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Schatzkiste Südtirol


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Bergsteiger - Das Tourenmagazin - epaper ⋅ Ausgabe 9/2022 vom 12.08.2022

Topthema ∕ Südtirol

Artikelbild für den Artikel "Schatzkiste Südtirol" aus der Ausgabe 9/2022 von Bergsteiger - Das Tourenmagazin. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.
Haus mit Aussicht: die Drei-Zinnen-Hütte vor dem berühmtesten Dreizack der Alpen, in der Bildmitte der Paternkofel, ganz links der Elfer

» In Südtirol kann man von der mediterran geprägten Klimazone bis in arktische Breiten reisen.«

Wer in deutschsprachigen Gegenden zu Hause ist und nach Südtirol reist, kommt von oben, egal ob er mit seinem Auto, der Eisenbahn, zu Fuß oder mit dem Radl unterwegs ist. Er muss erst über den Berg. Das gilt auch für Weitwanderer und Kurzurlauber. Die einen lassen sich von den rot-weißen Wegmarken leiten, die anderen folgen den Gleisen oder dem Asphaltband. Bolzano/Bozen, 83 Kilometer von der europäischen Wasserscheide oben am Brenner. Die trennt nicht nur Nord von Süd, Schwarzes Meer und Adria, sondern auch Alltag und Urlaub, gefühlt zumindest. Im »Land an der Etsch und im Gebirg‘«, wie es so verheißungsvoll heißt, scheint auf jeden Fall die Sonne öfters, und die Pizza schmeckt italienischer.

7400 Quadratkilometer groß ist Südtirol und 3905 Meter hoch. Am Ortler. Was bedeutet, dass man ...

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... hier von der mediterran geprägten Klimazone bis in arktische Breiten reisen kann. An einem Tag in den Rebbergen spazieren, am nächsten durch das eisige Reich des Gletscherflohs stapfen. Südtirol: ein Land unbegrenzter (Urlaubs-) Möglichkeiten. Und eines mit Tradition, extrem langer sogar. Der älteste »Tourist«, möglicherweise in den Monti Lessini beheimatet, war vor rund 5300 Jahren im Schnalstal unterwegs: Ötzi. Er kam also von Süden, vielleicht durchs Etschtal, und betrat Südtiroler Boden am tiefsten Punkt, exakt 207 Meter über dem Spiegel der Adria. Eigentlich ein guter Startort für eine Reise landeinwärts.

In Vino Veritas

Die Zwei- und Dreitausender sind zunächst Kulisse, halten Abstand. Dafür kommt man der ersten Südtiroler Verführung gleich sehr nahe: dem Wein. Auf der Wanderung durchs Unterland und die Hügellandschaft des Überetsch bewegt man sich durch einen riesigen Garten. Im weiten Talboden Apfelbäume, akkurat ausgerichtet und im Frühjahr ein einziges Blütenmeer, die Hänge alle mit Weinstöcken besetzt. Von den Römern ins Land gebracht, sorgt die Vitis vinifera bei den Bauern für Wohlstand, bei den Genießern mitunter für unbeabsichtigte Nebenwirkungen.

Kaltern ist Zentrum des Weinlandes Südtirol, das früher »Masse statt Klasse« lieferte und deshalb einen zweifelhaften Ruf hatte. Tempi passati. Die Winzer sind längst in der Serie A angekommen, ihre Produkte räumen auf den Weinmessen regelmäßig Auszeichnungen ab.

Wir schauen nicht ins Weinglas, sondern auf die Berge rundum. Ein Profil fällt da sofort ins Auge: die senkrechte Ostkante des Gantkofel. Der nördliche Eckpfeiler des Mendelkamm wäre vor einem halben Jahr-

hundert fast zum Klettersteigziel geworden. Die Idee wurde verworfen, auch weil der Fels als wenig zuverlässig gilt. Ins Schwitzen kann man beim Anstieg von Perdonig trotzdem kommen, der Weg ist sausteil und der Morgensonne ausgesetzt. Nichts für heiße Tage. Da fährt man lieber hinauf zum Penegal (1737 m), der ein ähnliches Panorama bietet und ein Restaurant mit Terrasse. Wer sein Handy mit der passenden App aufgerüstet hat, findet im Zackenhorizont sogar den fast 50 Kilometer entfernten Langkofel. Interessant ist auch der Tiefblick auf Bozen. Die Altstadt mit dem 65 Meter hohen Turm des Doms und den verwinkelten, engen Gassen schmiegt sich in den Winkel zwischen Talfer und Bahnhofsgelände, im Süden setzt der glitzernde Salewa Tower einen markanten Akzent.

Exakt im rechten Winkel zur Kompassnadel zeigt sich im Osten der Rosengarten, berühmt durch die Laurinsage und die Vajolettürme. Wer etwas länger oben am Penegal verweilt, kann bei Schönwetter ein faszinierendes Naturschauspiel beobachten. Im Licht der untergehenden Sonne verfärben sich die Felsen erst zartrosa, dann gelb, um kurz rötlich aufzuleuchten.

Alpenglühen heißt das auf Deutsch, melodischer hört es sich bei den Ladinern an: Enrosadira. Noch ein buntes Steinchen im Südtiroler Mosaik, das Deutsche und Italiener gleichermaßen anzieht. Der Römer schätzt eine Aufgeräumtheit, die dem Münchner so vertraut vorkommt wie der bajuwarisch eingefärbte Dialekt. Land und Leute vermitteln ein heimatähnliches Gefühl – mit einem Schuss Exotik.

Inspiriert vom Klima

Da kann man unbeschwert genießen, natürlich auch die regionale Küche. Die profitiert vom Können vieler Köche, aber auch vom Klima und der kulinarisch inspirierenden Nachbarschaft im Süden und Osten.

