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SCHÖPFUNG BEWAHREN: Der Wetter-Bauer


der pilger - epaper ⋅ Ausgabe 3/2019 vom 29.08.2019

Er kennt alle Bauernregeln: Albert Trimborn ist leidenschaftlicher Bauer und betreibt mit seiner Familie vor den Toren Kölns einen großen Hof. Im Einklang mit den Jahreszeiten versucht er, nachhaltig zu wirtschaften.


Artikelbild für den Artikel "SCHÖPFUNG BEWAHREN: Der Wetter-Bauer" aus der Ausgabe 3/2019 von der pilger. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: der pilger, Ausgabe 3/2019

Naive Maler haben sie einst mit Freude auf die Leinwand gebracht. Jahreszeiten, wie wir sie lieben. Mit wirbelndem Herbstlaub und klirrend weißen Wintern, Blütenfülle im Frühling und Sommern, so golden wie die Ähren auf dem Feld. Wer an einem sonnigen Augusttag über sanfte Hügel zum Bauerngut Schiefelbusch wandert, fühlt sich dieser Vorstellung sehr nah. Hier im Bergischen Rhein-Sieg-Kreis, ...

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Naive Maler haben sie einst mit Freude auf die Leinwand gebracht. Jahreszeiten, wie wir sie lieben. Mit wirbelndem Herbstlaub und klirrend weißen Wintern, Blütenfülle im Frühling und Sommern, so golden wie die Ähren auf dem Feld. Wer an einem sonnigen Augusttag über sanfte Hügel zum Bauerngut Schiefelbusch wandert, fühlt sich dieser Vorstellung sehr nah. Hier im Bergischen Rhein-Sieg-Kreis, gleich vor den Toren Kölns, herrscht pure Idylle. Die Nähe zur rheinischen Metropole spüren die Menschen in der Höhenlage von Lohmar kaum.
Nur hin und wieder zieht ein Flieger seine tiefe Bahn am blauen Himmel. Die Räder schon ausgefahren, um am nahegelegenen Flughafen zu landen. Allein die Cockpit-Crew kann die Ländereien des Bauernguts überblicken: Wald und Kuhweiden, Felder und Gänsewiesen, Obstund Gemüseflächen, so weit das Auge reicht. „An klaren Tagen wie diesem, wenn der Ostwind weht, können wir von hier oben bis weit in die Eifel sehen“, sagt Albert Trimborn versonnen. Er ist das Oberhaupt des großen Familienbetriebs, und man spürt, wie sehr er dieses Fleckchen Erde liebt.
Seit 2017 ist der Landwirt Wetter-Bauer beim Westdeutschen Rundfunk. Jeden zweiten Sonntag erklärt er den Hörern die Bauernregeln.

Wir haben Glück, hier zu leben

Er gibt Tipps für Hobbygärtner und vermittelt dabei viel von seiner Arbeit, die weit komplexer ist, als nostalgische Landlust-Bilder von niedlichen Kühen und Blumen in Zinkwannen suggerieren. Da geht es um Mikroorganismen im Boden und neue Technologien, um den Schutz der Natur und die Verantwortung, die die Landwirtschaft in unseren Breiten künftig für die ganze Welt tragen wird.

Neben der Landwirtschaft gibt es bei Trimborns ein Café, Ferienwohnungen und natürlich einen Bauernladen mit eigenen Produkten.


„Septemberwärme dann und wann, zeigt einen strengen Winter an.“ Alte Bauernregel


Allein zum Thema Wetter könnte Albert Trimborn einen Roman verfassen. Denn für Bauern geht es dabei nicht um einen herabfallenden Dachziegel oder die verregnete Gartenparty, sondern um wesentlich mehr. „Innerhalb von Momenten kann bei Unwettern die ganze Existenz auf dem Spiel stehen“, macht er deutlich. „Eine Frostnacht im Mai um die Eisheiligen herum kann einen Obstbauern die Ernte kosten.“
Einbußen muss auch die Familie Trimborn in Kauf nehmen. Da reißen Märzstürme die Folien von den Spargelfeldern, und Juligewitter überschwemmen die Futterweiden nicht nur mit Schlamm, sondern auch mit Unrat. „Zum Ernteausfall kommen dann die Kosten für das Tierfutter und für Reinigung und Entsorgung.“ Albert Trimborn ist jedoch kein Mann, der sich mit Sorgen aufhält. „Wir Deutsche tendieren ja dazu, negativ zu denken, dabei haben wir so viel Glück, hier zu leben“, sagt er kopfschüttelnd und meint den guten Boden, die reiche Vegetation, die vergleichsweise saubere Umwelt und das technische Wissen.
Optimismus und Unternehmergeist treiben den 58-Jährigen seit jeher an, und so konnte er gemeinsam mit seiner Frau und den vier Kindern Schiefelbusch zu dem machen, was es heute ist: ein moderner Landwirtschaftsbetrieb mit Erlebnischarakter, der Menschen aus der ganzen Umgebung anzieht. Mit gerade einmal 18 Jahren übernahm Albert, selbst aus einer Bauernfamilie stammend, den Hof. In einer Zeit, in der die Monokultur zu boomen begann, entschied er sich bewusst für Vielfalt. „Ich wollte den Verbraucher in den Mittelpunkt stellen, und bis heute geht es mir darum, mit und für Menschen zu arbeiten“, sagt der kräftige Mann mit dem Schnauzbart und den verschmitzt lachenden Augen.

