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Schlager ließen Jazzers Kasse klingeln


FONO FORUM - epaper ⋅ Ausgabe 8/2021 vom 07.07.2021

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?Der Mann am Klavier? war Paul Kuhns größter Erfolg, doch seine Liebe galt dem Jazzklavier.

Dass Hans Last einst ein beachtlicher Jazzbassist war, bevor er zum James für Millionen wurde, dürfte den meisten bekannt sein. Aber wussten Sie, dass die 1946 geborene Gitte Hænning („Ich will ’nen Cowboy als Mann“) mit zwölf Jahren der bekannteste Kinderstar Skandinaviens war, Millionärin mit zahlreichen Miethäusern in Kopenhagen, und 1961 mit Jazzbasslegende Oscar Pettiford eine EP ihrem Vorbild Lena Horne widmete? Das erfährt man im neuen Buch „Es muss nicht immer Free Jazz sein“ von Siegfried Schmidt-Joos, der seiner „Little Sister“ genannten Freundin ein ganzes Kapitel mit ausführlicher Würdigung ihrer Jazzaktivitäten widmet.

Und die sind für eine Schlagersängerin verblüffend zahlreich, wobei ihr 1968 entstandenes Album mit der Kenny Clarke-Francy Boland Big Band bis heute herausragt. Vermutlich konnte Gitte Hænning es sich einfach leisten, als stimmgewaltige Sängerin immer zweigleisig zu ...

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... fahren.

„Wer Jazz spielt, sieht sich vor die Alternative gestellt, in die kommerzielle Musik abzuwandern oder von der Hand in den Mund zu existieren“

Für Jazzmusiker sah das anders aus – was Schmidt-Joos 1962 in der Zeitschrift twen so auf den Punkt brachte: „Wer Jazz spielt, sieht sich unablässig vor die Alternative gestellt, in die kommerzielle Musik abzuwandern oder weiter von der Hand in den Mund zu existieren.“ Wer abwanderte, wurde freilich prompt von der „Jazzpolizei“ mit böser Nichtachtung bestraft. Nicht nur in dieser Hinsicht bietet Pit Klein in seiner Biografie „Bill Ramsey – Send In The Clown“ erhellende Rückblicke auf jene Jahre, als immer mehr gestandene Musiker, deren Liebe eigentlich dem Jazz galt, zum Schlager konvertierten und dort als in Funk, Film und Fernsehen dauerpräsente Stars die Sehnsucht der „Wirtschaftswunderjahre“ nach exotischen Reisezielen und der großen Liebe befriedigten. Was dabei gut und was alles schief ging, erzählt Klein erfrischend lässig und mit oft verblüffenden Informationen. So erfährt man etwa, dass der Vater von William McCreery Ramsey III, der sich als Entertainer griffig Bill nannte, als wohlbestallter Werbemanager von Procter & Gamble das uramerikanische Genre der Soap-Opera erfand. Und so indirekt zur Weltkarriere von Caterina Valente beitrug.

Das 1931 in Paris geborene Artistenkind kam früh zur Musik: „Meine erste Liebe war Jazz. Ich bin mit Ellington aufgewachsen, mit Sidney Bechet, mit Armstrong, mit Bessie Smith und mit einer Frau, die – glaube ich – meine Karriere gestartet hat: Billie Holiday. Als ich sie zum ersten Mal hörte, habe ich geweint. Ich muss fünf gewesen sein, und da habe ich schon gewusst: Ich werde Sängerin.“ In ganz Europa aufgewachsen und deshalb perfekt sechssprachig, steht sie schon in jungen Jahren ständig auf der Bühne und sammelt so jede Menge Erfahrung. Als Jazzmusikerin unter anderem in Frankfurt, wo sie in „Ami-Clubs“ auftritt und dabei auch Bill Ramsey begegnet, den sie später nach Kräften fördern wird.

Anfang 1953 kommt es zur Zusammenarbeit mit dem damals tonangebenden Kurt Edelhagen Orches-ter, mit dem sie zunächst Standards einspielt, nachzuhören auf „The Jazz Singer“. Wenig später nimmt sie in Berlin mit Werner Müller und seinem RIAS-Tanzorchester Ernesto Lecuonas „Malagueña“ auf, das in den USA ein Hit wird. Dort bewundert man die Kunst der deutschen Toningenieure und deren Versiertheit im Umgang mit dem Echo. Caterina weiß es besser: „Es war aber kein Echo. Ich habe auf dem Frauenklo gesungen, weil das aus Marmor war, und das klang so herrlich. Und die dachten, die haben irgendwo einen Trick, super Mikrofone und so weiter – gar nichts. Ich habe einfach auf diesem wunderschönen Frauenklo ,Malagueña‘ gesungen. Und es klingt enorm!“ Wer genau hinhört, entdeckt auch die Klarinette von Rolf Kühn. Als der 1956 in New York Fuß fassen will, erweist sich das als Glück. Denn Caterina Valente, die seit ihrem höchst werbewirksamen Auftritt im März 1955 in der von 60 Millionen Zuschauern beachteten „Colgate Comedy Hour“ (aha!) in ganz Amerika „talk of the town“ ist, heuert den arbeitslosen Jazzer sofort für ihre Show im Hotel Pierre an: „Am ersten Abend war Judy Garland im Publikum und viele Musikagenten, die Caterina Valente sehen wollten und mich dann auch hörten. Sie ging immer wieder von der Bühne und überließ mir lange Soli. Das war ein guter Einstieg und der allererste Job, nachdem ich sechs Monate warten musste.“

