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Schatzkammern des Wissens


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Gong - epaper ⋅ Ausgabe 8/2022 vom 18.02.2022

REPORT

1744 Bibliothek K loster Wiblingen Wiblingen, Deutschland

Entstanden von 1737 bis 1744: Bemalte Holzskulpturen stellen die wissenschaftlichen Disziplinen dar

Artikelbild für den Artikel "Schatzkammern des Wissens" aus der Ausgabe 8/2022 von Gong. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Gong, Ausgabe 8/2022

2009 Magazin der Bodleian Library Swindon, Großbritannien

Die Bücher der Universität Oxford lagern in Kisten, die von Gabelstaplern bewegt werden

1679 Theologischer Saal K loster Strahov Prag, Tschechische Republik

Die Klosterbibliothek ist ein Gesamtkunstwerk mit einer Decke im Rokokostil und Globen

1728 Biblioteca Joanina Coimbra, Portugal

Im Zeitalter des verspielten Rokoko waren Bibliotheken prunkvoll verziert

Für manche Menschen sind sie der Himmel auf Erden. „Ich habe mir das Paradies immer als eine Art Bibliothek vorgestellt“, sagte etwa der argentinische Schriftsteller Jorge Luis Borges (1899 – 1986). In seiner Erzählung „Die Bibliothek von Babel“ fantasierte er über eine Universalbibliothek, in der alle Bücher der Welt versammelt ...

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... sind. Borges gab zudem eine Reihe mit fantastischer Literatur gleichen Titels heraus – und inspirierte seinen italienischen Kollegen Umberto Eco zu dessen Mittelalterroman „Der Name der Rose“. In dem Weltbestseller kommt Borges als blinder Seher vor.

Die Schatzkammern des Wissens begeistern auch James Campbell. Der Architekt und Historiker am Queens’ College der Universität Cambridge ist Autor von „Bibliotheken: Von der Antike bis heute“ (siehe Buchtipp Seite 20). Für sein Werk besuchte der Brite mit dem Fotografen Will Pryce 82 Bibliotheken in 21 Ländern.

Wissen wiegt schwer

Der Begriff Bibliothek stammt aus dem Griechischen. Ursprünglich bezeichnete er einen „Buchbehälter“, erst ab dem 18. Jahrhundert dann auch das Bauwerk. Bibliotheken gelten als Symbole geistiger Macht und großer Kultur. „Sie folgen immer auch einer gesellschaftspolitischen Intention“, schreibt Campbell.

Von jeher mussten ihre Architekten viele Aspekte und Bedürfnisse beachten. Im Lauf der Zeit haben diese sich zudem gewandelt. So braucht es mit der wachsenden Zahl von Büchern außer Lesesälen auch zunehmend Magazine, also spezielle Lagerräume, in denen möglichst viele Titel untergebracht werden können.

Das Gewicht der gefüllten Regale ist eine immense Herausforderung für die Statik der Bauwerke. In älteren Bibliotheken liegt der leichtere Lesesaal deshalb meist über dem Magazin. Erst mit der Verwendung von Eisen und Stahl ab dem 19. Jahrhundert konnte das Problem gelöst werden.

Eine permanente Bedrohung ist Feuer. Viele Bibliotheken wurden durch Brände beschädigt oder sogar ganz vernichtet. Die Gefahr besteht bis heute, wie das Inferno in der Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar 2004 zeigte. „Mutwillig oder zufällig verursachte Brände haben uns über die Jahrhunderte vieler großer Werke und Bibliotheksbauten beraubt“, beklagt Experte James Campbell.

Da in früheren Jahrhunderten offene Öfen in Bibliotheken verboten waren, blieben diese unbeheizt. Auch Kerzen waren nicht erlaubt. Daher hatten Lesesäle vor der Erfindung elektrischer Beleuchtung große Fenster, damit möglichst viel Tageslicht einfallen konnte. Mit Einbruch der Dunkelheit waren die Räume dann allerdings nicht mehr nutzbar.

1251 Tripitaka Koreana Haeinsa-Tempel, Südkorea

Die buddhistischen Schriften sind in Holz verewigt, Regale so gebaut, dass die Luft zirkuliert

Ein weiteres Dauerproblem sind Schädlinge. „Insekten können ganze Sammlungen vernichten“, so Campbell. Besonders gefürchtet sind Holzwürmer und Silberfische. Auch Nagetiere können verheerende Schäden anrichten. „Viele Menschen denken, Nahrungsmittel seien in Bibliotheken verboten, um die Bücher vor Verschmutzung zu schützen“, so Campbell. „Das ist aber nur ein Grund. Viel wichtiger ist, dass so Mäuse, Ratten und Insekten ferngehalten werden sollen.“

Hohlräume hinter den Regalen, die das Papier vor Feuchtigkeit und Schimmel schützen sollen, sind ein idealer Lebensraum für Nager. Und Insekten mögen Papier, den Klebstoff der Bindungen sowie das Holz der Regale.

