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Schleierhaft


Der Spiegel - epaper ⋅ Ausgabe 38/2018 vom 14.09.2018

Mode »Contemporary Muslim Fashions«: Eine amerikanische Ausstellung über Bekleidung in der islamischen Welt dürfte eine Debatte auslösen.


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Bildquelle: Der Spiegel, Ausgabe 38/2018

Ganz egal, was die Designer auf die Laufstege schicken, Karo-oder Tarnmuster, Stilvolles oder irgendetwas im Stil der Kardashians: Es ist, zum Glück, alles erlaubt.

Mode hat als Provokation, als Diskus -sionsstoff ausgedient. So schien es jedenfalls, und es schien auch niemanden zu stören. Bekleidung ist ein Weltmarkt, der zu viel kritisches Gerede auch gar nicht mehr zu schätzen weiß.

Nun aber rückt ein Museum in San Francisco (und anschließend eines in Frankfurt) die ...

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... Mode – fließende lange Stoffe, kunstvoll drapierte Kopfbedeckungen – in einen besonderen Zusammenhang, und plötzlich wird es spannend. Wahrscheinlich ergibt sich aus dieser Spannung sogar eine weltweite Debatte.

Die nächste Ausstellung im M. H. de Young Memorial Museum – kurz: De Young – widmet sich der muslimischen Mode. Schon die erste Ankündigung Ende 2016 löste eine gewisse Aufregung in der US-amerikanischen Presse aus. Damals forderte der designierte Präsident Donald Trump neue Einreisebestimmungen, von vielen »Muslim Ban« genannt. Aber »Muslim Fashion«?

Die »New York Times« schrieb von einem »unerkundeten Gebiet«. Das rechtsaggressive Nachrichtenportal Breitbart gab sich weniger sachlich und formulier -te den Arbeitstitel »Fashion of Islam« hämisch zu »Fashism of Islam« um, ersetzte »is la mische Mode« also durch »islamischen Faschismus«.

Auch in E-Mails ans Museum hieß es, solche Ausstellungen dürfe man in solchen Zeiten nicht eröffnen.

Solche Ausstellungen? Solche Zeiten?
Was für Zeiten sind das, in denen vor der Arbeit einiger Kuratorinnen in der Kostüm-und Textilabteilung eines kalifornischen Museums gewarnt werden muss?

Initiiert wurde die Ausstellung von dem aus Österreich stammenden Museumsmann Max Hollein, 49, der sagt, beabsichtigt sei die tiefgängige Analyse eines komplexen Phänomens – aber durchaus auch eine »prachtvolle Präsentation der aktuellen Modeszene in verschiedenen islamischen Zentren«.

Hollein weiß, wie man Ausstellungen macht (und vermarktet), für die sich nicht nur klassische Museumsgänger interessieren. Viele Jahre lang führte er gleich drei Frankfurter Museen, erneuerte die dortige Kulturlandschaft geradezu. Man ließ ihn ungern ziehen, doch im Juni 2016 übernahm er die Leitung der Fine Arts Mu -seums in San Francisco, von denen eines das De Young ist. Inzwischen folgte ein weiterer Karriereschritt, vor ein paar Wochen trat er als Direktor des Metropolitan Museum in New York an, das ist eines der bekanntesten Universalmuseen der Welt und quasi ein Heiligtum unter den amerikanischen Kulturinstitutionen.

Sein Programm in Kalifornien dürfte eine Rolle gespielt haben bei der Berufung nach New York, insbesondere die Idee, islamisches oder islamisch ausgerichtetes Modedesign zum Thema zu machen. Auf solche Einfälle kommt sonst kaum einer in den USA. Nun steht die Ausstellung kurz vor der Eröffnung, und Hollein wird sich neben Freunden auch Feinde machen, wird polarisieren, wohl das erste Mal in seiner Laufbahn.

Nicht nur die Populisten im politisch überreizten Land werden reflexhaft ein Problem mit ihm haben. Hollein selbst rechnet außerdem mit Kritik von feministischer Seite, man werde ihm vielleicht vorwerfen, einer Mode zu huldigen, die die Unterdrückung von Frauen feiere.

Im Westen wird Mode tatsächlich als etwas verstanden, das eher mit Freiheit zu tun hat, und zwar mit jener, alles oder quasi nichts tragen zu dürfen. Die Kleidungsgewohnheiten unter Muslimen – in manchen Ländern handelt es sich um echte Vorschriften, und Verstöße sind gefährlich – werden von Nichtmuslimen oft genug als Bevormundung vor allem der muslimischen Frauen verstanden. Vorgaben werden schließlich vor allem ihnen gemacht.

Auch das Museum in San Francisco widmet sich fast ausschließlich Frauen, und da wird vor allem der Grundsatz der »sittsamen Kleidung« beleuchtet: Aus der Interpretation des Korans heraus und gemäß der Traditionen entwickelte sich in dieser religiösen Gruppe (der ein Viertel der Weltbevölkerung angehört) die Auffassung, die Gewänder sollten die körperlichen Reize einer Frau verhüllen.

Model mit Entwürfen verschiedener Designer Glaubensverträgliche Kleidung


Natürlich gibt es Unterschiede in der Auslegung, im Alltag. Der Islam ist, von Malaysia bis Marokko, in vielen Ländern, vielen Schichten verbreitet. In manchen Staaten oder Gemeinschaften ist die Vollverschleierung üblich oder eben vor -geschrieben, in anderen Umgebungen lassen sich Hidschab, also Kopftuch, sty -lische Sonnenbrillen und Neon-Sneaker kombinieren.

