Bereits Kunde? Jetzt einloggen.
Lesezeit ca. 6 Min.

SCHNUPFTABAKGLÄSER


Trödler - epaper ⋅ Ausgabe 11/2019 vom 16.10.2019

Schnupftabakgläser hatten einst für ihren Besitzer einen hohen Stellenwert. Neben den Gläsern für den täglichen Gebrauch gab es aufwändig gestaltete Feiertagsgläser, die oft mit einer persönlichen Widmung versehen unverwechselbar ihren stolzen Besitzer repräsentierten. Eine Auswahl mit besonders erlesenen und sehenswerten Gläsern wird in einer dauerausstellung im Glasmuseum Frauenau im Bayerischen Wald gezeigt.


Artikelbild für den Artikel "SCHNUPFTABAKGLÄSER" aus der Ausgabe 11/2019 von Trödler. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Trödler, Ausgabe 11/2019

Bedeutende Zeugnisse der frühen Kunst ums Tabakglas: Schnupftabakgläser aus der Glashütte Schachtenbach, um 1850


Spurensuche

Das Forschungsprojekt „Spurensuche” der Schaefer-Stiftung machte es sich ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 2,99€
NEWS 14 Tage gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Trödler. Alle Rechte vorbehalten.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 11/2019 von EXPERTISEN. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
EXPERTISEN
Titelbild der Ausgabe 11/2019 von AUSSTELLUNGEN. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
AUSSTELLUNGEN
Titelbild der Ausgabe 11/2019 von BÖRSEN/MESSEN/MÄRKTE. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
BÖRSEN/MESSEN/MÄRKTE
Titelbild der Ausgabe 11/2019 von AUSSTELLUNGSTERMINE. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
AUSSTELLUNGSTERMINE
Titelbild der Ausgabe 11/2019 von POSTKARTENPIONIER EUGEN FELLE. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
POSTKARTENPIONIER EUGEN FELLE
Titelbild der Ausgabe 11/2019 von DAS TEEMUSEUM IN HONGKONG. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
DAS TEEMUSEUM IN HONGKONG
Vorheriger Artikel
KAFFEERAHMDECKEL / KRD
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel TELEFUNKEN TED
aus dieser Ausgabe

... zur Aufgabe, das Geheimnis hinter den Widmungen auf Schnupftabakgläsern zu lüften. Die Forschungsergebnisse wurden in einem umfangreichen Buch mit dem Titel „Spurensuche” von Heiner Schaefer und Kurator Sven Bauer präsentiert, das im Glasmuseum in Frauenau erhältlich ist.

Schnupftabakgläser

„Bevor sich der Waldler des Morgens wäscht, stärkt er sich durch eine Prise; bevor er sein Gebet verrichtet, schnupft er bedächtig; gibt es etwas zu denken, so stärkt er sein Hirn mit einem Schnüpfl”, beschrieb der bayerische Heimatdichter Ma ländximilian Schmidt einst die Vorliebe der Bayerwäldler für den Schnupftabak. Aber nicht nur Waldbauern, sondern auch Studenten und andere Herren pflegten diesen Brauch. „Der Brisil ist ein Ausgleichsmittel zwischen reich und arm, hoch und nieder, ein echter Förderer der Geselligkeit und mildfroher Sitte”, zitiert der schöne Bildband. Eine große Bedeutung wie dem aromatischen Schnupftabak selbst kam auch den Schnupftabakgläsern zu, in denen das Kraut aufbewahrt wurde. Schon junge Männer bekamen oft zur Firmung das erste Glasl oder die Freundin schenkte es ihrem Liebsten. Diese besonders schönen Stücke wurden dann gerne an Fest- und Feiertagen benutzt: Darunter findet man wahre Meisterstücke der Glasmacherkunst, was Glasschliff, die Kombination verschieden gefärbter Glasmassen, Glasgespinste und Glasmalerei anbelangt. Es handelte sich also nicht um Massenware, sondern es wurde auf die speziellen Wünsche und die persönliche Note des Besitzers eingegangen. Denn kaum ein ande- rer Gegenstand begleitete den Schnupftabak- Genießer so dauerhaft durchs Leben wie das Tabakglas. Nicht nur bei der Arbeit und daheim, auch beim Wirtshausbesuch durfte es nicht fehlen. Diese erlesenen Stücke dokumentieren auch die große Wertschätzung, die Besitzer ihrem Glas entgegenbrachten.

Persönliche Widmungen

Durch unterschiedlichste Widmungen auf noch erhaltenen Gläsern ist dieses persönliche Element bis heute erhalten geblieben. Doch über die Jahrzehnte wechselten Gläser den Besitzer oder landeten im Antiquitätenhandel. Vieles, was in Vergessenheit geraten war, konnte gelüftet werden und es entstanden interessante Einblicke in die historische „Schnupferszene”. Aus allen Gesellschaftsschichten konnten Besitzer von Tabakgläsern identifiziert werden: Neben Gläsern von einfachen Häuslern oder Kleinbauern, Bergbauern oder Handwerkern gibt es auch kostbare Gläser von Glasmachern oder Fabrikbesitzern. Selbst der Gemeindepfarrer genehmigte sich eine Prise aus seinem ganz persönlichen Glas. Aber nicht nur die Bayerwäldler frönten dem Schnupftabak-Genuss – das Tabakschnupfen war auch in Glashütten fernen Regionen früher durchaus beliebt.

