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Schatz-Hüter


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Yacht Classic - epaper ⋅ Ausgabe 1/2023 vom 07.12.2022
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Die Michelsen-Werft ist seit 1925 auf einem vormaligen Dornier-Gelände zu Hause

"Auf den Klassiker-Werften am Bodensee treffen Eigner auf passionierte Holzbootsbauer, die ihr Wissen auch gern weitergeben ...!"

Sylvie Schneider – die Eignerin zweier Klassiker ist Ansprechpartnerin des Freundeskreises Klassische Yachten für den Raum Süddeutschland

Deutschlands größtes Binnengewässer wurde schon lange von Berufsschiffern befahren, als sich Mitte des 19. Jahrhunderts einige Herren mit Booten auf den Bodensee begaben, um zum puren Vergnügen Segel zu setzen.

Mit 273 Kilometer Uferlänge und 536 Quadratmeter Fläche war das landschaftlich reizvolle Revier im Herzen Europas wie geschaffen für den neuen Sport, dem die während der Industrialisierung wachsende Schicht des gut betuchten Bürgertums unter blaublütiger Schirmherrschaft frönte.

Seit Jahrtausenden schon war der „Lacus Bodamicus“ als Verkehrsfläche das Zuhause der Lädinen – besegelte Lastkähne, die Waren und sowohl zwei- als auch ...

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... vierbeinige Passagiere beförderten. Nun schipperten Herren mit Krawatte und Stehkragen des Sonntags über den See und verdienten nicht dabei, sondern gaben, im Gegenteil, dafür sogar noch Geld aus. Und das nicht zu knapp.

Die Boote kamen von Werften an der Küste, in Hamburg und Berlin, oder man erwarb gebrauchtes Material auf benachbarten Revieren. Recht war, was schwamm. Die Yachtflotte am Bodensee bestand aus Jollen, Kielschwertern und offenen Kielbooten aller Art. Später bildete sie ab, was auch auf den übrigen deutschen Revieren üblich war: nationale Jollenklassen, Segellängenyachten, Meteryachten, Nationale Kreuzer oder klassenlose Seekreuzer.

Für lange Zeit war die Seglergemeinde am Bodensee eine sehr überschaubare Runde. Die erste internationale Regatta 1905 sah acht Boote in vier Klassen am Start vor Lindau. Die wachsende Begeisterung für Spektakel dieser Art sorgte zwar dafür, dass es vier Jahre später schon elf waren. Aber noch Ende der 1920er Jahre zählte die Sportboot-Flotte am Schwäbischen Meer lediglich 140 Segel- und Motorboote – heute sind es mehr als 20.000.

Doch der Mensch lebt nicht vom Boot allein. Bis zum Ersten Weltkrieg schufen die Segler sich Häfen in Lindau, Bregenz, Konstanz, Überlingen und Friedrichshafen, und es entstanden eigene Sportbootwerften, 1882 etwa die von Sebastian Wagner in Bodman oder 1896 jene von Isidor Beck auf der Insel Reichenau – beide Betriebe bestehen bis heute.

Was aber erinnert im GFK-Zeitalter am Bodensee noch an die Segelei von einst? Eine Spurensuche führt uns an den See und auf Werften, die Anlaufstelle für Eigner traditionell gebauter Boote sind.

Denn bis heute sind am See noch Klassiker aus den Frühzeiten des Segelsports zu Hause. Mehr noch. Mit den Drachen oder den 30er und 40er Schärenkreuzern sind nach dem Zweiten Weltkrieg Klassen hinzugekommen, in denen auch oder sogar vornehmlich traditionell gebaute Boote an den Start gehen. Es sind Typen wie der Lacustre hinzugekommen, und es haben sich etwa bei den 45er und 75er Nationalen Kreuzern Klassenvereinigungen etabliert, die so attraktiv sind, dass Eigner immer noch Schiffe kaufen, an den See bringen und restaurieren lassen, um die Flotte zu erweitern.

