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SCHAUFLERPIRSCH: In der Serengeti Rumäniens


Wild und Hund - epaper ⋅ Ausgabe 22/2019 vom 21.11.2019

Seit Menschengedenken zieht es einmal im Jahr das Damwild wie magisch in den Wald von Socodor. Markus Deutsch jagte dort mit einem Donauschwaben und erlebte nicht nur spannendes Waidwerk, sondern erfuhr auch einiges aus der bewegten Geschichte dieser Volksgruppe.


Artikelbild für den Artikel "SCHAUFLERPIRSCH: In der Serengeti Rumäniens" aus der Ausgabe 22/2019 von Wild und Hund. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Foto: Markus Deutsch

Ununterbrochen schallt ein vielkehliges Knören durch die windstille Dunkelheit. Ein gerade eben sichtbarer Silberstreif am Horizont kündigt den nahenden Morgen an. Angestrengt versuchen wir, durch die Gläser schon einen Blick auf den gut vernehmbaren Trubel vor uns zu ergattern. Aber noch reicht das Licht nicht aus, auch ...

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Ununterbrochen schallt ein vielkehliges Knören durch die windstille Dunkelheit. Ein gerade eben sichtbarer Silberstreif am Horizont kündigt den nahenden Morgen an. Angestrengt versuchen wir, durch die Gläser schon einen Blick auf den gut vernehmbaren Trubel vor uns zu ergattern. Aber noch reicht das Licht nicht aus, auch nur ein bisschen vom emsigen Treiben auf der großen Ebene zwischen den beiden Ausläufern des v-förmig angelegten Waldes von Socodor zu erkennen.

Das Brunftkonzert lässt bereits erahnen, dass der baldige Anblick genauso beeindruckend sein wird wie gestern Abend, als wir das erste Mal ins Revier gefahren sind. Vom Ostrand hatten wir uns durch den Wald an den Brunftplatz gepirscht, der das Damwild der gesamten Region in seinen Bann schlägt.

Sogar aus Ungarn zieht es die Hochzeiter in die brettebene Pläne zwischen den beiden Forststreifen. Diese ermöglichen zwar ein unbemerktes Anpirschen bis zum Bestandsrand, sind aber leider auch so weit voneinander entfernt, dass sich das Wild auf der dazwischen liegenden, deckungslosen Ebene hervorragend tummeln kann, ohne dass der Jäger auch nur ansatzweise auf vertretbare Schussdistanz herankommen kann. Eine Chance hat er dort nur, wenn einzelne Stücke Richtung Wald ziehen und dann etwas Passendes dabei ist. Gestern war das allerdings nicht der Fall, obwohl wir eine immense Zahl an Damwild vor hatten.

Die abnehmende Dämmerung bringt langsam Licht ins Dunkel. Silhouetten werden sichtbar. Wie bei einem Reigen verschieben sich die Schatten des Wildes gegeneinander. Die Begleitmusik bildet das unentwegte Rülpsen der Hirsche. Das Mahnen des Kahlwildes schlägt den Takt dazu.

Ein Stück sondert sich vom Rudel ab und zieht in unsere Richtung. Jagdreiseveranstalter Egon Merle und ich kriechen fast in die Ferngläser. Schaufeln werden sichtbar. „Der könnt’ passen“, haucht mir Egon zu. Ich nehme vorsichtig meine Waffe hoch und richte mich auf der Schirmbrüstung ein. Doch noch ist der Hirsch zu weit entfernt. „Oh, der passt auf jeden Fall“, flüstert mir Egon zu. „Der hat das Alter.“ Meine Aufregung wächst. Mit wippendem Haupt hält der Schaufler auf uns zu. Doch dann verhofft er auf rund 250 Meter.

Irgendetwas am Bestandsrand links vom Schirm zieht seine Aufmerksamkeit auf sich. Im Bogen umschreitet er uns und wechselt schließlich außerhalb einer vertretbaren Schussentfernung in den Wald. „Ach, der wäre was gewesen“, entfährt es meinem Jagdführer. Es wird die einzige Chance an diesem Morgen bleiben.