Vereine und Verbände

Während der Industrialisierung entstanden in ganz Deutschland zahlreiche Vereine und Gesellschaften, auch in den ländximilian lichen Gegenden. Arbeitervereine, Turnund Kriegervereine und Freiwillige Feuerwehren wurden gegründet, bei denen die Gemeinschaft im Mittelpunkt stand. Natürlich war auch bei den Versammlungen das Schnupftabakglas ein ständiger Begleiter. So kam man bald auf die Idee, ein „Vereinsglas” als verbindendes Element zu entwerfen. Anhand dieser antiken Schnupftabakgläser gewinnt man Einblicke in Firmen- und Vereinsgeschichten und einen lebendigen Eindruck von der damaligen Lebens- und Arbeitswelt.

die Kreativität kennt bei den modernen Schnupftabakgläsern fast keine Grenzen, hier Gläser von den Glasmachern Torsten Schubert (li) und Alois Saller


Schnupftabakgläser mit Überfang in Goldrubin und Zierschliff, um 1850


Schnupftabakgläser in Filigranglas, umgangssprachlich „Mascherlgläser” genannt, gehören zur großen Kunst des Glasmachens


Auch aus Böhmen sind beachtenswerte Tabakgläser erhalten, um 1900


Glasmachertechniken

Der Schnupftabak war im Bayerischen Wald jedenfalls unverzichtbares Genussmittel und das schon seit Ende des 17. Jahrhunderts. Und die kleinen, flachen Fläschchen aus Glas waren typisch für die Region mit ihren vielen Glashütten. So klein Schnupftabakgläser aber auch sind, es finden sich auf ihnen alle Glasmachertechnikenund sämtliche Arten der Glasveredelung. Die hübschen Tabakgläser wurden in den letzten Jahrzehnten dann auch zu beliebten Sammelobjekten. Einfache Gläser für den täglichen Gebrauch, die in einigen Glasfabriken zum Produktionsprogramm gehörten, wurden oft von den Glasmachern „geschunden”, also in den Arbeitspausen hergestellt. Richtige kleine Kostbarkeiten waren aufwändig gestaltete „Feiertagsgläser” mit persönlicher Note – etwa einem Namen, einem Monogramm oder ein Zunftzeichen für den Beruf des Besitzers. Und auch heutige Glasmacher gestalten noch immer variantenreiche, eigenwillige und höchst moderne Kreationen, die die Schnupftabakgläser auch heute zu kleinen Kunstwerken werden lassen.

Sammlungen

In 40 Jahren leidenschaftlicher Sammeltätigkeit trug das Ehepaar Marianne und Heiner Schaefer einen Bestand von über 3.500 Schnupftabakgläsern aus Bayern, Böhmen und Österreich von 1800 bis 2015 zusammen. Davon gingen etwa 1.200 der schönsten Gläser an das Glasmuseum Frauenau. Ihren Platz haben sie im Bereich der Schaefer-Stiftung in der Studiensammlung des Glasmuseums im ersten Stock. Unter diesen Tabakgläsern finden sich auch die wichtigsten Stücke der bedeutungsvollsten Privatsammlungen seit 1960 – wie die Sammlung Fastner (Zwiesel), die Sammlung Zanella (Schönberg), die Sammlung Graf und Zimmermann (München), die Sammlung Lippl (Viechtach) und die Sammlung Schaufelberger (Schweiz).

Tabakgläser mit ausgefallener und humorvoller Malerei von G. Jo Hruschka


Alte Schnupftabakgläser sind beliebte Sammelobjekte.deshalb wurden oftmals Repliken oder gar Fälschungen hergestellt. im Glasmuseum sind originale (rechts) und Repliken gegenübergestellt


Im Ausstellungsbereich „Spurensuche” werden historische Schnupftabakgläser und ihre ehemaligen Besitzer vorgestellt


Glasmuseum Frauenau

Im Jahre 2018 wurde der Bereich der Schaefer-Stiftung im Glasmuseum mit großem finanziellen Aufwand völlig neu gestaltet. Dazu wurden über 500 weitereGläser von der Schaefer-Stiftung bereitgestellt. Sie teilen sich in folgende Gruppen auf: Alte Schnupftabakgläser von 1800 bis 1860; Schnupftabakgläser aus dem Böhmerwald 1850 bis 1900; industrielle Fertigung von Tabakgläsern in Spiegelau und Spiegelhütte um 1900; Meisterstücke von Glasmachern und Glasveredlern von 1970 bis 2015; Sammlung Margarete Schaufelberger; Schnupftabakgläser von Studioglaskünstlern sowie Repliken und Fälschungen von Schnupftabakgläsern von 1970 bis 2000.