Der Wetterhahn thront auf dem Dach der Scheune

Wer über den Hof wandert, erlebt Kühe, Schweine, Gänse und Kaninchen fellnah, kann sich im Café hausgemachten Kuchen schmecken lassen und sich im Laden mit einer großen Palette hofeigener Produkte eindecken, während die Kinder das Maislabyrinth oder die Spielscheune unsicher machen. Hochzeitspaare und Jubilare, die im Festsaal feiern, finden die florale Deko auf der bunten Schnittblumenwiese. Und wer länger bleiben will, kann in einer der Ferienwohnungen übernachten und mit Kikeriki und dem Blick über Wiesen und Felder aufwachen. Heute dreht sich der Wetterhahn auf der Scheune träge im Ostwind, und die Schwalben zeigen ihre halsbrecherischen Flugkünste weit über uns. Nach der alten Bauernregel „Fliegen die Schwalben in den Höh‘n, kommt ein Wetter, das ist schön“ verkünden sie damit erfreuliches Hochdruckwetter für Wanderer. Denn die nach oben steigenden Luftmassen geben den Insekten Auftrieb und die hungrigen Vögel folgen ihnen gen Himmel. Eine Regel also, die sich wissenschaftlich belegen lässt.

Von Anfang an setzte Albert Trimborn auf Vielfalt, sowohl im Anbau der landwirtschaftlichen Produkte als auch in der Tierhaltung. Ein gutes Leben für seine Tiere ist ihm wichtig.


„Diese alten Weisheiten sind zwar Folklore, viele haben aber einen wahren Kern“, weiß Albert Trimborn und krault eine schwarz-weiße Kuh im Nacken, die sich das gerne gefallen lässt. „So ist die Siebenschläfer-Regel ‚Das Wetter am Siebenschläfertag sieben Wochen bleiben mag‘ durchaus ernst zu nehmen. Wobei sich diese Prognose nicht mehr am genauen Tag festmachen lässt.“ Durch die Kalenderreform im Jahr 1582 hat sich einiges verschoben. Papst Gregor XIII. strich damals zehn Tage im Oktober, um den Julianischen Kalender zu korrigieren. Der Siebenschläfertag am 27. Juni, der übrigens nicht zu Ehren des Nagetiers, sondern in Erinnerung an eine alte Märtyrerlegende begangen wird, müsste daher heute eigentlich auf den 7. Juli fallen.
Wer sich nicht auf ein genaues Datum fokussiert, kann im Jahresverlauf einiges aus den Bauernregeln herauslesen. „Wir können immer davon ausgehen, dass es um die Zeit der Eisheiligen Mitte Mai kälter wird. Anfang des Monats ist es meist schon recht warm, aber dann ändert sich die Wetterlage und Polarluft strömt zu uns. Ob diese Winde Fröste mitbringen oder ob wir glimpflich davonkommen, ist von Jahr zu Jahr unterschiedlich“, sagt Trimborn. Auch auf die Schafskälte im Juni oder die Hundstage im Hochsommer kann man sich häufig verlassen.

