Weiterlesen mit NEWS. Jetzt testen.
Lesezeit ca. 5 Min.

Schein und Sein


blickpunkt musical - epaper ⋅ Ausgabe 3/2021 vom 15.09.2021

Artikelbild für den Artikel "Schein und Sein" aus der Ausgabe 3/2021 von blickpunkt musical. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.
Melodram des Einhorns ? Der Schneider (Dennis Hupka, Mitte) ist voller Angst vor dem magischen Einhorn und weiß nicht mehr weiter

Die Hanauer Brüder Grimm Festspiele hofften im vergangenen Jahr bis zuletzt, ihre neue Musical- Uraufführung aus der Feder von Komponist Marian Lux (Wetzlarer Musical »Lotte«) und Daniel Große Boymann (»Spatz und Engel«) aufführen zu können, mussten jedoch coronabedingt absagen. Auch in diesem Jahr stand die Uraufführung von »Das tapfere Schneiderlein« lange auf der Kippe. Belohnt wurden die Festspiele nach Verschiebung, Neuplanung und der erschwerten Probensituation schließlich mit einer umjubelten Premiere am 1. Juli 2021.

Den beiden Autoren war es wichtig, das Märchen vom Schneider, der vorgibt, eine Heldentat begangen zu haben und mehr zu sein, als er ist, mit Themen dieser Zeit zu verbinden. Das ist wunderbar gelungen, ohne dass märchenhaftes Erzählen geopfert wurde. Die musikalische Dramaturgie von Marian Lux lässt mit melodischem Pathos Riesen lebendig werden. Unter Regie von Werner Bauer ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 3,99€
NEWS 30 Tage gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von blickpunkt musical. Alle Rechte vorbehalten.
Lesen Sie jetzt diesen Artikel und viele weitere spannende Reportagen, Interviews, Hintergrundberichte, Kommentare und mehr aus über 1000 Magazinen und Zeitungen. Mit der Zeitschriften-Flatrate NEWS von United Kiosk können Sie nicht nur in den aktuellen Ausgaben, sondern auch in Sonderheften und im umfassenden Archiv der Titel stöbern und nach Ihren Themen und Interessensgebieten suchen. Neben der großen Auswahl und dem einfachen Zugriff auf das aktuelle Wissen der Welt profitieren Sie unter anderem von diesen fünf Vorteilen:

  • Schwerpunkt auf deutschsprachige Magazine
  • Papier sparen & Umwelt schonen
  • Nur bei uns: Leselisten (wie Playlists)
  • Zertifizierte Sicherheit
  • Freundlicher Service
Erfahren Sie hier mehr über United Kiosk NEWS.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 3/2021 von … kurz vorweg. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
… kurz vorweg
Titelbild der Ausgabe 3/2021 von Es ist viel mehr als Wahrheit, es ist Dichtung!. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Es ist viel mehr als Wahrheit, es ist Dichtung!
Titelbild der Ausgabe 3/2021 von Draculas Schloss steht jetzt in Ulm. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Draculas Schloss steht jetzt in Ulm
Titelbild der Ausgabe 3/2021 von Desillusionierte Phantasien im Reich der Träume. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Desillusionierte Phantasien im Reich der Träume
Titelbild der Ausgabe 3/2021 von Großartig und opulent, im Tempo gedrosselt. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Großartig und opulent, im Tempo gedrosselt
Titelbild der Ausgabe 3/2021 von Schaurig schönes Gruseln am Elbufer. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Schaurig schönes Gruseln am Elbufer
Vorheriger Artikel
Draculas Schloss steht jetzt in Ulm
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel Desillusionierte Phantasien im Reich der Träume
aus dieser Ausgabe

... werden diese fantasievoll von Ulla Röhrs (Kostüme) und Wiebke Quenzel (Maske) in Szene gesetzt. Unterstützt durch federnde Elemente bewegen sie sich erstaunlich leichtfüßig über die Bühne. Werner Bauer malt – auch dank der funktionellen Bühne von Hans Winkler, der sein Debüt in Hanau gibt – fließend Märchenszenen ineinander. Auf drei Drehtellern werden im Schloss auf zwei Ebenen opulent ausgestattete Räume mit Tapeten im Kronenoder Liliendekor hereingedreht. Gemalte Kulissen mit Bäumen, die Arme zu haben scheinen, schaffen ebenso eine fabelhafte Atmosphäre wie die knorrig gebogenen Elemente, die, ergänzt durch ein langes Horn, eindrucksvoll choreographiert von Bart de Clercq, und mit durch Bühnennebel fallendem grün-blauem Licht (Markus Röschke), in einer der Schlüsselszenen des Stückes das magische Einhorn bilden.

Seit 2013 gibt es Live-Musik bei den Festspielen, so auch in diesem Jahr. Platziert sind die 4 Musiker – einschließlich dem musikalischen Leiter Damian Omansen am Piano – mit Bass, Cello, Gitarre und Schlagzeug pandemiebedingt, beidseitig in der Kulisse und somit fast unsichtbar, bis sie für den Schlussapplaus auf die Bühne kommen.