STEFAN ZÜST

In seiner Werft in Altnau am Schweizer Bodenseeufer arbeitet Bootsbaumeister Stefan Züst mit seiner Mannschaft an der Restaurierung und der Pflege von fast 100 Klassikern im Jahr. Regelmäßig entstehen aber auch Neukonstruktionen – darunter auch Boote, denen das Konzept zugrunde liegt, traditionelle Risse in die Moderne zu übersetzen, wie etwa beim Lake Constance Pilot Cutter. Allen Booten aus dem Hause Züst gemeinsam ist der Werkstoff Holz Werft: www.holzboot.ch

Einer Renaissance der historischen Yachten habe es am Bodensee nie bedurft, sagt Joachim Landolt. Der passionierte Bootsbauer war bis vor zwei Jahren Inhaber der Michelsen-Werft in Friedrichshafen, auf der er 1977 seine Lehre begann. „Es hat hier immer ein Bewusstsein für die alten Boote gegeben“, so Landolt. „Die Klassikerszene am Bodensee ist eine ganz eigene Welt. Man trifft sich auf zahlreichen Events, segelt auf Tafelwasser, und die Eigner packen ihre Boote in teure Ganzschiffspersenninge und behandeln sie wie einen edlen Wohnzimmerschrank. Sie werden hier nicht so strapaziert wie an der Küste.“

Als er Mitte der 1980er Jahre seine erste Klassiker-Restaurierung durchgeführt habe, hätten Außenstehende noch den Kopf geschüttelt. Zwei Jahre lang baut Landolt den unter einem GFK-Überzug substanziell stark angegriffenen Vertenskreuzer seines Vaters mit ausschließlich traditionellen Bootsbaumethoden völlig neu auf. „Das war hier damals unüblich.“ Die Oldtimer seien ganz selbstverständlich durch Reparaturen in gebrauchsfähigem Zustand erhalten und aktiv gesegelt worden. Doch das änderte sich mit der Zeit. In seiner Werft restaurierte Landolt in den Folgejahren mehrere Vertenskreuzer, zahlreiche Schärenkreuzer und insgesamt neun L-Boote.

Heute sind mehrere Werften am Bodensee auf traditionellen Yachtbau spezialisiert. Wer einen Klassiker sein Eigen nennt – und einen Liegeplatz hat – bekommt von der winterlichen Pflege über fachgerechte Reparaturen bis hin zu Restaurierungen in jedem erdenklichen Umfang alles geboten, was dem Erhalt des Bootes dient. Mehr noch. Mancherorts entstehen am Bodensee heute wieder traditionell gebaute Yachten neu, die international Beachtung finden (S. 40).

Einer, der vor 25 Jahren den Weg zum klassischen Holzbootsbau fand, ist Stefan Züst. Seine Werft liegt in Altnau am Schweizer Seeufer. „Ich konnte gar nichts anderes werden als Bootsbauer“, sagt Züst zur Begrüßung mit Schweizer Dialekt und lacht. Mit seinen zum Zopf gebundenen Haaren und dem wallenden Bart wirkt er wie ein im Binnenland gestrandeter Nordmann. Zu seinem kleinen Reich gehören vier große Hallen, sechs Mitarbeiter und ein Wald. Den hat schon der Großvater bewirtschaftet. Der war Zimmermann und hat alles, was er verarbeitete, bei passender Mondphase im eigenen Forst geschlagen. Und Züst tut es ihm gleich.

Im Holzlager an der Längimoosstrasse liegen aufgesägte Stämme von Eichen, Ulmen und Douglasien. Bei Bedarf kann er auch Lärche, Tanne, Fichte, Eibe, Esche, Kirsche oder Robinie ernten.

"Ich habe 1977 meine Ausbildung begonnen. Damals sprach bei der Reparatur alter Holzboote niemand von Restaurierung ...!"

Joachim Landolt – der Bootsbaumeister führte von 2000 bis 2020 die traditionsreiche Michelsen-Werft in Friedrichshafen

Um die Stämme so aufsägen zu können, wie er sich die Bohlen und Bretter wünscht, hat Züst vor drei Jahren eigens eine Lochbandsägeanlage angeschafft und Gleise dafür verlegt. „Zum Planken brauche ich Rifts“, sagt er und erklärt, dass man von Rift spreche, wenn die Jahresringe stehen. Ein Sägewerk, sagt er, würde darauf nicht achten und die Stämme lediglich in Bretter und Bohlen schneiden. Mit dem anfallenden Verschnitt heizt Züst seine Werft. Sie ist im Winter das Zuhause von rund 100 Klassikern, viele von ihnen wurden hier schon intensiv behandelt.