Wer schon mal bei Chris Oberhammer im Toblacher Tilia zu Besuch war oder bei Gerhard Wieser im Tiroler Castel am Tisch saß, glaubt sofort, dass es bis ins Paradies nicht mehr weit sein kann. Nur wenige wissen allerdings, dass ein Mann aus dem Piemont die Entwicklung von der Schnitzelzur Gourmetküche anstieß, vor mehr als einem halben Jahrhundert. Giancarlo Godio übernahm anfang der 1970er-Jahre die Kantine (!) des staatlichen italienischen Energiekonzerns Enel ganz hinten im Ultental. Da erkochte er sich einen Michelin-Stern, den ersten Südtirols überhaupt! Eine Sensation, Gourmets aus ganz Italien pilgerten zum Gentiana am Weißbrunnsee, manche ließen sich sogar mit dem Hubschrauber einfliegen. Eine schöne Geschichte, leider ohne Happy End. Giancarlo Godio starb 1994 bei einem Flugzeugabsturz, das »Enzian« ist heute eine Ruine. Farewell, Maestro!

Ein Skiberg als Kulturgipfel

Er hat dem Tod schon öfters ins Auge geschaut: Reinhold Messner, Bergsteiger-Ikone aus dem Villnößtal, mittlerweile im Rentneralter, aber immer noch sehr aktiv.

Sein jüngstes Denkmal, das Museum Corones (der sechste und letzte Teil von Messners Mountain Museum) wurde 2015 auf dem Kronplatz eröffnet. Der Skiberg als Kulturgipfel? Zum Eyecatcher entwickelte sich der eigenwillige Bau der britisch-irakischen Architektin Zaha Hadid jedenfalls, die Ausstellung ist dem klassischen Alpinismus gewidmet. Immerhin hat Hadid, für exorbitante Kostenüberschreitungen bei manchen ihrer Leuchtturm-Projekten berüchtigt, weder den Alpenguru noch die Kronplatz Holding in den Ruin getrieben.

Das Golden Age, das Goldene Zeitalter des Bergsteigens begann in der Schweiz mit dem Sturm auf die Viertausender; fast gleichzeitig »eroberte« ein Wiener zahlreiche Dolomitengipfel: Paul Grohmann. In seinem Palmarès stehen die Große Zinne und die Dreischusterspitze, die Tofane, der Cristallo, der Langkofel und die Marmolada.

» Die Kleine Fanesalm ist eine der Herzkammern der Dolomiten: steinig, idyllisch, sagenumwoben.«

» Es besteht für mich kein Zweifel, dass die Rundschau vom Kronplatz eine der schönsten der Dolomiten ist.«

Am Kronplatz war er natürlich auch, wie man in seinen »Wanderungen in den Dolomiten« (1877) nachlesen kann: »Es besteht für mich kein Zweifel, dass die Rundschau vom Kronplatz eine der schönsten in den Dolomiten ist, und kein Gipfel, den ich kenne, vereinigt wieder die beiden Gegenstücke Marmolada und Zillertaler Ferner in solcher Weise mit der schönsten Thalaussicht, die man sich denken kann!«

Die Drei

Man kann darüber streiten, wem die Krone des berühmtesten Südtirolers gebührt. Reinhold Messner könnte die Frage vielleicht beantworten, Ötzi schon lange nicht mehr. Auch die noch viel älteren Drei nicht.

Im Urmeer geboren und vor Jahrmillionen versteinert, sind sie nur noch stumme Zeugen der Erdgeschichte, zeitlos, ewig: die Drei Zinnen. Was wurde nicht alles geschrieben über dieses monumentale, ziemlich kariöse Riesengebiss aus Hauptdolomit, das die 3000er-Höhenlinie gerade kitzelt! Vor allem über die Nordwände, über gescheiterte und geglückte Unternehmungen, über Dramen in der Vertikalen. »Der Tod klettert mit!« war in den Gazetten zu lesen, und als in den 1960er-Jahren das Direttissima-Fieber ausbrach, schickten seriöse Blätter ihre Korrespondenten in die Dolomiten. Die Routen des »fallenden Tropfens« sollten es sein, eine ganz neue Dimension des Alpinismus wurde kreiert – und durch den riesigen Materialaufwand auch gleich wieder ad absurdum geführt. Mit der »Super-Direttissima« an der Großen Zinne, von Peter Siegert, Gert Uhner und Rainer Kautschke im Winter 1963 eröffnet, war der Höhepunkt erreicht.

Längst wird wieder »fair« geklettert, aber in ganz anderen Bereichen; die Kletterprofis von heute sind top, physisch wie psychisch. Eine kaum nachvollziehbare Leistung vollbrachte vor ein paar Jahren Alexander Huber mit der Durchsteigung der Nordwand der Westlichen Zinne: Schlüsselseillänge seiner »Bellavista« im Schwierigkeitsgrad XI–, 55 Meter unter einem Riesendach!

Auf der Long Olbe, am Fuß der Drei Zinnen, verrenken sich die Touristen den Hals nach Alexanders Sportplatz über ihren Köpfen, bevor sie sich in der Langalmhütte zur Brotzeit niederlassen. Ganz in der Nähe entspringt die Rienz, der Pustertaler Fluss. Wer seinem Lauf bis Mühlbach folgt, dann rechts abbiegt, ist bald oben am Brenner. Vom Pass herab bläst ein kühler Wind, die Gipfel ziehen sich graue Mützen über. In München wird es wohl regnen, sagen die Meteorologen. Uns kann es egal sein, die schönen Erinnerungen reisen mit nach Hause. Auf Wiedersehen Südtirol, bis bald.

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