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Schlussstriche sind das BESTE


musikexpress - epaper ⋅ Ausgabe 8/2021 vom 15.07.2021

LUCY DACUS

Artikelbild für den Artikel "Schlussstriche sind das BESTE" aus der Ausgabe 8/2021 von musikexpress. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Wenn es was zu feiern gibt, tischt Lucy Dacus Krabben auf. Zu ihrem 26. Geburtstag, der Anfang Mai anstand, war eine ganze Holztafel mit den Meeresfrüchten übersät. Zum Beweis teilte Dacus davon ein Foto auf Instagram. Im Zoom-Interview führt sie auch noch mal aus, wie sehr sie es gerade genießt, mit Freund*innen auf diese Weise zusammen zu sein – zweifach geimpft und mit dem Gefühl, dass jetzt alles besser wird. „26 wird gut werden“ sagt sie entspannt in die Kamera lächelnd. Wer weiß: Vielleicht veröffentlicht sie als Nächstes sogar ein Buch. Doch stochert man diesbezüglich weiter nach, will sich die in Philadelphia lebende Singer/Songwriterin noch bedeckt halten. „Ich weiß noch nicht, ob es wirklich klappt und ob ich es dann überhaupt mit der Außenwelt teilen möchte.“

Aber dass Lucy Dacus locker im Stande ist, einen mit einem Roman komplett umzuhauen, sollte spätestens mit ihrem dritten ...

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... Album HOME VIDEO für alle Hörer*innen klar sein. In elf Songs erzählt sie Geschichten, die – sonst gar nicht ihrer Natur entsprechend – zurückblicken. Auf Zeiten, in denen sie sich weniger direkt als jetzt in den neuen Stücken zeigte, und Situationen emotional vollkom- men aufwühlend und nicht so leicht einzuordnen waren. Nun versucht sie sich am Auseinandernehmen der einzelnen Momente. Sie seziert Szene für Szene, um uns wiederum ein deutlicheres Bild der damaligen Jahre des Aufwachsens im amerikanischen Richmond zu geben, als sie es früher hatte. Ganz ohne metaphorische Ausschmückungen geht sie dabei voran. Angesprochen auf ihre hörbare Entschlossenheit, erklärt sie: „Ich fühle mich jetzt sicher genug, um über meine Vergangenheit nachdenken zu können. Ich weiß, dass viele Leute nicht weiter darüber nachdenken wollen, wer sie einmal waren, weil sie Angst haben, dass sie so in alte Muster zurückfallen oder alte Ängste oder Wut wieder hochholen könnten. Aber ich fühle mich gerade sehr solide, dort, wo ich bin, sodass ich mit einer gewissen Stabilität auf mein altes Ich schauen kann.“ Womöglich liegt es an der auch mit dem Umzug von Richmond nach Philadelphia gewonnenen (Selbst-)Sicherheit – ihre Blicke ins Vergangene wirken jedenfalls nicht unangenehm sentimental oder hübsch romantisierend. Wenn Dacus ohne Umschweife Sätze wie „I would kill him, if you let me“ (in „Thumbs“ ) raushaut, dann ist das vor allem schönste Paypack-Time. „Den Song habe ich in 15 Minuten während einer Autofahrt geschrieben“, sagt sie im Interview so, als wäre sie selbst über die Dringlichkeit überrascht, mit der die Worte aus ihr heraus mussten. „Die Sache passierte drei Jahre, bevor ich den Song schrieb. Bis zu dem Zeitpunkt im Auto wusste ich nicht, dass ich dazu überhaupt etwas zu sagen hatte.“ Und dann direkt so was. Bähm.

Dacus ist trotzdem niemand, den man sich immer mit Stift und Zettel bewaffnet vorstellen muss. Oder die ihre Lieder permanent in ihr Handy singt, während sie unter Leuten ist. Viele ihrer Songs entstehen im Kopf. Sie zoomt sich für einen Moment aus der Situation heraus und fängt an, innerlich schon mal die Worte und Melodien in Form zu bringen. Für Menschen, die einen inspirierenden Augenblick auch im Zusammensein mit anderen direkt im Notepad festhalten, hat sie nur Verehrung übrig: „Leute, die mich einfach ignorieren, weil sie ihre eigenen Ideen so sehr respektieren, bewundere ich.“ Sie dagegen müsste warten, bis sie alleine sei, um endlich mit dem Songschreiben in die Tiefe gehen zu können. Ob im Rahmen dieser Höflichkeit schon mal Songideen hinten runtergefallen sind, erwidert sie mit einem langen wie lauten Ausatmen: „Ich habe schon so viele Songs verloren.“ Und das wohl nicht nur aufgrund von der eigenen Nettigkeit, sondern auch schon in so einigen Träumen. „Ich wache auf und habe dieses Gefühl, dass ich da gerade einem wirklich guten Song auf der Spur war, kann ihn aber nicht mehr greifen.“ Ein anderes Mal würde sie wiederum die Parts für Stücke aus ihren Träumen einfangen und erst zu Papier und dann in eine Aufnahme bringen können. „Nonbeliever“ von ihrem zweiten, 2018er-Werk HISTORIAN ist so ein Lied, aber auch für das letzte Stück von HOME VIDEO – „Triple Dog Dare“ – stammte der Grundaufbau aus der Schlafenszeit. Gerade als Dacus zum Erzählen eines wirklich „weirden“ Traumes ausholen möchte, aus dem sie in dieser Woche aufgeschreckt sei, unterbricht sie sich selbst abrupt. Sie schüttelt ihren Kopf so sehr, dass die schwarzen Haare etwas mehr nach links und rechts wirbeln als zuvor, und erklärt: „Keiner mag es, über die Träume von jemanden zu reden.“

