Bereits Kunde? Jetzt einloggen.
Lesezeit ca. 5 Min.

SCHMUCK AUS GABLONZ


Trödler - epaper ⋅ Ausgabe 2/2020 vom 15.01.2020

Das Glasmuseum in Frauenau im Bayerischen Wald ist offiziell ein „Staatliches Museum zur Geschichte der Glaskultur“. Als i-Tüpfelchen auf die Ernennung zum Staatlichen Museum kam 2014 der Schatz des Nachlasses von Franz Josef Ginzel (1898-1960) aus dem nordböhmischen Gablonz an der Neiße in das Museum, der nun in einer ständigen Ausstellung gezeigt wird. Das Museum, das dem Besucher eine anschauliche Reise durch die Entwicklung des Glases bietet und ständig Sonderausstellungen veranstaltet, verfügt zudem neben dem Modeschmuck aus Gablonz über eine umfangreiche Abteilung mit modernem Glas und Studioglas, ...

Artikelbild für den Artikel "SCHMUCK AUS GABLONZ" aus der Ausgabe 2/2020 von Trödler. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Trödler, Ausgabe 2/2020

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 2,99€
NEWS 14 Tage gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Trödler. Alle Rechte vorbehalten.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 2/2020 von EXPERTISEN. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
EXPERTISEN
Titelbild der Ausgabe 2/2020 von AUSSTELLUNGEN. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
AUSSTELLUNGEN
Titelbild der Ausgabe 2/2020 von AUSSTELLUNGSTERMINE. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
AUSSTELLUNGSTERMINE
Titelbild der Ausgabe 2/2020 von HANDTASCHEN. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
HANDTASCHEN
Titelbild der Ausgabe 2/2020 von MEISSEN: HEIDRUN TH. GRIGOLEIT. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
MEISSEN: HEIDRUN TH. GRIGOLEIT
Titelbild der Ausgabe 2/2020 von VORBERICHTE. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
VORBERICHTE
Vorheriger Artikel
AUKTIONSPREISE
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel SCHWARZES GOLD FUR SCHALLPLATTEN-SAMMLER DEAD MUSIC HEROES
aus dieser Ausgabe

... über eine Sammlung internationaler Hinterglasmalerei sowie über Schnupftabaksgläser aus der Sammlung Schäfer (s. Trödler November 2019).

Modeschmuck aus Gablonz

Ganz oben und links: Ketten in allen Farbtönen finden sich in den Ausstellungsvitrinen im Glasmuseum


Franz Josef Ginzel fertigte zu seinen Musterstücken genaue Entwürfe


Aus der einstigen Hochburg der Glaskurzwarenproduktion, dem nordböhmischen Gablonz an der Neiße, stammt die Vielzahl an gläsernen Perlen, Ketten, Ringen, Broschen und Knöpfen, die das Glasmuseum Frauenau nun in der Dauerausstellung zeigt. Denn in Gablonz wurde der Modeschmuck geboren: Mit einer Kombination von Glas, Kunststoffen und unedlen Metallen entwickelte man feinen Glasschmuck, der zwar spektakulär dekorativ aussieht, aber trotzdem nicht teuer war. Das Gablonzer Schmuck-Kunsthandwerk eroberte schnell die Modewelt. Vor allem in Asien und Indien schätzte man die wunderschönen Stücke. Deshalb wurden diese Länder Großabnehmer.

Franz Josef Ginzel

Der gelernte Perlen- und Knopfmustermacher Franz Josef Ginzel (1898-1960) gestaltete über die Jahre Schmuckkollektionen mit ebenso fantasievollen wie edlen Ketten, Broschen, Ringen und Ohrringen. Jetzt sind sie im Glasmuseum Frauenau zu sehen


Franz Josef Ginzel (1898-1960) war gelernter Perlen- und Knopfmustermacher in Gablonz und im internationalen Glaswaren- Exportgeschäft verantwortlich tätig. Nach Jahren in führenden Angestelltenverhältnissen baute sich Franz Josef Ginzel 1929 ein eigenes Glaswaren-Exportgeschäft auf und pflegte Handelsbeziehungen in die ganze Welt. Wachsende wirtschaftliche Schwierigkeiten zwangen ihn jedoch im Jahr 1934 zur Aufgabe der Selbstständigkeit. In den Folgejahren leitete er die Glasbijouterie und Knopfabteilung der renommierten Firma Posselt in Obertannwald, bis 1938 das Sudetenland ans Deutsche Reich angeschlossen wurde und sich Ginzels Leben von Grund auf veränderte. Mit seiner Familie musste er 1948 die Heimat verlassen. Glücklicherweise nahm er bei der Vertreibung seine Sammlung von handgefertigtem Schmuck mit in den Westen. Schon früh hatte er damit begonnen, diesen Schmuckschatz portionsweise in Sicherheit zu bringen.

