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SCHWARZ WIE DIE MACHT


Metal Hammer - epaper ⋅ Ausgabe 8/2021 vom 14.07.2021

METALLICA

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Bildquelle: Metal Hammer, Ausgabe 8/2021

„DAS SCHWARZE ALBUM HAT UNSER LEBEN VERÄNDERT.“

JAMES HETFIELD (L.)

Alles anders. Wieder einmal. Metallica haben in den Achtziger Jahren im Verlauf von fünf Jahren und vier Alben bislang eine rasante Entwicklung hinter sich gebracht. Von der juvenilen (aber klassisch inspirierten) Raserei auf dem Debüt KILL ’EM ALL (1983) über die stilistische Öffnung und härtere Gangart von RIDE THE LIGHTNING (1984) sowie die majestätische Kompositionskunst auf MASTER OF PUPPETS (1986) bis hin zum fortschreitenden Expressionismus, der ... AND JUSTICE FOR ALL (1988) prägt. „Was sollen wir denn tun? Den Rest unseres Lebens versuchen, es 200 Auserwählten recht zu machen?“, fragt Lars Ulrich schon 1986 rhetorisch. Stillstand ist für Metallica gleichbedeutend mit Rückschritt. Zudem müssen die Musiker den schmerzlichen Verlust ihres Spiritus Rector Cliff Burton verkraften, der Metallica nicht nur stilistisch, ...

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... sondern auch atmosphärisch nachhaltig definiert und 1986 bei einem Tourbus-Unfall in Schweden ums Leben kommt. Parallel zur kreativen Entwicklung steigt das Quartett von einem tosenden Untergrundereignis zu einer der größten Metal-Bands des Planeten auf. Die Tourneen werden umfangreicher, die Stadien größer, und die Verkaufszahlen der ersten vier Veröffentlichungen steigern sich kontinuierlich. Im Zuge dessen schmeißen Metallica auch einige einst formulierte Überzeugungen über Bord, was die Band Glaubwürdigkeit bei den Fans der ersten Stunde kostet. „Wir waren nah dran, Videos zu ‘For Whom The Bell Tolls’ oder ‘(Welcome Home) Sanitarium’ zu drehen, aber zum Schluss haben wir uns gefragt: Warum? Wo ist der Sinn?“, berichtet Lars Ulrich über den Entschluss, keine Videos zu drehen und den MTV-Hype nicht unterstützen zu wollen. „Wir wollen nicht mit diesem Scheiß in Verbindung gebracht werden.“ Dieses Versprechen explodiert 1989 wortwörtlich in dem Clip zur Antikriegshymne ‘One’. Status quo: Metallica sind mehrfach aus den Genre-Grenzen ausgebrochen, haben mitunter das Adenauer-Zitat angewandt („Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern. Nichts hindert mich daran, klüger zu werden!“), auf diesem Weg einige Anhänger verprellt, aber noch viel, viel, viel mehr Fans gewonnen. Die Rechnung geht unterm Strich also mehr als auf. Und diese Erfolgsformel wird in den Neunziger Jahren in aller Konsequenz weitergedacht. Welcher Metaller glaubt, dass er das Ende der Fahnenstange dessen, was Metallica in Richtung Mainstream unternehmen werden, bereits gesehen und gehört hat, wird sich noch gehörig die Augen und Ohren reiben.

KLANG- UND FANGFRAGEN

Mit ... AND JUSTICE FOR ALL erreichen Metallica den vorläufigen Höhepunkt ihrer Karriere. Das Album bricht auch dank des erwähnten, imposant inszenierten Videoclips erstmals in die US-amerikanischen Top 10 ein. Allerdings verstärkt sich bei den Protagonisten der Eindruck, dass sie sich beim Versuch, möglichst progressiv zu klingen, leicht verrannt haben. „Man muss klar sagen, wir auf diesem Album zeigen wollten, was wir alles draufhaben“, bemängelt James Hetfield rückblickend den Hang zur Übertreibung. „Sechs verschiedene Riffs in einem einzigen Lied? Lasst uns acht daraus machen!“ Einen weiteren großen Kritikpunkt, der mittlerweile legendärer Bestandteil der Musikgeschichte ist, stellt die Produktion dar. Dass Jason Newsted, dem Nachfolger von Cliff Burton, während des Mischens von ... AND JUSTICE FOR ALL seitens des Duos Hetfield/Ulrich der Saft abgedreht und der Bass auf ein nicht hörbares Minimum reduziert wurde, ist nicht nur klanglich, sondern auch künstlerisch und empathisch fragwürdig. „Das Album war ein Experiment, das in die Hose gegangen ist“, bilanziert Hetfield noch Jahre später. „Die Leute denken sich alle möglichen Gründe aus, warum ... AND JUSTICE FOR ALL so komisch klingt. Ich weiß selbst nicht, was zur Hölle wir da gemacht haben. Die Scheibe sollte geradeheraus und direkt klingen, aber das hat nicht hingehauen.“ Und auch auf Tour bereitet das Material Kopfschmerzen. Denn obwohl sich die „Damaged Justice“- Tournee zum absoluten Megaseller mausert und über ein Jahr lang quer durch die Kontinente zieht, dabei Europa, Nordamerika, Neuseeland, Australien, Japan, Honolulu und Südamerika abgrast, bleibt die Konzertreihe bei den Protagonisten aufgrund des komplexen Materials der aktuellen Scheibe nicht nur positiv im Gedächtnis. „Ich erinnere mich noch, wie wir nach unserer letzten Show in Brasilien von der Bühne gegangen sind und uns schworen, ‘... And Justice For All’ nie wieder live zu spielen“, berichtet Ulrich in der METAL HAMMER-Titelgeschichte 1991. „Wir waren mit dieser Scheibe an einem Punkt angelangt, an dem wir nicht mehr progressiver werden konnten. Uns blieben zwei Möglichkeiten: Entweder uns zu wiederholen, oder etwas anderes zu machen. Uns hat noch nie der Sinn danach gestanden, uns zu wiederholen. Von dieser ,Zehn-Riffs-in-einem-Song‘-Kiste haben wir genug. “Die Zeichen stehen auf Trennung. Von Teilen der eigenen Vergangenheit. Und zwar in mehrfacher Hinsicht.

