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Schatzkammern des Wissens


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HÖRZU - epaper ⋅ Ausgabe 9/2022 vom 25.02.2022

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Bildquelle: HÖRZU, Ausgabe 9/2022

1728 Biblioteca Joanina Coimbra, Portugal Im Zeitalter des verspielten Rokoko waren Bibliotheken prunkvoll verziert

Für manche Menschen sind sie der Himmel auf Erden. „Ich habe mir das Paradies immer als eine Art Bibliothek vorgestellt“, sagte etwa der argentinische Schriftsteller Jorge Luis Borges (1899 – 1986). In seiner Erzählung „Die Bibliothek von Babel“ fantasierte er über eine Universalbibliothek, in der alle Bücher der Welt versammelt sind. Borges gab zudem eine Reihe mit fantastischer Literatur gleichen Titels heraus – und inspirierte seinen italienischen Kollegen Umberto Eco zu dessen Mittelalterroman „Der Name der Rose“. In diesem Weltbestseller kommt Borges als blinder Seher vor.

Die Schatzkammern des Wissens begeistern auch James Campbell, Architekt und Historiker am Queens’ College der Universität Cambridge. Der Brite ist Autor von „Bibliotheken: Von der Antike bis heute“ (siehe Buchtipp Seite 21). Für sein Werk besuchte Campbell mit dem Fotografen Will Pryce, von dem auch die großartigen Aufnahmen ...

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... auf diesen Seiten stammen, 82 Bibliotheken in 21 Ländern.

Wissen wiegt schwer

Der Begriff Bibliothek stammt aus dem Griechischen, ursprünglich bezeichnete er einen „Buchbehälter“, erst ab dem 18. Jahrhundert dann auch das Bauwerk. Bibliotheken gelten als Symbole geistiger Macht und großer Kultur. „Sie folgen immer auch einer gesellschaftspolitischen Intention“, schreibt Campbell.

Von jeher mussten ihre Architekten viele Aspekte und Bedürfnisse beachten, die sich im Lauf der Zeit gewandelt haben. So brauchte es mit der wachsenden Zahl von Büchern außer Lesesälen auch zunehmend Magazine, also spezielle Lagerräume, in denen möglichst viele Titel untergebracht werden können. Das Gewicht der gefüllten Regale stellt ebenfalls eine enorme Herausforderung für die Statik dar. In älteren Bibliotheken liegt der Lesesaal deshalb meist über dem Magazin. Erst mit der Verwendung von Eisen und Stahl ab dem 19. Jahrhundert konnte das Problem gelöst werden.

Eine ständige Bedrohung ist Feuer. Viele Bibliotheken wurden durch Brände beschädigt oder sogar ganz vernichtet. Die Gefahr besteht bis heute, wie das Inferno in der Herzogin-Anna-Amalia- Bibliothek in Weimar 2004 zeigte. Dessen Ursache ist nicht eindeutig geklärt. „Mutwillig oder zufällig verursachte Brände haben uns über die Jahrhunderte vieler großer Werke und Bibliotheksbauten beraubt“, beklagt Experte James Campbell.

Weil in früheren Jahrhunderten offene Öfen in Bibliotheken verboten waren, blieben diese unbeheizt. Auch Kerzen waren nicht erlaubt. Daher hatten Lesesäle vor der Erfindung des elektrischen Lichts große Fenster, damit möglichst viel Tageslicht einfallen konnte. Mit Einbruch der Dunkelheit waren die Räume dann allerdings nicht mehr nutzbar.

Ein weiteres Dauerproblem stellen Schädlinge dar. „Insekten können ganze Sammlungen vernichten“, so Campbell. Besonders gefürchtet sind Holzwürmer und Silberfische, in tropischen Ländern auch Termiten. Selbst Nagetiere können verheerende Schäden anrichten. „Viele Menschen denken, Nahrungsmittel seien in Bibliotheken verboten, um die Bücher vor Verschmutzung zu schützen“, schreibt James Campbell. „Das ist aber nur ein Grund. Viel wichtiger ist, dass so Mäuse, Ratten und Insekten ferngehalten werden sollen.“ Hohlräume hinter den Regalen, die das Papier vor Feuchtigkeit und Schimmel schützen sollen, sind ein idealer Lebensraum für Nager. Insekten wiederum mögen Papier, den Klebstoff der Bindungen sowie das Holz der Regale.

Risikofaktor Mensch

Nicht zuletzt geht vom Menschen Gefahr aus: „Eine Bedrohung besonders für kostbare Bücherbestände ist und bleibt Diebstahl“, erklärt Campbell. Daher wurden Bücher früher angekettet. Heute sichern elektronische Überwachungsanlagen die Bestände. „Mit dem Verlust und der Zerstörung von Büchern gehen nicht nur Gedanken und Erinnerungen verloren, sondern auch der Zugang zu den Kulturen ist damit verstellt“, mahnt Campbell. Denn Bibliotheken sind Zeugnisse der Vergangenheit, in denen das Wissen von Jahrhunderten gesammelt ist. Wer schon einmal Gelegenheit hatte, eine besonders alte Bibliothek zu besuchen, hat vielleicht die einzigartige Atmosphäre von Ruhe und Beständigkeit gespürt. Gleichzeitig wachsen und wandeln sich die Gebäude, wie Campbell betont: „Die Geschichte der Bibliothek ist von fortwährenden Veränderungen und Anpassungen geprägt.“

Laut der Unesco, der UN-Organisation für Erziehung, Wissenschaft und Kultur, werden Jahr für Jahr weltweit knapp 1,8 Millionen neue Bücher veröffentlicht. In Deutschland sind es rund 70.000 Titel jährlich. In der größten Bibliothek der Welt, der British Library in London, lagern 170 Millionen Medien. Lediglich 25 Millionen davon sind allerdings Bücher, der Rest entfällt auf Zeitschriften, Zeitungen, Broschüren, Tonaufnahmen, Patente, Karten, Briefmarken und Kunstdrucke – neuerdings auch auf digitale Medien, deren Zahl immer rasanter anwächst.

