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Schockierende Sexualität


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Gehirn & Geist - epaper ⋅ Ausgabe 9/2022 vom 05.08.2022
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Bildquelle: Gehirn & Geist, Ausgabe 9/2022

Auf einen Blick: Lehre und Mahnung

1 Verschiedene Arten sexueller Orientierung, vor allem die Homosexualität, galten in vielen Ländern noch bis in die 1990er Jahre hinein als behandlungswürdige Krankheiten oder »Paraphilien«.

2 Gemäß behavioristischer Ansätze versuchten Therapeuten, die Attraktivität des eigenen Geschlechts bei den Betreffenden zu löschen, indem sie ihnen Schmerz oder Übelkeit bereiteten.

3 Solche unethischen Methoden wurden teils auch als Ersatz für Haftstrafen »angeboten«. Außer anekdotischen Berichten gibt es keinerlei Hinweise auf eine Wirksamkeit.

Eine Krankenschwester führt den Patienten in einen dunklen Raum. Er ist nur mit einem weißen Klinikkittel bekleidet. Die Schwester bittet ihn, auf einem Stuhl Platz zu nehmen, und befestigt eine Elektrode an seinem Bein. Dann gibt sie ihm einen Gummiring, der mit einem Polygrafen verbunden ist. Den soll der Mann über seinen Penis ...

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... streifen. Nachdem alle Geräte eingeschaltet und vom Psychiater im Nebenraum kalibriert sind, beginnt die Sitzung. Ein Projektor wirft Bilder an die Wand. Erst Wolken, dann halb nackte Frauen. Als der erste Mann in Badehose erscheint, spürt der Patient plötzlich, wie er über die Elektrode einen Stromschlag erhält. Er zuckt vor Schmerz zusammen, der Polygraf notiert kratzend die Änderungen im Erektionsverhalten. Die Ärzte sagten ihm zuvor, mit dieser neuen Therapie könne er seine Homosexualität loswerden. Der Mann schließt die Augen. Er fragt sich, ob es eine gute Idee war, sich darauf einzulassen.

So oder ähnlich erging es vielen Angehörigen sexueller Minderheiten, wie sich aus der Fachliteratur sowie aus Erinnerungen von Patienten rekonstruieren lässt. Ab Anfang der 1950er Jahre bis in die 1980er Jahre hinein wurde insbesondere im angelsächsischen Raum, aber auch in der Sowjetunion die so genannten Aversionstherapie angewendet. Psychiater und Psychologen sahen darin ein taugliches Mittel, um eine als »pervers« oder »deviant« geltende sexuelle Orientierung, die von der heterosexuellen Norm abwich, zu verändern. Mittels Elektroschocks und Brechmitteln sollten Homosexuelle, Fetischisten und Sadomasochisten ihre jeweiligen Vorlieben verlernen.

Wie entstand diese extreme Form der Verhaltenstherapie? In welchem gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Kontext schienen derartige Methoden medizinisch sinnvoll und ethisch vertretbar? Und welches Erbe hat uns die Aversionstherapie hinterlassen? 1935 präsentierte der US-amerikanische Psychiater Louis Max eine Studie, in der vermutlich zum ersten Mal eine Aversionstherapie bei sexueller Devianz zum Einsatz kam. Behandelt wurde ein homosexueller, junger Mann. Max ließ ihn von Sex mit Männern fantasieren und verabreichte ihm gleichzeitig Stromschläge. Laut anschließender Aussage des Behandelten habe ihn die Prozedur »zu 95 Prozent« von seiner Homosexualität geheilt. Max’ Studie fand zunächst wenig Beachtung. Sie entstand allerdings unter dem Einfluss einer bedeutenden Strömung in der Psychologie jener Zeit: des Behaviorismus.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatten Pioniere wie der Russe Iwan Pawlow (1849–1936) oder die US-Amerikaner John B. Watson (1878–1958) und Burrhus F. Skinner (1904–1990) diese Schule der psychologischen Forschung entwickelt. »Das Behaviorismus fasste alle Lebewesen, auch den Menschen, als Apparate auf«, erklärt der Medizinhistoriker Florian Mildenberger. Je nach theoretischem Modell blendeten Behavioristen ein mentales Innenleben des Menschen entweder als unzugänglich und somit unerforschbar aus oder bestritten die Existenz von Bewusstsein sogar rundheraus. »Es ging nur um beobachtbare Umweltreize, die darauf folgenden Reaktionen und die resultierenden Lernprozesse«, so Mildenberger.