Das Prinzip des Verbergens, Verhüllens aber wird grundsätzlich ernst genommen. Und dieses Prinzip ist über jede Kurzfristigkeit erhaben, es wird in der nächsten Saison und in Jahren und Jahrzehnten noch gelten. Das macht das »sittsame« Marktsegment für Hersteller berechenbar – und daher attraktiv.

Längst bieten auch westliche Ketten und Modehäuser glaubensverträgliche Kleidung an, Dolce & Gabbana beispielsweise Abajas, die langen, lockeren Gewänder, Nike vertreibt Kopfbedeckungen und weitere Ausstattung für Sportlerinnen. Überhaupt gilt muslimische Sportbekleidung (laut Museumskatalog) als das »nächste große Ding«. Der gesamte Markt für Kleidung, die den besonderen Anforderungen der muslimischen Gläubigen entspricht, ist riesig. In drei Jahren soll er bei fast 370 Milliarden Dollar liegen.

In Teheran, in Jakarta etablieren sich neue Marken, in der Zuwandererstadt London wird eine Fashion Week für die entsprechende Mode veranstaltet, die englische Vokabel heißt »modest fashion«. Mehr und mehr verlagert sich vieles aber ins Internet, dort wird geworben, gehandelt, dort bloggen junge muslimische Modeliebhaberinnen. Auch die Fotoplattform Instagram ist beliebt für Selbstdarstel -lungen junger Frauen mit Kopftuch und anderen Accessoires ihres Glaubens. Die Kuratorinnen erkennen gar eine »neue Sittsamkeit«, eine neue Begeisterung für einschlägige Traditionen, für religiöse Inhalte. Im Katalog kommt die deutsche Vokabel »Zeitgeist« vor, eine Autorin spricht von einem »Muslim Cool« unter jungen Hip-Hop-affinen Musliminnen in den USA.

Nicht alle Musliminnen tragen traditionelle Kleidung. Die es tun, werden zur Projektionsfläche.

In den heutigen Debatten würden die Körper von Frauen zum »Ersatzterrain für politische Kämpfe«, auch diese These ist im Katalog nachzulesen. Tatsächlich war die Verhüllung in Europa oft Gegenstand von Diskussionen, auch von Gesetzen, und die Auseinandersetzungen schwankten zwischen Ablehnung und Mitleid.

Beides möchte die Ausstellung nicht vermitteln. Vielmehr erläutert sie die Geschichte dieser Kleidung und deren Neu -erfindung als Outfit. Die jungen, hier ver -tretenen Designer sagen, sie wollten eine moderne Mode schaffen, die von islamischen Mädchen »mit Stolz« getragen werde.

Modeausstellungen selbst sind im Trend, doch Hollein reizt dieses Genre anders aus. Für ihn ist Mode die extrovertierte Ausdrucksform eines kulturellen Zustands. Der Rest ist für ihn eine Frage der Perspektive. Wer im Westen sozialisiert sei und Mode eben als Befreiungsakt verstehe, denke bei dieser Kleidung vielleicht zuerst an religiöse Vorschriften, sagt er. Nur fänden jüngere muslimische Frauen oftmals, diese Religion sei einfach Teil ihrer Kultur. Manche Frauen wollten aber ebenso ein Zeichen gegen die Diskriminierung von Muslimen setzen.

Auch diese Ausstellung wird als Statement wahrgenommen werden, das ist Hollein klar. Er will es so, er sagt, das Vorhaben sei geprägt von einer »großen Offenheit « und einer »positiven Haltung«. Solche Äußerungen könnten manche als Kampfansage verstehen – sie und der Glamour der ausgestellten Kleider. Einige der Leihgaben stammen von arabischen – und ziemlich weltläufigen – Prinzessinnen.

Erkenntnisinteresse ist stets der beste Weg, sich der Welt und den Menschen zu nähern. Ein Forschungsdrang und respektvoller Umgang der Kuratorinnen und weiteren Autoren mit dem Thema wird bei der Lektüre des Katalogs deutlich.

Doch nicht alle Fragen werden gestellt.
Wo verläuft denn nun die Grenze zwischen Freiheit und Zwang? Was lernen wir über die Entwicklungen in dieser Welt, wenn ein Kleidungsstil an einigen Orten die Erwartungen eines religiöspolitischen Systems erfüllt und an anderen Orten – etwa in den Metropolen in der Diaspora – zum Erscheinungsbild einer Straßen-und Subkultur umdefiniert wird? Was ist eigentlich, weltweit, aus der Subkultur geworden, früher wichtiger Motor neuer Trends?

Manches wird angedeutet, anderes wird sich der Zuschauer selbst zusammenreimen müssen. Wieder anderes soll offenbar irritieren. Nur wen genau?

Integriert werden, als Sidekick, Arbeiten von Künstlern und Fotojournalisten, etwa die Aufnahmen der amerikanisch-jordanischen Fotografin Tanya Habjouqa, die in ihrer Serie »Besetzte Vergnügen« Palästinenser und vor allem Palästinenserinnen zeigt, deren Leben aus vielen Gründen eingeschränkt wirkt. Einer ist die Abriegelung ihres Lebensraums.

Diese Ausstellung, die dem Thema Mo -de wieder Relevanz abgewinnen will, enthält einige rote Tücher.