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SCHWÄBISCH-ALEMANNISCHE FASTNACHT: NARRI, NARRO! S goht drgege!


Schöner Südwesten - epaper ⋅ Ausgabe 1/2020 vom 03.01.2020

Die Fastnacht oder Fasnet nimmt als sogenannte fünfte Jahreszeit einen festen Platz im kulturellen Leben des Südwestens ein. Gut sieben Wochen lang steht das gesamte Ländle Kopf und ruft bei traditionellen Umzügen und uraltem Brauchtum den Ausnahmezustand aus.


Hölzerne Masken, lodernde Fackeln und knallende Peitschen: Im gesamten Südwesten sind wieder die Narren los. Schrille Musik tönt durch die Gassen, sowohl furchteinflößendeMasken als auch fröhliche Hästräger geben sich ein buntes Stelldichein. Kaum eine Stadt oder ein Dorf in Baden-Württemberg, wo die Narren nicht ihr schelmisches Unwesen treiben. ...

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Bildquelle: Schöner Südwesten, Ausgabe 1/2020

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... Die „Vereinigung Schwäbisch-Alemannischer Narrenzünfte e.V.“ (VSAN) sieht sich, als älteste Narrenvereinigung im deutschen Südwesten, in der Pflicht, Brauchtum und Kulturgut der schwäbisch-alemannischen Fastnacht zu erhalten, zu bewahren und zu pflegen.

Von Bad Cannstatt am Neckar bis Bad Säckingen am Hochrhein, von Endingen im Kaiserstuhl bis Aulendorf in Oberschwaben haben sich knapp 70 Narrenzünfte unter dem Dach der VSAN versammelt.Mehr als 180 Fasnet-Vereine haben sich zur „Europäischen Narrenvereinigung Baden-Württemberg e.V.“ (ENV) mit Sitz in Whyl am Kaiserstuhl zusammengeschlossen. Insgesamt sind in Baden-Württemberg weit über 600.000 Narren von A wie den „Allmishofener Feuerhexen“ bis Z wie den „Zwiefaltener Rälle“ organisiert. Ob beim „Rottweiler Narrensprung”, einer echten Legende unter den Fasnet-Ereignissen dieser Welt, beim „Munderkinger Brunnenspringen“ oder dem nächtlichen Fackelzug der Ellwanger „Schwarzen Schar“, das Publikum erlebt immer wieder gern in Scharen die unterschiedlichen Fasnet-Rituale der Narrenzünftler in ihren phantasievollen Larven und Häs.

Eröffnet wird die Fasnet mit dem traditionellen Häsabstauben am Dreikönigstag, dem 6. Januar. Die „hohen Tage“ der Straßen-Fasnet starten am 20. Februar 2020, dem „schmotzigen Donnerstag“ und enden am Aschermittwoch, den 26. Februar 2020. In dieser Zeit übernehmen die Narren endgültig das Regiment und treiben mit fröhlichem Radau und unheimlichen Bräuchen den Winter aus.

Die schwäbisch-alemannische Fastnacht ist seit 2014 in der nationalen Liste des immateriellen Kulturerbes der Deutschen UNESCO-Kommission eingetragen

und ist der glatte Gegenentwurf zum feuchtfröhlichen rheinischen Karneval. Ziel aller Zünfte ist es, das jahrhundertealte Brauchtum zu bewahren und eine heitere, lebensbejahende, aber auch bodenständige und saubere Fasnet zu feiern. Zur Freude aller Beteiligten und zum Spaß der vielen Zehntausend Zuschauer, die sich quer durchs Ländle zu den Umzügen und Feiern versammeln und vom Geist der Fasnet anstecken lassen.

In Rottweil, der ältesten Stadt Baden-Württembergs, gehen beim „Rottweiler Narrensprung” am Fasnetsmontag und Fasnetsdienstag viele tausend Narren (hier die Figur „Biss“) durch das Schwarze Tor „d’Stadt nab“.


Textquellen: www.vsan.de, www.env-bw.de, www.kirchenweb.at

An jedem Häs der Salzhansel aus der Narrenzunft der Solestadt Bad Dürrheim befinden sich zwischen 800 und 1000 kleine Salzsäckchen.