UNSER AUTOR

Merlin Wassermann studierte Politikwissenschaften und Geschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität München und beschäftigte sich intensiv mit wissenschaftsund medizinhistorischen Fragen. Er lebt als Journalist in München.

KURZ ERKLÄRT:

BEHAVIORISMUS

Lerntheorie, die besonders in den USA ab den 1920er Jahren unter Psychologen verbreitet war. Ihre Vertreter betrachteten menschliches Verhalten als bloßes Resultat von Reiz-Reaktions-Schemata.

PHALLOMETRIE

Methode zur Messung der Erektionsstärke. Anzeichen sexueller Erregung wurden dann oft mit aversiven Reizen wie Schmerzen beantwortet.

SOCIAL ENGINEERING

Überbegriff für alle Ansätze der sozialen Beeinflussung und Manipulation.

TAYLORISMUS

Von dem US-Ökonomen Frederick Winslow Taylor (1856–1915) geprägte Denkschule, die auf Rationalisierung und Effizienzsteigerung von Arbeitsprozessen abzielte; häufig synonym mit der technisch-wissenschaftlichen Optimierung des Alltags verwendet.

In Experimenten zum klassischen Konditionieren lernten Tiere, verschiedene Reize miteinander zu verknüpfen, zum Beispiel Nahrung und das Klingeln einer Glocke bei Pawlows Versuchen mit Hunden. Beim operanten Konditionieren wiederum verstärkt oder hemmt man bestimmte Verhaltensweisen durch Belohnung oder Strafe.

Schon bald wurden diese grundlegenden Lernprinzipien aus der Tierpsychologie auf den Menschen übertragen. Der südafrikanische Psychiater Joseph Wolpe (1915–1997) spezialisierte sich dabei auf Phobien und behandelte 1954 einen Straßenbahnfahrer, der kein Blut sehen konnte. Der Mann sollte sich eine blutende Wunde vorstellen und dabei so gut es ging entspannen. Ziel war es, die Vorstellung von Blut mit Entspannung zu assoziieren. Wolpes Kollege Arnold Lazarus (1932–2013) schilderte 1958 den Fall eines »ängstlichen, verklemm- ten und zwanghaften« Mannes. Statt sich, wie in der Psychoanalyse üblich, auf die Probleme mit der Mutter zu konzentrieren, konzentrierte sich Lazarus in der Therapie darauf, dem Mann durch Lob und Bestärkung ein »durchsetzungsfähiges Auftreten« beizubringen.

Die Idee dahinter: Sowohl Phobien als auch Ängstlichkeit seien erlernt, folglich könnten sie wieder verlernt werden. Doch nicht nur Erfahrungen wurden als formbar betrachtet, sondern jegliche Art menschlichen Verhaltens und Wollens – auch die Sexualität.

Der Traum von der Formbarkeit des Menschen

Der Behaviorismus und die Verhaltenstherapie entstanden in einer Zeit, in der nahezu alle Bereiche des Lebens der gesellschaftlichen oder individuellen Kontrolle des Menschen unterstellt wurden. Schlagworte wie »Social Engineering« und »Taylorismus«, der ein strenges Effizienzdenken in der Arbeitswelt bezeichnet (siehe »Kurz erklärt«), waren in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts sehr populär. Dazu gesellte sich ein technologisch orientierter Zukunftsoptimismus.

Verhaltenstherapeuten bedienten diese Hoffnung auf Formbarkeit des Menschen ebenso wie die Technologieaffinität, indem sie mit der Messung von Hautwiderstand oder Blutdruck durch Polygrafen ihren objektiv-wissenschaftlichen Anspruch unterstrichen. Sie versprachen Probleme zu lösen, an denen Freuds Psychoanalyse gescheitert war – darunter auch sexuell deviantes Verhalten. Im 19. und frühen 20. Jahrhundert hatte dessen medizinische Klassifikation einschließlich der Suche nach Ursachen und Therapien begonnen.

