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Schlecht geträumt


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tip Berlin TV & Streams - epaper ⋅ Ausgabe 16/2022 vom 03.08.2022
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Freunde unter sich: klassisches Gespräch eines Helden mit seinem Spirit Animal

Neil Gaiman hat eine Schreibblockade. Sein Buch über eine Chinareise schlummert seit Jahren in der Entwicklungshölle. Von der ganz groß angekündigten Fortsetzung seines Ausnahme-Comics „Miracle Man“ ist in sieben Jahren genau eine Seite erschienen. Dafür läuft's in der Glotze wie geschnitten Brot:

Nachdem Bryan Fuller bei „American Gods“ gefeuert wurde, übernahm Gaiman himself die Produktion. Mit großen Budgeteinschränkungen brachte er die Serie, die nach seinem 1.000-Seiten-Roman entstanden war, über die Ziellinie. Und jetzt hat er den Showrunner beim „Sandman“ gegeben, ebenfalls eine Serie nach einem seiner Werke.

Wer ist Neil Gaiman? Nicht Comic- oder Fantasy-affinen Menschen kann man den Autor vielleicht über die Verfilmungen seiner Werke vorstellen, so das Jugendbuch „Coraline“ (2009 von Henry Selick als bezaubernder Stop-Motion-Animationsfilm), Matthew Vaughns „Der Sternwanderer“ und John Cameron Mitchells „How to talk to girls at parties“. Angesicht des Umfangs seiner meisten Bücher ist es nicht überraschend, dass die Fernsehserie das geeignetere Medium ist.

Mit der Warner Bros./Netflix-Produktion von „The Sandman“ ist Gaiman jetzt am Ziel angekommen. „The Sandman“ gilt als wichtigstes Werk des 1960 geborenen Briten, er selber sagte gerade, dass dreißig Jahre lang seine Rolle bei geplanten Sandman-Verfilmungen diejenige war, zu versuchen, schlechte zu verhindern - „glücklicherweise hatte ich damit immer Erfolg“. Jetzt aber sei die Zeit reif gewesen, dank weiterentwickelter FX-Technik, durch das serielle Erzählen und die Bereitstellung eines dafür notwendigen Budgets. Zudem seien die Kreativen hinter dieser Serie mit den Sandman-Comics aufgewachsen, es sei also ein Werk von Leuten, die den Sandman lieben.

Kein klassischer Superheld

Von 1989 bis 1996 erschienen 76 Hefte, danach bis 2013 noch fünf Kurzgeschichten, zwei Graphic Novels und drei Miniserien, jede Story mit einem anderen Zeichner realisiert. Zwar stammt der Sandman aus dem DC-Superhelden-Universum, ist aber nicht unbedingt ein Mitstreiter für Batman, Superman, Wonder Woman und Co. Als Gaiman 1989 den klassischen Sandman übernahm, staunten die Leser nicht schlecht. Nicht länger ein Superheld im Trenchcoat, der Gangster mit seinem Schlafgas bekämpfte, war der Sandman jetzt Morpheus, der Herr der Träume, kurz Dream genannt, der mit seinen Geschwistern Destiny, Desire, Delirium, Despair, Destruction und Death eine dysfunktionale Familie bildete. Dieser Morpheus sah wie eine Mischung aus Robert Smith von The Cure und Peter Murphy von Bauhaus aus (Tom Sturridge trifft das in der Serie ziemlich gut).

Im Jahr 1916 gerät der Sandman in die Gefangenschaft des Magiers Sir Roderick und kann sich erst nach hundert Jahren Gefangenschaft im Keller eines englischen Landhauses befreien. Doch sein Reich ist inzwischen zerfallen, seine Getreuen haben ihn bis auf die Bibliothekarin Lucienne verlassen, die Insignien seiner Macht, ein Beutel voll Traumsand, ein Helm und ein Rubin, hat die Geliebte von Sir Roderick mitgenommen, als sie sich aus dem Staub machte.

So besteht die erste Aufgabe des Sandmans darin, diese zurückzubekommen.

Nicht einfach, denn sie haben mittlerweile die Besitzer gewechselt - für den Helm muss er sich in die Hölle begeben und mit Luzifer persönlich einen Zweikampf austragen.

Luzifer ist hier eine Frau, wie auch andere in der Vorlage männliche Figuren. Schwarze Darsteller:innen sind in zentralen Rollen zu sehen.

Mühelos springt der Film zwischen phantastischen Welten und realen in der Gegenwart, aber manchmal auch der Vergangenheit, hin und her. Die fünfte Episode spielt fast ausschließlich an einem einzigen Ort, einem Diner, wo John (der großartige David Thewlis), Sohn der Geliebten von Sir Roderick, nach jahrelangem Aufenthalt in der Psychiatrie, mit dem Rubin, den ihm seine Mutter schenkte, die Welt retten will.

Er glaubt, das dadurch zu erreichen, dass die Menschen sich die Wahrheit ins Gesicht sagen – mit katastrophalen Konsequenzen.

Das funktioniert hier in bester „Twilight Zone“-Manier. Auch die nachfolgende Episode fällt ein wenig aus dem Rahmen, wenn sie über eine Zeitspanne von mehreren hundert Jahren zwei Männern folgt, die sich am selben Ort immer wieder treffen. Was das mit dem großen Ganzen zu tun hat, wird eher beiläufig eingeschoben.

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Da gehen sie dahin:Traum und Tod Seite an Seite (Tom Sturridge, l. und Kirby Howell-Baptiste, r.)

Eine verstärkte Dramatik setzt dann mit Folge 7 und der Figur der jungen Schwarzen Rose Walker ein, die sich auf die Suche nach ihrem kleinen Bruder begibt, der mit seinen Adoptiveltern nicht so viel Glück hatte wie sie. Rose stellt sich als ein „Wirbel“ heraus, eine unerklärliche Macht, die die Grenzen zwischen der Realität und dem Reich der Träume niederreißen und dadurch für großes Chaos sorgen kann. Hinter ihr ist deshalb nicht nur der Sandman her, sondern auch ein Serienkiller - „Der Korinther“ verfolgt dabei seine eigene Agenda. Wenn sich später serial killer in einem Hotel zur ihrer jährlichen Convention treffen, schlecht getarnt als „cereal convention“, hebt das Ganze zeitweise ins Absurde ab – man bekommt „ein Schleudertrauma vom Kopfschütteln“ (so ein erfahrener Leser). Für den Konsumenten ein Wechselbad der Gefühle, herzzerreißend die sechste Folge, wenn der Sandman seine Schwester Death bei ihrer Arbeit begleitet.

Wie die Vorlage ist auch die Serie (deren erste Season auf den ersten beiden graphic novels, „Preludes and Nocturnes“ und „The Doll's House“, basiert) eine gelungene Erzählung über die Macht des Erzählens (und Träumens), angereichert mit unzählbar vielen Verweisen auf griechische und römische Mythologie, auf Shakespeare etc.

Aufmerksame Zuschauer sollten darauf achten, wieweit sich hier auch Gaimans Scientology-Mitgliedschaft niederschlägt, schleust er doch in seine Storys immer wieder entsprechende Elemente ein, raffiniert und nie sofort zu identifizieren. Er selber bekannte sich erst sehr spät zur Mitgliedschaft, es war aber immer bekannt, dass seine Familie zu den wichtigsten Scientologen Großbritanniens gehörte.

The Sandman ab 5.8. bei Netflix, Staffel 1: 10 Folgen (37-54 Min.), USA 2022, Creator: Neil Gaiman, David S. Goyer, Allan Heimberg, ••••○

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