Risikofaktor Mensch

Nicht zuletzt geht vom Menschen selbst Gefahr aus: „Eine Bedrohung besonders für kostbare Bücherbestände ist und bleibt Diebstahl“, sagt James Campbell. Daher wurden Bücher früher angekettet. Heute sichern hingegen elektronische Überwachungsanlagen die Bestände. „Mit dem Verlust und der Zerstörung von Büchern gehen nicht nur Gedanken und Erinnerungen verloren, sondern auch der Zugang zu Kulturen ist damit verstellt.“

Denn Bibliotheken sind Zeugnisse der Vergangenheit, in denen das Wissen von Jahrhunderten gesammelt ist. Wer schon einmal Gelegenheit hatte, eine besonders alte Bibliothek zu besuchen, hat vielleicht die einzigartige Atmosphäre von Ruhe und Beständigkeit gespürt. Gleichzeitig wachsen und wandeln sich die Gebäude, wie Campbell betont: „Die Geschichte der Bibliothek ist von fortwährenden Veränderungen und Anpassungen geprägt.“ Laut Unesco, der UN-Organisation für Erziehung, Wissenschaft und Kultur, werden Jahr für Jahr weltweit knapp 1,8 Millionen neue Bücher veröffentlicht. In Deutschland sind es rund 70.000 Titel. In der größten Bibliothek der Welt, der British Library in London, lagern 170 Millionen Medien. Lediglich 25 Millionen davon sind Bücher, der Rest entfällt auf Zeitschriften, Zeitungen, Broschüren, Tonaufnahmen, Patente, Karten, Briefmarken und Kunstdrucke – und die immer rasanter wachsenden digitalen Medien.

1680 Wells Cathedral Library Wells, Großbritannien

Zum Schutz vor Diebstahl wurden die wertvollen Bücher früher angekettet

1856 Bibliothek des Trinity College Dublin, Irland

Stallsystem: Das berühmte Haus war eines der ersten mit quer zur Wand stehenden Regalen

Trotzdem gilt weiterhin: „Die Geschichte der Bibliotheken ist unmittelbar mit jener des Buchs verbunden“, so Campbell. Ihre Historie begann mit den ersten schriftlichen Dokumenten der Sumerer. Ihr Schriftsystem entstand im 4. Jahrtausend v. Chr. in Mesopotamien. Tontafeln wurden wie Karteikarten in Regalfächern aufbewahrt. „Diese Archive sind Urformen der Bibliothek“, so Campbell.

2008 Chinesische Nationalbibliothek Peking, China

Der lichtdurchflutete Lesesaal des hochmodernen Gebäudes erstreckt sich über drei Etagen

Weit weniger beständig war dagegen der pflanzliche Papyrus, den die Ägypter schon 3000 Jahre v. Chr. für ihre Aufzeichnungen benutzten. Legendär ist die Bibliothek von Alexandria, entstanden im 3. Jahrhundert v. Chr. Sie gilt als erste Universalbibliothek der Geschichte und als bedeutendste Einrichtung dieser Art in der Antike: In ihr sollten sämtliche Schriften der griechischen Welt zusammengetragen werden. Dass dort 700.000 Werke lagerten, dürfte jedoch ein Mythos sein: Tatsächlich umfasste sie wohl lediglich etwa 10.000 bis 15.000 Schriftrollen. Auch wie lange sie existierte und wie sie zerstört wurde, bleibt weiterhin ein Rätsel.

Rätselhaftes Mittelalter

Erstaunlich wenig wissen wir auch über die Klosterbibliotheken des Mittelalters. Unser Bild ist geprägt von Filmen oder Romanen wie Umberto Ecos „Der Name der Rose“. Die aber haben laut Campbell wenig mit der historischen Wahrheit zu tun. Bei Eco umfasst der Bücherschatz des Klosters 85.000 Bände, in Wirklichkeit besaßen die meisten nicht einmal 100. Und: „Die größten Bibliotheken des Mittelalters befanden sich nicht im christlichen Abendland, sondern in der arabischen Welt und in Südostasien.“ In China etwa gab es Bestände von 100.000 Schriftrollen.

Erst mit der Renaissance im 16. Jahrhundert begann die Blütezeit der europäischen Bibliotheken. Die Erfindung des Buchdrucks 1440 wirkte sich allerdings mit deutlicher Verzögerung aus, die Bestände wuchsen nur langsam. Im Zeitalter des Rokoko im 18. Jahrhundert wurden die Bauten dann immer größer und prächtiger. Die Architekten achteten verstärkt auf dekorative Elemente, königliche Bibliotheken sollten auch den Reichtum des jeweiligen Herrscherhauses demonstrieren.

Praktische Erwägungen rückten im 19. und 20. Jahrhundert in den Vordergrund, als die Sammlungen der Allgemeinheit zugänglich wurden und ständig wuchsen. Es entstanden große Nationalbibliotheken, welche die geistigen Schätze ihres Landes repräsentieren sollen.

Und wie wird die Zukunft aussehen? Die Zahl der Medien wächst rasant, gleichzeitig werden Bibliotheken geschlossen. 2020 gab es knapp 9000 in Deutschland, 25 Prozent weniger als noch zwei Jahrzehnte zuvor. Die weitere Entwicklung ist ungewiss. Dazu James Campbell: „Die Menschen haben im Lauf der Geschichte die verschiedenartigsten Orte entstehen lassen, an denen sie lesen konnten. Solange sie das weiterhin zu würdigen wissen, werden wir auch weiterhin Orte schaffen, an denen wir lesen können. Ob in einer Bibliothek oder nicht – das wird die Zukunft weisen.“

THOMAS KUNZE

BUCHTIPP James W. P. Campbell, Will Pryce (Fotos) Bibliotheken: Von der Antike bis heute wbg Edition 330 S., 60 €