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Schülerkumpel vs. Oberlehrer


schule - epaper ⋅ Ausgabe 3/2019 vom 23.05.2019

SCHULE-Autorin und Lehrerin Martina Hagemann ist eher der distanzierte Lehrertyp. Doch sie will testen, ob sie auch so cool und kumpelhaft sein kann und will wie der neue Kollege. Ein Selbstversuch mit Duzen – und einer eindeutigen Erkenntnis


Ey, Schäfer, was geht ab?“, tönt es laut durch den Schulflur, woraufhin Schäfer seinen Kumpel Fritz im Vorbeigehen kurz mit der „Gettofaust“ begrüßt (für die Uncoolen unter uns: Dabei formen die Grüßenden jeweils eine Hand zur Faust und stoßen sie aneinander). Fußballergebnisse werden ausgetauscht, dann geht es weiter Richtung Klassenraum. Ein normales Morgenritual ...

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Bildquelle: schule, Ausgabe 3/2019

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... unter Teenagern – nur ist Schäfer in diesem Fall der Lehrer von Fritz. Und unsere Schule kein Sportplatz, sondern ein Gebäude, in dem man wunderbar eine Neuverfilmung der „Feuerzangenbowle“ drehen könnte.

Um das zu klären, wage ich einen Selbstversuch, quasi das Hagemann-Experiment. Weil ich nicht die Mutigste bin, wähle ich dazu eine Zielgruppe kurz vorm Abitur (wenn es schiefläuft, sind die Probanden zumindest bald weg) und als Ort nicht die Schule mit viel Publikum, sondern ein kleines Dörfchen an der Nordsee. Das Ganze nenne ich nicht Sozialstudie, sondern mehrtägige biologische Exkursion. 18 Schüler und ich, für drei Tage vereint in einer Selbstversorgerunterkunft. Gewohnheitsmäßig duze ich die Gruppe, lasse mich aber selbstverständlich siezen. Schluss damit! Ich biete den Schülern während des gemeinsamen Kochens das Du an und ziehe mich auch abends nicht wie sonst gern in mein Reich zurück, sondern mische mich im Gruppenraum unter die Schülerschar.

Die Stimmung ist heiter, wir spielen Gesellschaftsspiele, und die Schüler üben den neuen Umgangston: „Martina, gibst du mir bitte mal den Würfel?“ Ich zucke kurz zusammen: Ach ja, die meinen mich. Üben muss scheinbar auch ich: Lockersein. Eine-von-ihnen-sein. Coolsein. Aber über mehr als ein schlechtes Rollenspiel kommen meine Schüler und ich nicht hinaus. Die Schüler geben sich Mühe, mich zu integrieren. Ich gebe mir Mühe, jugendlicher zu sein, als ich bin. Spiele alberne Spiele (Warum sind „Wahrheit oder Pflicht“ und „Werwolf“ nur so beliebt in Schülerkreisen?) und versuche, nicht auszustrahlen, wie blöd ich diese Partyspiele im Grunde genommen finde. Am Tag der Rückkehr erkenne ich, dass mein „Ich bin eine coole Lehrerin“-Projekt gescheitert ist: „Auf Wiedersehen, Frau Hagemann!“, ruft mir eine Schülerin fröhlich zum Abschied zu, bevor sie sich mit Umarmung und Küsschen von ihren Freundinnen verabschiedet.


Bin ich jetzt als Lehrerin etwa gescheitert? Nein! Stattdessen habe ich die Erkenntnis gewonnen, dass ich eher der distanziertere Lehrertyp bin und nicht die kumpelhafte Pädagogin, die am Wochenende gemeinsam mit ihren Schülern in der Disco tanzt


Bin ich jetzt auch als Lehrerin gescheitert? Nein! Stattdessen habe ich die Erkenntnis gewonnen oder wohl besser gefestigt, dass ich einfach eher der distanziertere Lehrertyp bin und nicht die kumpelhafte Pädagogin, die am Wochenende zusammen mit ihren Schülern in der Disco tanzt. Das bedeutet jedoch noch lange nicht, dass ich vollkommen unnahbar, empathielos oder gar schülerfeindlich bin. Im Gegenteil, ich mag meine Schüler. Als meine Schüler. Ich vermittle mit Freude Wissen. Und ich finde es spannend zu sehen, wie aus Kindern junge Erwachsene werden, und begleite sie gern dabei. Als Erwachsene.

Nicht als Möchtegern-Jugendliche. Aber was, mögen sich besorgte Eltern nun fragen, macht Frau Hagemann, wenn ein Kind einmal Zuspruch, Trost und Nähe benötigt? Eben eine „erwachsene Freundin“ zum Reden? Dann hole ich Hilfe. Ich versorge den Beinbruch nach dem Unfall auf dem Pausenhof ja auch nicht selbst, sondern rufe einen Arzt. Merke ich, dass ein Schüler von mir größere Probleme hat, die nicht mit mathematischem oder biologischem Sachverstand zu lösen sind, bespreche ich die Situation mit unserer Schulsozialarbeiterin und dem Vertrauenslehrer oder schicke den Schüler direkt zu ihnen. Bei kleineren Sorgen wie einem aufgeschlagenen Knie oder einer Fünf in einer Mathearbeit trösten dagegen Mitschüler viel besser als ich. Ich fände es auch paradox, die Schüler in den Arm zu nehmen, an deren Leid ich mit der Vergabe der schlechten Note nicht ganz unbeteiligt bin. Andere Kollegen haben damit kein Problem. Grundschullehrer zum Beispiel sind da bestimmt geschulter. Unter anderem deshalb unterrichte ich an einem Gymnasium. Und ich bin sicher, auch Herr Schäfer bekommt das In-den-Arm-Nehmen und Trösten locker hin. Nur eins wird weder mir noch Herrn Schäfer gelingen: zu versuchen, ein Lehrerbild zu erfüllen, das nicht zu einem passt. In einem Beruf mit Menschen währt authentisch eben doch am längsten … l MART INA HAGEMANN


Fotos: gettyimages; Illustration: Gundi Hösl/Magazin SCHULE

Fotos: gettyimages; Illustration: Gundi Hösl/Magazin SCHULE