Jagdführer Christi Anarasiu legt die Hände an die Ohren. So kann er besser orten, wo der Schaufler knört.


@@Das aufmerksame Kahlwild muss der Jäger immer auf der Rechnung haben – vor allem, wenn die Pirsch durch den Bestand geht.


Bei zunehmendem Licht entfaltet sich aber der ganze Zauber vor uns: In dem trockenen, braunen Gras ziehen rund 400 Stück Damwild auf der Ebene umher – ein einzigartiges Brunftspektakel! „Ich nenne das immer die Serengeti Rumäniens“, sagt Egon nicht ohne Stolz.

Er kennt diese Ecke des Landes gut. Sein Beruf als Jagdreisevermittler hat ihn in seiner 25-jährigen Laufbahn schon öfter ins Kreischgebiet im Westen Rumäniens geführt. Zudem wurde er im südlich angrenzenden Banat geboren und ist dort aufgewachsen.

Das Schicksal von Egon und seiner Familie ist beispielhaft für die Geschichte der Banater Schwaben, einer Untergruppe der als Donauschwaben bezeichneten, meist deutschstämmigen Kolonisten. Sie wurden nach den Türkenkriegen ab Ende des 17. Jahrhunderts als Siedler in die entvölkerten und verwüsteten Regionen Südosteuropas gerufen, die damals von den Habsburgern regiert wurden. Unter großen Anstrengungen und Entbehrungen machten sie das Land wieder urbar. So wurde aus der fieberträchtigen Sumpflandschaft des Banats ein fruchtbares Schwarzerdegebiet. Ihre Aufbauleistung fassten die Banater Schwaben unter dem Spruch „Den Ersten der Tod, den Zweiten die Not, den Dritten das Brot“ zusammen.

Hier haben die Hirsche Zeichen gesetzt: Durchs Schlagen an den Stämmen markieren sie die von ihnen beanspruchten Areale.


Und so erlebten auch die aus dem Elsass stammenden Vorfahren Egons die schwierige Anfangsphase in der neuen Heimat, den bescheidenen Wohlstand aus der Landwirtschaft, nachdem die Region zur Kornkammer Österreich-Ungarns avanciert war, aber auch die Zerstückelung des Banats nach dem Ersten Weltkrieg. Damals wurde Egons Heimatort Ostern westlich von Temeschwar Rumänien zugeschlagen.

Den wohl schwersten Einschnitt in ihr Leben mussten die Banater Schwaben am Ende des Zweiten Weltkriegs erleiden: Nachdem das Königreich Rumänien am 23. August 1944 die Fronten gewechselt hatte und nun auf Seiten der Alliierten gegen die Wehrmacht kämpfte, wurde die deutschstämmige Bevölkerung Rumäniens quasi über Nacht kollektiv zum Staatsfeind erklärt. Rund 100 000 flohen überstürzt in entgegengesetzter Richtung, aus der die Ahnen einst gekommen waren. Wer blieb und arbeitsfähig war, wurde ab Januar 1945 zur Zwangsarbeit in die Sowjetunion deportiert, darunter auch eine Oma von Egon. Circa 5 000 Menschen überlebten die Verschleppung nicht. Im März folgte die Enteignung der deutschstämmigen Landwirte, wodurch einem Großteil die Existenzgrundlage entzogen wurde.

In den folgenden Jahrzehnten entspannte sich die Lage der nunmehr in einem kommunistischen Rumänien lebenden Banater: Unterricht in deutscher Sprache wurde wieder zugelassen, in Temeschwar enstand das Deutsche Staatstheater, deutsche Zeitungen erschienen.

Heller Lungenschweiß im bunten Herbstlaub ist erst in der Nähe des verendeten Stückes zu finden. Am Anschuss hatten die Jäger nichts entdeckt.


