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Schatten über meiner Familie


myself - epaper ⋅ Ausgabe 9/2019 vom 14.08.2019

Manche Dinge kann man nicht mal mit denen teilen, die einem am allernächsten stehen. Drei Geschichten über große Geheimnisse — und wie Familien am besten damit umgehen


Artikelbild für den Artikel "Schatten über meiner Familie" aus der Ausgabe 9/2019 von myself. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: myself, Ausgabe 9/2019

„Ich habe ein behindertes Baby abgetrieben“

Tamara, 31, Beamtin, erfuhr in der 14. Schwangerschaftswoche, dass ihr Baby das Down-Syndrom haben würde, und entschied sich für eine Abtreibung. Ihre Mutter denkt bis heute, dass es eine Fehlgeburt war

Alex und ich waren gerade mal ein Jahr zusammen, da wurde ich schwanger. Ich war unsicher, ob ich reif genug wäre für ein Kind, aber je länger wir darüber sprachen, desto mehr Mut fasste ich. ...

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... Irgendwann sagte Alex: „Wir werden eh eines Tages Eltern, jetzt werden wir es halt ein bisschen früher.“ Mit diesem Satz hatte er mich. Also erzählten wir unseren Familien davon. Ihre Begeisterung hat uns in unserer Zuversicht noch bestärkt. Nach zwölf Wochen sahen wir unser Baby zum ersten Mal auf dem Ultraschall. Alex und ich heulten abwechselnd vor Rührung und Aufregung. Wir würden Eltern, plötzlich schien es so greifbar.

Doch beim nächsten Termin veränderte sich der freudige Blick meiner Ärztin, sie rief ihre Kollegen dazu, alle beugten sich über den Bildschirm, machten ernste Minen, tauschten unverständliche Fachbegriffe aus. Alex und ich wechselten nervöse Blicke. Es dauerte eine Ewigkeit, bis sie sich wieder zu uns wandten – ich müsse mich weiteren Untersuchungen unterziehen, es bestünde da ein Risiko: Mit sehr großer Wahrscheinlichkeit sei unser Kind behindert.

Behindert. Unser Kind. Ein Downie. Nein, unmöglich, ein Kind mit Down-Syndrom würden wir nicht bekommen. Dafür waren wir nicht bereit. Auf der anderen Seite: Konnten wir wirklich so brutal sein?

Erst mal schlichen wir nach Hause, sprachen kaum miteinander. Was auch sagen? Wo war dieses winzige Rädchen, an dem wir drehen mussten, damit sich dieser Horrorfilm in Richtung Happy End abspulte? Irgendwann fing ich an zu weinen und hörte drei Tage lang nicht mehr auf.

Kurz darauf hatten wir einen Termin bei einer Beratungsstelle. Dann ging alles ganz schnell. Letztlich war ich froh, dass mir nicht viel Zeit zum Grübeln gelassen wurde.

Unsere Entscheidung haben wir zu zweit getroffen, ohne jemanden um Rat zu fragen. Nach der Abtreibung erzählten wir engsten Freunden davon. Alle reagierten verständnisvoll, auch wenn sie selbst womöglich anders gehandelt hätten. Auch Alex’ Familie stand hinter uns.

Nur meiner Mutter konnte ich es nicht erzählen, bis heute nicht. Sie ist streng katholisch, niemals käme eine Abtreibung für sie infrage. Wie sollte ich ihr gestehen, dass ich gesündigt habe? Schlimmer als die Schuld, das Kind abgetrieben zu haben, wiegt die Schuld gegenüber meiner Mutter.Der Druck, ein Geheimnis vor ihr zu verbergen bis an ihr Lebensende.

Manchmal nimmt sie mich in den Arm, wenn sie spürt, dass ich traurig bin, und sagt, diesen Kummer hätte ich nicht verdient. In solchen Momenten fühle ich mich noch schäbiger, weil eine innere Stimme ihr antworten möchte: „Ich hab es genau so gewollt.“ Also schweige ich. Zum Glück konnte diese Entscheidung unserer Beziehung nichts anhaben. Wir denken darüber nach, es noch einmal zu probieren. Aber dieser Schatten einer Schuld wird meine Mutter und mich immer begleiten.

„Schlimmer als die Schuld, das Kind abgetrieben zu haben, wiegt die gegenüber meiner Mutter“

„Ich weiß nicht, wer der Vater meines Sohnes ist“

Julie, 37, Grafikdesignerin, hat zwei Söhne, sechs und zwei Jahre alt. Wer der Vater ihres jüngsten Sohnes ist, weiß sie nicht

Niemand ahnt, wie mich dieser Satz jedes Mal trifft. Ein Hieb. „Deine Söhne sind ihrem Vater ja wie aus dem Gesicht geschnitten“, sagen die Leute zu mir. Und sie meinen es freundlich. Aber ich fühle mich schuldig.Denn ich weiß nicht, ob mein Mann Robert auch der Vater meines zweiten Kindes ist. Wir lernten uns mit 15 Jahren kennen und haben mit 26 geheiratet. Kurz nachHaumeinem 30. Geburtstag bekam ich unseren Sohn Jack.Der Beginn einer harten Zeit: Ich litt unter heftigen postpartalen Depressionen, hasste mein Leben und machte auch Robert für meinen Zustand verantwortlich. Wir stritten wie noch nie. Trotzdem entschieden wir uns für ein zweites Kind. Aber zwei Jahre lang wurde ich einfach nicht schwanger. Mein Leben schien nur noch aus Eisprungtests zu bestehen.

