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SCHATZ DER NATION


Rolling Stone - epaper ⋅ Ausgabe 4/2019 vom 28.03.2019

Vor 50 Jahren wurdeJOHNNY CASH mit seinem Auftritt im Gefängnis San Quentin, dem Schulterschluss mit Bob Dylan, seiner Fernsehshow und einem Konzert bei Richard Nixon zum amerikanischen Superstar


Artikelbild für den Artikel "SCHATZ DER NATION" aus der Ausgabe 4/2019 von Rolling Stone. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Rolling Stone, Ausgabe 4/2019

Etwas mulmig: Johnny Cash vor dem Knast-Konzert in Folsom


FOTOS VON JIM MARSHALL

WIE GEHT EIN COUNTRY-SONG RÜCKWÄRTS? Die Frau kommt zurück, die Whiskeyflasche ist wieder voll, und der Hund lebt weiter. In einem Stück von Johnny Cash bräuchte es einige Umkehrungen mehr.

Als er zehn Jahre alt war, starb sein Bruder Jack in Dyess/Arkansas, wo die Familie eine Baumwollfertigung betrieb, nach einem Unfall an einer ...

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... Kreissäge. Der Vater fragte: „Wo bist du gewesen?“ Seitdem quälten Johnny die Schuldgefühle.

Jack Garrett, der Geliebte seiner Schwester Louise, versank 1942 mit dem PanzerkreuzerHouston, wurde von einem japanischen Kriegsschiff geborgen und wieder ins Meer geworfen, wo die meisten seiner Kameraden von Haien gefressen wurden. Garrett überlebte, weil er von einem japanischen Frachter aufgenommen wurde. Drei Jahre war er in einem Kriegsgefangenenlager in Thailand. Niemand wusste von seinem Verbleib. Nach dem Ende des Krieges kehrte er 1945 nach Arkansas zurück. Er war 1,80 groß und wog 45 Kilogramm. Johnny Cash erkannte ihn nicht. Louise hatte derweil geheiratet und sich soeben von ihrem Mann getrennt.

Im Jahr 1960 starb der Country-Sänger Johnny Horton, ein Freund von Johnny Cash und Ehemann von Hank Williams’ Witwe Billie Jean, bei einem Autounfall, als ein betrunkener Lastwagenfahrer auf der Gegenspur den Mittelstreifen überfuhr und sein Auto rammte.

„He’s a walking contradiction, partly truth and partly fiction“, singt Kris Kristofferson in „The Pilgrim, Chapter 33“, der sich in den späten 60er-Jahren in den Columbia-Studios von Nashville verdingte, um Cash seine Songs anzudienen, was ihm eigentlich untersagt war. Cash war freundlich zu dem jungen Mann, aber dessen Kassetten warf er angeblich in den See bei seinem Haus in Hendersonville außerhalb von Nashville - wie all die anderen Kassetten. Kristofferson leistete in der National Guard seinen Wehrdienst als Helikopterpilot und landete eines Tages mit dem Hubschrauber auf Cashs Grundstück, um ihm einen Song zu bringen - in der einen Hand eine Kassette, so geht die Mär, in der anderen eine Dose Bier. „Ich hatte kein Bier in der Hand, und der Song war nicht , Sunday Morning Comin’ Down‘. Und Cash war nicht zu Hause oder versteckte sich“, sagte Kristofferson später.