Der Selektionshirsch hat eine tiefe Kerbe in der linken Schaufel


Der Himmel über den Banater Schwaben begann sich aber spätestens mit dem Einsetzen von Nicolae Ceauşescus nationalistischer Rumänisierungspolitik ab den 70er-Jahren wieder zu verfinstern. Dem wollten viele Schwaben entfliehen und stellten Ausreiseanträge. Das wusste der kommunistische Staatschef finanziell zu nutzen: Er kassierte eine Art Kopfgeld von der deutschen Bundesregierung, gestaffelt nach Alter und Ausbildungsgrad der Ausreisewilligen.

Der Diktator soll des Öfteren gescherzt haben, Erdöl, Deutsche und Juden seien Rumäniens lohnendste Exportartikel. Zwischen 1967 und 1989 konnten durch die Zahlungen aus Deutschland über 220 000 Rumäniendeutsche das Land verlassen. Damit war aber auch der Untergang einer einzigartigen, über mehrere Jahrhunderte gewachsenen Gemeinschaft und Kultur im Banat besiegelt.

Am Abend geht es in einen östlich vom Socodorer Wald gelegenen Revierteil. Dort führt uns Christi. Das trockene Robinienlaub am Boden macht das Pirschen nicht gerade leichter. Unser Jagdführer legt die Hände an die Ohren, um besser orten zu können. Er deutet in Richtung einer Dickung, die sich hinter den in Reih und Glied gepflanzten Scheinakazien erstreckt. Langsam tasten wir uns vor, immer wieder horchend, wohin sich das Knören des Hirsches wendet. Durch die Äste und Blätter sind ab und an Deckenpartien des Kahlwildes zu sehen. Absolute Vorsicht ist geboten!

Dann ist für kurze Zeit der meldende Hirsch zu sehen. An der linken Schaufel trägt er eine tiefe Einkerbung – ein Selektionshirsch. Allerdings verhindern die vielen Zweige einen Schuss.

Wir wollen versuchen, das Brunftrudel zu umschlagen. Im Zeitlupentempo geht es erst ein Stück zurück und dann um die Dickung herum. Das Manöver gelingt unbemerkt von den Hochzeitern. Zwischen den Stämmen des Hochwaldes kommt der Schaufler rund 80 Meter entfernt in Anblick. Ich richte mich auf dem Schießstock ein. Nun muss er nur noch schussgerecht stehen. Durchs Zielfernrohr behalte ich ihn im Blick. Dann passts!

Im Knall verschwindet der Schaufler zwischen den Stämmen. Wir warten die obligatorische Viertelstunde, bevor wir uns zum Anschuss aufmachen. Aber dort findet sich keine Spur von Schweiß. Habe ich ihn gefehlt? Sofort dreht sich das Gedankenkarussell, was gerade falsch gelaufen sein könnte. Wir verbrechen den Anschuss und gehen durch den Bestand zum Wagen, um einen Hund zu holen. Natürlich halten wir dabei die Augen offen und schauen, ob wir im lichten Bestand noch etwas entdecken. Plötzlich ruft Egon: „Da liegt er!“ Im bunten Herbstlaub ist der Hirsch nach rund 100 Metern verendet. Meine Anspannung weicht augenblicklich unbändiger Erlegerfreude. Gleichzeitig bin ich aber auch wieder einmal erstaunt, wie hart im Nehmen Brunfthirsche sind.

Die Banater Schwaben pflegten ihre Bräuche, wie hier bei einem Trachtenball.


Nach einer anblickreichen, jedoch beutelosen Morgenpirsch fahren wir am Vormittag in den Geburtsort von Egon. Ostern liegt unmittelbar an der Grenze zu Serbien. Typisch für die Kolonistensiedlungen wurde das Dorf auf dem Reißbrett geplant und ist entsprechend im Schachbrettmuster angelegt. In der Mitte ragt die Kirche empor. An den Hausgiebeln verblassen deutsche Familiennamen.