Seine Leidenschaft für Holzboote entwickelte Züst schon als kleiner Bub. „Mit meinem Patenonkel habe ich ein Kanu gebaut, da war ich zehn Jahre alt“, erinnert er sich. Es folgte eine Hallberg P 28, und auch dabei half Züst. Kroch freiwillig in die hintersten Winkel des Bootes, um die Muttern gegenzuhalten.

Als er zwölf ist, kommt Züst in den Besitz eines alten Vaurien und restauriert auch den. Und dann „kam das nächste Schiff und dann das nächste …“, sagt er und dass das so weiterging, bis er 1996 die Lehre beim Stäheli in Kreuzlingen begann. „Da haben wir Holzboote gebaut, bis zu 25 Meter Länge“, sagt er und zählt auf, was die Werft noch früher baute. Serienweise Folkeboote, 6-mR-Yachten, 5.5er und „einen Haufen Zeugs vom Knud Reimers“, womit er vor allem Stor Tumlare meint.

Ein solches Boot ist gerade bei Züsts Mitarbeitern in der Mache. Die unteren Plankengänge wurden entfernt, und die Lücke gibt den Blick auf die Struktur des Bootes frei. Bodenwrangen aus Eisen, Spanten aus Holz, der massive Kiel, alles bedarf heilender Hände. „Es ist spannend“, sagt Züst. „Beim Restaurieren lernst du ja immer wieder dazu, weil du siehst, was funktioniert hat und was nicht.“

Im Anschluss an die Lehre machte er sich selbstständig, konnte vor zehn Jahren die ersten beiden seiner heute vier Hallen kaufen und später die benachbarten zwei hinzu. Die Hallberg P 28, mit der alles anfing, hat Züst vor Kurzem zurückgekauft. Jetzt steht sie bei ihm im Betrieb und wartet, wie so vieles, was sich hier in den vergangenen Jahren angesammelt hat, auf ihre erneute Wiederbelebung.

Neben seiner Begeisterung für die alten Boote zeichnet den Nonkonformisten Züst eine Philosophie aus, die neben Nachhaltigkeit und dem Wissen um traditionelles Handwerk auch dessen Übersetzung in die Moderne umfasst. An seinem Büroschreibtisch im ersten Stock hat er zwischen Nautiquitäten und alten Segelbüchern mit dem Lake Constance Pilot Cutter eine Neuinterpretation der traditionellen Lotsenversetzboote entwickelt, die Mitte des 19. Jahrhunderts an der Küste Südenglands zum Einsatz kamen.

Der neun Meter lange und dabei nur rund zwei Tonnen schwere Gaffelkutter entstand in Leistenbauweise, verfügt über Einbaudiesel und Hubkiel, ist darüber hinaus aber auf das Wesentlichste reduziert. Züst hat Erfahrungen aus etlichen anspruchsvollen Fahrten eingebaut, die er mit dem nur 5,80 Meter langen Golant Gaffer „Ailean Mor“ in die Bretagne und entlang der Biskaya, nach Schottland, zum Nordkap und in den Bottnischen Meerbusen unternommen hat.

Auch von diesem Boot konnte sich Züst bis heute nicht trennen. Das winzige Fahrzeug steht abgedeckt unter seiner derben Plane in einer Ecke der letzten Halle neben einem Wohnmobil. Züst schaut den vierrädrigen weißen Kasten nachdenklich an und sinniert. „Wirtschaftlich wäre es vernünftiger, Wohnmobile einzulagern“, sagt er. Aber er wisse nicht, wie er daran Freude haben könnte. Und so verbindet den Bootsbauer die Freude am Tun mit seinen Kunden, die Freizeit und Erspartes ohne eine gehörige Portion Idealismus kaum in den Erhalt ihrer Klassiker stecken würden.