„... AND JUSTICE FOR ALL WAR EIN EXPERIMENT, DAS IN DIE HOSE GEGANGEN IST.“

JAMES HETFIELD

DIE GROSSE ROCK-NUMMER

Schon auf ... AND JUSTICE FOR ALL streben Metallica eine entscheidende Veränderung an. Anstelle des Dänen Flemming Rasmussen, der seit RIDE THE LIGHTNING die klanglichen Geschicke in der Hand hielt, soll nun Mike Clink (bekannt für seine Arbeit mit Guns N’ Roses und APPETITE FOR DESTRUCTION, 1987) produzieren. Doch die Kooperation gestaltet sich künstlerisch und zwischenmenschlich problematisch, Metallica ziehen die Notbremse und setzen erneut Feuerwehrmann Rasmussen an die Regler. Das Endergebnis ist bekannt. Die Grundidee bleibt auch im Jahr 1990 bestehen – das Quartett sucht einen Genre-fremden Produzenten, der die Grenzen des Metallica-Sounds erweitert. Fündig werden sie bei Bob Rock, den sie für seine Erfolge mit The Cult (SONIC TEMPLE, 1989) und Mötley Crüe (DR. FEELGOOD, 1989) schätzen. Das erste Treffen mit dem gebürtigen Kanadier ist allerdings noch von gegenseitiger Skepsis geprägt. „Dieser Typ, den wir erst ein paar Tage kannten, kam herein, hörte unsere neuen Songs und machte sich unentwegt Notizen“, entsinnt sich Bassist Jason Newsted leicht schmunzelnd. „Im Anschluss teilte uns Bob offen mit, was ihm gefiel und was nicht. Speziell für James war das hart. Das hat man nicht an seinen Worten, sondern seinem Blick gemerkt. Seine Musik ist sein Leben, da ist man lieber vorsichtig. Trotzdem haben wir die Vorschläge von Bob Rock ausprobiert – und, siehe da, sie haben funktioniert!“ Rocks Anmerkung, dass es Metallica bis dato noch nie gelungen sei, ihre Live-Energie auf einer Studioscheibe einzufangen, stößt bei den Musikern zwar auf wenig Zustimmung, setzt aber einen Denkprozess in Gang. „Mir kam es nur auf die Wahrheit an“, zuckt Bob Rock mit den Schultern. „Sie hatten lange mit Flemming Rasmussen zusammengearbeitet, der einen tollen Job abgeliefert hat. Aber aus meiner Sicht gab es viele Dinge zu verbessern. Das fing damit an, dass sie endlich mal zusammen ein Album einspielen sollten: als Band statt Individualisten. Ich habe schon früh erkannt, dass ich bei diesen Jungs mit meinen Arrangement-Ideen nicht weit komme. Ich war noch nie von solch starken Leuten umgeben. Also habe ich mich auf die Geschwindigkeit und den allgemeinen Vibe des Albums konzentriert. Sie hatten echt Schiss vor meinen Ideen.“ Metallica müssen über ihren eigenen Schatten springen, um neue Regionen zu erreichen. Das bezieht sich auch auf die neuen Lieder.

SANDFLOH IM OHR

Im Vorfeld quälen sich die Band-Mitglieder durch untereinander getauschte Tapes, auf welchen die Song-Ideen teilweise eine halbe Stunde lang in verschiedenen Variationen dargeboten werden. Nachdem sich Metallica auf dem Vorgänger in ein spektakuläres Labyrinth aus Riffs und Tempowechsel gewagt hatten, folgt nun die komplette Gegenbewegung und Reduktion auf das Wesentliche. Die Songs fokussieren sich auf einen Punkt und kreisen um eine Idee, deren Wirkungsgrad dadurch erhöht wird, dass ihr genügend Luft zum Atmen gestattet wird. Der Groove bestimmt das Klangbild, nicht die Geschwindigkeit. Bei METALLICA geht es explizit um die Töne, die nicht gespielt werden. Der Opener ‘Enter Sandman’ steht exemplarisch für dieses neue Vorgehen. „Ich muss gestehen, dass ich diesem Riff erst gar keine Beachtung schenkte, bis Lars anrief“, entsinnt sich Kirk Hammett. „Er meinte, dass es sinnvoll sei, sich mit diesem Ding näher zu beschäftigen. Zum Glück haben wir auf ihn gehört.“ Ulrich ist es auch, der die Eingebung hat, die anfängliche Tonfolge dreimal zu wiederholen und damit direkt im Ohr der Zuhörer unwiderruflich zu verankern. Der Drummer mag in der Metal-Gemeinde mitunter nicht zu den Koryphäen an seinem Instrument gezählt werden, doch in Sachen Arrangements und mit dem feinen Gespür für wirkungsvolle Hooklines repräsentiert der Däne absolute Weltklasse. Und das nicht nur unter Schlagzeugern. „Lars hat bereits bei den Demoversionen gewusst, dass ‘Enter Sandman’ der Über- Song der Platte werden wird“, zeigt sich Bob Rock noch heute verblüfft. „Ich habe das ehrlich gesagt nicht gehört. Für mich war ‘Holier Than Thou’ eindeutig die bessere erste Single.“ Und auch ein anderes Lied weckt Ulrichs Aufmerksamkeit.

