


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Bildquelle: ColorFoto, Ausgabe 6/2020

Nikons neues Bajonett der spiegellosen Z-Kameras ist größer und hat zugleich weniger Abstand zum Sensor als das F-Bajonett der Nikon SLR-Kameras. Das bringt Vorteile mit sich, z. B. können für das Z-System äußerst lichtstarke Objektive konstruiert werden. Nikons erste lichstarke Festbrennweite für das Z-System ist bezüglich ...

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... der Brennweite ein Normalobjektiv: das Nikon Nikkor Z 0,95/58 mm S Noct. Das Objektiv ist eine Wucht, von der überzeugenden Abbildungsleistung her sowieso (von ColorFoto empfohlen, siehe Labortest in Ausgabe 4/2020), aber auch vom Gewicht (2 Kilogramm) - und vom Preis (9000 Euro). Geliefert wird das Objektiv zusammen mit der anschraubbaren Metall-Gegenlichtblende in einem überdimensionalen wasserdichten Kunststoffkoffer mit maßgeschneideter Schaumstoffauskleidung, der das wertvolle Objektiv vor Stößen, Staub und Schmutz schützt.

Trotz des stattlichen Gewichts liegt das Objektiv-Prachtstück sehr gut in der Hand, die Haptik ist einmalig, die Verarbeitung ausgesprochen hochwertig: Vollmetalltubus, griffiger gefräster Fokusring und ein außergewöhnlich langer Einstellweg. Der Schneckengang läuft erwartungsgemäß butterweich mit leichtem Widerstand, aber ohne jegliches Spiel. Aufwendige Linsenkonstruktion mit Arneo- und Nanokristallvergütung, vier ED-Glas-Linsen, drei asphärische Linsen, Frontlinse mit schmutzabweisender Fluorvergütung und Abdichtungen gegen Staub. Ein Meisterstück des Objektivbaus, das Noct Z hat wahrlich das Zeug zur Objektiv-Legende, hier im Test an der Nikon Z7.

Entzauberung des Motivs Das Aufmacherbild „Cocktailglas mit Blue Curaçao und Frucht-Deko“ wurde im Studio mit dem Z Noct an der Nikon Z7 bei Offenblende 0,95 fotografiert. Der Schärfepunkt liegt am Stielansatz der Cocktailkirsche; der Rest des Bilds verschwimmt in Unschärfe und lässt dadurch dem Betrachter viel Raum für Interpretationen und eigene Fantasien über das Barambiente. Kleines Bild: dasselbe Set fotografiert mit Abblendung auf Blende 16. „Schärfe überall“ zeigt die schnöde Realität der Inszenierung.

Die Holzbrücke bei Essing im Altmühltal Eine der längsten Holzbrücken Europas, fotografiert mit dem Z Noct mit Offenblende 0,95, Belichtungszeit 1/8000 s, ISO 64. Der Schärfepunkt liegt auf der Spitze des Geländerpfostens.


Schöne Unschärfe

Durchgehend scharfe Fotos gibt es genug: Im Normalfall achtet der Fotograf darauf, dass „alles scharf“ eingestellt ist. Dabei ist absichtliche Unschärfe ein starkes Gestaltungsmittel und Unschärfe im Foto eine willkommene Abwechslung in der alltäglichen Bilderflut - noch dazu, wenn die Unschärfe so schön wird wie mit diesem Objektiv. Und echte Unschärfe, die durch ein Objektiv erzeugt wird, ist weit harmonischer als jede digital ins Bild hineingerechnete.

Fokussierung

Das Nikkor Z Noct hat keinen eingebauten Autofokus, es ist rein manuell zu fokussieren. Das geschieht aber durch den sehr langen Einstellweg mit höchster Präzision. Die Schärfe auf den Punkt von Hand einzustellen - und vor allem zu halten (!), ist die Herausforderung. Es erfordert höchste Konzentration und eine gewisse körperliche Anstrengung. Der Schärfeindikator im Sucher (grün/ roter Rahmen) zeigt zwar zuverlässig an, wann der Schärfepunkt getroffen ist, bei minimalen Schwankungen durch den Fotografen oder durch das Motiv geht die Schärfe wieder verloren, d. h., der Indikator flackert dann zwischen Grün und Rot hin und her. Beim Freihandfotografieren mit Offenblende hält man also am besten den Atem an, denn schon der Druck auf den Auslöser kann die Schärfe wieder verreißen.

Details ausblenden Blende 0,95, Belichtungzeit 1/6400 s bei ISO 64 (rechts), um den Zaun im Vordergrund weitgehend auszublenden (vgl. links). Location: Großweingarten im mittelfränkischen Landkreis Roth.


Zu viel Licht

Fotografieren mit Offenblende 0,95 ergibt diese fotogene Unschärfe (Bilder linke Seite) mit einer ganz eng begrenzten Schärfenzone. Schärfe auf den Punkt gebracht: Wo die Schärfe dann in Erscheinung tritt, ist sie absolut. Durch den Sprung der Schärfe erhalten die Bilder eine außergewöhnliche Tiefe und Anmutung (Bild oben). Um bei Sonnenschein allerdings mit Blende 0,95 fotografieren zu können, ist selbst die kürzeste Belichtungszeit der Nikon Z7 (1/8000 s) noch zu lang. Ein ND-Graufilter oder ein Polfilter zur Lichtreduzierung ist also erforderlich.