Egon war lange nicht dort, und sein wiederholtes Stöhnen lässt ahnen, dass ihm das Wiedersehen mit seiner alten Heimat nahe geht. Wir biegen ab. „Das ist meine Straße. Da bin ich groß geworden“, sagt der Donauschwabe ernst. Er erzählt, dass er als kleiner Junge schon sehr passioniert in Gummistiefeln heimlich seinem Vater an den Dorfrand folgte. Dort wollte dieser Tauben schießen. Plötzlich bemerkte der Vater seinen Filius neben sich, der im Morast sein Schuhwerk verloren hatte, steckte ihn kurzerhand in den Rucksack und trug ihn nach Hause zurück.

Seine Freude am Wild und an der Jagd bewahrte er sich: „Ich kannte damals jeden Rehbock rund um Ostern und Hatzfeld.“ Deshalb wurde er nach dem Besuch eines Forstgymnasiums Berufsjäger und arbeitete in der Forstdirektion Temeschwar in einem 80 000 ha umfassenden sogenannten Anexa-2-Gebiet. Dort durften Parteigenossen der Verwaltung jagen. Anexa-1-Gebiete waren dem Staatschef Ceauşescu vorbehalten. Dazu gehörte der Wald von Socodor.

1944 flohen rund 100 000 Deutschstämmige aus Rumänien, nachdem die Regierung die Fronten gewechselt hatte.


Aber nicht nur schöne Erinnerungen verbindet Egon mit seiner Heimat. Dort begann auch der Terror, der ihn und seine Familie schließlich zum Auswandern trieb: „Ich wurde einmal morgens zur Dorfpolizei gerufen. Ich hatte keine Ahnung, worum es geht. Der Polizist sagte dann: ‚Der Herr will was von dir.’ Da stand einer in Zivil. Ich hab mir dabei gar nichts gedacht.“

Die Banater Trachten waren von Ort zu Ort unterschiedlich, je nachdem, woher die Kolonistenfamilien ursprünglich stammten.


So stellte sich der donauschwäbische Maler Stefan Jäger (1877 bis 1962) Weg, Rast und Ankunft (v. l.) von neuen Siedlern im Banat vor.


Foto: Markus Deutsch (3), Bundesarchiv (1)

Was folgte war ein Verhör, währenddessen der Geheimdienstmann von der berüchtigten rumänischen Securitate Egon so einen Schlag versetzte, dass er kopfüber vom Stuhl fiel. Ihm wurde vorgeworfen, die Ermordung Ceauşescus und der ganzen Regierung geplant zu haben – offensichtlich ein vollkommen absurder Vorwurf, um dem Regime unliebsam gewordene Menschen wie die Banater Schwaben unter Druck setzen und schikanieren zu können.

Egon musste alle seine Waffen abgeben, konnte nicht mehr als Berufsjäger arbeiten, leitete fortan eine Champignonzucht und war für die Grünanlagen in Hatzfeld zuständig. Ende der 80er gelang ihm und seiner Familie mitten in der Umbruchzeit die Ausreise. In Bayern fand er eine neue Heimat. Der Zusammenbruch des Kommunismus, seine Sprachkenntnisse und die alten Kontakte ließen in ihm den Plan reifen, sich als Jagdreiseveranstalter zu versuchen: „Bei einer Rückreise aus Rumänien habe ich zu meiner Frau gesagt: ‚Weißt du was, ich mache mich selbstständig.’“ Es war der Beginn eines erfolgreichen Unternehmens, das bis heute Bestand hat.

Auf der Rückfahrt trifft Egon im Nachbarort noch eine alte Bekannte, die das Banat nie verlassen hat. Die beiden fallen sofort in die typische Schwabenmundart und tauschen sich angeregt über Freunde und Verwandte aus, ohne dass ich verstehe, worum es genau geht. Ich frage mich, wie lange man diesen schönen Dialekt noch zu hören bekommt. Er wird wohl wie das Ostpreußische oder Pommersche mit den letzten Sprechern für immer verschwinden.

