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SCHREIBABYS: LASS DICH TRÖSTEN!


ÖKO-TEST Spezial Kinder & Familie - epaper ⋅ Ausgabe 5/2018 vom 17.05.2018

Wenn ein Säugling weint, ist das seine Art zu sagen, dass ihm etwas fehlt. Den Eltern gelingt es meist schnell, ihn zu beruhigen. Schreit ihr Kind jedoch übermäßig viel und lang, geraten sie schnell an Grenzen. Schreiambulanzen geben in einer solchen Situation wichtigen Halt und wertvolle Hinweise.


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Foto: kaisersosa67/getty images

Tiefe Erschöpfung, Hilflosigkeit und Ohnmacht bis hin zu Verzweiflung – wenn ein Neugeborenes scheinbar ohne Grund untröstlich und ununterbrochen schreit und sich durch nichts und niemanden beruhigen lässt, geraten Eltern irgendwann ans Ende ihrer Kräfte. Denn nichts zerrt mehr ...

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... an den Nerven, als wenn man sich außerstande sieht, sein Kind zu trösten.

Dass Babys weinen, ist normal. Es ist ihre Art zu sagen, dass ihnen etwas fehlt. Das finden Eltern meist schnell heraus und schaffen Abhilfe. Mit sanften Worten, leisem Singen, beruhigenden Gesten, Körperkontakt und Aufmerksamkeit. Was aber, wenn die Eltern die Erfahrung machen, dass alle ihre Beruhigungsstrategien ins Leere laufen?


Unabhängig von der Dreierregel sollten sich verzweifelte Eltern Hilfe suchen.


Als Schreibabys gelten gesunde Säuglinge, die an mehr als drei Tagen mehr als drei Stunden lang schreien, wimmern, quengeln, extrem unruhig und reizbar sind – und das für einen Zeitraum von mehr als drei Wochen. Diese Dreierregel gilt zwar in der Säuglingsforschung und Kinderheilkunde nach wie vor als anerkannt; Experten raten aber dennoch dazu, sie mehr als Richtlinie denn als starre Definition zu betrachten. Auch die Kinderkrankenschwester Almut Heitmann und die Hebamme Anke Borisch, die eine Schreibabyambulanz in Dresden betreiben, appellieren nachdrücklich: „Wenn Eltern das Gefühl haben, die Situation nicht länger aushalten zu können – dann sollten sie sich unabhängig von solchen Vorgaben auf jeden Fall Hilfe suchen.“

Denn das Schreien an sich ist meist nicht das Hauptproblem, sondern vielmehr die Erfahrung, dass das Baby in solchen Phasen überhaupt nicht auf Beruhigungsversuche reagiert. Betroffene Eltern fühlen sich dann, als würden sie mit dem Rücken an der Wand stehen: ein hochemotionaler Mix aus Überforderung, Selbstzweifel und Scham, der in Wut umschlagen und schlimmstenfalls dazu führen kann, dass sie ihr Kind heftig schütteln (siehe Seite 10), damit es endlich Ruhe gibt.

Warum manche Säuglinge zu Schreibabys werden, ist nach wie vor nicht gänzlich erforscht. Lange Zeit nahmen Ärzte an, dass die Dreimonatskoliken dafür verantwortlich sind. Auch, weil die Säuglinge während der Schreiattacken meist eine erhöhte Muskelspannung, angezogene Beinchen, einen hochroten Kopf und einen prallen Bauch haben. Doch Bauchkrämpfe und Blähungen sind nur selten der Grund für das unstillbare Schreien. Röntgenaufnahmen hätten gezeigt, so das Portal Kinderärzte im Netz, dass Schreibabys keineswegs mehr Gas im Darm als andere Säuglinge haben. Wissenschaftler ordnen das exzessive Schreien inzwischen als „frühkindliche Regulationsstörung“ ein. „Diese Babys haben Schwierigkeiten, sich ihrem Alter entsprechend selbst zu beruhigen“, fasst es Kinderärzte im Netz zusammen. Schreibabys sind also sensibler als ihre Altersgenossen, schneller durch Reize aus ihrer Umwelt überfordert und können schlicht nicht abschalten. Sie sind chronisch übermüdet und finden dadurch erst recht nicht zur Ruhe.

Alles wird gut: Babys müssen lernen, sich selbst zu beruhigen. Die Eltern können sie unterstützen – durch Ruhe, Körperkontakt und geregelte Abläufe.


