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SCHUHE


Trödler - epaper ⋅ Ausgabe 4/2020 vom 11.03.2020

Im Alltag sind Schuhe ein äußerst wichtiger und fester Teil der Bekleidung. Die Ausstellung „Ready to Go! Schuhe bewegen“, die noch bis zum 21. Juni im Münchner Stadtmuseum gezeigt wird, erzählt spannende Geschichte über diesen viel genutzten Gebrauchsgegenstand mit individuellen Eindrücken aus unterschiedlichen Zeiten und von verschiedenen Orten. Dabei wird auch ein Blick jenseits der westlichen Schuhkultur ermöglicht.


500 Paar Schuhe

Die Münchener Schau stellt in einem Rundgang mit kulturhistorischen und soziologischen Aspekten über 500 Paar Schuhe vor, wobei im Vordergrund steht, wie die entsprechende ...

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Bildquelle: Trödler, Ausgabe 4/2020

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... Fußbekleidung immer wieder Emotionen hervorrufen kann. Gezeigt werden beispielsweise Exponate, die Zeuge bedeutender Ereignisse waren. Welche Schuhe trug Außenminister Hans Dietrich Genscher, als er 1989 in Prag die berühmten dreizehn Wörter verkündete, die das Ende der DDR einläuteten? Wie sehen die Schuhe von Boris Becker aus, die er bei einem seiner Siege in Wimbledon trug? Auch äußerst glamouröse Schuhe, die der italienische Designer Salvatore Ferragamo einst für die unvergesslichen Schauspielerinnen Marilyn Monroe und Judy Garland kreiert hat, sind in der Aus- stellung zu bestaunen. Daneben sind die Schuhe von Bastian Schweinsteiger mit dem Namen seiner Ex-Freundin als Aufschrift zu sehen oder die Verlobungsschuhe von Sophie Friederike von Bayern, die Mokassins von Pierre Brice in seiner Rolle als Indianerhäuptling Winnetou und viele mehr.

Von oben nach unten: Damenschuh / Lotusschuh, Ende 19. Jahrhundert, Länge: 10 cm


© Münchner Stadtmuseum

Rokoko-Damenschuhe, um 1730/40


© Münchner Stadtmuseum

Schuhe für Lotosfüße, um 1900, Plateau-Heels, 1989


© Münchner Stadtmuseum

Kulturelle Vielfalt

Verschiedenen Kulturen stehen dann im Mittelpunkt, wenn sich die Ausstellung etwa mit Fragen beschäftigt, was es mit den vielen Nägeln an römischen Sandalen auf sich hatte. Geklärt wird auch, welches Geheimnis sich hinter japanischen Holzsan- dalen verbirgt, die Geta genannt werden. Und wie kam eigentlich der Mokassin, der Schuh der nordamerikanischen Ureinwohner, nach Europa? Aber auch in den Märchen der Brüder Grimm spielen Schuhe eine Schlüsselrolle - etwa in „Aschenputtel“, „Der gestiefelte Kater“ oder „Die zertanzten Schuhe“.

Ganz oben links: Mustermix im Großstadt- Dschungel, Damenschuhe, 2018, Lederimitate


© Münchner Stadtmuseum

Oben: Stiefeletten, 1900/1910


© Münchner Stadtmuseum

Gesellschaftliche Bedeutung

Neben kulturellen Aspekten gibt die Ausstellung einen Einblick in die gesellschaftliche Bedeutung von Schuhen. Denn nicht nur Kleider sind Merkmale von Ansehen und Macht. Sowohl einfaches wie auch aufwändiges und teures Schuhwerk können Kennzeichen für bestimmte Gruppen, Vereine, Tätigkeiten oder gar politische Positionen sein. Sich selbige leisten zu können, war und ist keine Selbstverständlichkeit. Dies wird in der Sonderausstellung nicht zuletzt auch durch einen Blick auf die Schuhherstellung verdeutlicht.