Im Wald von Socodor wollen wir es am Abend noch einmal auf einen reifen Schaufler versuchen. Wir pirschen am Damm der Weißen Kreisch entlang, der den Forst vor Überschwemmungen schützt. Es herrscht reger Betrieb. Langsam schleichen wir, immer wieder mit dem Fernglas das Stangenholz inspizierend, durch den Bestand und kommen an mehreren Brunftkuhlen vorbei. Die abgeschlagene Rinde an den Bäumen verrät, dass hier Hirsche markiert haben. Mehrere Schaufler buhlen ringsherum um die Gunst der holden Weiblichkeit.

Hinterm Forsthaus von Socodor werden die Häupter abgekocht. Die Hühner genießen die Wärme des Ofens und rekeln sich davor.


Egon Merle nach dem Bergen des Schauflers auf dem Damm der Weißen Kreisch.


Plötzlich rieselt rund 30 Meter vor uns goldfarbenes Laub vom Baum. Ein Hirsch schlägt am dünnen Stamm darunter. Wir starren durch die Gläser. „Der passt“, flüstert Egon. „Mach dich fertig.“ Allerdings zieht es den Schaufler im nächsten Moment wieder zu den Damen und damit hinter ein für eine Kugel kaum durchdringbares Stämmegewirr. Vielleicht verhofft der Hirsch noch einmal günstig. Das tut er tatsächlich. Egon ist direkt neben mir, hat ihn gut im Blick. Für mich steht der Schaufler jedoch verdeckt. Als er weiterzieht, stöhnt Egon in der Anspannung: Ihm ist nicht klar, dass ich nicht schießen konnte, obwohl für ihn der Hirsch frei stand. Noch einmal verhofft der Schaufler. Ich sehe zwischen zwei Stämmen ein Stück vom Blatt und lasse fliegen.

Der Hirsch ruckt an und flüchtet mit angezogenem rechten Vorderlauf. Ich glaube, gut abgekommen zu sein, aber vielleicht war doch ein Zweig im Weg. Ich reiße die Waffe vom Stock, laufe ein Stück vor und schieße erneut auf den kurz verhoffenden Hirsch. Nach wenigen Fluchten geht er runter. Als wir am Stück sind, haben sich mein Herzklopfen und die Aufregung schon etwas gelegt. „Puh, was für ein Hirsch!“, entfährt es Egon. Ich kann mein Glück kaum fassen, zumal der erste Schuss hinter dem Brustbein entlanggegangen war und uns durch den zweiten eine Nachsuche erspart geblieben ist.

Mit vereinten Kräften ziehen wir den wirklich braven Schaufler auf den Damm der Kreisch, wohin Egons Berufskollegen vom Forsthaus mit dem Wagen gekommen sind. Er erzählt noch einen Witz auf rumänisch, und die Berufsjäger brechen in schallendes Gelächter aus. Mir wird klar, dass es auch eine große Chance sein kann, in einem gemischten Kulturkreis aufzuwachsen. Und so ist nicht nur die spannende Pirsch in einem hervorragenden Damwildrevier ein unvergessliches Erlebnis. Auch das Waidwerk mit einem passionierten Berufsjäger, der das schwere Schicksal der Banater Schwaben erdulden und seine Heimat verlassen musste, aber das Beste daraus gemacht hat, wird mir noch lange in Erinnerung bleiben.

An der linken Schaufel trug der Gestreckte einen gegabelten Haken (l.).


Autor und Jagdreiseveranstalter (u. r.) am erlegten Hirsch.

Die Jagd wurde von Merle Jagdreisen organisiert. Informationen untermerlejagdreisen.de. Weitere Fotos der Reportage finden Sie auf Facebook und Instagram.

Hier geht es zum Film auf PareyGo.


Fotos: Markus Deutsch

Fotos: Markus Deutsch

Fotos: Markus Deutsch