Für drei Tage lässt sich das Wetter vorhersagen

Zu beachten ist bei der Vielzahl an Bauernregeln, in welchen Regionen sie entstanden sind. „Was für den Alpenrand gelten mag, muss hier im Rheinland keinerlei Relevanz haben. Durch das Internet haben sich die Regeln jedoch so verbreitet, dass der Ursprung oft gar nicht mehr bekannt ist.“
Um das Wetter vorhersagen zu können, verlässt sich Trimborn natürlich nicht nur auf das überlieferte Wissen, sondern auf harte Fakten. Die Agrarwetterberichte der Landwirtschaftskammer geben nicht nur Auskunft über Sonne, Wind und Regen, sondern auch über Bodenfeuchte, Bodentemperatur und Verdunstung. „Für drei Tage lässt sich das Wetter seriös vorhersagen, danach wird es schwieriger.“ Langfristig planen ist daher für die Landwirte nicht ohne Weiteres möglich. „Wenn es im Sommer lange regnet und die Ernte nicht eingeholt werden kann, baut sich schon mal Druck auf. Dann müssen wir auf dem Sprung sein und sofort auf die Felder, sobald es trocken genug ist“, erklärt Trimborn.
Eine wichtige Rolle für den Jahreskreislauf von Aussaat, Pflege und Ernte spielt auch der phänologische Kalender, der zehn Jahreszeiten anhand der Vegetation bestimmt. „Besonders spannend ist es im Frühjahr, wenn der Frühling von Afrika aus mit etwa 50 Kilometern am Tag Richtung Norden rast“, schwärmt Albert Trimborn. Wo die Schneeglöckchen und Kraniche den Vorfrühling ankündigen, setzt der Erstfrühling mit der Leuchtkraft der Forsythie ein Zeichen, bevor im Vollfrühling der Fliederduft durch die Flure zieht und Nachbars Hainbuchenhecke ergrünt.

Wenn der Frost kommt, kann ich alles verlieren

„Dieses Jahr war der Frühling durch den warmen, sonnigen Februar etwa zehn Tage voraus. Für uns bedeutet das, wir könnten theoretisch früher aussäen und dadurch einiges mehr an Ertrag erwirtschaften“, erklärt Trimborn. Vorausgesetzt, es bleibt warm. „Aber wenn der Frost kommt, kann ich auch alles verlieren.“ Das Leben und Arbeiten an der Wetterfront gleicht also oftmals einem Lotteriespiel. Und Klimaveränderungen machen es nicht einfacher. „Im Vergleich zu vor zehn Jahren haben wir hier im Westen nassere Frühjahre und trockenere Sommer und müssen unsere Arbeiten darauf einstellen.“
„Im Märzen der Bauer…“ war gestern, heute wird im Herbst gepflügt. Senfpflanzen begrünen im Winter die Felder und sorgen nicht nur für Farbtupfer in der Landschaft, sondern als Zwischenfrucht für eine bessere Bodenqualität.
Alles Zeichen des Klimawandels? „Ob Verschiebungen der Wetterlagen wirklich dramatisch und von Dauer sind, bleibt abzuwarten“, meint Albert Trimborn. „Mit den Wetteraufzeichnungen in Deutschland wurde ja erst 1881 begonnen. Das muss man auch bedenken, wenn man daraus Schlüsse ziehen will.“

Abends schwingt sich der Bauer aufs Rad

Sein Wissen um diese Zusammenhänge und seine langjährige Erfahrung gibt Trimborn an seinen Sohn Andreas weiter. Der Agraringenieur wird den Hof eines Tages ganz übernehmen. Derzeit aber denkt Albert noch lange nicht an den Ruhestand. „Warum soll ich etwas aufgeben, was mir Spaß macht.“
Langsam wird es Abend am Gut Schiefelbusch. Wenn der Wind von Osten weht, beginnt dann ein wunderbares Naturschauspiel. Die untergehende Sonne färbt den Westen tiefrot und kündet von weiteren Sommertagen. Felder und Häuser, Bäume und Sträucher sind in samtige Farben getaucht und werfen lange Schatten.
Gerne setzt sich Bauer Trimborn um diese Zeit aufs Fahrrad und umrundet mit seiner Frau ganz entspannt die Felder. Auch nach vierzig Jahren beeindruckt ihn die Kraft der Natur, die er hier auf seinem Land so intensiv erleben darf. „Wenn man vor diesen Abläufen steht, erkennt man, was für eine große Idee dahintersteckt. Natürlich lässt sich alles rein naturwissenschaftlich erklären. Aber wenn man bedenkt, wie dieses Wechselspiel der Jahreszeiten unsere Geschichte und unsere Kultur geprägt hat und den Menschen immer auch Kraft und Mut gegeben hat, ist das schon gigantisch.“

Draht zum Wetter-Bauer

Auf dem Bauerngut Schiefelbuch finden immer wieder Veranstaltungen rund um landwirtschaftliche Produkte statt. Das Hofcafé und der Bauernladen bieten Frisches und Hausgemachtes an.
Bauerngut Schiefelbusch, Albert & Helga Trimborn, Schiefelbusch 3, 53797 Lohmar, Tel: 02205-83554, Internet: www.bauerngut-schiefelbusch.de


Fotos S.52: ysuel/stock.adobe.com; S.53 bis S.57: Janina Mogendorf außer: S.56 ob.: Schiefelbusch