Foto: O_Lypa/getty images

Die Ursachen für diese Anpassungsschwierigkeiten sind vielfältig; den einen auslösenden Faktor gibt es offenbar nicht. Zu diesem Ergebnis kommen Wissenschaftler, die im Auftrag des Deutschen Instituts für Medizinische Dokumentation und Information (Dimdi) verschiedene Ansätze untersucht hatten, die das exzessive Schreien bei Kindern verringern sollen. Ihre Schlussfolgerung: Die Entstehung der Symptome ist „weder ein rein medizinisches noch ein rein psychosoziales Problem“. Danach gebe es beim Kind wie aufseiten der Mutter oder der Familie mehrere Faktoren, die als Auslöser des unstillbaren Schreiens infrage kommen.

Beim Säugling können das organische Gründe wie eine Intoleranz von Kuhmilch eiweiß, Störungen der Wirbelsäule oder neurologische Auffälligkeiten sein, aber auch Reifungsverzögerungen, traumatische Erfahrungen während der Schwangerschaft oder dramatische Geburtsumstände. „Kinder im Mutterleib sind komplett fühlende Wesen, die Belastungen und Erlebnisse unmittelbar mitbekommen“, betonen die Dresdner Schreibabyberaterinnen. So kann Stress während der Schwangerschaft, Unsicherheit aufgrund vorangegangener Fehlgeburten oder Angst um das ungeborene Kind dazu führen, dass der Nachwuchs sich zu einem Schreibaby entwickelt. Ebenso Konflikte in Partnerschaft oder Familie, mangelnde Unterstützung, aber auch materielle Sorgen oder Ängste um den Job.

Hilfsangebote müssen also aus dem komplexen Gefüge jene Puzzlesteine herausfinden, die als Mitverursacher infrage kommen. Der erste wichtige Schritt ist daher der Gang zum Kinderarzt. Allerdings sind höchstens zehn Prozent der Fälle auf organische Ursachen zurückzuführen; für die anderen Betroffenen geht die schwierige Suche weiter.

Ein Problem sei auch, dass Eltern nicht darauf vorbereitet sind, wie viel und wie intensiv die Neuankömmlinge in den ersten Lebensmonaten schreien können. Das meint Professor Dieter Wolke von der britischen University of Warwick, der zum Thema Schreibabys forscht: „Auch in Geburtsvorbereitungskursen ist das in der Regel kein Thema.“ Dabei wäre es wichtig und entlastend für Eltern zu wissen, dass 40 Prozent des Schreiens in den ersten drei Monaten schlicht nicht zu beruhigen sind. Das sehen auch Almut Heitmann und Anke Borisch so: „Viele Frauen sind unglaublich erleichtert, wenn wir ihnen einfach nur zuhören und sagen: Du bist nicht schuld, du hast nichts falsch gemacht.“ Sie fühlten sich dann ohne Wenn und Aber angenommen. Auch bei dem Eingeständnis, ihrem Kind gegenüber für Momente aggressive oder gar gewalttätige Gefühle zu haben.

RISIKO SCHÜTTELTRAUMA

Unablässiges Schreien gjlt als Hauptauslöser für das Schütteln eines Kindes im AffeH Doch knapp ein Viertel der 16- bis 49-Jährigen weiß nicht, dass das Schütteln eines schreienden Babys zu körperlicher und geistiger Behinderung führen kann. Das ergab eine Umfrage des Nationalen Zentrums Frühe Hilfen (NZFH). Gewaltsames Schütteln, bei dem der Kopf des Babys unkontrolliert hin und her gecchleudert wird, kann zu Hirnverletzungen führen. Laut NZFH sterben sogar 10 bis 30 Prozent der Babys, bei denen ein Schütteltrauma in einer Klinik diagnostiziert wurde. Das kostenlose Faltblatt Schütteltrauma -Ihre Nerven liegen blank? will Eltern mit Schreibabys unterstützen: bzga.de -> Infomaterialien Frühe Hilfen

Die Scham darüber ist aber oft so groß, dass Frauen erst nach langer Leidenszeit Hilfe in Anspruch nehmen. „Im Umgang mit ihrem Kind Unterstützung zu benötigen, ist für viele verbunden mit dem Schuldgefühl, als Mutter zu versagen“, wissen die beiden Dresdnerinnen. Ihnen da herauszuhelfen, sei „ein längerer Prozess der Begleitung, denn es gibt nicht die eine Lösung für alle Fälle“. Zu individuell ist jedes Kind, zu verschieden sind die fami liären Konstellationen und möglichen Ursachen für das Schreien. „Deshalb finden wir es wichtig, dass auch die Väter mit zur Beratung kommen.“ Das therapeutische Konzept dahinter nennt sich emotionelle Erste Hilfe und stellt den einfühlsamen Dialog mit dem Baby in den Mittelpunkt. Dabei versuchen die Eltern, die Stimmung des Babys aufzugreifen, seine Gefühle wahrzunehmen und sprachlich zu spiegeln. Kerngedanke dieses „begleiteten Weinens“ ist die Überzeugung, dass Babys, die untröstlich schreien, einen emotionalen Grund dafür haben.