1968 war ein verdammt gutes Jahr für Johnny Cash gewesen. Im Februar war er im Folsom Prison bei Sacramento aufgetreten, und der Live-Mitschnitt erreichte im Sommer Platz 1 der Charts. Cash war süchtig nach Amphetaminen und vor dem Auftritt im Knast so aufgeregt, dass er im Hotel mehrere Pillen schluckte: „Ich habe an jenem Morgen mehr Tabletten genommen als in meinem ganzen Leben.“ Und er hatte in seinem Leben schon sehr viele Tabletten genommen. Bei seinem Auftritt begleitete ihn June Carter, die er bereits Anfang der 50er-Jahre im Ryman Auditorium in Nashville bewundert hatte, wo sie an der Seite von Ernest Tubb auftrat. 1961 lernte er sie bei einer Tournee kennen, die beiden verliebten sich, Carter heiratete einen anderen Mann, Cash verließ seine Frau Vivian und seine vier Töchter, er machte June immer wieder Anträge. In einem Hockey-Stadion im kanadischen London/Ontario fragte Johnny sie schließlich auf der Bühne, eine Szene, die in dem Film „Walk The Line“ als emotionale Erpressung gezeigt wird. Cashs Bassist Marshall Grant hielt den Antrag für einen „Show-Gag“.

„At Folsom Prison“ wirkte weit über die Country-Gemeinde hinaus. „Cosmopolitan“ informierte darüber, dass Cash „sich in keine Schublade mehr stecken lässt“, und „Time“ lobte „eines der originellsten und fesselndsten Pop-Alben des Jahres“. Im ROLLING STONE erklärte Jann Wenner nonchalant, Cashs Musik sei Rock’n’Roll, immerhin spiele Carl „Blue Suede Shoes“ Perkins in seiner Band. Cash verbinde viel mit einem jüngeren Songschreiber: Er und Bob Dylan „stammen aus derselben Tradition, sie sind gute Freunde, und das Werk des einen sagt viel über das Werk des anderen aus“. Freunde waren sie noch nicht, aber sie hatten denselben Produzenten, Bob Johnston, den Statthalter von Columbia in Nashville.

Im Frühjahr 1968 reisten June und Johnny mit einem Tonbandgerät nach Israel, um ihre Gedanken aufzuzeichnen, und anschließend stellten sie das Album„The Holy Land“ zusammen, auf dem Cash frömmlerische Songs - und Carl Perkins’ treuherziges „Daddy Sang Bass“ - singt. Bob Johnston sah es pragmatisch. „Wenn Johnny Cash unter einer Ulme stehen und Jingle Bells‘ singen wollte, hätte ich das gutgeheißen. Man muss an seine Künstler glauben.“ Cash schrieb den Gospel-Song „He Turned The Water Into Wine“.

Im August 1968 starb Luther Perkins, der Gitarrist von Cashs Begleitband, an Verbrennungen, nachdem er in seinem Haus mit einer Zigarette eingeschlafen war. Perkins war alkohol- und tabletten süchtig. In jener Nacht hatte er Cash angerufen, doch der fuhr nicht zu dem Haus am Old Hickory Lake. Im September starben zwei Söhne von Roy Orbison, Cashs Freund aus der Zeit bei Sun Records, im Nachbarhaus der Cash-Familie bei einem Brand, den sie beim Zündeln mit einer Schaumspraydose ausgelöst hatten. Das Haus brannte bis auf die Grundfesten ab. Orbison, der auf einer Tournee gewesen war, wollte dort nicht mehr leben - Cash kaufte das Anwesen und legte einen Obstgarten an. Er engagierte den Lastwagenfahrer Bob Wootton als Gitarristen, nachdem er ihm in der Garderobe „Folsom Prison Blues“ und „I Walk The Line“ vorgespielt hatte. Wootton heiratete später Anita Carter, Junes Schwester, mit der Cash womöglich eine Affäre hatte. Johnny Cash war jetzt 36 Jahre alt und ein amerikanischer Held. „Ich war stolz auf ihn“, sagte sein Entdecker Sam Phillips, der Gründer von Sun Records, dessen Label Cash freilich schon 1957 für einen Vertrag bei Columbia verlassen hatte. Zum Jahresende 1968 schrieb Cash seine Epistel „An mich selbst“: „Ich glaube, dass dieses Jahr in vielerlei Hinsicht das beste meines Lebens war. Es war ein nüchternes, ernsthaftes Jahr. Und wahrscheinlich sowohl das geschäftigste als auch das befriedigendste Jahr meines Lebens.“ Seine Gage sei von 4000 auf 12.000 Dollar gestiegen.

