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Schlafstorungen – Betroffene erzahlen: Wenn die Nacht zum Tage wird


ÖKO-TEST Magazin - epaper ⋅ Ausgabe 3/2010 vom 01.03.2010

Die pensionierte Gymnasiallehrerin Ulrike Schwarzrock (66) qualt sich seit uber zwanzig Jahren mit Schlafstorungen herum. Bei der Suche nach den Ursachen sties sie auf traumatische Kindheitserlebnisse.


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Bildquelle: ÖKO-TEST Magazin, Ausgabe 3/2010


„Auf die Dauer höhlt der Schlafmangel dich aus“


Als kleines Mädchen bin ich oft im Schlaf gewandelt. Vielleicht hing das auch mit frühen traumatischen Kindheitserlebnissen zusammen. Bei Kriegsende waren wir drei Wochen auf der Flucht. Unsere Wohnung in Cottbus wurde ausgebombt, und meine Mutter hat sich dann mit uns Kindern zu ihrer Mutter nach Detmold durchgeschlagen. Mein Zwillingsbruder und ich waren ...

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Als kleines Mädchen bin ich oft im Schlaf gewandelt. Vielleicht hing das auch mit frühen traumatischen Kindheitserlebnissen zusammen. Bei Kriegsende waren wir drei Wochen auf der Flucht. Unsere Wohnung in Cottbus wurde ausgebombt, und meine Mutter hat sich dann mit uns Kindern zu ihrer Mutter nach Detmold durchgeschlagen. Mein Zwillingsbruder und ich waren damals anderthalb Jahre alt. Ich kann mich selbst nicht an diese Flucht erinnern. Ich weiß nur: Als ich viel später mal eine Therapie gemacht habe, kam heraus, dass in dieser Zeit sehr viel Angstvolles passiert sein muss. Mein Zwillingsbruder beispielsweise hat danach ein Vierteljahr nicht gesprochen. Ich hatte höllische Angst vor Gewittern, vor Gespenstern, vor großen Tieren. An die Ursachen meiner Ängste sind wir in dieser Therapie nicht richtig herangekommen, weil ich selbst keine Erinnerungen an die Flucht habe. Und meine Mutter hat nie davon gespro chen. Jedenfalls habe ich als Kind immer mit offener Tür und Licht schlafen müssen, wurde sehr leicht wach und hatte auch Albträume. In der Pubertät bescheinigte mir ein Arzt eine sogenannte vegetative Dystonie. Das ist eigentlich nur ein anderes Wort für Nervosität. Und das hat sich eben auch in Schlafstörungen ausgedrückt.

Verschärft haben sich diese Probleme aber erst viel später -durch zunehmenden Alkoholmissbrauch, der dann durch die Doppelbelastung nach der Geburt meiner Tochter und vor allem nach dem Freitod meiner Mutter in eine wirkliche Sucht geglitten ist. Das wusste ich aber lange gar nicht. Damals habe ich extrem schlecht geschlafen. Ich kann mich noch daran erinnern, wie ich oft nachts in der Wohnung saß und unter richtigen Angstzuständen litt. Und Alkohol hat ja zumindest vorübergehend eine betäubende Wirkung. Erst habe ich nur abends Wein getrunken. Dann irgendwann auch schon nachmittags nach der Schule, wenn ich eigentlich einen Mittagsschlaf gebraucht hätte.

Schließlich bin ich zusammengebrochen. Zum Glück, muss ich heute sagen. Ich habe fünf Wochen in der Klinik verbracht, drei davon in der Entzugsabteilung. Das war vor 22 Jahren. Mit dem Trinken habe ich danach wirklich aufgehört und seitdem nicht einen einzigen Rückfall mehr gehabt. Das zeigt auch, dass der Alkoholmissbrauch eigentlich mehr ein Problemtrinken war, um irgendwelche tiefen Ängste niederzuhalten. Allerdings habe ich nach diesem Klinikaufenthalt noch fünf, sechs Jahre lang das MedikamentImap bekommen. Das ist ein gutes Mittel, um die Leute funktionsfähig zu machen. Aber es sediert dich eben. Du machst alles, fühlst dich aber wie im Dämmerzustand. Schließlich habe ich entschieden, das Mittel wieder abzusetzen. Und ich stellte auf einmal fest, dass es mir auch ohne dieses Medikament ganz gut ging. Zumindest tagsüber.


„Ich bin meistens ab vier Uhr wach“


Nur mit dem Schlafen ist es schlechter geworden. Ich habe seitdem nachts immer diesen zerrissenen Schlaf, bin immer schon ganz selig, wenn ich morgens noch mal zwei Stunden einnicke und erst so um halb neun wieder aufwache. Davon zehre ich dann ein paar Tage. Es gibt auch Zeiten, in denen ich etwas besser schlafe. Aber das Normale sind für mich allerhöchstens fünf, sechs Stunden. Morgens bin ich meistens ab vier Uhr wach. Nun bin ich ja eine sehr intensive Leserin. Eine Weile kamen mir deshalb meine Schlafstörungen sogar gut zupass. Ich habe mir dann einfach ein Buch genommen. Oder ich habe Briefe geschrieben, kleine Gebrauchsreden oder andere Texte verfasst. Die Sonne schien ins Zimmer. Ich habe es im Grunde genossen, mich morgens um fünf Uhl-scheinbar ausgeschlafen an den Schreibtisch zu setzen. Das war sogar eine sehr produktive Phase.

Aber das Problem ist: Auf die Dauer höhlt der Schlafmangel dich aus. Dem Körper fehlen ja wichtige Erholungsphasen. Das geht bei mir nun schon so seit über 20 Jahren. Und tagsüber fühlte ich mich oft doch leer und müde und auch irgendwie überfordert. Deshalb habe ich mit der Schule auch schon zwei Jahre früher aufgehört. Das war für mich in gewisser Weise eine psychische Notwendigkeit: Ich konnte diesen normalen Geräuschpegel einfach nicht mehr ertragen.

Jetzt geht es mir eigentlich viel besser -trotz Schlafproblem. Ich glaube, damit muss ich leben. Und ich habe natürlich so meine Methoden, mit den Schlafstörungen umzugehen. Ich gehe abends gelegentlich noch ein bisschen spazieren. Ich achte darauf, dass ich im Schlafzimmer frische Luft habe, dass die Zimmertemperatur niedrig ist, dass es wirklich richtig dunkel ist. Was ich früher gemacht habe: Buch raus, womöglich noch eine Zigarette geraucht -das ist natürlich Wahnsinn! Ich sag mir jetzt: Gucke lieber im Dunkeln an die Decke und zähle Schäfchen, dann schläfst du irgendwann wieder ein. Und schon geht es besser. Ich kenne die Mittel inzwischen. Eine Zeit lang habe ich es auch mit Baldrian versucht, aber ich mag den Geschmack nicht. Ansonsten nehme ich schon lange keine Tabletten mehr, weil ich immer denke, dass damit ein Suchtrisiko verbunden ist. Ich rauche ja noch, das reicht nun wirklich.

Diese nervöse Grundkonstitution, die werde ich behalten. Ich werde sicher nie so ein ganz ausgeglichener Typ sein. Ich bin einfach nicht so vernünftig, gehe mit meinem Körper nicht so bewusst um, mache wenig Sport. Auch für autogenes Training und ähnliche Verfahren bin ich schwer zu haben. Ich entspanne mich am besten beim Spazierengehen, auch beim Schwimmen. Das sind für mich eher so sanfte Formen der Muße, eben auf eine angenehme Art.