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Schmuck im Blut


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Weltkunst - epaper ⋅ Ausgabe 192/2021 vom 26.10.2021

FRIDA KAHLOS SCHMUCK

Artikelbild für den Artikel "Schmuck im Blut" aus der Ausgabe 192/2021 von Weltkunst. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Weltkunst, Ausgabe 192/2021

Die Ohrringe mit Vogelpärchen stammen wohl aus dem Juweliergeschäft La Perla, in dem ihre Eltern sich kennenlernten

Wer hätte gedacht, dass Frida Kahlos Augenbrauen aus dem Nordschwarzwald kommen? In einem Stammbaum (S. 4), in dem sie sich und ihre Ahnen malte, steht sie als kleines Mädchen im Hof des Blauen Hauses in Coyoacán und hält ein rotes Band in den Händen, das zu ihren Eltern und schließlich oben in den Wolken zu ihren Großeltern führt. Links hat sie die mexikanischen Verwandten mütterlicherseits porträtiert, rechts die deutschen Ahnen väterlicherseits. Die Einzige im Bild mit der typischen Frida-Kahlo-Monobraue ist die Pforzheimer Großmutter.

Vieles im Leben der Künstlerin hat märchenhafte Züge, so auch ihre Vorgeschichte. Zum Beispiel, dass der Frankfurter Großvater Jakob Heinrich Kahlo Spross einer Familie war, die schon seit dem 17. Jahrhundert Lebkuchen produzierte, und ausgerechnet eine Frau heiratete, die mit Vornamen Rosine hieß. Dafür zog er in die traditionsreiche ...

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... Goldschmiede-Stadt Pforzheim im Großherzogtum Baden, wo Rosine Henriette Kaufmann als Tochter eines Schmuckfabrikanten aufgewachsen war und er ins Bijouterie-Geschäft der Familie einsteigen konnte. Der Sohn Wilhelm Kahlo wurde genau vor 150 Jahren, am 26. Oktober 1871, geboren. So wie Frida Kahlo den weiteren Verlauf der Geschichte erzählte, verstand ihr Vater sich nicht mit seiner Stiefmutter – Rosine war gestorben, als er noch ein Kind war – und ist deshalb ausgewandert: Im Mai 1890 bestieg der achtzehnjährige Wilhelm Kahlo in Hamburg auf Nim merwiedersehen das Dampfschiff »Borussia« mit Kurs auf Veracruz. Mexiko sollte seine neue Heimat werden.

Nach Mexiko-Stadt exportierten die Pforzheimer Schmuckfabrikanten damals große Warenmengen, fertige Schmuckstücke ebenso wie Gold- oder Silberfassungen, in die erst in Mexiko die Steine eingesetzt wurden. Rund 500 Deutsche lebten 1890 in Mexikos Hauptstadt, und die Namen einiger von ihnen wird Wilhelm bei sich gehabt haben. Arbeit fand er schnell als Buchhalter in einem Schmuckgeschäft. Während viele Deutsche lieber unter sich blieben, war Wilhelm Kahlo, der sich nun Guillermo nannte, aufgeschlossen, ja begeistert von seinem neuen Umfeld. Er wurde Fotograf, dokumentierte in den nächsten Jahrzehnten das aufstrebende Land, die Kirchen, die Industrie, die immer weiter wachsenden Eisenbahnlinien, die altmexikanischen und kolonialen Architekturen. Auch familiär verband der evangelische Badener sich mit seiner Wahlheimat: Seine erste, früh verstorbene Frau war katholische Mexikanerin, wie auch seine zweite Frau, Matilde Calderón, die Tochter eines Fotografen aus Oaxaca, Frida Kahlos Mutter. Es heißt, die beiden haben sich in dem eleganten Schmuck- und Uhrengeschäft La Perla in Mexiko-Stadt kennengelernt. Dort unterhielt Guillermo Kahlo später ein Fotoatelier, und noch ein paar Jahre darauf brachte er dort seiner Lieblingstochter Frida bereits im Grundschulalter bei, wie man Fotografien koloriert.

Frida Kahlo ist die berühmteste Künstlerin der Welt und populär wie nie zuvor. Allein in Deutschland haben heute mehr als 30 000 Kinder den Namen Frida oder Frieda (das »e« legte Kahlo als Erwachsene ab). Ihre Selbstbildnisse sind viele Millionen Mal reproduziert worden, ihr Leben und ihre Leidensgeschichte Tausende Male erzählt: der Unfall im Bus 1925, bei dem ihr achtzehnjähriger Körper durchbohrt wurde, die vielen Monate, die sie immer wieder ans Krankenbett gefesselt war, ihre leidenschaftliche und turbulente Liebe zu dem zwanzig Jahre älteren Künstler Diego Rivera, ihre Liebhaberinnen und Liebhaber (unter ihnen Leo Trotzki), ihre Fehlgeburten und Amputationen. Wie keine andere Frau ist sie für verschiedene Generationen zur Identifikationsfigur geworden, für Mexiko, den Feminismus, Kommunismus, Surrealismus. Eine Ikone ist die Künstlerin auch in unseren genderfluiden Zeiten, zog sie sich doch gerne mal an wie ein Mann. Body-Positivity: Ihre Oberlippen-behaarung kultivierte Kahlo als Huldigung an den mexikanischen Revolutionär Emiliano Zapata, der für Bauern und Ureinwohner gekämpft hatte.