Cash war sowohl für als auch gegen den Vietnamkrieg. Wie John Wayne besuchte er die Truppen in Asien, und er sagte zu seinem Bruder Tommy: „Vielleicht sterben sie für eine Sache, die nicht gerecht ist.“ In Vietnam traf er Reverend Jimmie Snow, den Sohn des Country-Stars Hank Snow, früher selbst Musiker. „Wir unterhielten uns vier oder fünf Stunden über Gott“, so Snow. „Johnny sagte, er habe sich von seinem Glauben entfremdet und wolle nun wieder zurückfinden, wisse jedoch nicht, wie. Ich nahm seine Hand und sagte: „Lass uns beten.“

Johnny Cash war schon dreimal im Gefängnis von San Quentin aufgetreten. Der Journalist Geoffrey Cannon, der für den britischen Fernsehsender Granada Television arbeitete, fragte bei Cashs Manager Saul Holiff nach einem weiteren Konzert im Folsom Prison, um daraus eine Studie über Country-Musik und Gefängnisleben zu machen. Holiff musste Cannon enttäuschen: Cash wolle nicht noch einmal dort auftreten. Aber er werde noch einmal in San Quentin spielen. Das Konzert war für den 24. Februar 1969 geplant. Columbia war nicht begeistert von der Vorstellung eines weiteren Gefängnisalbums, erklärte sich aber damit einverstanden. Holiff war auch an dem Film interessiert, weil er seit Jahren versuchte, eine Johnny-Cash-TV-Show an einen amerikanischen Sender zu verkaufen. Nun war er kurz davor, mit ABC abzuschließen. CBS hatte bereits Glen Campbell.

Schlussapplaus in San Quentin; der berühmte Mittelfinger


FOTOS: JIM MARSHALL ARCHIVE / REEL ART PRESS

June Carter beim Warten in der Knast-Küche mit den Statler Brothers

FOTO: JIM MARSHALL ARCHIVE / REEL ART PRESS

VOR DER REISE NACH KALIFORNIEN BRACHTE BOB Johnston in Nashville seine beiden Klienten, das alte Regime und das neue, zusammen. Während Bob Dylan„Nashville Skyline“ aufnahm, hatte Johnston für Cash eine eigentlich unnötige Session im selben Studio gebucht. Abends besuchte Dylan ihn, sie gingen zusammen essen, und als sie zurückkamen, hatte Johnston einige Stühle und Tische samt Publikum zu einer Art Cafe arrangiert. Neben „One Too Many Mornings“ und Dylans neuem Stück „Girl From The North Country“ (das Duett erschien schließlich als einziger Song aus den Sessions auf„Nashville Skyline“) spielten sie lose Improvisationen von „Big River“, „I Still Miss Someone“, „That’s All Right“ und „Matchbox“, zwei Stücke von Jimmie Rodgers und einige Gospelsongs. Sie versangen und verspielten sich. Sie harmonierten nicht. Columbia wollte diese Fingerübungen nicht auf Platte veröffentlichen. Cash bezeichnete die Stücke später als „minderwertig“ und verschob den Unmut generös zu Dylan: „Ich glaube, Bob war es peinlich, und ich mache ihm deshalb keinen Vorwurf.“