Oben rechts: Iris Schieferstein: bones&weapons, 2013


© Iris Schieferstein

Emotionen Viele Menschen werden von Schuhbekleidung angesprochen und tauschen sich gerne darüber aus - diskutieren Aussehen, Statement, Funktion, Preis oder Bequemlichkeit. Dabei wird der Charakter der Schuhe auch gerne mit dem Charakter der Träger in Verbindung gebracht - ganz nach dem Slogan „Zeig mir deine Schuhe, und ich sage dir, wer du bist“. Gerade bei Personen des öffentlichen Lebens richtet sich der Blick häufig gezielt auf die Schuhwahl, um eventuell einiges über deren aktuelle Gemütslage und Stimmung hinein- zudeuten. So geschehen auch in einem Artikel der Süddeutschen Zeitung zum Brexit aus dem Jahre 2016, in dem die Schuhe von Theresa May kommentiert werden: „Dies ist eine Frau. Diese Frau trägt Schuhe. Diese Schuhe sehen aus, als würden sie mit Lust getragen. Das wird aus der Auswahl der britischen Innenministerin Theresa May recht deutlich: 2007 Gummistiefel mit Leoprint, 2008 roter Lack und jetzt auf dem Gipfel der Macht, Ballerinas mit Kussmündern“.

Damen- und Herrenschuhe aus Reptilleder, 1980er-Jahre


© Münchner Stadtmuseum

Statussymbol Schuh

Jedenfalls übt das Thema Schuh eine starke Anziehungskraft aus, was auch eine große Anzahl internationaler Ausstellungen zu der Thematik widerspiegelt. Und so dienten Schuhe seinen Trägern durch die Zeiten bis heute häufig auch als Statussymbole - exklusive und bewundernswerte Objekte, sowohl für Trägerin oder Träger sowie die Betrachter gleichermaßen. Beispielsweise erhöhten Absatzschuhe des Barock und Rokoko ihre Besitzer über das gemeine Volk - nicht nur was die tatsächliche Körpergröße betraf. Solche damals noch besonderen Schuhe mit Absatz fungierten eindeutig als demonstrative und unverkennbare Machtsymbole und stellten Zeichen für eine privilegierte Gruppenzugehörigkeit dar. Auch heutzutage machen Designerschuhe von Dior, Ferragamo, Manolo Blahnik, Christian Louboutin oder Stuart Weitzmann mit ihren horrenden Preisen die Trägerinnen zu etwas Besonderem und sind ein klares Statement für den Wunsch nach Luxus und Reichtum. Hingegen dienen derbe, mit Nägeln verzierte Boots aus der Raver-Gothic-Szene als markanter Hinweis und offensichtliches Erkennungsmerkmal für diese düstere Gruppierung. Und die Bedeutung der Fußbekleidung für die Gender-Thematik schlägt einen Bogen von der knabenhaften Frau in Budapestern zur damenhaften Drag Queen in High Heels.

Links: Cyber-Gothic-Boots „Demonia Transformer“, 2005


© Münchner Stadtmuseum

Rechts: Herren-Plateau-Heels, 2018, Damen- Ballett-Boots, 2018


© Münchner Stadtmuseum

Schuh-Fetischisten

Hochhackige Pumps, die die Beine jeder Frau um etliche Zentimeter länger wirken lassen, dienen als sexy Symbol weiblicher Füße und als Mittel der Verführung, während extreme Stöckelschuhe als übersteigertes Reizobjekt Lust und Pein bereiten können. Die Parallelität von Schnürstiefeln und Schnürkorsagen zeigt die optische Faszination für enge und kurvige Silhouetten. Im Namen der Erotik wurden für kleine zierliche Füße auch große Schmerzen und Fuß-Verstümmelungen in Kauf genommen: Was in China der Lotus- oder Lilienfuß demonstriert, ist in der westlichen Mode der Hallux Valgus. Und als Fetisch lassen Schuhe unzählige Sammlerherzen höher schlagen. Gerade Schuhe, die von bekannten historischen Persönlichkeiten getragen wurden, sind begehrte Objekte, weil sie ein Hauch gelebter Geschichte umgibt. Auch der Voyeur steht bei der Ausstellung im Fokus, der schon bei der Betrachtung entsprechender Fußbekleidung Erregung und Befriedigung erfährt.