„Ein Baby will seine Geschichte erzählen, und es wird nicht eher mit dem ‚Erinnerungsweinen‘ aufhören, bis es sie erzählt hat“, erläutern die Beraterinnen. Daher sei es grundlegend, ihnen zu erlauben, solche Gefühle zu haben und zu äußern. Wie Eltern die emotionelle Erste Hilfe mit in den Alltag nehmen können, lernen sie, wenn das Baby etwa während der Beratungsstunden anfängt zu schreien. In solchen Momenten ermutigen Almut Heitmann und Anke Borisch die Eltern, sich entspannt hinzusetzen und das Kind unverkrampft zu halten. Dabei sollen sie ruhig mit dem Baby sprechen und versuchen, sich nicht in die Spirale aus Stress und Anspannung reinziehen zu lassen. Je öfter Eltern diese Erfahrung machen, trotz des Schreiens zuversichtlich zu bleiben, desto schneller findet das Kind zur Ruhe. Das wiederum vermittelt den Eltern Selbstvertrauen und Gelassenheit. Das ist für viele Eltern jedoch ungewohnt.

Zu reflexhaft ist der Drang, das Schreien zu vermeiden oder schnell zu stoppen. Der Fön oder das Radio, die Vibrationen der Waschmaschine, stundenlange Spaziergänge und Autofahrten oder auch Apps mit Geräuschen, wie Kinder sie aus dem Mutterleib kennen – jedes Mittel scheint recht, wenn es für kurze Phasen der Stille sorgt. „Vielleicht lassen sich die Kinder dadurch für einen Augenblick vom Weinen ablenken“, so Almut Heitmann, „aber die Ursache ist damit noch nicht behoben.“ Im Gegenteil: Wer ständig neue Reize setzt, verhindert eher, dass sich das Kind beruhigt. Besser: Körperkontakt aufnehmen und erst einmal abwarten, ob sich das Baby von allein beruhigt. Denn das muss es selbst lernen, das können Eltern ihm nicht abnehmen. Sie können es aber dabei unterstützen – etwa durch eine ruhige Umgebung und einen geregelten Tagesablauf. Auch Schreiambulanzen können betroffene Babys nicht von jetzt auf gleich in friedliche Dauerschläfer verwandeln, aber sie sind für Eltern trotzdem eine wichtige Hilfe. Doch gemessen am geschätzten Bedarf gebe es viel zu wenige solcher Angebote, so die Dimdi-Untersuchung. Vor allem müsse die Finanzierung geklärt werden; da die Diagnose „Schreibaby“ nicht als Krankheit klassifiziert ist, erstatten die Kassen die Beratungen nicht. All das kennen Almut Heitmann und Anke Borisch aus ihrer Praxis. „Zu uns kommen teilweise Eltern, die lange Anfahrten in Kauf nehmen.“ Auch die Finanzierung ist ein wunder Punkt: „Es ist kein gutes Gefühl, Geld von Eltern in Notsituationen zu nehmen.“


Jedes Mittel scheint recht, um für kurze Phasen der Stille zu sorgen, doch die eigentliche Ursache beheben sie nicht.


HILFE FÜR ELTERN

►Rückhalt -der Verein für körperorien- tierte Krisenbegleitung - listet Beratungsmögt ichkeiten und Schreiambolanzen nach Postleitzahlen auf ’jeckhaltde oder schre sabyarrbuanzen.de

►Der Verein Trostreich - InteraktK-ec Netzwerk Schreibabys - veröffentlicht ebenfalte Adressen von Beratungs- und Kontaktstellen für Eltern von Säuglingen und Kleinkindern mit Schrei-, Schlaf-. Still- und Fütterproblemen sowie Erfahrungsberichte betroffener Eltern: trostreich.de

►Das Zentrum für Primäre Prävention und Körperpsychotherapie (Zepp) stellt Informationen zum Thema bereit unterzeppbremen.de. Auf einer separaten Seite listet es bundesweit Kontaktadressen zu seinem Konzept der emotionellen Ersten Hilfe auf: unter eeh-Jeutschland.de finden sich auch Erfahrungsberichte von Eltern.