San Quentin, gegenüber von San Francisco an der Bucht gelegen, war die einzige kalifornische Strafanstalt mit einem Todestrakt. Bei einem früheren Konzert Cashs saß Merle Haggard im Publikum, was Cash nicht wusste. Als sie nach Kalifornien aufbrachen, legte June Carter einen skurrilen neuen Song des Autors und Karikaturisten Shel Silverstein zum Gepäck, „A Boy Named Sue“. Silversteins sardonisches „25 Minutes To Go“ war auf„Folsom Prison“ erschienen. Cash selbst schrieb zwei Songs für den Anlass: „Starkville City Jail“ verdankte sich seiner Verhaftung in, jawohl, Starkville/Mississippi im Jahr 1965 (Trunkenheit), und „San Quentin“ ist ein Homerun, der in einer Art Rollenprosa den Insassen aus der Seele sprechen soll: „San Quentin, I hate every inch of you/ And I’ll walk out a wiser, weaker man/ Mister Congressman, why don’t you understand?“ In San Quentin brachte man Cash stolz das Besinnungslied eines Häftlings, T. Cuddy, „I Don’t Know Where I’m Bound“. Cash versprach, sich den Vortrag zu überlegen - und natürlich trug er das Stück vor.

Carl Perkins gab am 24. Februar 1969 mit „Blue Suede Shoes“ das Vorspiel, bevor die Statler Brothers und die Carter Family mit Mutter Maybelle und June auftraten. June Carter, mit einem strengen schwarzen Kostüm angetan, hielt mit piepsiger Stimme einen launigen Vortrag, der schweigend aufgenommen wurde. Endlich enterte Cash die Bühne, entbot guttural sein „Hello, I’m Johnny

Cash!“ und begann mit dem unschlagbaren „Big River“, sang „I Still Miss Someone“ und „Wreck Of The Old ’97“ und teilte vor „I Walk The Line“ mit, dass der Auftritt „für England“ mitgeschnitten werde. Ein respektvolles Raunen ging durch die 1400 Zuhörer. England war hier etwas sehr Exotisches. Vor dem Medley von „The Long Black Veil/ Give My Love To Rose“ kündigte Cash das Stück über San Quentin an, und anschließend bat er um ein Glas Wasser und fragte unnötig: „Is the water good in here? Oh man!“

Dann spielten die Tennessee Three eine galoppierende Fassung des „Folsom Prison Blues“ und eine fulminantes „Orange Blossom Special“. June Carter kam für ein gewinnend derbes „Jackson“ und John Sebastians „Darlin’ Companion“ auf die Bühne. Die Carter Family sang lauthals „Break My Mind“. Zu T. Cuddys ebenso schlichtem wie kurzem „I Don’t Know Where I’m Bound“ („Wer hätte gedacht, dass es hier Musik gibt?“) spielten die Tennessee Three die einfachste Begleitung, und wie immer, wenn es einfach war, war Cash sehr gut. Die Delinquenten interessierte es weniger. Das Stück rockte nicht.

Jetzt erinnerte Cash in einer Ansprache an den verstorbenen Luther Perkins, kündigte unter Gelächter ein neues Stück mit dem Titel „A Boy Named Sue“ an und erzählte den Schwank von seiner Verhaftung in Starkville („I was whistling and picking flowers“) - eine harmlose Schelmengeschichte, ein Schwank wie vom Kasper und dem Wachtmeister und so plausibel und unbedingt wahr wie ungefähr jede Anekdote aus Cashs Leben.

Nach der etwas geflunkerten Ansage „I wrote a song yesterday“ intonierte Cash „San Quentin“ - ein Gefängnishasslied, das die Zuhörer so in Ekstase versetzte, dass sie auf die Tische stiegen, was natürlich verboten war. Die Wächter in der Kantine waren in Alarmstimmung. Bob Johnston beobachtete den Aufstand von der Seite: „Er hätte nur ,Los geht’s!‘ rufen müssen, und es wäre zum gewaltsamen Aufstand gekommen. Hinterher sagte er mir: ,Ich war versucht.““ Cash wäre verhaftet worden!

Statt dessen kam das launige „Wanted Man“, das er mit Bob Dylan auf einen Bierdeckel geschrieben hatte, Carl Perkins brachte „Restless“, bevor Cash das wahrhaft verwirrende und an diesem Ort womöglich etwas heikle „A Boy Named Sue“ sang. Es folgten Auftritte von Carl Perkins, den Statler Brothers, schließlich „Ring Of Fire“ mit Cash und der Carter Family und ein bacchantisches Finale mit allen Beteiligten, „Daddy Sang Bass“ und einem patentierten Medley, darin noch einmal „Ring Of Fire“ und „Folsom Prison Blues“.