ZEIT FÜR GEFÜHLE

Ein weiterer „Schatz“, den Ulrich beim Tape-Abhören in seiner Heimat Kopenhagen entdeckt, ist ‘Nothing Else Matters’ – eine eigentlich schlichte akustische Tonfolge, allerdings mit magischer Ausstrahlung. Während ‘The Unforgiven’ zumindest teilweise als Halbballade durchgehen könnte und damit in die bewährten Fußstapfen von ‘Fade To Black’, ‘(Welcome Home) Sanitarium’ oder ‘One’ tritt, stellt ‘Nothing Else Matters’ einen der größten Brüche in der musikalischen Historie Metallicas dar. Das Lied, in dem James Hetfield der Sehnsucht nach seiner Freundin, während er auf Tournee ist, Ausdruck verleiht, repräsentiert die erste reine Ballade, die unter diesem Band-Namen erscheint. Keine Tempoverschärfung. Kein Wegducken. Die pure, ungefilterte Emotion. Das braucht Schneid – und Mut zur Veränderung. „Never opened myself this way.“ Die ersten Vorabhörer und einige Journalisten fragen sich, ob das wirklich James Hetfield ist, der da singt und acht Jahre zuvor auf dem Debüt noch den Kleister von der Tapete krächzte? „Bob Rock hat James dazu gebracht, sich sicher genug zu fühlen um sich endlich zu trauen, richtig zu singen“, freut sich Ulrich kurz vor dem Release über die neuen Töne am Mikro. „Das ist allein Bobs Verdienst. Wir haben uns immer als böse Band gesehen, aber er hat uns ein Wort beigebracht, das keiner von uns kannte – gefühlvoll. Es ging eigentlich immer nur darum, Fehler zu vermeiden, anstatt sich von der Musik tragen zu lassen. ‘Nothing Else Matters’ ist für mich ein absolutes Highlight. Die Leute haben James früher zwar als Frontmann gesehen, aber nie als Sänger. Er wurde diesbezüglich lange Zeit unterschätzt.“ Anstatt sich darüber – wie Bob Rock vermutet – Gedanken zu machen, was wohl die Kollegen von Anthrax oder Megadeth von all dem halten, setzen Metallica dem Lied mit einer Orchesterbegleitung die emotionale Krone auf. Das sorgt in der Fan-Gemeinde bis heute nicht ausschließlich für Begeisterungsstürme. „Wenn wir schon so einen Song machen, dann auch richtig!“, hält Hetfield entgegen. Hollywood-Komponist Michael Kamen (unter anderem ‘Stirb langsam’, ‘Highlander’) verpasst dem Lied ein 30-stimmiges Sinfonieorchester, doch das ist sogar Metallica zu viel. Im Mix werden die klassischen Klänge von Geige, Kontrabass und Holzblasinstrument weiter in den Hintergrund gedrängt, als es von Kamen beabsichtigt ist. Dennoch findet er zum damaligen Zeitpunkt lobende Worte für die Band, mit denen er 1999 auf S&M noch sehr viel intensiver zusammenarbeiten wird: „Das macht Metallica einzigartig – sie gehen nie den einfachen, leicht verdaulichen Weg.“ Das bezieht sich auch auf die Lyrics.

TRACK BY TRACK

‘ENTER SANDMAN’

Der Dosenöffner für Metallica in den Mainstream, der bis heute auf keiner Metal-Party fehlen darf. Zug, Wucht, Eingängigkeit – alles da, was einen echten Hit ausmacht. Die erste Single und damit der wichtigste Vorabbote des Albums verankert eine sprichwörtlich traumwandlerische Hookline in die Köpfe der Zuhörer. Bob Rocks Sohn Mick spricht das Kindergebet im hinteren Viertel.

‘SAD BUT TRUE’

Der Urenkel von ‘For Whom The Bell Tolls’, Enkel von ‘Leper Messiah’ und Sohn von ‘Harvester Of Sorrow’. Wird als fünfte und letzte Single anderthalb Jahre nach der Veröffentlichung des Albums herausgebracht. Ein stampfendes Ungetüm, welches bei keinem Metallica-Konzert fehlen darf und dokumentiert, dass Heavyness nicht zwangsläufig mit Geschwindigkeit zu tun haben muss.

‘HOLIER THAN THOU’

Von Bob Rock ursprünglich als erste Single auserkoren, fristet der Song letztlich ein Mauerblümchendasein auf dem schwarzen Album und verschwindet auch relativ fix aus der Metallica-Setlist. Allerdings erfüllt die kürzeste Nummer mit ihren schnellen, druckvollen Rhythmen, die noch am ehesten eine Thrash-Verwurzelung repräsentieren, eine wichtige dynamische Funktion, indem das vorherrschende Midtempo mal gebrochen wird.

‘THE UNFORGIVEN’

Für viele Fans und Musikerkollegen das eigentliche Highlight auf METALLICA. Eingeleitet von einem rückwärts abgespielten Horn (das mutmaßlich aus dem Ennio Morricone-Soundtrack zu ‘Für ein paar Dollar mehr’ stammt) und dem Lied einen gewissen Western-Anstrich verpasst, entwickelt sich die Ballade zu einem musikalisch und emotional fesselnden Ereignis, das bis heute kaum aus einem Metallica-Konzert wegzudenken ist.