In vier Holzkisten verstaut, reiste die Schmucksammlung mit Franz Josef Ginzel über verschiedene Zwischenstationen. Jedes Familienmitglied hatte eine Kiste, in der zwischen Kleidung und anderen Gegenständen des täglichen Gebrauchs der kostbare Schmuck, aber auch detaillierte Musterbücher versteckt waren. Nach zahlreichen Stationen und Gelegenheitsjobs landete Franz Josef Ginzel und sein Schatz schließlich im Jahre 1959 in Krefeld. Dort fanden auch seine unzähligen Perlen- und Knopfmuster, Ketten, Ringe und Broschen, die er über die Jahre kreierte und in Heimarbeit gefertigt hatte, ein neues Zuhause. Von Krefeld aus wollte Franz Josef Ginzel eigentlich wieder ins Glaskurzwarengeschäft starten – doch gelang es ihm leider nicht mehr, Fuß zu fassen. Der Erfolg blieb ihm versagt und er verstarb 1960. Seine Sammlung, die auf dem Speicher lag, überdauerte dort die Jahrzehnte.

Schatz in vier Kisten

Die Handelsbeziehungen der Gablonzer Schmuckwarenindustrie reichten bis in ferne Länder. Und so finden sich im Nachlass von Franz Josef Ginzel auch zahlreiche Stücke von exotischem Schmuck


Auch für den indischen Markt wurde in Gablonz Schmuck gefertigt


Sein Neffe Franz Ginzel aus Krefeld hat die kostbare Sammlung aus dem Verborgenen wieder ans Tageslicht befördert. Die vier Kisten wurden von ihm gesichtet, nachdem er dazu die Zeit gefunden hatte. Er sortierte und inventarisierte den kostbaren Inhalt und übergab die Schmuckstücke im Jahre 2014 schließlich dem Glasmuseum Frauenau als Dauerleihgabe. So gelangte die einzigartige Sammlung mit Glaskurzwaren und Schmuck aus den 1920er- und 30er-Jahren schließlich dorthin, wo sie hingehört – ins Museum. „Perlen jeder Art, stets Neuheiten in Halsketten, für Bazare und Grossisten, Artikel für Eingeborene, für die Afrika- und Asienmärkte in Perlen und Bijouterien“ stand auf der Visitenkarte von F. J. Ginzel. Das war keine Übertreibung. Diese Perlen- und Knopfmuster, Ketten, Gürtelschließen, Ringe und Broschen,Täschchen und Lampenbordüren aus Glas und anderen Materialien, nicht nur für den westlichen Geschmack, sondern in Kollektionen, fein abgestimmt auf indische und afrikanische Geschmäcker, kann man nun im Glasmuseum bewundern: Schmuck aus der Zeit von Jugendstil und Art déco, der auch heutige Trägerinnen entzückt und so manchen an Mutters oder Omas Geschmeide erinnern dürfte.

Geschäftsverkehr

Auch die Herstellung von Glasknöpfen und Glasschmuckteilen wird dargestellt


Perlen in den verschiedensten Ausführungen finden sich in den Vitrinen. Sie wurden zu außergewöhnlichen Schmuckstücken zusammengesetzt


Interessant ist für die Museumsbesucher sicherlich auch der akribisch aufbewahrte Geschäftsverkehr, der den internationalen Handel von Ginzel, Fabrikation und Kommission belegt. So wird dokumentiert, dass auch damals, als Verkäufer und Käufer noch nicht durch Internetkriminalität verunsichert waren, die Einkäufer ihre Bonität nachweisen mussten und genaue Listen über die Zuverlässigkeit oder Unzuverlässigkeit der Besteller geführt wurden.

