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SCHLÖSSER & BURGEN: Spieglein, Spieglein an der Wand


daheim - epaper ⋅ Ausgabe 6/2018 vom 12.10.2018

Lebte Schneewittchen auf Schloss Lohr? So einiges spricht dafür


Artikelbild für den Artikel "SCHLÖSSER & BURGEN: Spieglein, Spieglein an der Wand" aus der Ausgabe 6/2018 von daheim. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: daheim, Ausgabe 6/2018

Es war einmal auf Schloss Lohr …Dort wohnten Freifräulein Maria Sophia von Erthal – und die Stiefmutter


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1. Schneewittchen im gläsernen Sarg: Sammelbildchen für das Album „Deutsche Märchen“.2. Schneewittchen und die sieben Zwerge: Mit etwas Glück trifft man sie mitten in Lohr

SCHLOSS LOHR

Den Grundstein für das Lohrer Schloss, auch Kurmainzer Schloss genannt, legte Graf Gerhard V. von Rieneck im Jahr 1340. Anfangs war es noch ein Wohnturm nach flämischem Vorbild, um den ab dem späten 15. Jahrhundert ein Wassergraben und ein Mauerring ...

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... gezogen wurde. Bis zu ihrem Aussterben im Jahr 1559 diente das Schloss den Grafen von Rieneck als Wohn- und Verwaltungssitz. Danach übernahmen die Kurfürsten von Mainz das Gebäude und gaben ihm nach und nach seine heutige Gestalt. Seit 1972 befindet sich im Schloss das Spessartmuseum.JSTel. 0 93 53/7 93 23 99; spessartmuseum.de


Eine böse Stiefmutter, ein Spiegel und Bergarbeiter, klein wie Zwerge …


Der Spiegel antwortet nicht. „Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land?“ Nichts. Nur das Knarzen des Parkettbodens. Gerne würde man schreiend, flüsternd ganz nah herantreten an diese Spiegelfläche, die an einigen Stellen trüb geworden ist und an anderen seltsam funkelt wie 1000 Körnchen Sternenstaub.

Man kommt nicht näher. Eine Glasplatte schützt den Spiegel im rotgoldenen Rahmen vor den Fingerabdrücken der allzu Neugierigen, die das sagenhafte Stück bewundern, das einst zur bösen Schwiegermutter gesprochen haben soll: „Frau Königin, Ihr seid die Schönste hier, aber Schneewittchen ist tausendmal schöner als Ihr.“

Viele Parallelen zwischen Märchen und Historie

Der Schneewittchen-Spiegel von 1715/ 1720 hängt im Spessartmuseum auf Schloss Lohr am Main. Er ist das schillernd ste Indiz von vielen, die darauf hinweisen, dass die schöne Königstochter – „so weiß wie Schnee, so rot wie Blut und so schwarzhaarig wie Ebenholz“ – keine freie Erfindung der Brüder Grimm war, sondern ein historisches Vorbild hatte: das Freifräulein Maria Sophia von Erthal, laut Sterbeschein 1725 geboren in ebendiesem Stadtschloss hinter beigefarben getünchten Fassaden, rotbraun umrandeten Fenstern und vier Türmen, die wie gespitzte Bleistifte in den unterfränkischen Himmel ragen.

Die Parallelen zwischen Märchen und Historie sind verblüffend: das Leben im Schloss, eine Stiefmutter, die Maria Sophia nicht ausstehen konnte. Ihr Vater leitete die Lohrer Spiegelmanufaktur, die ihre Prunkstücke mit Sinn sprüchen versah. „Amour Propre“, Eigenliebe, prangt in goldenen Lettern auch auf dem Schneewittchen-Spiegel. Das dürfte der eitlen Stiefmutter gefallen haben.

Die Brüder Grimm wohnten nur 50 Kilometer entfernt

Der wilde Wald, durch den Schneewittchen irrte, war der Spessart, der Lohr umgibt. Die sieben Berge, über die sie floh, liegen auf dem alten Höhenweg nach Bieber und sind heute als Schneewittchen-Wanderweg bekannt. Die sieben Zwerge, von deren Tellerlein sie aß und die „in den Bergen nach Erz hackten und gruben“, waren kleinwüchsige Minenarbeiter. Der Glassarg wurde in einer der nahegelegenen Glashütten gefertigt. Dass die Brüder Grimm schließlich Wind von dieser Konstellation bekamen, lag auf der Hand: Sie lebten keine 50 Kilometer entfernt in Hanau.

