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Schön im Knast


myself - epaper ⋅ Ausgabe 3/2019 vom 13.02.2019

Der Termin beim Friseur ist für die weiblichen Häftlinge der JVA Köln ein Highlight. Es werden nicht nur die Haare gepflegt. Sondern auch die Seele


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Bildquelle: myself, Ausgabe 3/2019

Dayana (links), eine der Schönheitsexpertinnen der JVA Köln. Das M auf ihrem Handrücken steht für ihre Liebe zur Musik.


Unter Aufsicht: der Salon der JVA.


Gewagt ist es schon, dass sie erst die Brille ablegt und dann zum Rasierer greift, um Jennys Boxerfrisur an den Seiten raspelkurz zu rasieren. Mit minus neun Dioptrien ist Mara blind wie ein Maulwurf, theoretisch. Praktisch ist hier ein Profi am Werk, und alle verstehen, dass Mara keinesfalls mit Brille aufs ...

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... Foto möchte. Sogar Jenny. Schließlich geht es hier darum, gut auszusehen. Das ist „drinnen“ nicht anders als „draußen“. Genau auf dieses Gefühl kommt es im Friseursalon der Justizvollzugsanstalt Köln an. Die rund 300 Insassinnen sollen vorübergehend vergessen, dass in ihrem Leben etwas schiefgelaufen ist, und auch, wo sie sich deshalb befinden. „Weil, machen wir uns nichts vor, schön ist es hier drin für alle nicht“, so Mara.

Außer eben, man hat einen „Termin“ bei ihr. Oder bei Dayana oder Jenny. Die 28-jährige Mara wird wegen einer Vorstrafe ihren Beruf als Altenpflegerin nicht mehr ausüben können. Deshalb absolviert sie hier ihre Friseurlehre. Dayana, 29, ist „Friseurassistentin“ und lernt nebenbei noch Nagelmodellage. Die 38-jährige Jenny war schon Friseurin, ehe sie in Haft kam. Jeden Morgen ab sieben von Montag bis Freitag stehen die drei im liebevoll gestalteten „Salon“, der sich bis hin zu den Zeitschriftenständern nicht von denen draußen unterscheiden soll. Die Waschbecken, die Spiegel und die „Hexenküche“ – der Raum mit der beeindruckenden Haarfarbenpalette – sind eine fast perfekte Illusion. Wären da nicht der Glaskasten mit den Monitoren und die Frau in Uniform, der Blick auf die Gefängnismauern und die ständigen Fragen: ob man eine Schere nehmen dürfe, ob man den Arbeits- und Ausbildungsplatz oben auf der Empore zeigen könne? Alles wird registriert, überwacht und kontrolliert. Auch von Clarissa Kube-Napiralla und Sascha Rath, Ausbilder des Kolping-Bildungswerks. Unter ihrer Regie wird hier gewaschen, geschnitten, onduliert, getönt, gefärbt, gekämmt. Und es gibt viel zu tun. Alle sechs Wochen haben die Frauen in der JVA Gelegenheit zu einem Haarschnitt. Kostenlos. Wollen sie Strähnchen, eine neue Haarfarbe oder Tönung, müssen sie bloß für das Material bezahlen. „Den Ansatz zu färben kostet dann sechs bis acht Euro“, so Dayana. Ihre Spezialität: die Kopfmassage. Die habe, das versichern Jenny und Mara, Kultstatus. Mara gilt als Farb-Koryphäe, und Jenny ist ohnehin in allem gut. „Wir überlegen schon, wie wir ihre Haft verlängern können. Sie wird ja bald entlassen“, sagt Dayana und lacht. Dann erzählt sie, wie wichtig für die Frauen der Friseurbesuch sei und dass man sie selbstverständlich als „Kundinnen“ behandele. „Manche gehen draußen gar nicht oder nicht regelmäßig zum Friseur.“ Auch weil sie es sich einfach nicht leisten können. „Einige blühen deshalb hier richtig auf.“ Sie sei sich bewusst, dass das, was sie hier tun, für die Frauen ein „absolutes Highlight“ im Gefängnisalltag sei, ergänzt Mara. „Man tut etwas für sich selbst und zeigt, dass man nicht vergisst, auf sich zu achten.“ Schließlich kennen die drei dieses Gefühl aus eigenem Erleben und wissen, worauf es ankommt: wenigstens auf dem Friseurstuhl einmal im Mittelpunkt zu stehen und alle Zeit der Welt zu haben. Für Waschen, Massagen, für Schneiden und Färben ebenso wie für Gespräche. Nur dass die sich nicht wie „draußen“ um den nächsten Urlaub drehen. Sondern um Eigentumsdelikte, Körperverletzung, Erschleichung von Leistungen oder Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz – das sind die Gründe, weshalb die meisten Frauen hier sind. „Die Themen sind schon auch: wieso, weshalb, wie lange. Viele suchen auch Rat und Hilfe. Zum Beispiel bei der vorzeitigen Entlassung: Was hast du für eine Strafzeit? Hast du Raub oder Diebstahl? Was man machen kann, um Bewährung zu bekommen.“ Natürlich werden hier „krasse Geschichten erzählt“, sagt Dayana. Man würde zuhören, ab und zu etwas dazu sagen und das meiste schnell wieder vergessen. Entsetzen über manche Taten? Mara: „Nein. Wir sind alle hier, weil wir Mist gebaut haben. Kein Mensch der Welt gibt mir das Recht, über andere zu urteilen. Ich möchte auch nicht, dass andere über mich urteilen. Das hat schon der Richter getan.“ Allen ist bewusst, weshalb sie entweder allein in einer acht Quadratmeter großen Zelle oder zu viert auf 22 Quadratmetern „sitzen“. Weshalb mittags nicht drei Gerichte zur Auswahl stehen. Sondern nur eines und die Frage, wie sie ist, die JVA-Küche, mit dem Hinweis quittiert wird, man sei hier schließlich nicht bei „Wünsch dir was“, sondern bei „So isses“. Umso wertvoller sei das, was die Frauen im Friseursalon erfahren und was alles möglich ist. Kein Wunder, wenn mit der Gelegenheit auch der Wagemut wächst. „Viele kommen und sagen: Hier kann ich auch mal ausprobieren, ob mir kurze Haare stehen. Sieht ja keiner, und es wächst ja wieder raus“, sagt Jenny. Mara ergänzt, dass die Hemmschwelle „draußen“ höher sei, etwa für Farbexperimente. Wie Dayana und Jenny auch hat sie selbst schon einige dieser Experimente hinter sich und konnte qualifiziert abraten, als eine Frau kürzlich Haare in allen Regenbogenfarben haben wollte. „Auf der anderen Seite möchte man auch kein Spielverderber sein. Letzten Endes ist der Kunde König, und sie hat ihren Regenbogen bekommen.“ Und manchmal zeigt sich gerade im Friseursalon der JVA, dass Wünsche eben doch auch mal erfüllt werden. Traditionelle Roma-Frauen, deren Kultur eine strikt naturbelassene Mähne vorschreibt, hätten früher gern die Gunst genutzt, sich die Haare komplett blondieren zu lassen. „Das hat man bei den langen Haaren gar nicht in einem Durchlauf hinbekommen. Man braucht ja allein schon zum Föhnen zwei Frauen bei der Länge. Und abschneiden darf man nichts. Da gibt es einen Aberglauben, der das verbietet.“ Das war nicht das einzige Problem. „Wenn sie hier sind, sind die Frauen mutig. Bis Besuch kommt. Dann sollen wir sie ganz schnell wieder dunkel färben, weil sie Angst haben, dass blond zu aufreizend wirkt.“ Seither gilt: keine Blondierung mehr für megalange Haare.