Die Fernsehleute reisten begeistert nach London zurück und schnitten den Knastkonzertfilm. Sie hatten alles über den Zusammenhang von Country Music und Gefängnis gesehen. June Carter und Johnny Cash schlossen einen Vertrag mit einem neuen Konzertveranstalter, Lou Robin, der ihnen nach einem Auftritt in Oakland einen Bonus von 5000 Dollar überreichte. „Sie waren so bewegt, dass sie weinten“, sagt Robin.

ABC kaufte die Johnny-Cash-Show. Cash bat Bob Johnston, Dylan für die erste Sendung zu einem Auftritt zu bewegen. Nach Johnstons Erinnerung sagte Dylan: „Bob, ich habe nichts anzuziehen.“ Johnston besorgte „einen weißen Anzug, der zu lang war, und einen schwarzen, der zu kurz war“. Am 1. Mai 1969 reiste Dylan in Nashville an, er und seine Frau Sara wohnten bei den Cashs. Vor der Aufzeichnung standen lange Schlagen vor dem Ryman Auditorium, der Kathedrale der Country Music. Dylan fühlte sich unwohl. Er sang „I Threw It All Away“ von„Nashville Skyline“, den neuen Song „Living The Blues“, dann „Girl From The North Country“, das Duett mit Cash, und war erleichtert, als es vorbei war. Sie saßen vor einer behaglichen Steinwandkulisse. Ursprünglich hatten die Produzenten einen falschen Bauernhof vorgeschlagen.

„AtSan Quentin“ erreichte im Sommer Platz 1 der Album-Charts, „A Boy Named Sue“ Platz 2 der Singles-Charts. Cash nahm einen Song von Kris Kristofferson auf, „To Beat The Devil“, sang mit ihm beim Newport Folk Festival und trat im Madison Square Garden auf, er spielte in dem Film „Trail Of Tears“ einen Cherokee-Indianer und freundete sich mit dem Prediger Billy Graham an. In seinem Brief an sich selbst zum Jahresabschluss notierte er die gestiegenen Verkäufe, die gewonnenen Country Music Awards („alle fünf“), die Fernsehshow, seine Reisen, Billy Graham, die künstlerischen Abendessen (mit Joni Mitchell, Linda Ronstadt, Mickey Newbury und anderen Gästen der Fernsehshow) und den Umzug seiner Eltern von Kalifornien nach Hendersonville. Weihnachten hatte er das Rauchen aufgegeben: „Ob ich das wohl durchhalte?“

Im Frühjahr 1970 Jahr sang Cash im Weißen Haus bei Richard Nixon, der ihn für die Stimme der schweigenden Mehrheit hielt - aber nicht die vom Präsidenten gewünschten Lieder „Okie From Muskogee“ und „Welfare Cadillac“, ein albernes Witzlied. Er lavierte sich aus der Affäre und intonierte vor 250 Gästen und seinen Eltern mit biblischem Ingrimm „What Is Truth?“: „This old world’s wakin’ to a new-born day/ And I solemnly swear that it’ll be their way/ You better help the voice of youth find ,What is truth? ‘/ And the lonely voice of youth cries: ,What is truth?‘“

Richard Nixon saß in der ersten Reihe und guckte starr geradeaus. Er hatte verstanden.

Sämtliche Fotos von Jim Marshall, der bei den Auftritten in Folsom und San Quentin der einzige Fotograf war, sind in dem Bildband „Johnny Cash At Folsom & San Quentin“ versammelt (Reel Art Press, 49,95 Euro)


FOTO: JIM MARSHALL ARCHIVE / REEL ART PRESS