‘WHEREVER I MAY ROAM’

Bezüglich des Aufbaus und der brillanten Dynamik vielleicht das Lied, welches am ehesten an ‘Enter Sandman’ heranreicht. Entsprechend auch als vierte Single auserkoren. Die Sitar zu Beginn vermittelt einen fernöstlichen Eindruck, der wunderbar zum Thema des Lieds passt, das sich um die Gedanken eines Musikers auf Tournee dreht. Auf GARAGE INC. (1998) covern Metallica mit ‘Turn The Page’ von Bob Seger ein Lied, das denselben Inhalt hat und für Hetfield als Inspiration zu ‘Wherever I May Roam’ gedient haben dürfte.

‘DON’T TREAD ON ME’

Quasi-Vertonung der Gadsen-Flagge, welche im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg geboren wurde und mit dem Schlangenmotiv auch das Album-Cover prägt. Im Intro covern Metallica zunächst den Song ‘America’ aus dem Musical ‘West Side Story’ von Leonard Bernstein. Abseits der patriotischen Aussage, die manchem Hörer sauer aufstößt, kann man die Aussage „Leg dich nicht mit mir an“ auch auf die Haltung der Band 1991 beziehen. Metallica ist absolut bewusst, dass diese Scheibe Fan-Proteste auslösen wird.

‘THROUGH THE NEVER’

Nicht nur die Gier der Menschen ist unersättlich, sondern auch der Hunger nach Wissen. Die Riff-Endlosschleife saugt den Hörer direkt zu Beginn in das Lied hinein, allerdings wirkt ‘Through The Never’ bezüglich des Aufbaus nicht so rund wie der Rest des Albums. Zu Beginn der Tournee noch fester Bestandteil der Setlist, verschwindet die Nummer – gemäß ihres Inhalts – allmählich in den unendlichen Weiten des Weltalls und wird heute nur noch sehr sporadisch live aufgeführt.

‘NOTHING ELSE MATTERS’

Die überraschendste Nummer der gesamten Scheibe – nicht nur, was Musik, Präsentation und Text, sondern vor allem den Gesang angeht. So gefühlvoll hat man James Hetfield noch nie gehört. Dieser offene und ehrliche Ansatz stellt auch für den Frontmann eine Überwindung dar. Gelohnt hat sich das allemal. ‘Nothing Else Matters’ spricht ein Publikum an, das vorher noch nicht mal wusste, dass Metallica existieren, und öffnet der Band den Weg ins Mainstream-Radio. Großartiges, emotionales Solo, gespielt von James Hetfield.

‘OF WOLF AND MAN’

Hetfield vertont zur Freude aller Tierschützer seine Leidenschaft für die Jagd und thematisiert den natürlichen Urinstinkt, der allen Lebewesen eigen ist. Wäre aufgrund seiner Grundanlagen auch ein sinnvoller Single-Kandidat gewesen: mitreißend in Szene gesetzt, sehr griffig komponiert, prächtige Hookline. Das Wolfsgeheul ist kein Sample, sondern stammt von Jason Newsted.

‘THE GOD THAT FAILED’

Das Lied handelt von den traumatischen Erlebnissen Hetfields, der als Kind miterleben muss, dass seine kranke Mutter aufgrund ihres fanatischen Glaubens Medikamente ablehnt und stirbt. Entsprechend düster und schleppend fräst sich ‘The God That Failed’ in die Hirnwindungen vor. Im Vergleich zum Großteil von METALLICA kantiger und ekliger im Aufbau.

‘MY FRIEND OF MISERY’

Der einzige Track, bei dem Jason Newsted als Mitkomponist aufgeführt wird. Sein melancholischgefühlvolles Intro, das mitunter an die großen Instrumentalnummern seines Vorgängers Cliff Burton erinnert, sollte eigentlich noch länger dauern, wurde aber letztendlich gekürzt. Hetfield singt von den Menschen, die in Selbstmitleid zerfließen, die bedrückende, dämmrige Atmosphäre passt perfekt zum Thema, wenngleich das Lied im Hit-Arsenal von METALLICA eher als Füller anzusehen ist und auch live keine Rolle spielt.

‘THE STRUGGLE WITHIN’

Der letzte Song des weltweit bestverkauften Albums seit 1991 setzt einen temporeichen Abschluss und versöhnt einige Die Hard-Fans, die sich beim Hören des schwarzen Albums fragen, ob Metallica tatsächlich all ihre Wurzeln vergessen haben. Das zackige Riff und der knackige Rhythmus bleiben sofort im Ohr, allerdings gibt es ähnlich wie in ‘Through The Never’ ein paar Haken im Aufbau. Inhaltlich handelt ‘The Struggle Within’ von den Kämpfen, die wir alle mit uns selbst austragen müssen. Solider Abschluss.