Es geht hier keinem an den Kragen: Übungsköpfe der Auszubildenden.


Schönheit hat ihren Preis: einen Schnitt gibt es alle sechs Wochen kostenlos.


„Hier kann man mit den Haaren experimentieren. Sieht ja keiner“


Mehrwert: Tiefenentspannung und Seelenpflege in einem.


Und was ist Trend im Knast? Natürlich alles, was die Friseurinnen am eigenen Haupt vorführen: Ombré, Balayage oder Fuchsia, wie kürzlich bei Dayana. „Da sagen die Frauen schon mal: ‚Das will ich auch!‘“ Stilbildend aber seien vor allem Serien wie „Berlin – Tag & Nacht“ und „Köln 50667“. Wie es das Trash-TV in den Rang von Frisuren-Ratgebern geschafft hat? Vermutlich durch die Extreme, die dort vorgeführt werden. Bloß mit Spitzenschneiden gibt man sich auch hier nicht zufrieden, da wachsen die Ansprüche in Hochgeschwindigkeit. Typisch: die ältere Frau, die mit total verfilzten Haaren kam. „Richtige Nester waren da drin.“ Zunächst haben sie es mit einer Spülung versucht. Auch um möglichst viel Haar zu retten. „Und man noch eine Form hat. Denn letzten Endes muss man das Haar kurz schneiden.“ Es sei toll gewesen, zu sehen, wie sich diese Frau auf dem Friseurstuhl verändert habe. Nicht nur optisch. „Für den Moment war sie sehr glücklich. Dann wurde sie fordernd. Wollte noch dies und das“, so Clarissa Kube-Napirella zum üblichen Verlauf einer JVA-Kundinnen-Karriere. Die Entdeckung, hier einmal aus dem Vollen schöpfen zu können, ist für viele ein Erlebnis. Das dafür nötige Geld verdienen die Frauen in den unterschiedlichen Werkstätten – auch im Friseursalon. „Man kann auch gar nicht arbeiten. Dann bekommt man ein kleines Taschengeld.“ Für Jenny, Mara und Dayana ist das keine Option. Man spürt, weshalb. Sie verstehen sich, mögen ihre Arbeit und sehen, wie kostbar es ist, was sie hier tun und dass es immer auch um innere Veränderung geht. Für eine kurze Zeit jedenfalls. Denn darüber macht sich hier keine Illusionen: Nach der Haft werden sie auseinandergehen und sich vermutlich nie wiedersehen. Das sei einfach so, sagt Mara. „Man lässt das hinter sich. Es ist dann nämlich Zeit für einen neuen Lebensabschnitt.“ Man muss eben gerade in Haft realistisch bleiben. Außer hier im Friseursalon. Hier darf man noch träumen. Von Regenbogenfarben auf dem Kopf oder davon, ganz woanders, jenseits aller Mauern und Gitter zu sein.


Fotos: Julia Sellmann