Die wohl spektakulärste Gestalt der Singener Fasnet ist der Hoorige Bär.


Die Dorauszunft Bad Saulgau hat mit ihrem Pelzteufel die „Creme de la creme“ der Teufel, quasi den „Mephisto in Reinkultur“.


In Rottweil ist es der Federahannes mit den wilden Hauern und dem Rollkinn.


In Rottweil beginnt die fünfte Jahreszeit schon am Dreikönigstag, dem 6. Januar. Heerscharen von „Abstaubern“ ziehen dann durch die malerischen Straßen der ehemaligen freien Reichsstadt. Die schwarz befrackten Herren mit ihren handgeschnitzten Masken aus Lindenholz, den „Larven“, befreien die Rottweiler Narrenkleider dann symbolisch vom Staub des vergangenen Jahres. Höhepunkt der Fasnet ist der Narrensprung am Fasnetsmontag.

Um Punkt acht Uhr morgens „jucken“ Federahannes, Schantle, Gschell, Biss und Fransenkleidle in „Larve und Kleidle“ aus dem Schwarzen Tor die Straßen hinunter, wobei die Federahannes mit ihren Stäben hohe Sprünge wagen. Zwei riesige Eckzähne und ein eingerolltes Kinn machen ihre Schrecklarven zu einem einzigartigen Anblick. Das und das Hüpfen der Gschell-Narren mit ihren 20 Kilogramm schweren, klingenden Schellen, haben dem bunten Umzug seinen Namen gegeben.

In der ältesten Stadt Baden-Württembergs wird die schwäbisch-alemannische Fastnacht wild und ursprünglich gefeiert. In einem mehrstündigen Zug hüpfen die Narren durch die historische Innenstadt, bis sich der Narrensprung auf dem Friedrichsplatz auflöst. Das Aufsagen der einzelnen Narren aus ihren oftmals kunstvoll gestalteten Narrenbüchern folgt.

In Villingen werden zur Fastnachtszeit die Uhren angehalten und es herrscht absolute Narrenfreiheit. Fast alles ist erlaubt. Die Stadt legt ihr mittelalterliches Gewand an und lebt eine ganze Woche lang im vibrierenden Rhythmus des bunten ungezwungenen Narrentreibens. Berühmt ist Villingen für die Kunst des an barocke Vorbilder anknüpfenden Maskenschnitzens der Bestand an wertvollen Schemen ist in der schwäbisch-alemannischen Fasnet unübertroffen. Stilvoll kostümierte Narren haben das Zepter fest in der Hand.

Die Hauptfigur, der hoheitsvolle Narro, lässt mit seinem prunkvollen Gewand aus weißem Narrokragen, Fuchsschwanz, Foulard, bei jedem Schritt die an vier Riemen befestigten Narrorollen erklingen. Mit wilden Sprüngen reitet der Butzesel auf einem Ast durch die Straßen. Er wird von Triebern (Stachis mit Geißeln) mit lautem Peitschenknallen durch die Stadt gescheucht. Gelingt es dem Butzesel in ein Gasthaus zu entwischen, müssen die Trieber die Zeche bezahlen.

Diese altüberlieferte Figur trägt ein Blätzlehäs mit übergroßem Eselskopf. Höhepunkt in der alten Zähringerstadt ist der große Umzug aller Narrenzünfte und Gilden am Fasnetsdienstag, ein farbenfrohes Spektakel und ein organisiertes Chaos, in dem sich die Narren mit ihren bunten Tüchern und riesigen Masken unerkannt ausleben können.

Glaubt man der Ortschronik, so sollen die Adligen in Breisach bereits im Mittelalter Schutzherren der Gaukler gewesen sein. Schon im 13. Jahrhundert reiste deshalb allerhand fahrendes Volk in die Region, um den Habsburger Hof zu besuchen und dort „fröhliche Vasinacht“ zu feiern.

Der Breisacher Gauklertag bildet dabei eine Ausnahme. Während andere Zünfte einen Umzug veranstalten, wird in Breisach der Gauklertag als geschlossene Veranstaltung abgehalten. Auf eigens aufgestellten Besuchertribünen können die Zuschauer noch heute das Spektakel mit über 450 Akteuren unter freiem Himmel verfolgen.