„ALS DIE SCHEIBE RAUSKAM, WAREN WIR DOCH EIN BISSCHEN NERVÖS.“

KIRK HAMMETT

NEUE EINBLICKE

Neben den musikalischen Änderungen sind es vor allem auch die Texte, welche auf dem schwarzen Album neuartige Ansatzpunkte beinhalten. Nachdem sich James Hetfield in der Vergangenheit an den sozialen und politischen Missständen der Welt abgearbeitet hat, finden sehr viel privatere Themen den Weg in Metallicas Lieder. ‘Nothing Else Matters’ ist nur ein Beispiel dafür, dass Hetfield nun selbstbewusst genug ist, sensible, teils intime Gedanken mit den Fans zu teilen. „Bei diesem Album habe ich versucht, mehr in mich reinzugucken und Fragen nach dem Leben gestellt, die jeden irgendwie bewegen“, erläutert er die neuen Inhalte. „Ich bin nicht der Typ, der Romane wälzt und dann Gedichte verfasst wie mein großes Idol Phil Lynott. Wenn man über seine eigenen Gefühle redet, kann man eigentlich nichts falsch machen.“ Andere Lieder drehen sich um das primitive, natürliche Element in uns (‘Of Wolf And Man’), das Leben auf Tour (‘Wherever I May Roam’), Menschen, die kein Risiko eingehen und dies später ihr ganzes Leben lang bereuen (‘The Unforgiven’), Schmarotzern im Rock (‘Holier Than Thou’) oder Hetfields Kindheit im Umfeld einer christlichen Sekte, deren Ablehnung von Medikamenten seine Mutter letztendlich das Leben kostete (‘The God That Failed’). Kurzum: So nah hat James Hetfield die Öffentlichkeit noch nie an sich herangelassen. Der Amerikaner legt den Schutzpanzer ab und präsentiert sich der Welt mit Offenheit und damit Stärke – diese schützt aber nicht vor gesundheitlichen Rückschlägen. Während der Aufnahmen büßt Hetfield seine Stimme ein. Dass er, der unbesiegbare Metallica-Frontmann, Hilfe bei einem Chorleiter sucht und von ihm am Piano begleitet Gesangsübungen zur Stärkung der Stimmbänder praktiziert, ist ein weiteres Indiz dafür, dass die Band-Mitglieder nicht nur als Musiker, sondern auch als Persönlichkeiten reifen. Damit entwachsen sie zwangsläufig den meist unverhandelbaren Vorgaben eines Genres. „Heavy Metal ist in letzter Zeit ziemlich Cartoon-haft geworden“ mosert Ulrich im Sommer 1991. „Davon werden wir uns mit diesem Album so weit wie möglich entfernen.“

PORNOBILLARD UND SONNENBRILLEN

In den liebgewonnenen One-On-One-Studios in Los Angeles, in denen bereits das Vorgängeralbum eingespielt wurde, wird an der Seite eines Billardtischs, einer Dartscheibe (samt Kip Winger-Foto), einer Tischtennisplatte und diversen Pornobildern ab Oktober 1990 intensiv geschuftet – wenn auch nicht immer zur gleichen Tageszeit. Während James Hetfield eher in den Morgenstunden aktiv ist, kommt sein Freund und Songwriting-Partner Lars Ulrich um einiges später in die Gänge und trommelte beispielsweise nachts um zwei Uhr ein. Mit Sonnenbrille. „Tagsüber hat er ja meistens gepennt“, knurrt der Frontmann. „Ich bin das genaue Gegenteil davon. Selbst wenn wir uns um 15 Uhr trafen, nahm Lars nie vor 19 Uhr die Stöcke in die Hand. Erst musste er essen, dann duschen oder ein Nickerchen machen. Wir mussten warten, bis sich diese ganz ,spezielle‘ Person bereit gefühlt hat. Wenigstens war ich nicht der Einzige, der diese Hölle durchmachen musste...“ Der Vorschlag von Rock, die Scheibe gemeinsam in einem Raum einzuspielen, wird ebenso aufgegriffen wie der Hinweis des Produzenten, sich doch bitte im Vorfeld intensiver als in der Vergangenheit mit der technischen Ausstattung auseinanderzusetzen, um wirklich auch das gesamte Potenzial ausreizen zu können. „Eigentlich habe ich damals erst verstanden, warum Bands einen Produzenten hinzuziehen“, verteilt Ulrich ein Lob für die ganzheitlichen Ansätze von Bob Rock. „Es wurden unendlich viele verschiedene Sachen ausprobiert. Früher haben wir uns nie Gedanken darüber gemacht, wie etwas klingt. Uns ging es einzig und allein um die musikalische Perfektion. Was ich mir zuvor allerdings noch nie vergegenwärtigt hatte, war der Gedanke, dass etwas perfekt gespielt werden, aber trotzdem nicht gut klingen kann. METALLICA hört sich nach einer Band und nicht einem Rhythmusgitarristen und einem Drummer an.“ Das bedeutet aber auch, dass jeder Musiker jederzeit verfügbar sein muss und sich etwaige Verspätungen oder technische Probleme auf alle Beteiligten auswirken. Bis zu 40-mal trommelt Ulrich die Lieder ein, die besten Parts werden dann in einem puzzleartigen System zu einem perfekt anmutenden Gesamtbild zusammengesetzt. Diese Herangehensweise sticht, zerrt aber auch an den Nerven. „Dieses Mal haben wir nach einer Rhythmusabteilung gesucht, die ihren Namen auch verdient. Wir haben mit einer ganzen Latte von Bässen experimentiert. Es gab durchaus Spannungen, weil es zu vielen Verzögerungen kam“, gibt Jason Newsted zu. Er ist der große Gewinner auf dem schwarzen Album.