Ein Wegbereiter der medizinischen Problematisierung der Sexualität war der tschechische Psychiater Kurt Freund (1914–1996). Wie die Historikerin Kate Davison 2020 in einem Aufsatz rekonstruierte, führten Freund und seine Kollegen an der Prager Karls-Universität die ersten groß angelegten Studien zur Wirkungsweise der Aversionstherapie bei Homosexuellen durch. Zwischen 1950 und 1962 behandelten sie mindestens 67 Männer, teils über mehrere Jahre. Viele Patienten suchten freiwillig Hilfe. Sie bemerkten homosexuelle Tendenzen an sich und wollten sich davon befreien, da sie sie, wie die Ärzte, als Perversion ansahen. Einige kamen jedoch gegen ihren Willen, wurden entweder durch die Eltern genötigt oder wollten einer möglichen Haftstrafe entgehen. Wie in den meisten Ländern war homosexuelles Verhalten in der Tschechoslowakei damals verboten.

Freund setzte auf Brechmittel als aversiven Reiz, der ein Verhalten mindern oder ganz löschen sollte. Die Behandelten nahmen mit Apomorphin versetzten Kaffee zu sich, der starke Übelkeit auslöste. Anschließend zeigte man ihnen Bilder nackter Männer. Die »Patienten« sollten die positiv besetzten erotischen Stimuli mit den aversiven Reizen der Übelkeit und des Erbrechens assoziieren. Der so genannte Generalisierungseffekt, so die Theorie, würde dafür sorgen, dass homoerotische Reize auch außerhalb des Labors an Attraktivität verlieren und damit die homosexuelle Neigung unterbinden.

In der Praxis blieb die Aversionstherapie überwiegend erfolglos, wie Davison beschreibt. Von den ersten 25 Personen, die sich der Therapie unterzogen, erreichte nicht einmal die Hälfte das gewünschte Ergebnis eines »prädominanten« heterosexuellen Verhaltens, und auch das nur für eine bestimmte Zeit. Weitere Experimente bestätigten diese Ergebnisse.

Weite Verbreitung trotz fehlender Erfolge

Trotzdem verbreitete sich die Aversionstherapie seit Ende der 1950er Jahre in der westlichen Welt. So übersetzte etwa der bedeutende Psychologe Hans Jürgen Eysenck 1960 einen Artikel Freunds zu diesem Thema, und auch Stanley Rachman, der bei Wolpe in Südafrika studiert hatte und nun im Maudsley Hospital unter Eysenck arbeitete, veröffentlichte bald erste Studien.

John Bancroft, der spätere Leiter des renommierten sexologischen Kinsey-Instituts in den USA, war von den Möglichkeiten der Aversionstherapie ebenfalls fasziniert. Er führte Mitte der 1960er Jahre in London zwei Modifikationen ein. Zum einen verwendete er statt Brechmitteln als aversiven Reiz Elektroschocks, die über Elektroden an den Füßen oder Armen verabreicht wurden. Das war aus Sicht der Anwender einfacher, billiger und präziser. Stromschläge wirkten auf Knopfdruck, nicht erst nach einigen Minuten. Zum anderen ließ sich so das Prinzip des operanten Konditionierens besser anwenden, da der Patient eigenständig bestimmte, welches Bild er sah – er bestrafte sich somit selbst, wenn er den devianten Stimulus wählte.

Bancroft kombinierte Schocks mit einer weiteren technologischen Neuerung – dem so genannten Penisplethysmografen. Dieses von Kurt Freund entwickelte Volumenmessgerät besteht aus einem Gummischlauch, der mit Quecksilber gefüllt und an einen Polygrafen angeschlossen ist. Ändert sich der Durchmesser des Rings an der Schlauchöffnung, so zeichnet der Polygraf das in einem entsprechenden Kurvenverlauf auf. So ließ sich ziemlich exakt bestimmen, wie sich eine Erektion des Patienten bei Präsentation verschiedener Stimuli veränderte und ob die Therapie anschlug.

In den USA fanden sowohl die Aversionstherapie als auch die Phallometrie (siehe »Kurz erklärt«) etwa mittels Plethysmografen schnell Verbreitung. In der amerikanischen Nachkriegsgesellschaft ging die Furcht vor einer »Krise der Maskulinität« um; viele zeitgenössische Kommentatoren prophezeiten eine Entwicklung, laut der Männer infolge der zunehmenden Emanzipation der Frauen und eines bequemen Lebensstils ihre Männlichkeit einbüßten. Während des Kalten Kriegs verstiegen sich manche gar zu der Ansicht, der von den Sowjets dominierte kommunistische Block wollte durch eine homosexuelle Unterwanderung – auch »Homintern« genannt (in Anlehnung an die als Komintern abgekürzte Kommunistische Internationale) – den Westen schwächen.