Eine Zeitreise in die Vergangenheit, der alljährlich durch das wiederkehrende Schauspiel pulsierendes Leben eingehaucht wird. Das bunte Narrentreiben mit Musik-, Tanz- und Akrobatikeinlagen vor der faszinierenden Kulisse des hoch über der Stadt thronenden Münsters verzaubert Jung und Alt.

Allen voran die „Spättle“, die mit ihren bunten „Häs“-Kostümen, Strumpfhosen und lustigen Narrenschuhen, als die Traditionsfiguren der „Brisacher Fasnet“ gelten. Traditionelle Tänze und viel Musik lassen hier uraltes Brauchtum wiederaufleben. Anschließend an den Gauklertag ziehen dann die mitwirkenden Gruppen und Narrennester in einem kleineren Umzug durch die Stadt und beziehen die Bevölkerung mit in das närrische Geschehen ein.

Der Schuttig ist die traditionelle Elzacher Fasnetsfigur. Er trägt einen roten Zottelanzug und über den phantasievollen Larven einen dreieckigen Strohhut mit daran befestigten Schneckenhäusern und Wollbollen.


Schauriger Fackelzug der Ellwanger “Schwarzen Schar” durch die Innenstadt.


Das Munderkinger Wusele erinnert an Notzeiten, in denen nur kleine Brötchen (Wusele) gebacken wurden.


Der Räggemolli eine Abwandlung des Schuttigs im bemalten naturleinenen Anzug, lehnt seinen Namen an die mundartlichen Bezeichnung des Feuersalamanders an.


Während andere Zünfte einen Umzug veranstalten, wird in Breisach der Gauklertag als geschlossene Veranstaltung innerhalb großer Besuchertribünen auf dem Marktplatz abgehalten.


2020 wird Überlingen 1250 Jahre alt. Das bevorstehende Stadtjubiläum wird die Überlinger „Hänsele“ in einem wahren Fasnet-Rausch versetzen. Zugegeben, etwas gewöhnungsbedürftig sind diese noblen Herrschaften schon anzuschauen. Was veranlasst wohl gestandene Männer dazu, sich einen schwarzen kunstvoll dekorierten Sack überzustülpen, der lediglich Augen- und Mundschlitze als Öffnungen hat? Der Brauch ist gar nicht so alt. Laut Chronik wurde die Fastnacht zwar erstmals 1438 erwähnt, die geheimnisvolle Hänsele-Zunft dennoch erst 1954 ins Leben gerufen.

So düster und dämonisch die Burschen auch aussehen, so edel sind ihre Gedanken und Gelübde. Die Hänsele sind mildtätig „gebende Narren“ und haben „stets sauber und adrett aufzutreten.“ Wenn über 1.500 vermummte Hänsele durch die Gassen ziehen, ist das zwar etwas unheimlich, aber keine Bange, sie sind jedem wohlgesonnen.

Frei nach dem Motto „Freunde feiern Fasnet“ wird am 25. und 26. Januar 2020 der 20. Narrentag des „Viererbundes“ am Bodensee gefeiert, zu dem Überlingen alle Zünfte aus Oberndorf, Elzach und Rottweil einlädt, nebst Musikkapellen versteht sich. Das darf man keinesfalls verpassen!

Schaurig und gespenstisch zeigt sich von jeher die Ellwanger Fastnacht. Bange Erwartung liegt in der Luft, wenn am Fastnachtsonntag um 19 Uhr in Ellwangen für einen Moment alle Lichter ausgehen. Mit bedrohlich dumpfem Trommelwirbel und unruhig lodernden Fackeln kündigt sich das Femegericht der Pennäler Schnitzelbank an, das seit über 150 Jahren auf satirische Art die Schwächen und „Vergehen“ der örtlichen Prominenz aufs Korn nimmt.

Wenn die „schwarze Schar“ Einzug hält, zittern alle. Peitschen schwingend und in ihre schwarzen Dominos gehüllt, marschieren die dunklen Gesellen durch die Stadt. Ihre Bosheiten verlautbaren sie natürlich ganz anonym. Wer sich unter den Kapuzen verbirgt, weiß keiner und so soll es auch bleiben. Das absolute Stillhalten, das ‘Silentium’ ist nämlich oberstes Gebot der geheimnisvollen Zunft.