BAS(S)TELARBEITEN

Für den richtig fetten Sound nehmen Bob Rock, Tontechniker Randy Staub und Assistent Mike Tacci auch den Metal-Hammer in die Hand und zimmern James Hetfield ein zeltartiges Gewölbe aus provisorischen Holzwänden und Decken, in dessen Mitte die Rhythmusgitarren eingespielt werden. „Bob Rock hat die Gitarren in allen Belangen fetter gemacht“, analysiert Hetfield hocherfreut. „Genau danach hatte ich gesucht: Wir wollten die Muskeln spielen lassen.“ Fortan sprechen alle Beteiligten nur noch vom „Zelt des Untergangs“. Wenn es um das Herzstück des Albums geht, den Groove, will Bob Rock nichts dem Zufall überlassen. An die 50 Mikrofone flankieren das Schlagzeug. „Da haben wir an vielen Knöpfen gedreht und wirklich alles rausgeholt, was ging“, erinnert er sich. „Lars spielt sehr hart – also mussten wir nach jeder dritten oder vierten Aufnahme die Felle wechseln, weil er sie zu Scheiße gehauen hatte. Dafür sind Wochen draufgegangen.“ Gut Bumms will Weile haben. Speziell ein Stück wie ‘Sad But True’, welches sich fast schon Godzilla-artig seinen Weg sucht, bedarf des nötigen Bewegungsantriebs, um nicht ins Wanken zu geraten. In der Demoversion ging es noch viel schneller zu, doch dadurch verlor die Atmosphäre an Wucht. Das Tempo wird verlangsamt. „Es macht verdammt viel Spaß, einen einfachen Song zu spielen“, erläutert Lars Ulrich 1991 den Grundansatz zu den Kompositionen und zeigt sich optimistisch, was die Reaktion der Anhängerschaft betrifft. „Unsere Fans wissen, dass wir schon immer das Bedürfnis hatten, so viele Stilrichtungen wie möglich auszuprobieren. Wir zielen diesmal nicht auf Technik, sondern Stimmungen. Das neue Material klingt viel lässiger und lebhafter, wir lassen die Riffs für sich selbst sprechen, anstatt sie mit progressiven Nuancen aufzuweichen. Es ist, als ob unsere Musik endlich in Schwung kommt. Das ist echt cool!“ Von dieser neuen Herangehensweise profitiert vor allem Jason Newsted. Nach der Demütigung auf dem Vorgänger kommt seinem Instrument in der Produktion nun eine ganz andere Gewichtung zu. An der Seite von Ulrich legt er das Fundament, auf dem die zwölf Lieder ihre Macht entwickeln können. „Als ich ... AND JUSTICE FOR ALL zum ersten Mal hörte, war ich total enttäuscht, ich lag gefühlt am Boden“, entsinnt sich der Bassist ungern zurück. „In der Folgezeit habe ich mich intensiv mit Blues beschäftigt, und das hört man dem schwarzen Album an. Die vorherigen Metallica-Scheiben waren sehr gitarrenorientiert, eine richtiggehende Wand mit relativ leisem Bass. Dank Bob Rock wurde plötzlich sogar die richtige Tonhöhe des Basses diskutiert. Wir waren im Gegensatz zu früher während der Aufnahmen alle füreinander da, das wirkt sich eben aus. “Während sich Jason Newsted bei dieser Albumproduktion menschlich wie musikalisch erstmals vollständig akzeptiert und pudelwohl fühlt, muss ein anderer Kollege kämpfen.

SOLO FÜR ZWEI

„Ich kenne das – kaum bringen es Sologitarristen nicht auf die Kette, ist irgendwas am Sound schuld!“ Bob Rock zeigt sich bei den Aufnahmen als ziemlich giftiger Stachel im Hintern von Kirk Hammett. Irgendwie beschleicht den Mann an den Reglern das Gefühl, dass es sich der tiefenentspannte Gitarrist zu einfach machen möchte. Das Argument, dass er bereits seit sechs Jahren auf diese Art und Weise arbeite, lässt Rock nicht gelten. Auch den Einwand von Lars Ulrich, dass das eben Hammetts ureigener Stil wäre, schmettert er ab. Rock will mehr. Mehr Dynamik. Mehr Emotion. Mehr von allem. „Für dieses Album habe ich mir meine Soli weit im Vorfeld ausgedacht“, erinnert sich Kirk Hammett an die Entstehung der instrumentalen Höhepunkte zurück. „Anstatt mich mit der Gitarre hinzusetzen, sang ich meine Ideen in einen Kassettenrekorder. Ich kann mich allerdings trotzdem nur an ein paar Stücke erinnern, die gleich im Kasten waren. Ich kam bei ‘The Unforgiven’ mit einem recht komplexen Solo an, auf das ich sehr stolz war – und alle hassten es. Die Songs schrien förmlich nach einer bestimmten Art von Soli, zum Beispiel im Fall von ‘Wherever I May Roam’: Das ist zugegeben total im Hendrix-Stil geschrieben. Aber, ganz ehrlich: Alle Gitarristen klauen. Das Lied besitzt einen östlichen Vibe, also habe ich das in diese Richtung komponiert. Das zweite Solo ist hingegen komplett improvisiert, da hatte ich richtig Spaß im Studio. Der Gesang und meine Sologitarre unterhalten sich quasi.“ Irgendwann ist dann auch endlich Bob Rock davon überzeugt, dass sein „Kirk muss unter Druck gesetzt werden, um die besten Ergebnisse erzielen zu können“-Ansatz genügend Früchte getragen hat. Aus heutiger Sicht bereut er allerdings einiges an der damaligen Herangehensweise. „Es gibt ein paar Licks von ihm, die ich gerne rückgängig machen würde“, gibt Rock offen zu. „Ich hatte ihn zu ein paar Sachen gezwungen, die nicht funktioniert haben. Blöde Idee von mir.“ Die Atmosphäre ist allgemein geladen. Der Terminkalender gibt allmählich ein Tempo vor, das mit der Detailverliebtheit dieser Produktion nicht mehr auf einen Nenner zu bringen ist.

