Weiterlesen mit NEWS. Jetzt testen.
Lesezeit ca. 9 Min.

Schöner als Fliegen Umweltbetrachtungen eines Pilgers


Nationalpark - epaper ⋅ Ausgabe 3/2019 vom 04.09.2019

Unser Leben ist hektisch geworden. Morgens dicht gedrängt zur Arbeit, der Terminkalender voll, im Sommer im Stau zum Urlaubsziel. Kann Pilgern entspannen oder ist es nur eine neue Form von Dabei-Sein-Müssen? VON ROBERT BRUNNER


Artikelbild für den Artikel "Schöner als Fliegen Umweltbetrachtungen eines Pilgers" aus der Ausgabe 3/2019 von Nationalpark. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Faszinierende Einsamkeit in der kargen Landschaft der Meseta im nördlichen Kastilien. (Fotos: Robert Brunner)


Eines vorweg: Es gibt schönere und attraktivere Weitwanderwege als Europas große Pilgerwege. Allzu oft verlaufen sie auf Teerstraßen, neben Autobahnen oder durch ausgeräumte Landschaften ohne Baum und Schatten. Dann wieder wird der Pilger aber durch Naturbeobachtungen oder ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 6,99€
NEWS 30 Tage gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Nationalpark. Alle Rechte vorbehalten.
Lesen Sie jetzt diesen Artikel und viele weitere spannende Reportagen, Interviews, Hintergrundberichte, Kommentare und mehr aus über 1000 Magazinen und Zeitungen. Mit der Zeitschriften-Flatrate NEWS von United Kiosk können Sie nicht nur in den aktuellen Ausgaben, sondern auch in Sonderheften und im umfassenden Archiv der Titel stöbern und nach Ihren Themen und Interessensgebieten suchen. Neben der großen Auswahl und dem einfachen Zugriff auf das aktuelle Wissen der Welt profitieren Sie unter anderem von diesen fünf Vorteilen:

  • Schwerpunkt auf deutschsprachige Magazine
  • Papier sparen & Umwelt schonen
  • Nur bei uns: Leselisten (wie Playlists)
  • Zertifizierte Sicherheit
  • Freundlicher Service
Erfahren Sie hier mehr über United Kiosk NEWS.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 3/2019 von Liebe Leserinner liebe Leser. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Liebe Leserinner liebe Leser
Titelbild der Ausgabe 3/2019 von NATURSCHUTZ PANORAMA. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
NATURSCHUTZ PANORAMA
Titelbild der Ausgabe 3/2019 von Schwedische Verstärkung für die Birkhühner in der Rhön. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Schwedische Verstärkung für die Birkhühner in der Rhön
Titelbild der Ausgabe 3/2019 von Ausverkauf oder Kehrtwende? Naturschutz in Kirgistan. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Ausverkauf oder Kehrtwende? Naturschutz in Kirgistan
Titelbild der Ausgabe 3/2019 von Mit Federstrich und Farbpinsel. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Mit Federstrich und Farbpinsel
Titelbild der Ausgabe 3/2019 von Wasser für die Au. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Wasser für die Au
Vorheriger Artikel
NATURSCHUTZ PANORAMA
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel Schwedische Verstärkung für die Birkhühner in der …
aus dieser Ausgabe

... die Wahrnehmung seiner Umwelt belohnt. Ihm bleibt Zeit, sich mit der kleinen Welt entlang des Weges zu beschäftigen, nicht zuletzt mit sich selbst.

Viele Pilgerwege durchziehen Europa. Die berühmtesten sind die vier Jakobswege ab Arles, Le Puy-en-Velay, Vezelay und Tours und deren Zubringer aus ganz Europa. Schon vor Santiago de Compostela waren Rom und Jerusalem Pilgerzentren, auch St. Wolfgang in Österreich und Assisi waren berühmt. Viele Wege sind heute Kulturrouten des Europarates. Die Martinswege zwischen Szombathely in Ungarn und Tours in Frankreich werden gerade wiederentdeckt. Pilgern liegt im Trend, allein Santiago erreichten 2018 über 300.000 Pilger zu Fuß oder mit dem Rad. Und die vielen kleineren, regionalen Wege sind kaum zu zählen.