NIKLAUS WASER

Der seit Ende der 1980er Jahre am Bodensee lebende Eigner eines klassischen Sechsers von William Fife III. entwickelte aus seiner Passion eine neue Profession und baut nach Rettung der alten Kellerwerft am Überlinger Seeufer ein modernes Werkstattumfeld im nahe gelegenen Gewerbegebiet. Hier sollen künftig Restaurierungen zuvor aufgekaufter Wracks mit yachtsporthistorischer Bedeutung angeboten werden. Das erste Projekt ist ein französischer Achter aus dem Baujahr 1925, der spätestens am 100. Jahrestag seines Stapellaufs wieder schwimmen soll

Werft: www.keller-werft.de

Auf gleichen Pfaden wandelt Niklaus Waser. Er sitzt am gegenüberliegenden Seeufer in Überlingen auf der Terrasse der „Kellerwerft“, die 2019 als Mischung aus gläserner Werft und Restaurant den Betrieb aufnahm, nachdem der eigens dafür gegründete Verein das im Verfall befindliche historische Werftgebäude rekonstruieren ließ.

Zum Segeln kam Waser vor 20 Jahren durch seine Frau, nachdem das Paar vom Niederrhein an den Bodensee gezogen war. Eine norwegische BB 17 war 2000 sein Einstieg in die Klassikerszene. Es ergaben sich Mitsegelgelegenheiten auf Zwölfern am Mittelmeer, und Waser entdeckte die Faszination solcher Schiffe, die in seinem Fall in der Restaurierung des Second-Rule-Sechsers „Fintra“ von William Fife mündete. Und damit war es endgültig um ihn geschehen. „Ich habe noch zwei weitere Sechser gekauft, die verschrottet werden sollten, und habe die weiterverschenkt unter der Bedingung, dass sie restauriert werden“, sagt er und fügt stolz hinzu, dass heute beide wieder segeln.

Die Idee zur Kellerwerft entwickelte Waser 2014 mit zwei Freunden während der Voiles de Saint-Tropez an der Hotelbar im „Sube“. Sie sind damals von der Stimmung an diesem Treffpunkt teilnehmender Crews direkt am Hafen mit Blick auf die Schiffe so fasziniert, dass der Wunsch aufkommt, so etwas zu Hause auch zu schaffen. Und sie erinnern sich an den verfallenen Werftschuppen am Überlinger Seeufer, an dem niemand ein Interesse zu haben scheint und aus dessen Dach damals schon ein Baum wächst.

Zurück am See, gründen die Freunde den Förderverein Yachtsport Überlingen und beantragen bei der Stadt, aus der alten Kellerwerft einen Bootsbaubetrieb mit angeschlossener Gastronomie im Clubhaus-Stil machen zu dürfen. Seit 1912 bis in die 1980er Jahre wurde an diesem Ort Bootsbau, am Ende auch ein Fahrgastschiff und eine Bootsvermietung betrieben. Der Verein will an diese Tradition anknüpfen und vor den Augen der Restaurantbesucher, nur getrennt durch eine Panorama-Scheibe, Klassiker restaurieren. Mit an Bord ist damals Joachim Landolt von der Michelsen-Werft in Friedrichshafen, der zusagt, für den Anfang den bootsbauerischen Part zu beschicken.

Mittlerweile wird das italienische Restaurant in den einschlägigen Gastronomie-Führern empfohlen. Waser ist jedoch besonders stolz darauf, dass vor allem der Bootsbau Gäste anlockt. „Wir haben hier im vorletzten Winter ein L-Boot restauriert, da kam ein älterer Herr regelmäßig von weit her. Ich habe den angesprochen und er sagte, es würde ihn faszinieren. Er hätte sich am Anfang gefragt, wer für so etwas Geld ausgibt. Und würde seither alle vier Wochen kommen,

um zu sehen, wie es jetzt ausschaue. Anfangs hätte er gedacht, so etwas würde er ja nicht geschenkt nehmen. Und dann am Ende war er begeistert, wie schön das geworden ist.“

"Mit Holz zu arbeiten ist so schön, weil es lebendig ist. Das Material gibt viel vor. So ist jede Arbeit etwas Neues und immer spannend ...!"