AGGRESSIVE MISCHWESEN

Wir erinnern uns: Im Mix wurde ein Teil von ... AND JUSTICE FOR ALL zu Grabe getragen. Erfolgreiche Menschen zeichnet aus, dass sie Fehler nur einmal begehen. Nachdem die Aufnahmen Ende Mai 1991 vollendet sind, begeben sich Rock, Hetfield und Ulrich in die in die A&M-Studio in Hollywood, um den Mix fertigzustellen und einige Gesangsspuren neu aufzunehmen. Das Gefeilsche um jede Kleinigkeit geht Rock irgendwann gehörig auf den Sack. Im Kern der Diskussion steht vor allem die erste Single. ‘Enter Sandman’ soll der Welt den neuen Metallica-Sound vorstellen und entsprechend knallen. „Dieses Lied musste ein Statement setzen!“, argumentiert Rock für die unverhältnismäßig lange Arbeitsdauer von zehn Tagen, während andere Lieder (beispielsweise ‘Holier Than Thou’) in wenigen Stunden durch den Mix genudelt werden. Parallel läuft die Promomaschine an. „Unser typischer Tagesablauf damals sah etwa folgendermaßen aus: Erst Fotosession, dann einen neuen Mix checken, mit der Presse sprechen, wieder Mix hören, James beim Einsingen zuhören, Artwork konzipieren, Interviews geben, Mix testen und Videoideen austauschen“, erläutert Lars Ulrich seinen Workflow, der es ihm dennoch gestattete, abends mit Musikern von Guns N’ Roses oder Skid Row abzuhängen. Ach ja, das Video zu ‘Enter Sandman’ muss auch noch gedreht werden... In New York arbeitet George Marino (unter anderem Mötley Crüe, Guns N’ Roses) derweil am Mastering – und Bob Rock ist einem Nervenzusammenbruch nahe. „Das Master enthielt digitale Störgeräusche, wir sind fast durchgedreht“, seufzt Rock in der Erinnerung. „Also mussten wir ein anderes Studio finden, das nicht zu weit entfernt war und dazu noch technisch zu unserem Equipment passte, damit wir die Fehler beseitigen konnten. Das alles passierte parallel zum Mastering und unter höchstem Zeitdruck. Es war unfassbar...“ Allen Widrigkeiten zum Trotz: Am 10. Juli halten Metallica ihr schwarzes Album in den Händen! Eigentlich ein guter Grund zu feiern, aber den Protagonisten fehlt die Kraft. Ein Drink, dann geht es ab in die Heia – zu zehrend gestalteten sich die zurückliegenden Monate. Aber der Lohn lässt nicht lange auf sich warten. Und der ist auch dringend notwendig: Weit über eine Million Dollar verschlingt die Produktion von METALLICA.

„DIESES MAL HABEN WIR NACH EINER RHYTHMUSABTEILUNG GESUCHT, DIE IHREN NAMEN AUCH VERDIENT.“

JASON NEWSTED

DIE WELT SIEHT SCHWARZ

‘Enter Sandman’ befeuert ab dem 29. Juli das grassierende Fieber, klettert weltweit in den Charts so hoch wie keine Metallica-Single zuvor und bestellt die Rampe, über die am 13. August das schwarze Album in ungeahnte Höhen abhebt. Nächtliche Schlangen vor den Plattenläden und Live-Einblendungen in den Nachrichtensendern, als sich endlich die Tore öffnen. Die Welt sieht schwarz. „Eigentlich heißt es METALLICA, aber ich habe es immer schon das schwarze Album genannt“, erklärt James Hetfield. „Es gibt kein Grundthema, keine Zeichnung, die den Hörer ablenkt – man sollte einfach nur den Songs zuhören.“ Eine Rückversicherung holen sich Metallica bereits am 3. August im Madison Square Garden von New York ab, als 19.000 Fans vorab kostenfrei das Werk durchhören können. Die Reaktionen schwanken zwischen fantastisch und fanatisch.

„Als die Scheibe rauskam, waren wir doch ein bisschen nervös“, gesteht Kirk Hammett die Unsicherheit, ob man nicht über das Ziel hinausgeschossen sein könnte. „Ich konnte schwer einschätzen, wie die Leute das neue Material finden werden, weil es ja schon etwas anders war.“ Das schwarze Album erobert die Spitze der amerikanischen Billboard Charts und weigert sich einen Monat lang beharrlich, diesen Platz wieder zu verlassen. „Hätte mir zu KILL ’EM ALL-Zeiten jemand gesagt, dass sich mal eine Scheibe von uns innerhalb eines Jahres weltweit neun Millionen mal verkaufen würde, hätte ich gefragt, welche Drogen der Typ nimmt“, lacht Lars Ulrich angesichts des Erfolgs, der alle Überwartungen übertrifft. „Sind wir doch mal ehrlich: Nicht viele haben das dieser Band zugetraut.“ Seit Einführung des Nielsen SoundScan-Systems in den USA hat sich keine Platte besser verkauft. Bis Mitte 2021 werden knapp 17 Millionen Einheiten abgesetzt. Dagegen finden weder The Beatles, Eminem, Shania Twain, Backstreet Boys, Linkin Park, Alanis Morissette, Bob Marley oder Whitney Houston ein Mittel. Kritik am Stilwechsel hin oder her: METALLICA ist in der Gesamtbetrachtung einer der größten Brocken der weltweiten Musikgeschichte. „Ich hatte längst nicht den Weitblick bezüglich dieses Albums wie Lars“, gibt Frontmann James Hetfield unumwunden zu. „Ich wusste, dass wir ein paar coole Songs hatten, aber das war es auch. Nach der Veröffentlichung hat sich für uns sehr viel geändert, die Bedeutung von Metallica stieg enorm, Lieder wie ‘Enter Sandman’, ‘The Unforgiven’ oder ‘Nothing Else Matters’ kamen hervorragend an und machten uns weltweit bekannt. Das schwarze Album hat unser Leben verändert.“

MATTHIAS WECKMANN

„ICH KAM BEI ‘THE UNFORGIVEN’ MIT EINEM RECHT KOMPLEXEN SOLO AN, AUF DAS ICH SEHR STOLZ WAR – UND ALLE HASSTEN ES.“

KIRK HAMMETT

MUSIKERKOMMENTARE

Bei vielen Metal-Musikern gilt METALLICA als besonders wichtiges und einflussreiches Album, einige andere blicken zwiegespalten auf die Veröffentlichung zurück. Lest hier ausgewählte Meinungen direkt aus der Szene.