Die Entdeckung der Langsamkeit

Es ist noch nicht so lange her, dass der Mensch als Fußgänger schneller war als mit fahrbarem Untersatz, das Pferd einmal ausgenommen. Selbst Postkutschen reichten um 1700 kaum an die Geschwindigkeit eines Wanderers heran, weil die Wege einfach zu schlecht waren. Erst die letzten 200 Jahre führten zu einer rasanten Steigerung der Reisegeschwindigkeit. Davor war dem Menschen das Gehen eigen, über Jahrtausende hinweg.

Trotzdem sind die Menschen auch früher weit herumgekommen. Handel, Handwerk und kriegerische Auseinandersetzungen erforderten Mobilität. Glaubt man Aufzeichnungen aus Santiago de Compostela, so waren im 11.oder 12. Jahrhundert 400.000 Menschen jährlich auf dem Jakobsweg unterwegs, also rund ein Prozent der damaligen Bewohner Europas und ein Drittel mehr Pilger als heute.Der große Unterschied: Damals musste auch der Rückweg zu Fuß bewältigt werden. Kein Wunder, dass es bereits früh Beschwerden gab über verstopfte Pilgerwege und volle Herbergen.

Wer sich aber auf den Weg einlässt und mit rund vier Kilometern in der Stunde drei Monate oder länger unterwegs ist, der sammelt Eindrücke, die dem hastenden Reisenden verborgen bleiben. Einer, der den Weg von Rom nach England penibel aufgezeichnet hat, war Erzbischof Sigeric auf seiner Rückreise aus Rom, wo er vom Papst die Insignien des Erzbischofs von Canterbury erhalten hatte. In 80 Tagesetappen ist er, nein, nicht um die Welt, sondern – nur – quer durch Europa gereist.

Aufzeichnungen ähnlichen Alters gibt es auch vom Jakobsweg. Daraus geht hervor, wo betrügerische Wirte gemieden oder an welchen Flüssen Pferde besser nicht getränkt werden sollten. Umweltprobleme des Mittelalters! Um einen dieser Wirte in Santo Domingo de la Calzada rankt sich eine der vielen Jakobslegenden, die sich mit den Pilgern über ganz Mitteleuropa ausbreiteten und deren Darstellungen in vielen Kirchen zu fi nden sind, auch im deutschen Sprachraum.

Beschaulichkeit ade?

Pilgern mit Mediation und Ruhe zu verbinden, gelingt oft, aber nicht immer. Vor meinem Zimmer in einem Kloster über dem österreichischen Inntal rauscht die ganze Nacht der Verkehr auf der Autobahn. Ruhe sieht anders aus. Es sind gerade die Täler, die unter dem immer dichteren Verkehr leiden. Im Rhonetal südlich von Lyon zerstören TGV und Autobahn eine Landschaft. Gleiches gilt fürs Aostatal. Zwar hat die Bahn hier wenig Bedeutung, aber der Lärm der Autobahn dringt in dem engen Tal bis weit in die Höhen. Dass es auch Gegenteiliges gibt, erfahre ich im französischen Zentralmassiv: nachts ein Sternenhimmel, unvergesslich, ohne Lichtverschmutzung, etwa in Conques mit seiner Kathedrale, die mit dem Ende des Pilgerstroms zur Zeit von Aufklärung und Reformation fast verfallen wäre. Das ist auch die Heimat der Aubrac-Rinder, deren Fleisch, vom Herbergsvater selbst geschmort, nach den Mühen des Tages ausgezeichnet mundet. Sie stehen auf ihren Weiden und scheinen sich über den Pilger zu wundern, der weiterzieht, anstatt die saftigen Gräser zu genießen. Manchmal habe ich das Gefühl, aus dem 21. Jahrhundert gefallen zu sein.

Wer nach Westen geht, der hat die Morgensonne im Rücken. Richtung Rom geht mein Weg oft genug gegen Südosten und genauso oft dem Sonnenaufgang entgegen. Man muss nur früh genug unterwegs sein. Zu dieser Zeit ist es noch ruhig und die Natur besonders gut wahrnehmbar. Selbst das kleine fi ligrane Spinnennetz, auf dem der Morgentau glänzt, erregt da Aufmerksamkeit. Im französischen Baskenland umschwirren gleich vier Eisvögel die sandige Uferböschung und in den Pyrenäen, auf dem Weg zum Kloster Roncesvalles, beherrschen die Rotmilane den Luftraum.

