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Schutzraum


Vital - epaper ⋅ Ausgabe 6/2020 vom 06.05.2020

Unser Gefühl des Monats strahlt wie ein helles Licht in der Dunkelheit. Fürsorglichkeit tröstet, macht Mut, schenkt Zuversicht. Sie ist die warme Hand, wenn es im Leben fröstelt. Für vital-Autorin Evelyn Holst trägt sie noch einen anderen Namen: Oma Ella Emma Dora Holst


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FOTO: SUNYIXUN / GETTY IMAGES


„Hevt ihr all Butter anne Näs?“ Eine Frage, die ich als Kind immer gefürchtet habe, wenn meine Oma sie stellte.


Meine Schwester und ich lagen dann meist vergrippt und wehrlos im Bett. Und Omas Geheimrezept war geschmolzene Butter, die sie, wann immer ein Enkel schniefte und hustete, in und um ...

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... unsere Nasenlöcher verteilte. Tagelang rochen wir nach ranziger Butter. Es ist nicht überliefert, ob es genützt hat, aber niemand aus der Familie hatte das Herz, ihr das zu verbieten, was wir hinter ihrem Rücken „Omas Florence-Nightingale- Macke“ nannten. Denn die hatte sie eindeutig. Eine 360-Grad-Antenne, die ihre Umwelt ununterbrochen auf eventuelle Bedürftigkeit scannte. Kein Bettler, an dem sie vorbeiging, ohne ihm ein kleines Stück ihrer Witwenrente in den Hut zu werfen. Kein Handwerker, der nach vollbrachter Tat – „Der braucht was auf die Rippen!“ – nicht an ihrem Küchentisch versorgt wurde. Zur Weihnachtszeit brachte sie einsamen Witwen aus unserer Gemeinde ihren selbst gebackenen Klöben vorbei. Als einer Frischgeschiedenen vom Kirchenamt das Abendmahl verweigert wurde, knöpfte sie sich den Pastor vor, erfolgreich natürlich. Meine Oma war ein Naturereignis. Sie war pure Fürsorglichkeit. Sie war der helle Fleck in der Dunkelheit. Die warme Hand, wenn das Leben fröstelte. Das „Wird schon wieder“, wenn es aussichtslos erschien. Wenn du denkst, es geht nicht mehr, kommt irgendwo ein Lichtlein her – das war meine Oma, Ella Emma Dora Holst.

Fürsorglichkeit, die „Absicht, sich um die Sorgen einer Person oder Gruppe zu kümmern“, wie es Wikipedia definiert, ist ein altmodisches Wort mit Kuschelaroma. Die Bedeutungsschwester von Barmherzigkeit, Hilfs-bereitschaft oder Nächstenliebe – alles weibliche Begriffe, was die Autorin natürlich freut. Ein Zwiebelwort, weil es vielschichtig ist, denn Sorge ohne Für ist die zerfurchte Stirn, die Schlaflosigkeit, die Angst, die sich um unser Herz klammert. Mit Für ist sie das Gegenteil, die Wärmflasche gegen kalte Füße und Liebeskummer, die Hühnersuppe an kalten Wintertagen, das geviertelte Brot in der Tupperdose, wenn die Bahnfahrt zu lange dauert. Sie ist der Regenschirm, auf dem meine Mutter bestand, selbst wenn nur ein Wölkchen am Himmel stand. Die warme Jacke, die eine Freundin bei jedem Ausflug für ihren 20 Jahre älteren Ehemann mitnimmt, damit er sich nicht verkühlt. Sie ist das Oktavheft mit den rührend unwitzigen Witzen („Was haben Männer und Gurken gemeinsam? Wenn man sie hereinlegt, werden sie sauer“), das die Mutter eines früheren Freundes ihm zu unserem ersten Date mitgab, weil er schüchtern war und sie verhindern wollte, dass er mich langweilte. Zugegeben, eine etwas grenzwertige Fürsorge. Ich liebte sie trotzdem dafür.

Ob Fürsorglichkeit Segen oder Fluch bedeutet, ist auch eine Altersfrage. In jungen Jahren, wenn man unsterblich und der Horizont grenzenlos ist, fühlt sie sich manchmal wie eine Zwangsjacke an. Das ist das Kleinkind in uns, das „kann ich ganz alleine, Mama“ kreischt. Aber je älter wir werden, desto mehr wissen wir Fürsorglichkeit zu schätzen. Weil wir schwächer und zerbrechlicher sind als früher, sie uns tröstet, Mut macht, uns Zuversicht schenkt. Und sie sich zum Glück in unseren Herzen so entfaltet und vervielfältigt wie die fünf Brote und zwei Fische in der Speisung der Fünftausend, dem Jesuswunder in der Bibel. Fürsorglichkeit ist die garantierte Gute-Laune-Infusion in unserem manchmal grauen Alltag. Apropos Speisung – ich liebe den Spruch: Tue deinem Körper Gutes, damit sich deine Seele wohl in ihm fühlt. Denn Selbstfürsorge ist die Grundlage, auf der alles Gute in uns gedeiht, deshalb beherzige ich diesen Spruch eifrig. Und weil ich sehr gern esse.

„Haben und nichts geben ist in manchen Fällen schlechter als stehlen“, hat die kluge Dichterin Marie von Ebner-Eschenbach einmal gesagt. Fürsorglichkeit ist das Gegenteil. Sie gibt, auch wenn sie wenig hat, wie Sterntaler. Fürsorgliche Menschen machen die Welt ein bisschen besser. Weil ihr Glas, menschlich betrachtet, nicht nur halb voll, sondern immer randvoll ist. Weil in ihrer Gegenwart die Sonne scheint. Und man sich, egal, wie allein, krank, hilflos oder verzweifelt man sich gerade noch gefühlt hat, nach der Begegnung mit einem fürsorglichen Menschen ein bisschen besser fühlt.

Wie hoffentlich die nette, alte Dame, die kürzlich mit Rollator vor den Zeitschriften in meinem Supermarkt stand. Und zehn Minuten später immer noch stand. „Kann ich Ihnen helfen?“, fragte ich. „Ich weiß nicht mehr, was ich wollte“, sagte sie. Und erinnerte mich an meine Mutter, deren zunehmende Demenz ich schwer aushalten konnte, oft war ich ungeduldig. Diesmal nicht. Ich las ihr alle infrage kommenden Titel vor, bis sie bei einem glücklich nickte. Das war ich irgendwie auch. Fürsorglichkeit fühlt sich einfach gut an.

Evelyn Holst, 68, übt sich seit Jahrzehnten in Fürsorge. Immer im Fokus: ihre zwei Kinder und ihre unzähligen Artikel.

FOTO: SHANA NOVAK / GETTY IMAGES