KURT FREUND

Der Psychiater führte an der Prager Universität viele Versuche zur Heilung von Homosexualität und anderen »Perversionen« durch. Nach der Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 floh er nach Kanada, wo er seine Studien zunächst fortsetzte. Ende der 1970er Jahre erkannte er die Pathologisierung von Homosexualität als Fehler.

Klima der Angst

In dieses Klima der Angst sowie der Bedrohung des American Way of Life trat die Aversionstherapie mit dem Ziel auf, männliche Sexualität schnell und effizient in den Griff zu bekommen. Zu den Forschern, die das Versprechen einzulösen versuchten, gehörten die Psychologen David Barlow und Edward Blanchard, die an der State University of New York in Albany wirkten, sowie Gene Abel, ein ebenfalls emeritierter Psychiatrieprofessor von der Columbia University in New York. Im Lauf ihrer Karrieren wandten sie und andere die Aversionstherapie auf Hunderte von Angehörigen sexueller Minderheiten an.

In Deutschland unternahmen Therapeuten dagegen nur sporadische Versuche in diese Richtung. Der wohl prominenteste Vertreter war der Psychologe Karl H. Mandel (* 1938), der am Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München und am Lehrstuhl für Klinische Psychologie der dortigen Ludwig-Maximilians-Universität arbeitete. In den 1970er Jahren veröffentlichte Mandel mehrere Studien, in denen er Homosexuelle zu heilen versucht hatte. Er wurde jedoch bald durch Aktivisten des Kommunistischen Bildungswerks zur Aufgabe gezwungen, wie Florian Mildenberger berichtet.

Nicht nur in Deutschland, auch in den USA und Großbritannien formierte sich allmählich Widerstand gegen die Behandlung. Befürworter der Aversionstherapie mussten sich mit dem Aufkommen der Schwulenbewegung harte Kritik gefallen lassen: Ihre schwammigen, unwissenschaftlichen Theorien stützten bestenfalls nutzlose, womöglich sogar traumatisierende Pseudotherapien. Frühere Erfolgsmeldungen von Psychiatern gerieten ebenso unter Beschuss wie ihre methodischen Grundannahmen. So bezweifelten etwa die Sexualforscher Donald Amoroso und Marvin Brown bereits 1973 in einem Aufsatz im »Journal of Sex Research«, dass im Labor überhaupt eine authentische sexuelle Erregung ausgelöst werden könne.

Einen ehemaligen Patienten zitierte der britische Psychiater Michael King (1950–2021) in einem Interview von 2004 mit den Worten: »Die ganze Woche war total unerotisch. Ich glaube nicht, dass ich aus irgendeinem Grund eine Erektion hätte bekommen können, weil ich einfach nicht dort sein wollte.« Dass viele der Behandelten gerichtlich Verurteilte waren, macht das Vorgehen zudem ethisch problematisch.

Außerdem verbreitete sich mehr und mehr die Ansicht, dass die Therapien unnötig seien, da Homosexualität keine Krankheit darstelle. 2012 schilderte ein anonymer Patient die Aversionstherapie mittels eines Brechmittels gegenüber Tommy Dickinson vom King’s College London in drastischen Worten: »Ich kann immer noch den widerwärtigen Geschmack von Erbrochenem in meinem Mund schmecken. Alles, was ich tun wollte, war, mir mit frischem Wasser den Mund auszuspülen, aber das war nicht erlaubt.«

Nach heutigen Vorstellungen wirken solche Maßnahmen barbarisch. Florian Steger, Professor für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin an der Universität Ulm, sieht darin einen »schweren Verstoß gegen das Nichtschadensgebot sowie eine enorme Strapazierung des Selbstbestimmungsrechts« der Patienten. Zwar müsse man den historischen Kontext berücksichtigen – die damaligen Therapeuten standen in einer über 100 Jahre alten Tradition, in der Homosexualität als krankhaft beurteilt wurde; mindestens einige Patienten unterzogen sich aus freien Stücken der Behandlung.

Steger verweist aber darauf, dass Freiwilligkeit oft nicht gegeben war und dass viele junge Personen in einer kritischen Phase der Selbstfindung nicht unterstützt, sondern im Gegenteil unter Druck gesetzt wurden. »Ärzte sollen in der asymmetrischen Beziehung zum Patienten nach bestem Wissen und Gewissen handeln«, so der Medizinethiker. Da viele tatsächlich glaubten, Homosexualität sei schlecht, hielten sie trotz ausbleibender Erfolge an der Aversionstherapie fest und hinterließen häufig extrem belastete Betroffene.