Clara Böckenhoff – die Auszubildende auf der Michelsen-Werft restaurierte mit ihrem Freund nach Feierabend eine alte H-Jolle

KARSTEN TIMMERHERM

Nach seiner 2006 begonnenen Lehre und dem 2018 erlangten Meisterbrief stieg der passionierte Holzbootsbauer mit in die Leitung der Michelsen-Werft ein und übernahm den Betrieb 2022 von seinem Vorgänger Joachim Landolt. Mit seinem engagierten Team führt Timmerherm dort fort, was seit Gründung 1921 die Stärke der Werft auf dem ehemaligen Dornier-Gelände am Friedrichshafener Bodenseeufer ist: die Pflege und Restaurierung klassischer Yachten. Viele von ihnen wurden einstmals hier gebaut

Werft: www.michelsen-werft.de

Was aus seinem Hobby heraus entstand, ist für Waser längst mehr geworden. Um den Betrieb der Kellerwerft zu professionalisieren, hat er im nahe gelegenen Gewerbegebiet Hallen mit einer Fläche von 2.500 Quadratmetern errichten lassen, in die neben der Kellerwerft auch North Sails, ein Bootsmotorentechnik-Betrieb und ein Raum- und Bootsausstatter einziehen werden. In dem Ensemble soll neben Bootslager und Reparatur- und Servicearbeiten alles angeboten werden, was eine moderne Bootswerft leistet. Daneben werden aber auch in größerem Maßstab klassische Motor- und Segelyachten restauriert werden, wenn es nach Waser geht. Die gläserne Werft werde als Showroom erhalten bleiben und der Ort für die schönsten Restaurierungsprojekte sein.

Einige solcher Exemplare stehen schon hier und warten auf solvente Liebhaber. Die 8-mR-Yacht „Marotte“ beispielsweise. Das Boot wurde 1925 in Marseille gebaut. Gerüchten nach als Ersatzboot für die französische Olympiamannschaft von 1928, aber, so Waser, es kam definitiv nie zu einem olympischen Einsatz des Achters. Zum 100. Geburtstag am 5. Februar 2025, so Waser, werde das Boot fertiggestellt, auch wenn sich kein Kunde fände.

Auf die Frage, warum er das alles neben seinem fordernden Beruf als Digitalmanager eines großen Maschinenbauunternehmens in der Freizeit macht, antwortet Waser nur: „Jeder hat so seine Leidenschaft. Alte Boote zu erhalten fasziniert mich, es macht mir Spaß, ich erfreue mich daran.“

Mit der Michelsen-Werft hatte er dabei die passende Anschub-Unterstützung. Die Bootsbauerei in Friedrichshafen blickt auf eine über 100-jährige Geschichte zurück. Der aus Kiel stammende Heinrich Michelsen gründete den Betrieb schon 1921 in Kressbronn. Seit 1925 ist die Werft auf dem ehemaligen Dornier-Gelände am Friedrichshafener Bodenseeufer zu Hause. Noch zweimal wurde sie hier neu aufgebaut, nach einem Luftangriff 1944 und nach einem Brand 1957. Als ihn dieser Schicksalsschlag ereilte, war Heinrich Michelsen schon 67 Jahre alt.

"Am Bodensee wurden die Klassiker immer mit Liebe gepflegt, auch als es noch keine Mode war, einen Oldtimer zu segeln. Sie sind hier Familienmitglieder ...!"

Juliane Hempel – die Konstrukteurin aus Radolfzell ist Expertin für die Rechneroptimierung klassischer Risse

Heute steht die Michelsen-Werft noch fast unverändert so da, wie der Gründer sie seinem Schwiegersohn hinterließ und wie später auch Joachim Landolt sie übernahm. Der übergab sie vor zwei Jahren seinem Nachfolger Karsten Timmerherm, der den musealen Betrieb seither leitet. „Die Arbeiten sind die gleichen geblieben wie immer schon, aber der hohe Qualitätsanspruch auch“, sagt Timmerherm beim Rundgang über sein Gelände.

Dabei trifft er mit Jochen Frik einen alten Bekannten. Mitte der 1950er Jahre, noch vor dem Werftbrand, ging Frik beim alten Michelsen in die Lehre. „Es war eine gute Zeit“, erinnert er sich, „hart, aber ich hab viel gelernt!“ Bootsbauer vom alten Schlag hätten ihm das Handwerk beigebracht, der Lehrmeister hätte ihn hart rangenommen und sei verschlossen gewesen, „eben norddeutsch“, sagt Frik und lacht.

Zu der Zeit entstanden auf der Michelsen-Werft zahlreiche Neubauten: der Lacustre, eine offene Kielboot-Einheitsklasse aus der Schweiz, oder die hauseigene Werftklasse „Marion“, ein 5,5-KR-Seekreuzer.