Hörtipps

Gitte & The Kenny Clarke-Francy Boland Big Band: Out Of This World (Columbia, 1969 / veraBra, 1988)

Gitte & Otto Hænning: Songs For My Father (Bear Family, 2001)

Gitte Hænning: Jazz (Etiquette, 2004)

Nana Mouskouri: The Girl From Greece Sings – Nana Mouskouri In New York (Fontana, 1962/Mercury, 1999)

Caterina Valente: Caterina Valente & Chet Baker: I’ll Remember April (1955-1969; Blue Moon, 2014) Caterina Valente ’86 & The Count Basie Orchestra (Global, 1986) A Briglia Sciolta (Ariston, 1990) The Jazz Singer (SWR Jazzhaus, 2017)

Bill Ramsey & Paul Kuhn: Ballads & Blues/Songs From Home (Columbia, 1965)

Bill Ramsey & Jean-Louis Rassinfosse: Send In The Clowns (Swingland, 2005)

Bill Ramsey: Ramsey Swings – 1958-1999 (Bear Family, 2011)

Paul Kuhn: The L.A. Session (In+Out, 2013)

Für Kühn blieb Amerika eine Episode, während sich für Caterina Valente dort die Türen der Welt öffneten. Über die Ursachen für ihren Erfolg in den USA berichtete Der Spiegel im April 1955 in einer noch heute spannenden Geschichte. Weil sie nicht nur grandios scatten, sondern auch famos tanzen konnte, wurde die burschikose Entertainerin eine vielgefragte Partnerin für viele Stars des US-Showbusiness – von Perry Como über Danny Kaye und Louis Armstrong bis zu Dean Martin – sogar mit eigener Fernseh-Show. Mit Ella Fitzgerald, die über Bill Ramsey einst befand „Wenn ich die Augen schließe, höre ich einen Schwarzen“, war sie schon lange befreundet, als Anfang der 1960er-Jahre das nächste große Ding hätte passieren können. Antonio Carlos Jobim, den sie während einer Brasilien-Tournee kennengelernt hatte, war ihr „wie ein Bruder! Ich war die erste Sängerin, die Bossa-Nova-Lieder in die USA gebracht hat, und habe meiner Plattenfirma vorgeschlagen, ein ganzes Album damit zu produzieren – leider waren die Chefs dagegen. Ein Jahr später hatte meine Freundin Astrud Gilberto dann einen Riesenhit mit Jobims ,Girl From Ipanema‘, und die große Bossa-Nova-Welle brach los.“

Die Plattenfirmen bestimmten damals ziemlich gnadenlos die musikalische Ausrichtung ihrer Künstler, die sich – vertraglich gebunden – dagegen kaum wehren konnten. Das traf auch Caterina Valente, die von ihrem Produzenten Kurt Feltz rasch in die Schlager-Ecke gedrückt wurde und der über ihren ersten deutschen Superseller, „Ganz Paris träumt von der Liebe“, fast schon weinerlich sagte: „Man muss doch spüren, dass sie das nicht nur singt, um Geld zu verdienen, sondern weil es ihr Spaß macht.“ Womit er wahrscheinlich sogar recht hatte.

Nana Mouskouri war dagegen bereits 1961 ein international gefeierter Star mit ihrem Superhit „Weiße Rosen aus Athen“ in gleich mehreren Sprachen – weshalb die Rosen in Frankreich aus Korfu kamen. „Ihr flirrender, zuweilen heiser grundierter Sopran, der viele mitten ins Gefühl, anderen aber den Nerv traf, war pure Kunst“, so Dieter Bartetzko 2004 in der FAZ. Von dieser war Quincy Jones derart beeindruckt, dass er 1962 in New York mit der Sängerin das Jazzalbum „The Girl From Greece Sings“ produzierte. Ohne sonderlichen Erfolg. Der stellte sich erst 1999 ein, als Mercury die Scheibe als „Nana Mouskouri In New York“ wiederveröffentlichte. Weitaus nachhaltiger geriet ihre Zusammenarbeit mit Michel Legrand („Les parapluies de Cherbourg“), die sie zum Weltstar machte und mit über 300 Millionen verkauften Alben nach Madonna zur erfolgreichsten Sängerin weltweit. „Jazz ist nicht leicht zu singen“, sagte Mouskouri einmal, „es ist eine ganz andere Disziplin als Country oder Schlager, man muss seine Stimme trainieren“. Was vielleicht erklärt, warum der Jazz bei ihr immer nur Liebhaberei blieb.