Die Diagnose verschwand, das Leid blieb

Gegen Ende der 1960er Jahre besiegelten schließlich zwei Entwicklungen das Schicksal der Aversionstherapie. Zum einen wurde Homosexualität in vielen Ländern entkriminalisiert, zum Beispiel 1967 in England. Damit versiegte auch der Strom von Verurteilten, die einen Großteil der Behandelten darstellten. Zum anderen wurde 1973 die psychiatrische Klassifikation »homosexuell« im Diagnostischen und Statistischen Handbuch der Amerikanischen Psychiatervereinigung, dem DSM, gestrichen (im Klassifikationssystem der WHO, dem ICD, geschah dies übrigens erst 1991).

Was blieb, war das Leid, das tausenden Menschen widerfahren war. Laut den Studien von King und Dickinson gelang es vielen von ihnen zwar, letztlich ihre Sexualität zu akzeptieren und glückliche Beziehungen zu führen. Gleichzeitig erinnern sich fast alle mit Schrecken an die Behandlungen, manche haben sie bis heute nicht verarbeitet, und in mindestens einem Fall führte die Aversionstherapie mit Brechmitteln zum Tod: Ein Mann starb mutmaßlich an den Nebenwirkungen des Apomorphins, wie Michael King berichtete.

Die kalt berechnende Gewalt, die sich in der Aversionstherapie ausdrückte, brachte eine Zeit lang die ganze Verhaltenstherapie in Verruf. Filme wie »A Clockwerk Orange«, in dem der Protagonist Alex, ein Mörder und Vergewaltiger, mittels (fiktiver) Aversionstherapie geheilt werden sollte, förderten das Bild dieser Methode als illegitime, letztendlich nutzlose Folter, auch wenn sie nur einen Bruchteil der verhaltenstherapeutischen Maßnahmen ausmachte.

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Heute werden von der Norm abweichende sexuelle Präferenzen wie Exhibitionismus oder Pädophilie nur dann als strafbare Paraphilien angesehen, wenn sie gegen die sexuelle Selbstbestimmung eines anderen oder dessen körperliche Unversehrtheit verstoßen. Die forensische Psychiatrie setzt inzwischen auf das Prinzip »not cure, but control« (nicht heilen, sondern kontrollieren): Mit Methoden der kognitiven Verhaltenstherapie sollen die Betroffenen problematische Situationen imaginieren und allmählich mentale Hürden aufbauen, um so zu lernen, innerlich »stopp!« zu sagen.

Stromschläge im Namen der Medizin sind bei uns heute zwar nicht mehr vorstellbar, wohl aber in anderen Ländern, wie Florian Mildenberger weiß: »In Teilen der arabischen Welt sowie in China wird die Aversionstherapie bei Homosexualität heute noch angewendet«, so der Historiker. Die Forschungslage ist hier jedoch extrem dünn; über die tatsächliche Verbreitung und die Einsatzformen der Aversionstherapie im Nahen Osten, in Asien und Afrika ist so gut wie nichts bekannt.

Es gibt für die Forschung also noch viel zu tun, auch was die Aufarbeitung durch westliche Psychologen und Historiker angeht. Die Beschäftigung mit der Aversionstherapie hilft zu verstehen, wie feindlich zumindest Teile der Psychiatrie einst einer von der Norm abweichenden Sexualität gegenüberstanden – und in einigen Teilen der Welt wohl noch immer.

QUELLEN

Amoroso, D., Brown, M.: Problems in studying the effects of erotic material. Journal of Sex Research 9, 1973

Davison, K.: Cold war Pavlov – homosexual aversion therapy in the 1960s. History of the Human Sciences 33, 2020

Dickinson, T. et al.: »Queer« treatments: Giving a voice to former patients who received treatments for their »sexual deviations«. Journal of Clinical Nursing 21, 2012

King, M. et al.: Treatments of homosexuality in Britain since the 1950s – an oral history: The experience of patients.

Bristish Medical Journal 328, 2004

Lazarus, A. A.: New methods in psychotherapy – acase study.

African Medical Journal 32, 1958

Dieser Artikel im Internet: www.spektrum.de/artikel/2037268