An welchem Fenster des Lohrer Schlosses Schneewittchens Mutter saß und sich beim Nähen in den Finger stach, in welchen Zimmer das Mädchen geboren wurde, schlief und aß und an welcher Wand der sprechende Spiegel hing – all das ist durch viele Umbauten nicht mehr nachzuvollziehen. Heute dient das gesamte Gebäude dem Spessartmuseum, von den Steinmetz- und Schmiedewerkstätten im kühlen Gewölbekeller bis ins zugige Dachgeschoss, wo die Angestellten der Museumsverwaltung unter einem 500 Jahre alten Wandgemälde vor ihren Bildschirmen sitzen.

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1. Erthalzimmer im Spessartmuseum auf Schloss Lohr.2. Lohrer Altstadt: Hier wandelt man Schritt für Schritt durch die märchenhafte Vergangenheit.3. Schneewittchen-Spiegel aus der Lohrer Manufaktur im Museum. Leider spricht er nicht mehr

Nur ein Raum lässt sich zweifelsfrei dem historischen Schneewittchen zuordnen: das Erthalzimmer im ersten Stock. An den goldgrünen Stofftapeten, zwischen denen früher das Freifräulein wohnte, hängen heute Porträts ihrer Familie. Das Abbild von Maria Sophia jedoch sucht man vergebens.

Schneewittchen wurde mit Tollkirsche vergiftet

Wer Schneewittchen auf die Spur kommen will, muss in der Tourist -Information direkt gegenüber vom Schloss nach Bettina Merz fragen. Die Gästeführerin hat schon Amerikaner, Neuseeländer und Australier zu den Schauplätzen der Grimm’schen Erzählung geleitet. Selbst Besucher aus China kennen das alte deutsche Märchen.

In den Fachwerkgassen der Altstadt von Lohr wandelt man Schritt für Schritt durch die fabulöse Vergangenheit. In der Gerbergasse zeigt Bettina Merz das Haus des Gürtlers, der den Riemen fertigte, mit dem die Stiefmutter Schneewittchen die Luft abschnürte. In einem schmalen rosafarbenen Häuschen, das heute den Lottoladen beherbergt, wur de der vergiftete Kamm hergestellt. Das Gift für den Apfel kaufte die Stiefmutter in der Marien-Apotheke, die gibt es schon seit 1735. „Das war Belladonna“, erzählt die Stadtführerin, „Tollkirsche, die wächst hier überall“ – für den Fall, dass der Gast noch immer nicht überzeugt ist. Sie bleibt am Weinhaus Mehling stehen. „Hier begann das Märchen …“, prangt an der Fassade – und das ist nun wirklich die ganze Wahrheit: In dem Wirtshaus trafen sich Mitte der 1980er-Jahre regelmäßig ein Apotheker, ein Schuster und ein Museumsdirektor zum Stammtisch. An der Wand hing ein mit den Worten „Amour Propre“ kunstvoll beschriebener Spiegel – genau der, der heute im Museum ausgestellt ist. Er stammt nachweislich aus der alten Spiegelmanufaktur.

Damals war ein Buch erschienen, dessen Autor den Skelettfund einer Lebkuchenbäckerin mit dem Märchen von „Hänsel und Gretel“ in Verbindung brachte. Das können wir auch, sagten sich die weinseligen Männer. Sie zählten eins und eins zusammen: Spiegel plus Schloss plus Stiefmutter. Heraus kam der Artikel „War Schneewittchen eine Lohrerin?“, geschrieben vom Apotheker Dr. Karlheinz Bartels, der darin alle Parallelen und Indizien aufzählt.

Im Schloss hastet die Museumsleiterin in langem Kleid durch die Gemächer. Sie heißt Grimm, Barbara Grimm. Aber sie ist nicht hier, um Märchen zu erzählen, sondern um die Geschichte klarzustellen. Nach ihren Forschungen in den Annalen der Erthals hat sie eine Abhandlung über Testament und Nachlass des berühmt gewordenen Freifräuleins Maria Sophia publiziert. „Ich sage Ihnen, wer unser Schneewittchen wirklich war: die blinde Schwester von Franz Ludwig von Erthal, Fürstbischof von Würzburg und Bamberg.“

In Wahrheit gab es kein Happy End mit Königssohn

„So schön wie der klare Tag“, wie es im Märchen heißt, kann das Mädchen nicht gewesen sein. Schon als Kind erkrankte es an Pocken, wodurch es erblindete. Narben entstellten Maria Sophias Gesicht. Ein Happy End mit dem Königssohn, der sie aus dem gläsernen Sarg befreite und heiratete, hat es auch nie gegeben: Mit 21 Jahren zog sie in den Konvent der Englischen Fräulein in Bamberg, wo sie ein stilles, zurückgezogenes Leben führte.

Und wenn sie nicht gestorben ist …Ist sie aber. In einem der Schaukästen hängt die Reproduktion ihres Totenscheins: Maria Sophia Margaretha Katharina von Erthal starb am 16. Juli 1796, ihrem 71. Geburtstag. Von einem gläsernen Sarg – kein Wort.