Alle ihre Selbstbildnisse und anderen Gemälde, Porträts und Stillleben sind gerade im Taschen-Verlag in einem monumentalen, reich ausgestatteten Werkverzeichnis erschienen. Tauchte in der Vergangenheit einmal eines ihrer 152 Gemälde auf einer Auktion auf, erzielte es meist einen Millionen-Preis. Schon 1995 brachte das »Selbstbildnis mit Affe und Papagei« aus der IBM-Sammlung einen Hammerpreis von 2,9 Millionen Dollar. Diesen November erwartet Sotheby’s einen Auktionsrekord von mehr als 30 Millionen Dollar für ihr Gemälde »Diego y yo« von 1949, und in privaten Deals soll noch viel mehr Geld geflossen sein. Für das »Selbstporträt mit Papageien« habe ein asiatischer Sammler hinter den Kulissen bei Christie’s vor wenigen Monaten mehr als 130 Millionen Dollar gezahlt, so der Kunstmarktexperte Kenny Schachter.

Ein Magnet ist Frida Kahlo auch im Museum. Derzeit widmet die Fondation Beyeler ihr einen Raum der Schau »Close-up«, und eine große Ausstellung im Drents Museum im niederländischen Assen feiert ihr Leben und ihre Kunst. Nicht nur Malerei, sondern auch Gegenstände ihres Alltags, Kleider, Schuhe, Schmuck – wie das Silberarmband des mexikanischen Schmuckdesigners Antonio Pineda –, aber auch Nagellack und Lippenstift, ja sogar ihr bemaltes Gipskorsett sind Teil der Ausstellung, die in anderer Form zuerst im Museo Frida Kahlo in Mexiko gezeigt wurde. Vieles davon kam erst 2004 ans Licht, fünfzig Jahre nach Frida Kahlos Tod, als zwei Badezimmer im blauen Haus in Coyoacán zugänglich gemacht wurden, die Diego Rivera Jahrzehnte über seinen eigenen Tod hinaus versiegeln ließ.

Was für ein Schatz allein die Garderobe der Künstlerin ist! Manche der 168 Gewänder hat sie selbst mit präkolumbischen Tier- oder Pflanzenmotiven bestickt. Viele der Kleider und Schmuckstücke stammen aus der Gegend um Oaxaca, vom Isthmus von Tehuantepec, wo Nachfahren des zweitausend Jahre alten Volksstamms der matriarchalisch organisierten Zapoteken leben. Frida Kahlo pflegte den Stil der stolzen Tehuana-Frauen mit »Arracadas«, halbmondförmigen Ohrringen aus Silber oder Gold, bestickten »Huipils« (Blusen), »Rebozos« genannten Schultertüchern und langen Röcken aus horizontalen, bunten Stoffstreifen. Archaisch wirkende, dicke Steinperlen aus grüner Jade sind dabei und lange, filigrane Goldketten, wie sie in Oaxaca als Mitgift gebräuchlich waren. Die Künstlerin trug sie mit Anhängern verschiedener Kulturen: Ein Medaillon mit goldenem Blumenbukett und Flusswasser- perlen hält eine Kordelkette zusammen, daneben baumeln eine Zwanzig-Dollar-Gold- münze und ein großer goldener Anhänger in Vogelform nach präkolumbischem Motiv.

Im Badezimmer-Fundus aus dem Blauen Haus fanden sich auch Briefe, die ein verliebter junger Mann namens Michel Petitjean an Frida Kahlo geschrieben hatte. Die kurze Liebesaffäre Anfang 1939 in Paris hat dessen Sohn rekonstruiert und jetzt auch auf Deutsch unter dem Titel »Das Herz – Frida Kahlo« veröffentlicht. André Breton, der Anführer der Surrealisten, organisierte damals eine Ausstellung in der Pariser Galerie Renou & Colle, wo Frida Kahlo den jungen Kunstenthusiasten Petitjean traf. Es war ihre erste und einzige Europareise. Ihre auffällige Erscheinung mit den schwarz leuchtenden Augen, der mexikanischen Kleidung, ihre aufwendigen Hochfrisuren und ihre vielen bunt schillernden Fingerringe schlugen Petitjean sofort in Bann. Wer sich zu ihrer Aufmachung noch ihr theatralisches Verhalten, die Zigarette zwischen ihren Lippen, ihre mit Flüchen und Kraftausdrücken durchsetzte Sprache vorstellt – sie sprach neben Spanisch auch Englisch und Deutsch – den wundert es nicht, dass sie damals das »Ideal der surrealistischen Frau« verkörperte. André Breton beschrieb sie »geschmückt wie eine Märchenprinzessin mit Zauberkräften bis in die Fingerspitzen im Lichtstrahl des Vogels Quetzal, der beim Davonfliegen in den Rändern der Steine Opale hinterlässt«.