Jahrzehnte später befand Caterina Valente, Profi durch und durch, im SZ-Magazin ungerührt: „Ich habe Schlager gesungen, wie sie die jungen Leute damals hören wollten, exotische Lieder mit einem Hauch von Fernweh.“ Ob es sie denn störe, dass man den Weltstar in Deutschland nur als Schlagersängerin kenne: „Nein. Meine Produzenten haben das richtig gemacht, der Erfolg gab ihnen Recht. Es stimmt allerdings, dass ich in Deutschland nicht immer die Lieder gesungen habe, die ich wirklich mochte. Außerdem durfte ich ja nebenbei das machen, was ich am liebsten mochte: Jazz.“ Etwa 1956 mit Chet Baker zwei Singles aufzunehmen oder 1986 mit dem Count Basie Orchestra unter Leitung von Thad Jones auf Tournee zu gehen.

Der von dem großen Sänger Joe Williams inspirierte Bill Ramsey, der 1957 seinen ersten großen Erfolg beim Festival von Sopot feierte („I sat down at the piano, played the boogie-woogie and sang ,Caldonia‘. The audience went mad.“), hatte nicht so viel Glück. Konfrontiert mit der Frage „Rock 'n' Roll oder was Lustiges?“, entschied sich der Sänger mit der „schwarzen“ Bluesstimme für Letzteres. Seine „Zuckerpuppe“ und „Pigalle“ wurden Verkaufsschlager, der mit hessischem Zungenschlag fließend Deutsch sprechende Amerikaner zum Star Dutzender Filme. Aber als er 1965 mit Paul Kuhn „Blues & Ballads“ herausbringen wollte, klappte das erst, nachdem die beiden Jazzer auf die Hälfte ihrer Rechte verzichtet und selbst tief in die Tasche gegriffen hatten. Kein Wunder also, dass Kuhn auf die Frage, wie denn ein Jazzer solche Titel wie „Es gibt kein Bier auf Hawaii“ spielen könne, trocken antwortete: „Wegen der Straßenbahn. – Wie Straßenbahn? – Nach dem Krieg. Ich musste Straßenbahn fahren. – Ja? Und? – Ich wollte aber lieber Cadillac fahren.“

„Jazz ist nicht leicht zu singen, es ist eine ganz andere Disziplin als Country oder Schlager, man muss seine Stimme trainieren“

Ob er dabei Caterinas Mama, die als Musikclownin berühmte Maria Valente vor Augen hatte, die ihre große Artistenfamilie eigenhändig am Steuer eines riesigen umgebauten Cadillacs durch ganz Europa kutschierte, wissen wir nicht. Jedenfalls gelang dem „Mann am Klavier“ (sein größter Erfolg als Schlagerinterpret) über Jahrzehnte der Spagat, einerseits mit seiner Big Band auch ökonomisch erfolgreicher Dauergast im deutschen Fernsehen zu sein und andererseits seinen Ruf als swingender Jazzpianist zu wahren. Ab Mitte der 1990er-Jahre, als seine diversen Orchester längst schon den Zeitläuften zum Opfer gefallen waren, trat er bis zu seinem Tod 2013 eigentlich nur noch mit seinem „Paul Kuhn Trio“ auf, wenn er nicht gerade mit Max Greger, Hugo Strasser und der SWR-Big-Band – wie übrigens auch Bill Ramsey – als „Swing-Legende“ unterwegs war.

Und wie sieht es heute aus? Caterina Valente, die eindeutig bedeutendste Entertainerin Europas, ist seit langem verstummt, nimmt aber auch mit inzwischen über 90 Jahren immer noch aktiv am Tagesgeschehen teil und teilt via YouTube entdeckenswerte Schätze ihrer glorreichen Vergangenheit. Paul Kuhn wird schmerzlich vermisst, während Nana Mouskouri, die am 13. Oktober ihren 87. Geburtstag feiert, seit 2008 unter dem Titel „Forever Young“ auf unendlicher Abschiedstournee ist und bei ihren weniger werdenden Auftritten trotz altersbedingt in höheren Lagen brüchiger, gleichwohl beeindruckender Stimme weiterhin für Begeisterung und Umsätze bei allen Blumenhändlern (weiße Rosen!) sorgt. Bill Ramsey dagegen ist seit langem krank, weshalb er 2019 nach über 30 Jahren auch seine Moderation der beliebten „hr2 swingtime“ aufgeben musste – die Sendung wurde prompt eingestellt. Bleibt uns Gitte Hæenning, die mit 75 Jahren jüngste der Jazz-verwurzelten Schlagerstars, die nicht den Blues schiebt, sondern immer noch Standards des Great American Songbook ihre eigene Note gibt.

Beenden wir dieses eigenartige Kapitel der Jazzgeschichte zu Ehren von Bill Ramsey mit einem thematisch passenden Witz, über den auch seine Kolleginnen herzlich lachen dürften: Wie geht ein Blues-Song rückwärts? – Die Flasche ist voll, die Frau ist da, ich habe Arbeit … ■

Buchtipps

Siegried Schmidt- Joos: Es muss nicht immer Free Jazz sein (Verlag Klaus-Jürgen Kamprad, 2021)

Pit Klein: Bill Ramsey – Send In The Clown (Seitenweise Verlag, 2021)