Timmerherm hat heute noch acht dieser Boote in Pflege. Rund 50 Schiffe überwintern bei ihm, 95 Prozent, sagt er, seien aus Holz und lasten ihn und seine zehn Mitarbeiter so gut aus, dass im Jahresrhythmus meist nur eine kurze Pause im Sommer bleibt, um anderen Projekten nachzugehen, wie derzeit der Sanierung der „Altenrhein“, eines Transportschiffs der Dornier-Werke von 1928. Damals war der Flugzeugbau in Deutschland verboten. Dornier baute ein Werk in Altenrhein am Schweizer Seeufer und lieferte in Deutschland vorgefertigte Teile nachts, wenn es dunkel war, mit dem Schiff.

Den Charakter seiner Werft nennt Timmerherm selbst historisch, weiß die Vorzüge aber zu schätzen. Etwa die Naturböden, deretwegen keine Probleme mit Quellen und Schwinden an den Rümpfen auftreten. Oder die nach Bedarf gefertigten robusten Werkzeuge und Maschinen.

Stolz klingt mit, wenn der Chef von seiner Belegschaft spricht. Motivierte Holzbootsbauer, die auch privat mit Holzbooten zu tun haben. „Die kommen nicht nur zum Arbeiten und sind um 17 Uhr wieder weg“, sagt er und berichtet von Paul Winter und Clara Böckenhoff, zwei Lehrlingen, die nach Feierabend eine alte H-Jolle restauriert haben. „Wenn die abends gearbeitet haben, dann haben alle mitgewurschtelt, und es kamen sogar noch ehemalige Mitarbeiter dazu!“

Ganz im Westen öffnet sich hinter dem Konstanzer Trichter mit dem Untersee ein ganz eigenes, kleineres Revier, landschaftlich reizvoll durch mehrere Buchten in vier Seebereiche gegliedert, in deren Mitte die Insel Reichenau liegt. Im Norden dieser Idylle liegt Radolfzell, wo Josef Martin mit seiner Werft zu Hause ist. Wer sich mit Holzbootsbau am Bodensee befasst, der beginnt seine Suche hier oder hebt sich den Besuch für den Schluss auf.

Josef Martin selbst hat sein ganzes Leben hier verbracht. Nur für die Lehre beim alten Michelsen in Friedrichshafen ging er fort. „Ich bin hier auf der Werft geboren und groß geworden“, sagt er bei der Begrüßung und erzählt davon, wie er den Betrieb 1974 als 24-Jähriger übernahm, weil der Vater früh verstorben ist. Bis dahin sei die Martin-Werft ein kleiner Einmannbetrieb gewesen, der Vater habe in der Werkstatt geschafft, die er nach dem Krieg am See einrichtete und die nur so groß war, dass sich vielleicht ein Pirat bauen ließ oder ein 15er Jollenkreuzer, aber auch nicht mehr. Die Mutter machte im Wohnhaus, es steht heute noch mitten auf dem Werftgelände, das Büro. Einen Hafen gab es nicht, nur eine kleine Slipbahn.

Das ist jetzt über 50 Jahre her, eine Zeit, in der Josef Martin den väterlichen Betrieb kontinuierlich zu einen modernen Werftbetrieb ausgebaut hat, ein Familienunternehmen, das er gemeinsam mit Sohn Sven und Frau Silke führt. Mit großen Hallen, Lackierkabine, Travellift und eigenem Hafen. 200 Boote liegen im Sommer, 320 im Winter bei ihm, was feste Einnahmen generiert und es ermöglicht, der eigentlichen Leidenschaft nachzugehen: 86 Neubauten hat Josef Martin in seinem Baunummernverzeichnis verewigt, die Nummer 1 war Anfang der 1970er Jahre sein Meisterstück. Es folgten Kundenaufträge der verschiedensten Art vom Ruderboot über moderne Cruiser-Racer bis zur 20-Meter-Hochseeyacht. Allen gemeinsam ist das Material Holz, das Spektrum aber ist breit.

"Ich weiß es sehr zu schätzen, dass ich hier diese Möglichkeiten habe. Ich mache das gern. Jeden Tag nach Feierabend, das ist Zeit für mich und Zeit für das Schiff ...!"