Glashütte Schachtenbach

Die tief in den Wäldern des Glashüttenguts Rabenstein bei Zwiesel gelegene Glashütte Schachtenbach (1822-1865) gehörte zu den bedeutendsten Glashütten im deutschsprachigen Raum. Die Hüttenpächter Joseph Schmid und Sohn (1829- 1844) und vor allem Wilhelm Steigerwald (ab 1845) hoben die Produktion auf ein Niveau, das der Fabrik weltweites Ansehen brachte. Scherbenfunde am ehemaligen Hüttenstandort beweisen die Herstellung von edlem Glas, aber auch von Schnupftabakgläsern.

Spiegelau und Spiegelhütte

Bereits im Jahr 1840 wurden Schnupftabakgläser in der Glashütte Spiegelau produziert. Eine Preisliste der „Hohl-Glas-Fabrik Spiegelau” von Ludwig Stangl aus dem Jahr 1900 dokumentiert die umfangreiche Fertigung von Schnupftabakgläsern in 115 verschiedenen Typen – etwa große „Gesellschaftsgläser” und kleinere Gläser „für Kinder”.
Eine hüttenmäßige Fertigung von Schnupftabakgläsern ist auch für die Glashütte in Spiegelhütte, die zu den Glashüttenwerken Buchenau des Ferdinand von Poschinger gehörte, überliefert. Die Eintragungen im Lohnbuch des Glasmachers Joachim Gaschler (1863-1919) dokumentieren die Herstellung von über 28.000 Schnupftabakgläsern in den Jahren 1900 bis 1904.

Zwiesel

Heinrich Ulbrich (1853-1910) erlernte in Zwiesel das Glasmalerhandwerk, besuchte die Glasfachschule in Haida und arbeitete in der Regenhütte und der Spiegelhütte. 1889 eröffnete er in Zwiesel eine „Glasmalerei, Glas- und Porzellanhandlung”. Diese entwickelte sich zum führenden Glasmalereibetrieb in der Region und zu einem der wichtigsten Umschlagplätze von bemalten Schnupftabakgläsern. „Ulbrich- Gläser”, vor allem die Auftragsarbeiten, zählen zu den schönsten bemalten Schnupftabakgläsern überhaupt.

Reklameflaschen

Im Bayerischen Wald und in ganz Bayern fanden sich zahlreiche Schnupftabakfabriken, die Reklameflaschen zur Verteilung oder Verkauf an die Kunden gestalteten. Zunächst spielten gläsernen Flaschen eine große Rolle. Nach dem Ersten Weltkrieg verdrängten aber die Steinzeug-Fla- schen aufgrund des günstigeren Preises ihre Vorläufer aus Glas.

Kunst auf Glas. Manche Sammler lassen Tabakgläser mit Vorlagen aus der Kunst gestalten, hier Gläser aus der Sammlung Schaufelberger


Steingläser

Jahrhundertelang war es Ziel, Glas zu erzeugen, das in Reinheit und Durchsichtigkeit dem Bergkristall gleichkam. Doch versuchten die Glasschmelzer ebenso, andere edle Steine oder Materialien mit Glas zu imitieren. Das als Maluntergrund bedeutende opake Milchglas diente als Ersatz für Porzellan. Schwarzglas wurde erstmals 1820 in der Buquoy’schen Glashütte geschmolzen. Im frühen 19. Jahrhundert kamen dann Alabastergläser in verschiedenen Farben in Mode. Besonders effektvoll zeigen sich marmorierte Gläser wie etwa frühe Rothyalithgläser. Aber auch die modernen Marmorglas-Schmelzen sind sehr reizvoll.

Fantasiegestalten auf Glas sind die Spezialität des Künstlers Christian Schmidt aus Zwiesel; auf dem rechten Glas findet sich der Glashüttengeist durandl


Glasmacher

Im Glasmuseum Frauenau befinden sich auch circa 500 Belegstücke der bekanntesten zeitgenössischen Glasmacher, Glasschleifer, Graveure und Maler aus Frauenau und Zwiesel sowie ein Überblick über Glastechniken im Vergleich alter und neuer Schnupftabakgläser und eine Übersicht über sämtliche im Hafen geschmolzene Glasfarben der Hütten Theresienthal, Schott, Eisch und Poschinger um 1990. Ein Besuch im liebevoll und aufwändig gestalteten Glasmuseum Frauenau im Bayerischen Wald lohnt sich auf jeden Fall!

Tabakgläser mit bunten Vögeln – aufwändige Gravuren auf Überfanggläsern von Franz Straub


Informationen

Glasmuseum Frauenau, Staatliches Museum zur Geschichte der Glaskultur, Am Museumspark 1, 94258 Frauenau. Literatur „Spurensuche” von Heiner Schaefer und Sven Bauer, erhältlich im Museums- Shop, www.glasmuseum-frauenau.de

Fotos: Sven Bauer, Glasmuseum Frauenau