Morgentau lässt ein Spinnennetz wie Perlen erscheinen.


Bernhardiner als Touristenattraktion – ein Job zum Langweilen.


Pilgern kann auch hektisch werden, etwa dann, wenn in der Hochsaison die Betten knapp werden. Auf den letzten 100 Kilometern steigt die Zahl der Wanderer plötzlich rasant an, denn schon für die letzten drei bis vier Etappen bekommt der Pilger in Santiago oder im Vatikan eine Pilgerurkunde. Ich bin beide Wege gegangen, mit Karte und Reiseführer im Gepäck. Jahrhunderte früher waren die Pilger auf Informationen angewiesen, die sie in Kirchen, Klöstern oder in den Herbergen erhielten. Heute haben immer mehr Wanderer das Navi auf dem Handy und den Blick auf den Bildschirm gerichtet, statt in die Umgebung.

Ein Beitrag zur Regionalentwicklung

So manche Dörfer entlang des Jakobswegs in Spanien oder in Frankreich wären wohl menschenleer, würden die Pilger nicht Unterkünfte und Nahrung brauchen. So belebt sich wieder, was schon vor tausend Jahren begann. Hostels, Restaurants und alle wichtigen Dienstleistungen, vom Gepäcktransport bis zur Massage werden angeboten, sogar Physiound Psychotherapie. So bleiben Dörfer lebendig und Kulturlandschaften erhalten, jedenfalls entlang des unmittelbaren Weges.

Schon immer haben die Pilgerwege auch Siedlungen geformt, das erlebt man besonders in Spanien. Die Ortskerne sind oft eine lange, gerade Straße, meist für Fußgänger reserviert, an der sich vor Hunderten von Jahren Herbergen, Hospitäler, Klöster und Gasthäuser aneinanderreihten. Im französischen Ostabat, einer Ortschaft mit knapp 200 Einwohnern, wo nahe den Pyrenäen drei große Jakobswege zusammentreffen, gab es um das Jahr 1350 angeblich 5.000 Nächtigungsmöglichkeiten für Pilger. Massentourismus im Mittelalter oder nur ungenaue Quellen?

In manchen Landstrichen Frankreichs oder Spaniens hätte ich halbe Dörfer aufkaufen können. Die Landfl ucht in die großen Städte ist ungebrochen. Zurück bleiben die Älteren, die Pensionisten. Das merkt man auch in den Siedlungen. Unbewohnte Häuser verfallen, Geschäfte schließen und so manche Felder bleiben unbestellt.

Viel ist über das Hochland von Kastilien geschrieben worden, den nördlichen Teil der Meseta. Im Sommer ist die Hitze eine Herausforderung, besonders in der schattenlosen Hochebene. Im Herbst und Winter machen dem Pilger Kälte und Stürme zu schaffen. Sogar die Polizei patrouilliert, denn regelmäßig kommt es zu Fällen von Hitzschlag, die auch tödlich sein können. Manche meiden daher diesen Abschnitt des Jakobsweges und nehmen den Bus von Burgos bis Leon. Im wunderschönen Oktober 2016 aber ist die Meseta ein unbeschreibliches Erlebnis!

Die kargen Getreidefelder abgeerntet, die Hochfl äche einsam und kahl. Die fahlen Farben, Beige, Ocker und Hellbraun, geben der Landschaft im milden Licht der Herbstsonne ihren besonderen Reiz. Im Norden die Picos de Europa des nordspanischen Küstengebirges, im Süden die schiere Unendlichkeit.Der Wind oder die letzten Insekten sind dann für Stunden die einzigen Geräusche, es sei denn, ein Flugzeug zieht am blassblauen Himmel seine Bahn. Schon die Römer sind hier durchgezogen und haben Straßen gebaut. Ich selbst hätte in der Meseta noch lange verweilen können.

Wie ein grüngelbes Meer wirken die Reisfelder der Poebene.