JOHN BUSH (ARMORED SAINT)

Mein erster Gedanke war, dass Metallica mit dieser Scheibe in Verkaufszahlen von Pop-Künstlern vorstoßen könnten. Mit dem schwarzen Album separierten sich Metallica von allen anderen Bands. Der Sound hält dem Test der Zeit absolut stand, ich habe die Scheibe erst vor ein paar Tagen wieder aufgelegt. Ich bin mir nicht sicher, ob jede Nummer höchsten Qualitätsansprüchen genügt, aber insgesamt ist das mit Sicherheit eine der besten Hard Rock- und Heavy Metal-Platten aller Zeiten. ‘Wherever I May Roam’ ist mein absoluter Favorit, Killer-Riff, super Vibe. James’ Gesang ist absolut mächtig. Und, klar: Bob Rock dokumentiert, warum er zehn Jahre lang unangefochten die Nummer eins als Rock-Produzent war. Wir haben alle gehofft, dass wir ab diesem Zeitpunkt mit unseren Bands ähnliche Verkaufszahlen erreichen könnten – aber seien wir ehrlich: Nur Metallica haben das geschafft.

NICK HOLMES (PARADISE LOST)

Selbst wenn einem beim ersten Hören direkt der kommerzielle Faktor auffiel, musste man zugeben, dass die Produktion absolut top ausfällt und es immer noch heavy klingt. Ich hatte ein ähnliches Gefühl, als ich zum ersten Mal NEVERMIND von Nirvana hörte. Es gab genügend Futter für die Metal-Fans, öffnete aber auch Pop- und Rock-Fans die Türen, speziell ‘Enter Sandman’. Dennoch glaube ich, dass METALLICA sowohl einige der besten, als aber auch schlimmsten Metallica-Lieder beinhaltet. Meine persönlichen Lieblinge sind ‘The Unforgiven’, ‘Nothing Else Matters’ und ‘Wherever I May Roam’. Neben EMPIRE von Queensrÿche und THE DIRT von Alice In Chains setzte das schwarze Album den klanglichen Maßstab für alle Metal-Scheiben, welche im Anschluss in den Neunziger Jahren erschienen sind.

MARTIN MOTNIK (ACCEPT)

Mir war direkt klar, dass METALLICA ein Hit wird. Die Songs klingen heavy, aber deutlich kommerzieller. Diese Scheibe hat sich als eine der wichtigsten Platten der Rock-Musik, wenn nicht sogar des Musik-Genres im Allgemeinen, etabliert. Metallica veröffentlichten zum richtigen Zeitpunkt einen Klassiker. Als Bassist gefällt mir ‘My Friend Of Misery’ besonders gut, Jasons melodisches Intro ist toll gespielt. Metallica erwiesen dem Metal mit dieser Scheibe einen riesigen Dienst. Das schwarze Album ist meiner Meinung nach das Pendant zum weißen Album der Beatles.

MAIK WEICHERT (HEAVEN SHALL BURN)

Von den Drums war ich direkt beim ersten Hören weggeballert – ebenso wie von den ersten vier, fünf Riff-orientierten Liedern, das war schon fett. Und der Bass hat auch gedrückt. Hetfield liefert eine tolle Leistung ab. Das Gemecker der alten Thrasher konnte ich nicht verstehen, wobei ich das Coverartwork damals schon komplett scheiße fand. Für mich ist das die letzte Metallica-Scheibe, die das Zeug zur Legende hatte. Das schwarze Album hat den Metal richtig in den Mainstream geboostet. Musikalisch sind die Impulse für die Szene hingegen eher überschaubar. Wenn man wissen will, wie man eine gute Metal-Ballade schreibt, kommt man aber seit 1991 an ‘The Unforgiven’ und ‘Nothing Else Matters’ nicht vorbei.

BRIAN „HEAD“ WELCH (KORN)

Zuvor hatten Metallica schon viele Asse aus dem Ärmel gezogen, und jetzt war es an der Zeit, sich ein wenig zurückzulehnen. Es ist ganz klar ein simplerer Ansatz, aber das Songwriting repräsentiert dennoch absolute Weltklasse. Das schwarze Album ermöglichte vielen Rock- und Metal-Künstlern erst, vom Mainstream akzeptiert zu werden. Korn hätten ohne diese Scheibe beispielsweise niemals so viel Erfolg haben können. ‘The Unforgiven’ ist meine absolute Lieblingsnummer, auch das Video fällt künstlerisch wertvoll aus. Mit ‘Enter Sandman’ kam ich hingegen überhaupt nicht klar. Mit meinen zwanzig Jahren fand ich das im Vergleich zu ihren früheren Werken einfach zu „nett“. METALLICA ist zwar definitiv nicht meine Lieblingsscheibe von Metallica, aber die Produktion klingt auch heute noch super. Bob Rock hat einen perfekten Job abgeliefert.