Über die ansehnliche Buchsammlung, die ihren Hintergrund im Interview ziert, über die Anzahl der Pullover, die sie in diesem Jahr gestrickt hat („einen habe ich schon komplett fertig, einen zweiten für meine Freundin schaffe ich hoffentlich auch bald“) und sogar über die beendete Beziehung, die sie zum Schreiben ihrer vor rund drei Jahre erschienenen Single „Night Shift“ brachte, spricht sie dagegen gerne ausführlicher. Erst kürzlich ließ sie auf ihrem Instagram-Account verlauten: „Heute sind es fünf Jahre und die Songs fühlen sich tatsächlich irgendwie wie Cover an.“ Ein echter Meilenstein für die Musikerin, die damals sang: „I’ll never see you again if I can help it. In five years I hope the songs feel like covers, dedicated to new lovers.“ Sie schließt also nicht nur mithilfe der neuen Stücke mit dem Damaligen ab – auch auf die vermeintlich in Songs bereits verarbeiteten Momente wirft sie nun einen erneuten Blick. „Ich habe einen Day Planner, in dem ich meine wichtigsten Termine sammele. Und in dem habe ich auch diese Trennung mit einem Datum vermerkt. Als sie sich neulich zum fünften Mal jährte, war ich baff. Das war ein enormes Gefühl, krasser als ein Geburtstag und auch größer als manch andere Meilensteine, die ich in dem Planner verewigt habe.“ Das liege vor allem daran, dass Dacus an dem Date auch eine enorme Wandlung festmachen kann, die sie seit diesem Zeitraum vollzogen hat. „Ich musste nach der Beziehung so viel wieder ganz neu lernen. Aber jetzt fühle ich mich sicherer in meinem Leben. Ich habe aktuell mit niemanden mehr zu tun, der diese Person noch kennt. Unsere Leben sind komplett getrennt, was sich wirklich gut anfühlt.

Manchmal ist ein Schlussstrich einfach nur ein Abschluss und kein: „Okay und jetzt lass uns umarmen und alles wieder cool sein und wir gehen auch mal zusammen Essen oder so.“ Das, was härter als ihre sanft-flehende Stimme in ihren warmen Indie-Rock-Stücken klingt, hat aber weniger damit zu tun, dass sie ihrer Ex nicht wünscht, ein besserer Mensch zu werden. Sie will es nur nicht mit eigenen Augen sehen müssen. „Ich brauche keinen Beweis dafür, dass wir beide erwachsen sind.“ Das ist wohl das Reifeste, was man sagen kann. Lucy Dacus dagegen meint, noch besser wäre es in dem Lied „How Simple“ von Frances Quinlan verpackt worden – da singt diese nämlich „Don’t worry, we will both find out, just not together“.

Ähnlich inhaltlich schwere Brocken präsentierten uns auch Boygenius, Dacus’ Band, die sie zusammen mit Phoebe Bridgers und Julien Baker 2018 gründete, auf ihrem selbstbetitelten Debüt mit einer ansteckenden Leichtigkeit. Gerade erst lieh Lucy Dacus dem neuen Album von Julien Baker ihre Stimme, auch Phoebe Bridgers veröffentlichte 2020 eine neue Soloplatte – ist da nicht bald mal wieder eine gemeinsame Studiozeit geplant? So bestimmt sich Dacus im gesamten Gespräch gibt, so tritt sie hier auch mit aller Deutlichkeit auf: „Ich würde dir jetzt gerne sagen: Bleib hoffnungsvoll! Aber nein, wir haben rein gar nichts geplant. Wir sprechen zwar ständig miteinander, vermissen uns arg, aber für Boygenius brauchen wir Spontaneität und Raum und beides gibt es aktuell nicht.“ Und eines ist zudem sicher: Abgesehen von den Krabben, die immer dann auf den Tisch kommen, wenn Dacus nach einer Fete zumute ist, will sie nicht vorhersehbar an ihre musikalische Zukunft herangehen. Lieber sich selbst ein bisschen herausfordern mit neuen Dingen, wie hoffentlich bald dem Schreiben und Veröffentlichen eines Buches.

Albumkritik ME 07/21