Ort der friedlichen Begegnung „Misrach“ Zu hell: Das Denkmal von Dani Karavan am Regensburger Neupfarrplatz konnte bei Blende 0,95 und ISO 64 nur mit einem 3-fach-Polfilter zur Lichtreduktion fotografiert werden.


Lichtreduktion Um bei Sonnenlicht mit Offenblende 0,95 fotografen zu können, ist - selbst bei niedrigster ISO-Einstellung - ein ND Grau- oder Polarisationsfilter nötig. Dass dieser von höchster optischer Güte sein sollte, versteht sich bei diesem Objektiv von selbst. Ein Filter zur Lichtreduktion sollte gleich zusammen mit dem Objektiv angeschafft werden. Filtergewinde 82 mm, Schraubfilter.


Ausblenden

Durch die eng begrenzte Schärfentiefe lassen sich unerwünschte Bilddetails ausblenden. Linkes Bildpaar: Der Zaun im Vordergrund wurde hier weitgehend in Unschärfe getaucht, sodass er keinen Blickfang mehr darstellt. Fokussiert wurde dabei jeweils auf die Mitte der Hausfront.

Sachaufnahmen

Stilllife-Inszenierungen im Studio, wie das Aufmacherbild und das Foto von der Phalaenopsis-Orchidee, erhalten mit Blende 0,95 einen ganz besonderen Touch. Nur ein winziges, aber bildwichtiges Detail ist scharf abgebildet, der Rest verschwindet in duftiger Unschärfe. Ergebnis sind sehr symbolhafte, stimmungsvolle Bilder.

Freistellungspotenzial Die Orchidee wurde bei Naheinstellgrenze (ca. 30 cm ab Frontlinse) mit Blende 0,95 fotografiert. Der Schärfepunkt liegt auf dem gelben Callus. Mit Stativ und Blitzanlage.


Stativ Zur schnellen Befestigung auf dem Stativ wurde die Stativschelle des Objektivs mit einer stabilen Kupplungsplatte versehen. Stativsystem: Novoflex TrioPod mit Kugelkopf Magic Ball 50, Schnellkupplung Q=Mount und QPL1-Platte.


Stativverwendung

Wegen der sehr geringen Schärfedimension - die vor allem im Nahbereich schnell einmal durch minimales Schwanken nach hinten oder vorne verlassen wird - ist die Verwendung eines Stativs angebracht. Mit Stativ lässt sich konzentrierter arbeiten, und die Schärfe kann mithilfe der höchsten Auschnittsvergrößerung exakt am Kameramonitor eingestellt werden. Das Objektiv hat eine eigene Stativschelle, damit das Kamerabajonett nicht überlastet wird

Normalobjektiv

Das Nikkor Z 58 mm 1:0,95 S Noct kann selbstverständlich auch für Alltagsmotive als Normalobjektiv eingesetzt werden. Bei Abblendung auf 4,0 bis 5,6 erreicht es seine Höchstleistung. Dann verschwindet auch der leichte Randabfall bei Offenblende, Auflösung und Kontrast steigern sich bis in die Bildecken (Bild rechts oben). Doch das Z Noct ist eigentlich zu schade, um damit nicht mit Offenblende zu fotografieren. Wer bei diesem Objektiv abblendet, der kann auch gleich mit dem budget- und kraftschonenden Nikkor Z 50 mm 1:1,8 S fotografieren. Beide Normalobjektive liefern bei Blende 4,0 bis 5,6 eine vergleichbare Abbildungsqualität auf höchstem Niveau.

Nachtaufnahmen

Bei Lowlight-Aufnahmen mit Offenblende kann das Z Noct seinen Lichtvorteil voll ausspielen. Das Bild von der Steinernen Brücke bei Nacht wurde trotz längerer Belichtungszeit aus der Hand fotografiert (was dem leistungsfähigen Bildstabilisator der Nikon Z7 zu verdanken ist).

Die Abbildungsleistung ist selbst unter diesen Umständen überragend: Detailtreue, überwältigende Schärfe, Kontrast und Brillanz - keinesfalls selbstverständlich bei Fotos, die mit ultralichtstarken Objektiven bei Offenblende aufgenommen werden. Feine Strukturen werden extrem detailgenau abgebildet, und die punktförmigen Lichtquellen im Bild sind auch sehr ansprechend wiedergegeben - mit einem zarten Schmelz.

Einsatz als Normalobjektiv Die landwirtschaftliche Siloanlage auf freiem Feld wurde mit Blende 5,6 und Belichtungszeit 1/400 s bei ISO 64 aufgenommen. Scharfstellung auf die Bildmitte.


Nachteinsatz Die nächtliche Aufnahme der Steinernen Brücke in Regensburg entstand mit Blende 0,95 und 1/5 s Belichtungszeit bei ISO 200. Scharfgestellt wurde auf die Bildmitte.


Fazit

Ein lichtstarkes Objektiv der Spitzenklasse, das Herausforderungen an das Können des Fotografen stellt. Das Nikkor Z 58 mm 1:0,95 S Noct ist sicherlich kein Schnellschussobjektiv. Nichtsdestotrotz, ist es ein absolutes Traumobjektiv und liefert faszinierende Fotos.