Oben: Damenstiefeletten, 2004


© Münchner Stadtmuseum

Gebrauchsgegenstand

Schuhe in erster Linie als praktische und unverzichtbare Gebrauchsgegenstände und Fortbewegungsmittel zu betrachten, liegt jedoch auch in der Natur der Sache. Damit reduziert sich die Bedeutung der Fußbekleidung auf ihre ursprüngliche Funktion: Beleuchtet wird die Bedeutung von Schuhen als Schutz und Halt beim Gehen und Stehen, wobei Trägerin oder Träger im Mittelpunkt stehen. Die Beispiele reichen hier vom historischen Wanderschuh über praktische Gummistiefel bis zum aktuellen Schuhwerk eines Geflüchteten. Materialien der Kriegs- und Notzeit wie alte Gummireifen, Kork, Stroh, Holz und Nägel werden Baumpilzen, Mais, zerriebenen Steinen und Tierhufen gegenübergestellt, mit denen heutzutage Designerinnen und Designer wild herum experimentieren.

Oben: Buffalos, 1998, Techno-Boots, um 1990


© Münchner Stadtmuseum

Bizarre Schuhobjekte

Neben dem vielfältigen hauseigenen Sammlungsbestand des Münchener Stadtmuseums werden als Kontrastprogramm dazu 35 herausragende und zum Teil bizarre Schuhobjekte internationaler Künstlerinnen und Künstler präsentiert, welche die Thesen und Aussagen der Schau abstrahieren: Amber Ambrose, Irene Andessner, Aya Feldman, Cristina Franceschini, Joyce de Gruiter, Xavier GSolis, Zaha Hadid, JANTAMINIAU, Kaarina Kaikkonen, Kenneth Kirschner, Rachel de Kler, Kobi Levi, Alice van Opstal, Caro Peirs, Peter Popps, Svenja Ritter, Iris Schieferstein, Tali Sorit, Kermit Tesoro, Joyce Verhagen, Betony Vernon, Sousan Youssouf und Erwina Ziomkowska.

Sinnes-Erfahrung

In Kooperation mit der Kulturvermittlung und der Fachstelle Inklusion gibt es in der Schau zudem Stationen, die den Besuchern das Thema Schuhe durch Hören, Tasten und Laufen näher bringen sollen. Inklusive Angebote sollen hierbei als Selbstverständlichkeit wahrgenommen werden und sich dem Publikum als neue Sinneserfahrung erschließen. Zur Ausstellung ist ein großformatiger, ansprechender Katalog, hrsg. von Isabella Belting, 2019, mit 247 Seiten und ca. 450 Farbabbildungen zum Preis von 29,90 Euro bei Edition Braus erschienen.

Mit Füßen getreten

Im Vorwort des Ausstellungskataloges kommt ein imaginärer sprechender Schuh selber zu Wort und bringt seine Daseinsberechtigung auf den Punkt: „Es ist schon seltsam - einerseits werde ich permanent mit Füßen getreten, andererseits bin ich ein heiß geliebtes und sehr intimes Accessoire, das bei den Menschen zahlreiche unterschiedliche Emotionen hervorruft. Eines ist klar - ich bin unverzichtbar, denn ich schütze dich, ich wärme dich, ich stütze dich, ich kleide dich, ich schmücke dich, ich gebe dir Sicherheit und Halt … Gib mir deinen einzigartigen, empfindlichen Fuß und ich verspreche dir hoch und heilig, ihn zu ehren und zu kleiden, bis ans Ende meiner Tage - soweit mir der Schuster helfe!“

Ausstellung

„Ready to Go! Schuhe bewegen“, noch bis 21. Juni im Münchner Stadtmuseum, St.- Jakobs-Platz 1, www.muenchner-stadtmuseum.de.

Mitte rechts: Holzpantoletten mit farbigen Garnituren 1960er-Jahre


© Münchner Stadtmuseum

unten rechts: Pumps mit Pfennigabsatz, 1990


© Münchner Stadtmuseum