Unheimlich geht es ebenfalls in Elzach zu. Am Abend des „Fasnet-Suundig“ schlägt die Stunde der Elzacher Schuttig. Schon aus der Ferne erklingt der mitreißende Schuttigmarsch. Der schier endlose Fackelzug mit den Narren zieht lärmend durch die Gassen. Lodernde Fackeln tauchen den Bärenplatz in der Stadtmitte in ein mittelalterliches Licht. Der schwarze dämonische Teufelsschuttig tanzt ekstatisch um den brennenden Trog, untermalt von lautem Knallen der „Sublodere“ (Schweinsblasen).

Gelebte Tradition hat in Elzach eigene Regeln und eine identitätsstiftende Bedeutung. Die Vorbereitungen für die Narrenzeit laufen fast das ganze Jahr. Traditionell gehören zu jedem Häs die „Larven“. Die Masken werden traditionell von Hand hergestellt und verleihen jedem Narren seinen ganz speziellen Charakter. Oberstes Gebot ist, die Larve niemals in der Öffentlichkeit zu lüften, deshalb gibt es in vielen Kneipen extra Zimmer für die Schuttig, um ihnen so einen kurzen Rückzug aus dem närrischen Geschehen zu ermöglichen. Am Fasnetsmontag beginnt schon morgens um fünf Uhr mit dem Taganrufen das Elzacher Narrengericht, dem Höhepunkt der Festtage.

FASNET VERSTEHEN: Kleines Fasnet-Lexikon

Butzesel: Eine der ältesten Tiergestalten in der schwäbisch-alemannischen Fasnet, trägt ein aus Stoffflecken gefertigtes ‘Plätzleshäs’ und einen Eselskopf. Er reitet auf einem langen Fichtenast.

Faiße: Am Hochrhein Hochtage der Fastnacht: die „fetten Donnerstage“. Es handelt sich um die drei Donnerstage vor der Fastnacht, die locker durchnummeriert werden: Erster, Zweiter, Dritter Faißer (Donnerstag).

Federle: Fasnet-Symbolfigur für den Teufel. In Bad Waldsee hat das Federle Züge eines Jägers, trägt einen grünen Umhang und einen schwarzen Hut mit Feder.

Federahannes: In Rottweil weiß man, die alte Bezeichnung »Federle« oder »Hänslin« für den Teufel ist im Begriff Federahannes enthalten. Die Larve zeigt ein Gesicht mit gebogenen Hauern in den Mundwinkeln. Er trägt einen Mantel, der mit Federn geschmückt ist und einen Stab.

Gschell: In der Villinger Fasnet: Sechs kreuzweise getragene Lederriemen mit 42 oder 48 Glocken, Gewicht ca. 15 kg. In Rottweil ist der Gschellnarr der klassische Rottweiler Narr. Es handelt sich um einen Weißnarren mit bemaltem Leinenkleid. Zum Gschell gehören außerdem immer sechs Glockenriemen, die recht schwer sein können.

Häs: Württembergisch-schwäbischer Ausdruck für Narrenkleid, auch ins Alemannische importiert.

Hemdglunki, Hemdglunker, Hemdglonker: Narren, die in weißen Nachthemden und -mützen durch den Ort ziehen und lärmen z. B. mit Glocken, Schellen und alten Topfdeckeln.

Karbatsche: Peitsche aus ledernen Riemen oder Hanfseilen mit kurzem Holzstiel. Beim „Schnellen“ schwingt der „Schneller“ die Karbatsche über dem Kopf in eine Richtung, dann dreht er seinen Körper mit in die Richtung des Schwungs, um dann, wenn die Karbatsche sich schon fast hinter ihm befindet, sie mit ganzem Körpereinsatz in die entgegengesetzte Richtung zu ziehen.

Kleidle: In manchen Gegenden Schwabens anderer Ausdruck für „Häs“, also das Narrengewand.

Saubloder: Die Harnblase des Schweins, die, ausgekocht und aufgeblasen, an einen Stecken gebunden als Neckinstrument und Krachmacher verwendet wird.