Dank der Affäre mit Michel Petitjean kommt ein intimer Augenzeuge zu Wort, der ihre tägliche Routine selbst beobachtet hat: »Ehe sie ausgeht, richtet sie sich ausführlich her, wie eine Schauspielerin, die sich verwandelt, um der Figur, die sie auf der Bühne darstellen wird, Leben einzuhauchen. Die Wahl der Ringe und Halsketten gleicht einem Ritual. Sie hat ungefähr zwanzig Schmuckstücke lose in Stoffbeutel gepackt und mitgebracht – nun kombiniert sie sie ihrer Inspiration folgend.« Sie hellt ihren Teint mit Reismehl auf, nimmt einen sattroten Lippenstift (mit dem sie auch ihre Küsse aufs Papier drückt, wenn sie ihren Liebhabern wie dem Fotografen Nickolas Muray schreibt), und flicht rote und blaue Stoffbänder in ihre langen, schwarzen Zöpfe, manchmal kommen noch bunte Schleifen und glit-zernde Kämme dazu. »Das Ganze wird wie eine Art Knoten auf dem Kopf platziert, mal höher, mal tiefer, mal kleiner mal größer. Und dieses Kunstwerk verziert sie zuletzt noch mit eingesteckten Blüten.« Überhaupt, Blumen! Auf Porträts sind Rosen, Fuchsien oder Bougainvillea in ihrem »Tocado« genannten Kopfputz zu entdecken, je nachdem welche Blumen gerade in ihrer Nähe blühten. Sonst tat es auch der glitzernde Haarreif, der aktuell im Drents Museum zu sehen ist. Michel Petitjean nannte Frida Kahlo seinen »Maibaum«.

Als ihre Abreise näher rückte, bestellte er ein Abschiedsgeschenk bei einem Handwerker, der eigentlich auf die Herstellung von Hostienbehältern spezialisiert war. Ihm waren die unzulänglichen Stoffbeutel für ihre Ketten und Ringe aufgefallen: »Ich wollte, dass sie ein Behältnis für ihren wunderbaren Jadeschmuck hat, für den Schmuck mit den alten Steinen – Obsidian, Smaragd – und für ihre Ketten aus Bein.« Dabei kam ein dreistöckiges Köfferchen aus Pergament heraus, das er mit Stoff in den mexikanischen Farben Magenta und Solferino ausschlagen ließ. Im Gegenzug durfte er sich ein Bild aus der Ausstellung aussuchen, als er mit Frida Kahlo in der Galerie war, um die Werke für den Abtransport einzupacken. Er wählte, passend zu Abschied und Aufbruch, das Selbstporträt der weinenden Künstlerin neben einem blutenden Herz.

Der Schmuck ist nur eine Facette in Frida Kahlos Leben, doch es ist ein existenzieller Aspekt, der auch in ihren Bildern immer wieder aufscheint. Hier sind alle Einflüsse gebündelt, die wir in ihrer Kunst erkennen, vom alten Mexiko über die USA bis nach Europa. Auch im Schmuck betört Frida Kahlos alles überstrahlende Individualität.

AUSSTELLUNGEN

»Viva la Frida! Life and Art of Frida Kahlo«, Drents Museum, Assen, bis 27. März 2022

»Close-Up«, Fondation Beyeler, Riehen/Basel, bis 2. Januar 2022

»Frida Kahlo – Her Photos«, Villa Bílek, Prag, bis 16. Januar 2022

»Frida Kahlo, Diego Rivera, and Mexican Modernism«, Norton Museum, Florida, bis 6. Februar 2022

NEUE BÜCHER

CHRISTINA BURRUS: »Frida Kahlo: Ich male meine eigene Wirklichkeit«, München: Schirmer/ Mosel, 14,80 Euro

LUIS-MARTÍN LOZANO (Hrsg.): »Frida Kahlo: Sämtliche Gemälde«, Texte von Andrea Kettenmann und Marina Vázquez Ramos, Köln: Taschen-Verlag, 150,00 Euro

CARLOS PHILLIPS OLMEDO u. a.: »Fridas Kleider«, Neuauflage mit Vorwort von Elke Heidenreich, München: Schirmer/ Mosel, 49,80 Euro

MARC PETITJEAN: »Das Herz – Frida Kahlo. Eine Liebesaffäre in Paris, Frühling 1939«, München: Schirmer/Mosel, 22,00 Euro