Moritz Eider – der Auszubildende der Martin-Werft restauriert hier auch seinen 45er Nationalen Kreuzer „Onkel Otto“

Traditionell gebaut nach klassischen Rissen der alten Meister oder formverleimt nach modernen Designs von Judel/Vrolijk, Juliane Hempel beziehungsweise aus der eigenen Feder – 30 Neubauten hat Josef Martin selbst konstruiert.

„Irgendwann habe ich dann aber gemerkt, dass mein Herz eigentlich für die Oldtimer schlägt“, sagt er und erzählt, wie er zunächst als Hobby damit anfing, sich selbst welche „zu richten“. Die 12-KR-Yacht „Hadumoth“ etwa. Das 1949 von Henry Gruber konstruierte und bei Ernst Burmester für dessen Schwiegersohn Magnus Müller als „Tanja“ gebaute Schiff wurde einst für zahlreiche Hochseereisen bekannt und schwimmt heute im Werfthafen auf dem Untersee.

Oder „Sposa II“, seinen klassischen Achter, der 1929 von Bjarne Aas konstruiert und gebaut wurde. Josef Martin verehrt den Norweger für dessen ausgewogene Linien. Zu „Sposa II“ hat er eine ganz besondere Beziehung. Die Restaurierung vor 15 Jahren markiert den Beginn seiner Leidenschaft für die alten Rennyachten. „Man muss die Dinge erhalten, es ist ein Stück Kultur“, sagt Martin, der das Regattaboot von 1929 nicht nur pflegt, sondern auch segelt. Mit seiner Crew wurde er schon Europameister, im kommenden Sommer wollen sie zur Weltmeisterschaft nach Genf.

Aus dem Hobby entwickelte sich auf seiner Werft ein ganzer Geschäftszweig. Mit so spektakulären Restaurierungsprojekten wie dem Zwölfer „Anitra“ empfahl sich Martin international als eine der ersten Adressen in diesem Fach. Heute ist der Umsatz von Neubau und Restaurierung etwa gleich. Oft ist eine Restaurierung aber am Ende auch nicht von einem Neubau zu unterscheiden.

Auf seinem Rundgang öffnet der Werftchef die Tür zur Neubauhalle, hinter der sich der gewaltige 100er Seefahrtkreuzer „Marabu“ im Wiederaufbau befindet. Das Schiff, 1939 bei A&R für die Luftwaffe gebaut, holte er zur Restaurierung aus England an den Untersee. Am Ende werden nur wenige Originalteile des von Henry Rasmussen konstruierten Schiffes übrig bleiben. „Wir können vom alten kaum etwas verwenden“, sagt Josef Martin. „Das Blei, ein paar alte Spanten, den Koker und den Hackenbeschlag, der ist aus Bronze. Der Rest ist neu. Es wird praktisch ein neues Schiff.“

Liebhaber, die ein solches Projekt in Auftrag geben, müssten sich darauf verlassen können, „der Martin baut so“, denn man könne ein Schiff, bevor es entsteht, nicht beschreiben. Das sei Vertrauenssache. Referenzen kann die Werft mittlerweile zahlreiche vorweisen. Mit dem Schärenkreuzer „Gustaf“ und dem Achter „Starling Burgess“ etwa entstanden in der jüngsten Vergangenheit zwei Klassiker nach alten Rissen, die nie verwirklicht worden sind (siehe S. 40). Auch das ist ein Beitrag zur Bewahrung des Erbes der Altvorderen. Und, wie Josef Martin mit zufriedenem Ton in der Stimme sagt: „Es macht immer Spaß, wenn ein Schiff entsteht.“

JOSEF MARTIN

Der Inhaber in zweiter Generation übergibt mit der Martin-Werft ein traditionsreiches Familienunternehmen in Radolfzell am Untersee an seinen Sohn Sven. Vater Joseph gründete den Betrieb schon im Jahr 1931. Wie kaum ein anderer Bootsbaubetrieb ist die Werft unter Josef Martin für zahlreiche individuelle Neubauten aus Holz bekannt geworden. Sowohl traditionell als auch in modernen Bauweisen. Auch umfassende Restaurierungen gehören zum Portfolio Werft: www.martin-yachten.de