Spättle (auch Blätzle oder Fleckle): Besonders am Bodensee, aber auch im Schwarzwald und in der Schweiz verbreitet. Am See trägt es eine Stoffmaske, im Schwarzwald eine solche aus Holz. Das Häs besteht aus kleinen vielfarbigen und -förmigen Stoffläppchen oder Wollfäden, die auf ein Leinengewand aufgenäht sind.

Streckschere: Manchmal meterlanges und mittels raffinierter Konstruktionen am Körper abgestütztes, ausfahrbares Instrument zum Necken der Mitmenschen während der Fastnacht. Kann außer zum Genickzwicken auch zum Überreichen von Gaben oder Holen von Hüten dienen.

Wuescht: Villinger Narrengestalt, heruntergekommener Weißnarr. Er trägt ein abgetragenes altes Narro-Häs mit strohgestopften Hosen, Zeichen des unförmigen sündigen Leibes. Auf dem Rücken trägt er einen Tisch als Symbol der lästerlichen Verfressenheit.

die Munderkinger Brunnenspringer in Aktion.


die Überlinger Hänsele mit ihren Karbatschen,


ein Schramberger „Da-Bach-na-Fahrer“.


Der freche Butzesel aus der Villinger Fastnacht.


Ein weiteres Highlight der schwäbischalemannischen Fasnet sind die Brunnenspringer in Munderkingen. „Maischer maischt an, Maischer maischt auf “, dieser Befehl des Obermaischers erklingt am Fasnetssonntag um 15.30 Uhr und am Fasnetsdienstag gegen 18.30 Uhr. Sofort bringen die Maischer das eiskalte Brunnenwasser des Löwenbrunnens mit ihren Schippen in Wallung. Das dient als Vorbereitung auf den Höhepunkt der hiesigen Fasnet: den Brunnensprung der Trommgesellen.

Währenddessen tanzen die beiden Brunnenspringer auf dem häufig vereisten Brunnenrand den „zwiefachen Hopser und Schleifer“, bestens unterstützt von der Schar der „Trommgesellenpaare“. Frisch gestärkt durch den Glühwein, der den Brunnenspringern von den Trommaiden in einem speziellen Brunnenspringerkrug gereicht und mit drei Trinksprüchen zügig geleert wird, um dann am Brunnen zu zerschellen, springen die Wagemutigen dreimal ins eiskalte Wasser. Dann wartet die verdiente Belohnung. Nach alter Sitte dürfen sie „ein jegliche Maidlein“ küssen, klar, dass dem Brauchtum gern gehuldigt wird.

Feucht-fröhlich geht es in Schramberg zu. Die traditionelle „Da-Bach-na-Fahrt“ ist ein Publikumsmagnet. Wenn sich am Fastnachtsmontag um 13 Uhr 80 Kanalfahrer in 40, in monatelanger Arbeit aufwendig und phantasievoll dekorierten Zubern oder Flößen, in die eisigen, oftmals reißenden Fluten der Schiltach stürzen, begleiten mehr als 20.000 Zuschauer ihre Fahrt mit Anfeuerungsrufen wie „Kanal – voll“, „furz-trocke“ oder „batsch-nass“.

Die Tradition geht auf das Jahr 1936 zurück und ist der unangefochtene Höhepunkt jeder Schramberger Fasnet. Wer freie Sicht auf das Geschehen haben möchte, sollte sich mindestens eine Stunde vorher einfinden. Am besten sichert man sich einen Platz an der sogenannten „Engstelle“ Rossgumpen. Vom Start am Busbahnhof bis zum Ziel bei der St.-Maria-Kirche sind es zwar gerade mal 500 Meter, aber die haben es in sich. Wer kentert, muss den Regeln nach ins Ziel schwimmen. Bei 2 Grad Flusstemperatur ist das allerdings definitiv nur etwas für Hartgesottene.

Eine salzige Angelegenheit ist die Fasnet in Bad Dürrheim. Schon im Jahre 1822 entdeckte man hier einen „Salzstock von exzellenter Qualität“. Bis heute hat das „weiße Gold“ eine große Bedeutung für das Städtchen. Auf 733 Metern Höhe gelegen, gilt es als höchst gelegenes Solebad Europas. Der Mythos um das Salz lebt vor allem auch in der Fasnet-Zeit weiter. Das Häs steht hier als Symbol des Salzabbaus.