In dieser Zeit lernte ich Jakob kennen, er arbeitete in derselben Bürogemeinschaft. Er war sexy. Wir verstanden uns blendend, irgendwann flirteten wir auch. Endlich fühlte ich mich wieder begehrenswert und schön. Dass mehr daraus werden würde, daran dachte ich gar nicht. Aber als Robert und Jack einmal übers Wochenende zu seinen Eltern fuhren, gingen Jakob und ich nach Feierabend auf einen Drink aus. Es wurden einige mehr, und wir landeten im Bett. Mit Jakob zu schlafen war wie ein Befreiungsakt. Ich hatte überhaupt keine Skrupel. Was soll’s, ein One-Night-Stand halt, dachte ich. Nach zwei Monaten schliefen wir noch mal miteinander.

Drei Wochen später hielt ich einen positiven Schwangerschaftstest in der Hand. Ich war total neben der Spur. Ich fühlte mich schäbig, womöglich betrog ich gerade zwei Männer. Und zugleich war ich unendlich glücklich: endlich noch mal schwanger! Was, wenn das hier meine letzte Chance war?

Ich entschied mich für eine radikale Zäsur. Ohne mich groß zu erklären, gab ich meinen Büroplatz auf, sah Jakob nie wieder. Während dieser Schwangerschaft war ich oft kurz vorm Durchdrehen, wenn ich daran dachte, dass sich Jakob und Robert kein bisschen ähnlich sahen. Als mein Sohn geboren wurde, wusste ich: Ich hatte das Richtige getan. Vom ersten Augenblick war ich in ihn verliebt, ich vergaß sogar, mögliche Ähnlichkeiten zu überprüfen. Robert hielt unser Kind auf dem Arm, und ich spürte: So soll es sein. Und auf eine seltsame Art ist das bis heute so. Ich bin trainiert darin, Zweifel zu verdrängen. Ich habe nie einen Vaterschaftstest gemacht. Wozu? Wir sind eine glückliche Familie. Nur ganz selten schauert es mich, und ich stelle verblüfft fest, wie leichthändig mir ein Leben gelingt, das auf einer Täuschung beruht. Vielleicht.

„Ich wusste von der Affäre meiner Mutter – mein Vater nicht“

Alice, 29, war 17, als ihre Mutter sie in die Beziehung zu einem Kollegen einweihte

Meine Mutter war meine Freundin und meine Heldin. Wir standen uns sehr nahe. Ich war ihr einziges Mädchen – außer mir gibt es noch zwei Brüder. Mama und ich vertrauten einander alles an: Sie war die Erste, der ich von meinem ersten Mal erzählte; sie offenbarte mir im Gegenzug ihre Eheprobleme mit meinem Vater. Ist so etwas unangemessen? Befremdlich? Ich empfand es nicht so.

„Meine Mutter rettete ihre Beziehung auf meine Kosten“

Als sich meine Mutter Hals über Kopf in einen Arbeitskollegen verliebte, schwärmte sie nicht ihren Freundinnen von diesem Mann vor, sondern mir. Ich gönnte meiner Mutter ihre Verliebtheit. Ich fühlte mit und war geschmeichelt von ihrem Vertrauen. Ich dachte: Was mein Vater nicht weiß, kann ihn auch nicht verletzen. Die Stimmung zu Hause hatte sich mit der Affäre meiner Mutter schlagartig entspannt.Der andere Mann half ihr, mit dem Frust, den sie zu Hause empfand, zurechtzukommen. Es waren gute, fröhliche Zeiten. Doch nach etwa drei Jahren verließ der Liebhaber meine Mutter für eine andere. Sie war tief getroffen. Ich wohnte damals nicht mehr bei meinen Eltern. Von wem sie sich diesmal trösten ließ? Keine Ahnung. Die Spannungen zwischen meinen Eltern nahmen wieder zu – bis bei einem Streit alles herauskam: auch dass ich von der jahrelangen Affäre meiner Mutter gewusst hatte.

Nun war mein Vater völlig am Boden zerstört. Er rief mich an, schrie ins Telefon, wie sehr er sich auch von mir betrogen fühlte. Ich brüllte zurück, dass er sich doch eh nie für mich interessiert habe. Am Ende nahm die Beziehung zwischen meinem Vater und mir den deutlich größeren Schaden. Meine Eltern überwanden ihre Krise, irgendwie. Vielleicht verdrängen sie auch nur. Doch mit mir redet mein Vater nur das Allernötigste. Er ruft nie an, schreibt keine Nachrichten. Schicke ich ihm eine, reagiert er ab und an. Höflich, aber ohne Herzlichkeit. Auch das Verhältnis zu meiner Mutter hat sich komplett gewandelt: Ich nehme ihr übel, dass sie ihre Beziehung auf meine Kosten gerettet hat. Sie hatte mich als Projektionsfläche für seine Wut angeboten, er hatte angenommen. So konnten sie weitermachen. Natürlich waren auch meine Brüder stinksauer auf mich. Und auf meine Mutter, die ihnen weniger Vertrauen geschenkt hatte als mir. Erst seitdem wir Kinder eigene Familien gegründet haben, entspannt sich die Situation. Wir Geschwister sind wieder vertrauter miteinander.


FOTO: BIRTHE PIONTEK, „#03“ AUS DER SERIE „HER STORY“, 2016