Meseta in Grün – die Poebene

Auch entlang des Pilgerweges Via Francigena ist Ebene angesagt. Für die Querung der Poebene von Ivrea bis Fidenza benötige ich etwa zehn Tage, Brücken über Autobahnen sind dabei die einzigen Erhebungen. Und dann die Reisfelder rechts und links, dazwischen Mais. Zumindest ist die Tierwelt lauter: Frösche in den Kanälen, Graureiher in den Reisfeldern. Die einst stolzen Höfe der Poebene sind heute vorwiegend Schuppen für Landmaschinen oder Quartiere für die Arbeiter. Die Herren wohnen in der nächsten Stadt.

Sigeric erwähnt in seiner Beschreibung der Via Francigena eine Bootsfahrt auf dem Po, die den Weg nicht nur abkürzt, sondern auch bequemer macht. Aber wo vor über tausend Jahren Fährleute fl ussaufwärts ruderten, dient heute ein Motorboot zur raschen Fahrt. Das Projekt ist EU-gefördert. Sicher hat die Landschaft damals anders ausgesehen, vermutlich wuchsen ausgedehnte Auwälder in den riesigen Feuchtfl ächen. Heute fl ießt der Po träge hinter Dämmen, schmutzig-grau-braun, mit vielen Abfällen. Obwohl sich die Wasserqualität angeblich gebessert hat, hätte ich im Po nicht baden wollen. Ab Fidenza geht es nach Süden, auf den Apennin zu. Die ersten Vorberge sind eine willkommene Abwechslung zur Weite der Ebene.

Landschaft im Wandel

Wie mögen die frühen Pilger wohl die Landschaften erlebt haben? Mehr Wälder, mehr Gefahren durch große Tiere? Ob der Pilgerstab als Abwehr gegen deren Angriffe genutzt hat? Die großen Täler waren wohl feuchter, die heute regulierten Flüsse ausufernder.Deshalb liegen die Wege oft auf den Anhöhen, da stehen dann Kapellen, die den Weg markieren. Heute sind die Talböden meist überschwemmungssicheres Bauland. An den Siedlungsrändern ausgedehnte Industrieund Gewerbegebiete, eintönig, laut und austauschbar.Der Verbrauch fruchtbaren Landes ist enorm. Nur die Ortszentren haben Charme und zeigen landeskulturelle Vielfalt.

Man liest viel über die lieblichen Landschaften der Champagne oder der Toskana.Dem Fußwanderer fällt auf, dass diese Gebiete in großflächige agrarindustrielle Nutzungen überführt wurden. Ein französischer Bauer in einem Dorf südlich von Reims erzählt mir am Abend bei einem kühlen Bier, dass er über 300 Hektar Land bewirtschaftet, vorwiegend Zwiebeln, Mais und Kartoffeln anbaut. Nein, Vieh gäbe es keines mehr. Die Maschinen im Hof sind monströs, das spart Personal. Im Winter war er mit seiner Frau in Südafrika, heuer geht es nach Argentinien. Umweltverträglichkeit sieht anders aus. Aber im Dorf gibt es kein Gasthaus mehr, der Bäcker ist gerade auf Urlaub. Nur die unverzichtbare Baguette wird am Morgen frisch aus dem Nachbarort angeliefert. Im ländlichen Frankreich kann man tatsächlich 30 oder 40 Kilometer gehen, ohne ein Geschäft oder ein Gasthaus zu fi nden.

Obwohl Österreichs Landwirtschaft kleinteiliger ist, sind die Eindrücke kaum besser. Im Tullnerfeld, einer Ebene westlich des Wienerwaldes, ist von der Perschling, an deren Damm der Weg entlang führt, nichts zu sehen, dafür gibt es ausgedehnte Maispfl anzungen, Turbo-Mais offenbar, zwei Meter hoch. Kein Gesumme, kein Gezirpe. Totgespritzt? In Galizien, im äußersten Nordwesten Spaniens, wurden ab der Mitte des 19. Jahrhunderts weitreichende Eukalyptuswälder gepfl anzt. Sie wachsen schnell, sie duften gut, nur Koalas gibt es – noch? – nicht. Unter Ökologen gelten Eukalyptusbäume als „Spaniens grüne Vampire“ oder als „Europas Pest in Baumgestalt“. Sie saugen den Boden aus, ihr Wasserbedarf ist enorm. Durch den hohen Gehalt an Öl brennen sie besonders gut, und das in einer Region, in der Waldbrände immer wieder auffl ammen.

Das Sehnsuchtsziel der Pilger – die Kathedrale von Santiago de Compostela.


