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Schräge VÖGEL


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HÖRZU Wissen - epaper ⋅ Ausgabe 5/2021 vom 23.09.2021

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Bildquelle: HÖRZU Wissen, Ausgabe 5/2021

ANDENKONDOR Mit einer Spannweite von über drei Metern der größte Greifvogel

»Es geht darum, die WELT DER VÖGEL in unsere Welt zu bringen.«

TIM FLACH _ FOTOGRAF

Anthropomorphismus: ein sperriges Wort. Schwer auszusprechen und noch schwerer zu verstehen, doch Tim Flach benutzt es gern und häufig, denn es ist zentral für seine Arbeit. Der Duden erklärt den aus dem Griechischen stammenden Begriff wie folgt: „Übertragung menschlicher Eigenschaften auf Nichtmenschliches“. Genau das tut der renommierte britische Fotograf in seinem neuen Bildband „Vögel“ (siehe Tipp rechts): Er porträtiert Geier, Tauben, Finken, Enten oder Hornvögel so, wie man sonst meist nur Menschen inszeniert: im Studio, vor neutralem Hintergrund, in Nahaufnahme. Oft ist nur der Kopf von vorn zu sehen, sodass die Tiere den Betrachter direkt anzustarren scheinen.

Es gehe nicht darum, die 140 gezeigten Arten zu vermenschlichen, betont Tim Flach im Gespräch mit HÖRZU WISSEN. „Es geht vielmehr darum, die Welt der ...

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... Vögel in unsere Welt zu bringen. Die Porträts wirken anthropomorph, weisen also gewisse menschliche Qualitäten auf. Das schafft Aufmerksamkeit und eine Verbindung zum Charakter des Tieres.“ Am Beispiel der Inkasee schwalbe, auf Seite 101 zu sehen, verdeutlicht er, was er meint: „Bei dem Foto denken Sie vielleicht zuerst: Was ist das denn für ein verrückter Vogel, der mich da anblickt? Oder der Schnurrbart erinnert Sie an jemanden, den Sie kennen. Dann lesen Sie möglicherweise die Informationen über diese Schwalbe: Ah, sie kommt aus Peru, die langen Bartfedern sind ein Zeichen für Gesundheit und damit ein Vorteil bei der Partnerwahl …“ So entsteht Interesse für eine Art, von der die meisten wohl noch nie gehört haben.

Flach berichtet von einem Versuch mit 1000 Testpersonen, für den er mit Sozialwissenschaftlern zusammenarbeitete. Es ging um die Frage, wie sich Empathie für die Tierwelt erzeugen lässt. Die Teilnehmer bekamen entweder klassische Naturfotografien von Wildtieren in ihrem natürlichen Umfeld gezeigt, gar keine Bilder – oder die von Tim Flach. Letztere riefen mehr Einfühlungsvermögen hervor als die traditionellen Tierfotos, die zudem bei den Probanden nicht mehr bewirkten als gar keine Fotos.

EMOTIONEN WECKEN

Die Frage, wie wir die Menschen wieder mit der Natur verbinden können, sei angesichts der Klimakrise eine der großen Herausforderungen unserer Zeit, sagt Tim Flach. „Es gibt viele Hinweise darauf, dass Anthropomorphismus helfen kann, Auf merksamkeit für das Thema zu wecken.“ Naturfotografinnen und -fotografen könnten mit ihren Arbeiten dabei die Rolle von Übersetzern oder Kommunikatoren übernehmen, die Erkenntnisse der Wissenschaft für alle zugänglich machen.

Flach: „Erst, wenn wir Menschen uns wirklich für etwas interessieren, werden wir auch aktiv. Sonst sind das nicht mehr als irgendwelche Statistiken.“

Um dieses emotionale Interesse hervorzurufen, geht Flach, der bereits viel beachtete Bücher über Pferde, Hunde und bedrohte Arten veröffentlicht hat, sehr überlegt vor. Für das Vogelprojekt ließ er in seinem Studio im Londoner Stadtteil Shoreditch große Volieren und Pools für die Wasservögel bauen. Um die Tiere nicht zu stressen, waren die Kameras gut versteckt. Einige Aufnahmen entstanden auch in Vogelparks, unter anderem in Walsrode, in Zoos und Aquarien wie dem Sea Life in London. Weil während des Lockdowns keine Besucher erlaubt waren, konnte Flach dort in aller Ruhe Pinguine fotografieren. Und im Museum für Naturkunde von Berlin erhielt er Zugang zu einem Fossil, das er als „Mona Lisa der Paläontologie“ bezeichnet: Der Archaeopteryx gilt als Übergang zwischen Dinosauriern und Vögeln.

Mit dem Archaeopteryx eröffnet er denn auch sein Buch, das dem vermuteten zeitlichen Ablauf der Evolution folgt und 14 Kapitel umfasst. Es beginnt mit den Ursprüngen der Vögel und endet mit Hausgef lügel, mit Tauben, Hühnern oder ge Arten geradezu bizarr, ein Beispiel dafür ist auf Seite 103 zu bestaunen: Die Perückentaube trägt eine opulente Halskrause aus Federn, Folge eines mutierten Gens.

SCHÖNHEIT FEIERN

Der Brite sieht seine Arbeit in der ästhetischen Tradition berühmter Ornithologen und Zeichner wie John James Audubon, der mit „Die Vögel Amerikas“ 1827 ein Standardwerk schuf, oder John Gould, der ab 1840 seine „Birds of Australia“ veröffentlichte. Flachs Medium aber ist die Fotografie, die ganz andere Möglichkeiten eröffnet als einst das Abmalen ausgestopfter Tiere. Seine Bilder enthüllen Einzelheiten, die in freier Natur mit bloßem Auge nicht zu erkennen sind, die Krümmung einer einzelnen Feder oder kleine Höcker auf einem Augenlid. Mit heutiger Kameratechnik lassen sich selbst die winzigen Luftblasen festhalten, die entstehen, wenn Pinguine ins Wasser eintauchen. „Ich finde es immer noch aufregend, wenn ich solche Details entdecke und sie dann mit anderen Menschen teilen kann.“

Nicht zuletzt aber feiert er die Schönheit und die Einzigartigkeit von Vögeln, ihre Farbenpracht, Vielfalt und Originalität. Jedes der porträtierten Tiere wirkt wie eine eigenständige Persönlichkeit. Das zu erreichen werde bei seinem nächsten Projekt ungleich schwieriger, sagt Tim Flach. Er plant gerade ein Buch über Insekten.

SUSANNE KOHL