Schein und Sein zieht sich durch die Musical- Märchenadaption. Der schüchterne Schneider (Dennis Hupka), der sich nur nach etwas Würdigung seiner Arbeit und einem bescheidenen Einkommen sehnt (›Wann ist der Mensch zufrieden?‹), erlebt, wie die Bewohner des Dorfes einzig darauf aus sind, mehr zu gelten, als sie sind (›Die Welt ist ein Dorf‹). Angetan in grau-silber-weißen Beinkleidern, die mit dem gleichfarbigen Hintergrund verschmelzen, haben Ulla Röhrs Kostüme hier etwas von »Des Kaisers neue Kleider«, während akzentuiert farbige Überwürfe, Jacken oder Gürtel die Geltungssucht ihrer Träger ins Bild setzen. Besonders hohes Ansehen genießt der arrogante Baron (mit volltönender Stimme und Präsenz: Kevin Arand), der von allen hofiert wird. Der Schneider dagegen muss erleben, dass jener ihn um seinen Lohn betrügt, obwohl der wachsende Leibesumfang daran schuld ist, dass der Galaanzug nicht mehr passt. Diesen hat sich der Baron anfertigen lassen, weil er glaubt, dass die Verlobung mit der Tochter des Königs so gut wie sicher ist (›Perfekt‹). Doch der König (mit Charme: Wolff von Lindenau), der lieber ein einfacher Bauer wäre (›Das alte Lied‹), auf dem Thron sitzend schläft und seinen machtgierigen Minister (Steffen Laube, wunderbar unsympathisch) herrschen lässt, hat sich eine Mutprobe erdacht, in der tapfere Recken um seine Tochter kämpfen sollen. Die mutterlose Prinzessin (mit klarer Stimme auch in den Tonsprüngen, schauspielerisch stark: Dorothea Maria Müller) hat ihren eigenen Kopf, möchte ihren Ehemann selbst wählen, der klug und ehrlich sein soll. Einen Kraftprotz lehnt sie ab (›Nein!‹). Mit Gedichtbuch oder Kochlöffel verbringt sie gern Zeit in der Küche bei der Köchin (voller humorvoller Wärme: Barbara Bach), welche ihr im Laufe der Zeit eine mütterliche Freundin geworden ist. Sie erfüllt die Position einer guten Fee und vermittelt zwischen Prinzessin und Schneider, den sie zuvor mit Pflaumenmus beschenkt hat, weil er sich wegen der fehlenden Bezahlung kaum einen Löffel davon leisten konnte. Als Fliegen ihm die Leckerei streitig machen, erschlägt er, der sonst keiner Fliege etwas zuleide tut, gleich sieben auf einen Streich: Auf der oberen Spielebene erscheinen nacheinander sieben Tänzer, die riesige schillernde Augenattrappen mit Flügeln hochhalten und diese nach und nach wieder fallen lassen und umfallen. Die Choreographie dieser Szene gehört zu den Höhepunkten und löst große Heiterkeit sowie spontanen Applaus im Publikum aus.

Zu den treibenden Rhythmen von ›Ist es nicht Zeit?‹ beschließt der Schneider, nicht länger das liebe Geißlein zu sein, sondern »sich auf die Brust zu schlagen«. Er macht sich seine Fähigkeiten zunutze und folgt dem Prinzip von Gottfried Kellers »Kleider machen Leute«. So macht er sich fein gekleidet und rasiert auf zum Schloss, nicht ahnend, dass der Minister die Zugänge hat sperren lassen. Dessen Plan ist es, den Baron, seinen heimlichen Sohn, nach der Heirat zu seiner Marionette auf dem Thron zu machen. Mit List gelingt es dem Schneider, den Riesen Zöllner (mit Stimmvolumen: Till Bleckwedel) zu überwinden. Dabei hilft ihm sein sprechender Vogel (Johanna Haas), der auch sonst in der Geschichte Tipps für seinen Menschen parat hat und ihm hilft, sein Handeln zu reflektieren. Der mit Jazz-Elementen gemischte volle, orchestrale Sound (Arrangements: Markus Syperek) von ›Den Starken gehört die Welt‹ ist ein Beispiel für Marian Lux# dynamische musikalische Dramaturgie des Stücks. Die Leute des Dorfes sind sofort bereit, mehr im Schneider zu sehen, und erreichen mit Hilfe der Köchin, der sein Mut gefällt, sowie der Prinzessin, dass er als Bewerber zugelassen wird. Trotz aller Hindernisse, die der Minister ihm in den Weg legt, meistert der junge Mann mit Mut und Pfiffigkeit seine Aufgaben: er fängt die wilde Wildsau (herrlich frech: Kira Primke) ein, besiegt die Riesen-Geschwister (Carolina Walker, Florian Siegmund), in dem er sie sich selbst bekriegen lässt und gewinnt das magische Einhorn dafür, ihm sein Horn zu überlassen (›Melodram des Einhorns‹). Dass er sich selbst am Ende seiner Stärke rühmt und die Hand der Prinzessin fordert, führt dazu, dass die Königstochter nichts mehr von ihm wissen will. Als der Baron ihn jedoch entlarvt und bloßstellt (›Runter mit der Verkleidung‹), bestärkt sie ihn darin, wieder er selbst zu sein und zu erkennen, dass Klugheit und Ehrlichkeit ihn weitergebracht haben als vermeintliche Kraft. Rollen und Positionen sind sehr gut gecastet. Dennoch sticht Dennis Hupka klar heraus. Er überzeugt mit angenehm warmer Stimme und Leichtigkeit im Gesang. Den Schneider spielt er liebenswert, authentisch und zeigt in seiner Haltung sowohl Schüchternheit, Draufgängertum als auch die Unsicherheit, wie er sich der selbstbewussten Prinzessin gegenüber benehmen soll.

Am Ende gibt es ein Märchen-Happy-End, das dadurch aufgewertet wird, dass der machtgierige Minister ins Gefängnis wandert, während der neue Thronfolger dem Baron den Posten als Minister zuweist, damit er erkennt, dass er mehr sein kann als ein Werkzeug seines manipulativen Vaters. Am Ende dessen steht die Erkenntnis: Sein gilt mehr als jeder noch so schöne Schein.

Barbara Kern