Um von der Emilia Romagna in die Toskana zu gelangen, gilt es, den Apennin zu queren.Der Verkehr Richtung Küste rollt auf der Autostrada über Brücken und durch Tunnel. Die Autofahrer versäumen herrliche Ausblicke und schöne Buchenwälder, die mich an den Wienerwald erinnern und sich Mitte September langsam verfärben.

Auf dem höchsten Punkt bekannter Pilgerwege in Europa, dem Großen Sankt Bernhard, bietet seit fast tausend Jahren ein Hospiz den Reisenden Unterkunft und Verpfl egung. Wo einst ein Saumpfad die Alpen querte, sind heute viele Motorräder unterwegs. Gut, dass der Schwerverkehr durch den Scheiteltunnel rollt. Am Fuße des Passes, in Martigny, steht ein Bernhardinermuseum, im Sommer sind auch immer einige der Hunde auf der Passhöhe zu bewundern. Glücklich wirken die „Fotomodelle“ auf mich nicht.

Die gleichnamige Brücke in Puente la Reina haben in mehr als tausend Jahren Millionen Pilger überschritten.


Kulturelle Höhepunkte

Wer pilgert, der wird ständig Zeuge christlicher Kultur. So manches Kleinod gibt es zu entdecken, vor allem Kirchen jeder Größenordnung. Aber es sind oft kleinere Bauwerke, die Aufmerksamkeit erregen. Eine der schönsten Brücken in Spanien steht in Puente la Reina. Im 11. Jahrhundert ließ sie die Königin von Navarra errichten, um Pilgern ein gefahrloses Überqueren des Flusses zu ermöglichen und sie nicht der Willkür der Fährleute auszuliefern. Manche queren diese Brücke gedankenlos. Ich selbst fühle mich klein in dem Bewusstsein, nur einer von Millionen zu sein, die diesen Weg schon gegangen sind. Ähnliches gilt für die romanische Kirche in Fromista. Weil sie ein wenig abseits des Weges liegt, bleibt sie oft unbeachtet und ist doch eines der wichtigsten Zeugnisse kastilischer Romanik. Sowohl Jakobsweg als auch Via Francigena verlaufen oftmals entlang von alten Römerstraßen.

Ultreia – vorwärts

Leider verlaufen Pilgerwege oft auf Straßen – wie hier in der Toskana.


Das Schöne am Pilgern ist, man geht immer nur vorwärts und sollte nie zurückblicken. In Santiago stellte sich mir die Frage: Und das war alles? Ich sehe es heute als Beginn. Andere Pilgerwege warten. Und drei Tage kann ich noch weiterwandern, zum Kap Finisterre, im Mittelalter das Ende der bekannten Welt. Viele Pilger haben da wohl zum ersten Mal im Leben das Meer gesehen. Auf so manchen von ihnen mag diese Weite auch erschreckend oder bedrohlich gewirkt haben.

Mit der Aufklärung und den großen Entdeckungsreisen haben sich Weitblick und Weltbild dann grundlegend verändert. Luther lehnte Pilgern ab und so kamen mit der Neuzeit auch die Pilgerströme zum Erliegen. Heute, in unserer hektischen und lauten Welt, lassen uns die Langsamkeit des Pilgerns und der Blick aufs Detail zur Ruhe kommen, Überraschungen sind garantiert. Und das ist ja gar nicht schlecht, oder?

Jakobswege durchziehen ganz Europa.Der Weg von Wien über die Schweiz und Frankreich bis ins spanische Santiago de Compostela ist rund 3.100 Kilometer lang.Bei durchschnittlich 28 Kilometern pro Tag benötigte ich 109 Tage.

Die Via Francigena beginnt in Canterbury und führt durch Frankreich, über den Jura und den Großen St.Bernhard nach Rom. Sie ist circa 2.100 Kilometer lang, für mich zehn Wochen Gehzeit.

ROBERT BRUNNER war 15 Jahre Direktor des Nationalparks Thayatal. 2016 pilgerte er von Wien bis Santiago, 2018 von Canterbury nach Rom. Weitere Wege sollen folgen.

„Pilgern ist keine Frage der Distanz, sondern der Einstellung und der Bereitschaft, sich auf Details am Wegesrand einzulassen.“