Gablonzer Glasindustrie

Oben: Eine Arbeit, die viel Fingerspitzengefühl erforderte: Handtasche aus kleinen Glasperlen


Die Stadt Gablonz liegt im nördlichen Gebiet von Böhmen. Im Gebiet von Gablonz entstanden schon in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts erste Glasfabriken. Grundlage hierfür waren die großen Mengen an Holz, die zur Verfügung standen, um die Öfen zu beheizen und Pottasche für die Glaserzeugung herstellen zu können. So wurde Gablonz zum Zentrum der weltweit bekannten Glas- und Schmuckwarenindustrie. Zeitweise waren dort bis zu 30.000 Menschen beschäftigt. Mitte des 18. Jahrhunderts waren spezielle kleine Fläschchen gefragt sowie Lüsterbehang und anderes Kleinglas. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelte sich der Ort dann zum Exportzentrum. Seinen Höhepunkt erreichte der Aufschwung nach dem Ersten Weltkrieg. 667 Händler führten damals Waren im Wert von etwa 1,8 Milliarden Kronen aus. Die Herstellung kleiner Glasartikel aus einem Hafenofen war jedoch nicht wirtschaftlich, so dass man auf die Idee kam, Glasstangen als Zwischenprodukt zu fertigen. Diese können durch erneutes Erhitzen in kleineren Öfen dann profitabler zu Glassteinen, Knöpfen oder Lüsterbehang weiterverarbeitet werden. In dieser Zeit wurde auch die Drückerzange entwickelt.

Stangenglas

Die Stangenglasproduktion gehört zu den schwierigsten Arbeiten am Glasofen: Dazu wickelt der Stangenglasmacher etwas Glas aus dem Hafen auf sein Anfangeisen. Das Glas wird auf dem sogenannten „Obertrog“ mit dem Streicheisen und Wulgerholz bearbeitet, bis der Glasposten etwa eine Kugelform („Schnörkel“) hat. Sobald der Posten genügend abgekühlt ist, wird er mit Glas überstochen. Dies wiederholt sich bei normalem Glas ungefähr noch zwei bis drei Mal bis zu einem Gewicht des Glaspostens von etwa 12 Kilogramm. Mit Hilfe des Wulgerholzes wird der Glasposten dann zu einer birnenartigen Form bearbeitet. Für das Ziehen zieht der Glasmacher mit dem Zwackeisen eine kleine Spitze aus dem vorderen Ende des Glaspostens heraus. Zur gleichmäßigen Glastemperaturverteilung wird der Glasposten dann nochmals im Ofen durchwärmt.

Perlen und Kunststeine

Franz Josef Ginzel ließ sich von der Natur inspirieren und machte sogar Spinnen zum Schmuckstück


Parallel dazu begann man auch mit der Herstellung von Perlen und künstlichen Edelsteinen, die ihren Ursprung in Venedig und Frankreich hatten. Die Familie Riedel war für diese neuen Artikel in hohem Maße aufgeschlossen. In deren Glashütten in Antoniwald, Christianstal und Neuwiese wurde die Grundlage für die eigentliche Glas- und Schmuckwarenindustrie gelegt. Mitte des 19. Jahrhunderts begann man dann damit, die Kapazitäten der bestehenden Glashütten zu erhöhen, indem man weitere Glasschmelzöfen errichtete. Stangenhersteller im Isergebirge waren Josef Riedel in Polaun, Karl Riedel in Josefsthal, Redelhammer in Gablonz und Konrad Dressler in Morchenstern. Die 1929 einsetzende Weltwirtschaftskrise brachte auch der Glasschmuck-Industrie schwere Zeiten. Und nach dem Zweiten Weltkrieg wurde ein Großteil der Bevölkerung und damit auch die Fachkräfte aus den Glasfirmen aus Gablonz vertrieben. Die Flüchtlinge begannen dann in Kaufbeuren-Neugablonz, Oberursel/ Stierstadt, Bayreuth, Schwäbisch-Gmünd und Kremsmünster (Österreich) mit ihren Kenntnissen, neue Glasindustrien wieder aufzubauen.

Dauerausstellung

Ketten, Broschen und Ohrringe in glänzendem Gold und mit bunten Farben


Üppig ausgestattete Ringe waren einst groß in Mode


Gablonzer Glas- und Schmuckwaren im Glasmuseum Frauenau, Staatliches Museum zur Geschichte der Glaskultur, Am Museumspark 1, 95248 Frauenau. www.glasmuseum- frauenau.de


Fotos: Sven Bauer / Glasmuseum Frauenau