Trotzdem gilt weiterhin: „Die Geschichte der Bibliotheken ist unmittelbar mit jener des Buchs verbunden“, sagt Campbell. Ihre Historie begann mit den ersten schriftlichen Dokumenten der Sumerer. Deren Schriftsystem entstand im 4. Jahrtausend v. Chr. in Mesopotamien zu Buchführungszwecken. Auf Tontafeln wurden die Abgaben der Bauern an Landbesitzer festgehalten.

Am Anfang war der Ton

Die Tafeln wurden wie Karteikarten in Regalfächern aufbewahrt. „Diese Archive sind Urformen der Bibliothek“, erklärt Campbell. Bis heute erhalten geblieben sind sie dank des Herstellungsverfahrens: Im feuchten Zustand wurde der Ton mit Holzgriffeln beschrieben, dann in der Sonne oder im Feuer getrocknet.

Weit weniger beständig war dagegen der pflanzliche Papyrus, den die Ägypter schon 3000 Jahre vor Christus für ihre Aufzeichnungen benutzten. Legendär ist die Bibliothek von Alexandria, entstanden im 3. Jahrhundert v. Chr. Sie gilt als erste Universalbibliothek der Geschichte und als bedeutendste Einrichtung dieser Art in der Antike: In ihr sollten sämtliche Schriften der griechischen Welt zusammengetragen werden. Dass dort 700.000 Werke lagerten, dürfte jedoch ein Mythos sein: Tatsächlich umfasste sie wohl lediglich 10.000 bis 15.000 Schriftrollen. Wie lange sie existierte und wie sie zerstört wurde, bleibt ebenfalls weiterhin ein Rätsel.

Erstaunlich wenig wissen wir auch über die Klosterbibliotheken des Mittelalters. Unser Bild ist geprägt von Filmen oder Romanen wie Umberto Ecos „Der Name der Rose“. Die aber haben laut Campbell wenig mit der historischen Wahrheit zu tun. Bei Eco umfasst der Bücherschatz des Klosters 85.000 Bände, in Wirklichkeit besaßen die meisten nicht einmal 100. Und: „Die größten Bibliotheken des Mittelalters befanden sich nicht im christlichen Abendland, sondern in der arabischen Welt und in Südostasien.“ In China etwa gab es Bestände von 100.000 Schriftrollen.

Erst mit der Renaissance begann im 16. Jahrhundert die Blütezeit der europäischen Bibliotheken. Die Erfindung des Buchdrucks 1440 wirkte sich allerdings mit deutlicher Verzögerung aus, die Bestände wuchsen nur langsam. In Oxford entstand in den 1580er-Jahren eine erste Bibliothek mit einem sogenannten Stallsystem: Die Bücher standen nun in Regalen, die quer zur Wand platziert wurden. Bis dahin hatte man sie in Schränken und Truhen aufbewahrt.

Die Zukunft ist ungewiss

Im Zeitalter des Rokoko, also im 18. Jahrhundert, wurden die Bauten immer größer und prächtiger. Die Architekten achteten verstärkt auf dekorative Elemente, denn königliche Bibliotheken waren auch eine Demonstration des Reichtums und der Macht des jeweiligen Herrscherhauses.

Im 19. und 20. Jahrhundert rückten dann praktische Erwägungen in den Vordergrund, weil die Sammlungen der Allgemeinheit zugänglich gemacht wurden und stetig wuchsen. Es entstanden große Nationalbibliotheken, welche die geistigen Schätze ihres Landes repräsentieren sollen.

Und wie wird die Zukunft aussehen? Die Zahl der Medien wächst derzeit weiter rasant an – gleichzeitig werden jedoch Bibliotheken geschlossen. Im Jahr 2020 gab es in Deutschland knapp 9000, 25 Prozent weniger als noch zwei Jahrzehnte zuvor. Die weitere Entwicklung ist ungewiss. James Campbell jedenfalls entwirft eine optimistische Perspektive: „Die Menschen haben im Verlauf der Geschichte die verschiedenartigsten Orte entstehen lassen, an denen sie lesen, denken und träumen konnten. Solange wir diese Dinge weiterhin zu würdigen wissen, werden wir auch weiterhin Orte schaffen, an denen wir lesen, denken und träumen können. Ob in einer Bibliothek oder nicht – das wird die Zukunft weisen.“

THOMAS KUNZE

BUCHTIPP

James W. P. Campbell (Text), Will Pryce (Fotos) Bibliotheken: Von der Antike bis heute wbg Edition 330 S., 60 €