Es gibt wohl kaum ein aufwendiger gestaltetes Häs, wie das des Dürrheimer Salzhansel. Jedes einzelne Erwachsenenkostüm ist mit bis zu 1.000 kleinen (Salz-) Säckchen besetzt und 400–500 Glöckchen, die jedem Schritt des Narren einen glockenhellen Klang verleihen. In der Hand hält der Salzhansel eine Salzkrücke, die früher zum Ausziehen des Salzes gebraucht wurde. Er ist eine imposante Erscheinung bei den Fastnachtsumzügen und eifrig dabei, wenn es am „schmotzigen Donnerstag“ darum geht, dem Bürgermeister die Schlüssel abzunehmen und die Schüler aus den Schulen zu befreien, damit diese sich ganz dem Narrendasein hingeben können.

In den meisten Orten im Ländle mit Narrenzünften findet sich auch ein Narrenbrunnen, wie hier in Bad Saulgau.


„Doraus, detnaus, bei dr alte Linda naus“, wenn der Narrenruf der alten Sulgamer beim traditionellen Dorausschreien am Fasnetssonntag durch das Städtle schallt, gibt es für Bad Saulgau kein Halten mehr. Geschrien wird, was das Zeug hält, der uralte Heischeruf erklingt aus jedem Haus. Aus den Fenstern der Geschäfte werden Leckereien auf die Straße geworfen, vor allem Süßigkeiten, aber auch Wurst und Brot. Der Brauch geht zurück auf die Hungersnot zur Zeit der Pest, als die Bürger um Nahrung für die Kranken bettelten und diese, um sich nicht anzustecken, in Körben an langen Stangen darbrachten. Der Fasnetsdienstag im „Hexenstädtchen“ beginnt am frühen Morgen mit dem „Hexenspuk“, bei dem krakeelende „Riedhutzeln“ die Stadt wecken. Beim Narrensprung danach lässt sich die Vielfalt der Sulgamer Narren am besten bestaunen: den eleganten Pelzteufel mit imposantem Fellumhang, die zu Grimassen verzerrten Gesichter der Zennenmacher oder das Blumenmädle mit fröhlich klingendem Glöckle. In einer ziemlich schaurigen Zeremonie und unter großem Geheule wird am Abend die Riedhutzel, das Symbol der Saulgauer Fasnet, verbrannt. Mit ins Grab nimmt die Hexe alle Sünden der vergangenen Tage – zumindest bis zum nächsten Jahr.

Als Originalfigur der Waldseer Fastnacht steht Hans Federle stellvertretend für den Teufel, hier als Jäger verkleidet.


Fotos: Breisach Touristik; Edi Graf; Wikimedia public domain + CC BY-SA 3.0 Andreas Praefcke, Claudia Reimann, Franzfoto, Globe2013, albärt

Mit furchteinflößenden Masken das Böse vertreiben: hier die Seegrendl der Narrenzunft Seegockel aus Friedrichshafen.


Der zottelige Dämon Seegrendl ist die jüngste Figur der Häfler-Fasnet

DIE WITZIGSTEN NARRENRUFE DER ZÜNFTE

Aitrach „Roiweible“
No it hudla – Ofanudla!

Bad Wurzach-Seibranz
Dugget Eich – d’Langjupp schleicht!

Dettingen „Krettamachr“
Kretta romm, kretta nomm, Krettamachr send it domm!

Friedrichshafen „Seegockel“
Gockelores Kikeriki!

Gammertingen „Horig“
Horig, horig – horig isch dia Katz!

Hauerz „Baadgoischd‘r“
Goischdr sem’r heidanei – beissat sich en Zenka nei!

Jettenhausen „Bodenseenarren“
D’Welle kommet – dugget euch!

Legau „Löwen 77“
Spring fut, spring fut – d’r Vogel kut!

Mochenwangen
Mochawanga – Gnocha hanga!

Reinstetten „Rottumtal-Hex“
Übr dr Gosch – Hogget dr Frosch!

Staig „Schalk von Staig“
Hond’rs gseah – dr Schalk isch‘s gwea!

Unterschwarzbach
Siesch dr Butz gucka – mit ra Zahlucka!

Wolfegg
Hexaholz – raucha soll’s!