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„Schwarze Puppen gab es in unserer Kita nicht“


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Leben & erziehen - epaper ⋅ Ausgabe 11/2021 vom 28.10.2021

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Bildquelle: Leben & erziehen, Ausgabe 11/2021

Unser TITEL THEMA

Mama, ich möchte nicht braun sein.“ Monas Sohn war gerade vier Jahre alt, als er diese Worte zu ihr sagte. Sie saßen im Auto, auf dem Rückweg von der Kita. Für die Mutter brach in diesem Moment eine Welt zusammen.

Mona stammt aus Polen, die Eltern ihres Mannes aus Deutschland und dem Senegal. Bei der Suche nach der richtigen Kita für ihr erstes Kind entschieden Mona und ihr Mann sich bewusst für eine Einrichtung, die das Thema Vielfalt als Leitbild hatte. „Mein Mann ist in seiner Kindheit selbst sehr oft mit Rassismus konfrontiert worden und hatte deswegen bei der Auswahl der Kita konkrete Vorstellungen“, erklärt Mona. „Die Kita, für die wir uns schließlich entschieden haben, hat das Thema Vielfalt gelebt, keine Frage!“ Mona berichtet, dass es viele Kinder mit verschiedener Herkunft in der Gruppe gab. Die Leiterin selbst war Brasilianerin. „Sie war sehr bemüht, wichtige Themen wie ...

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... Toleranz und Diversität durch Bücher und ‚literarische Reisen um die Welt‘ aufzugreifen.“ Einen Vorwurf an die Einrichtung möchte Mona deshalb keinesfalls aussprechen. Und dennoch weiß sie: „Es sind offensichtlich Dinge vorgefallen, die meinen Sohn verunsichert haben.“

Kinder lernen rassistische Strukturen sehr früh

Mona schaute sich gemeinsam mit der Kita-Leitung das Umfeld genauer an, in dem sich ihr Sohn täglich sechs Stunden oder länger auf hielt. „Mir ist schnell aufgefallen, dass es gar keine Puppen oder andere Spielfiguren mit dunkler Haut in der Kita gibt.“ Und als die Kita-Leiterin diese dann anschaffen wollte, war das gar nicht so einfach: „Überhaupt einen Anbieter zu finden erwies sich als Herausforderung“, erinnert sich Mona.

Als Monas Sohn in die Vorschule kam, wiederholte sich die Situation in einer ähnlichen Variante: „Es gibt auf dieser Schule Kinder mit sehr unterschiedlichem Aussehen. Und trotzdem kommt mein Sohn in der ersten Woche nach Hause und erklärt mir, dass der beige-rosafarbene Stift aus seiner Federtasche die ‚Hautfarbe‘ sei.“ In diesem Moment hat Mona sich selbst vor der Erkenntnis erschrocken: „Da erst wurde mir klar, dass es heute noch immer den Kindern genauso beigebracht wird. Ob in der Kita oder in der Schule: Es ist eine Aussage, die eine Autoritätsperson dem Kind gegenüber macht, dieser Farbton heißt Hautfarbe, andere Möglichkeiten werden nicht angeboten. Kein Wunder, dass sich mein Kind da fragt: Was ist mit der Farbe meiner Haut? Warum ist sie nicht normal?“

„Wenn ich vorkomme, bin ich ein Problem“

Unsere Expertin

Olaolu Fajembola

… ist Kulturwissenschaftlerin und Mutter einer Tochter. Zusammen mit der Psychologin Tebogo Nimindé-Dundadengar hat sie den Elternratgeber „Gib mir mal die Hautfarbe“ geschrieben, der von ihren eigenen Erfahrungen berichtet und Rassismen im Kopf von Kindern aktiv entgegenwirken möchte.

Neben der Auswahl der Spielsachen und der Bezeichnung der Stiftfarben sind auch Bilderbücher in Betreuungseinrichtungen und Kinderzimmern ein Thema, bei dem schwarze Kinder nicht annähernd ausreichend repräsentiert sind, weiß Olaolu Fajembola. Sie bietet Anti-Rassismus-Trainings an und hat zusammen mit der Psychologin Tebogo Nimindé-Dundadengar den Onlineshop Tebalou gegründet, der Spielwaren für Kinder in einer diversen Gesellschaft vertreibt. Dazu gehört auch eine große Auswahl an Bilderbüchern, in denen Kinder verschiedenster Hautfarben im Mittelpunkt stehen – und zwar auch dann, wenn die Geschichte selbst sich nicht um das Thema Hautfarbe, Ablehnung oder Ausgrenzung dreht.

„Schwarze Kinder lernen aus Bilderbüchern leider viel zu oft: Wenn ich vorkomme, dann bin ich ein Problem“, gibt Olaolu Fajembola zu bedenken. „Dabei sind wir mit den Banalitäten des Alltags genauso konfrontiert wie weiße Familien. Wenn es um eine simple Sache geht wie ‚Max lernt aufs Töpfchen zu gehen‘ oder ‚Mein erster Tag in der Kita‘, dann sind die Kinder in den Bil-derbüchern nicht schwarz. Dabei möchte ich natürlich auch die Möglichkeit haben, ein Buch auszusuchen, das mein Kind repräsentiert.“ Doch diese Möglichkeit gibt es kaum. Und so wundert es nicht, dass Kinder wie Monas Sohn im Umfeld ihrer Kita oder später in der Schule immer das Gefühl behalten, anders zu sein.

Schwarz, weiß und einiges dazwischen

Kinder wollen sich, ihre Familien und ihre Freunde so malen können, wie sie wirklich aussehen. Dabei helfen diese Buntstifte: Zwölf nachhaltige, unterschiedliche Hautfarben-Stifte, mit pädagogischer Empfehlung. 12,50 Euro, sobuntistdeutschland.de

Wie spreche ich mit meinem Kind?

Wie aber rede ich über Dinge wie diese mit meinem Kind? Wie erkläre ich ihm, dass es da etwas gibt, dass sich Rassismus nennt, und was das bedeutet? Einen ersten, recht einfachen Schritt empfiehlt Olaolu Fajembola allen Familien: „Normalisieren wir das Gespräch über Hautfarbe!“, wünscht sich Olaolu Fajembola. „Wir sprechen mit unseren Kindern über die menschlichen Organe, über die Zähne, die Zunge – über alles rund um den Körper. Aber nicht über Hautfarbe. Dabei ist es einfach: Wir können unseren Kindern erklären, dass es in unserem Körper einen Stoff namens Melanin gibt. Und je mehr wir davon in unserem Körper haben, desto dunkler ist unsere Haut. Das ist eine Beschreibung, die Kinder verstehen – und so machen wir es ja mit allen anderen Körperteilen auch.“ Die Kulturwissenschaftlerin empfiehlt, dabei immer mit der eigenen Hautfarbe anzufangen: „Innerhalb einer weißen Familie gibt es ja auch ganz verschiedene Variationen.“

Das Wort Rassismus auszusprechen und zu erklären ist ein nächster unverzichtbarer Schritt – auch wenn wir Eltern dazu neigen, unsere Kinder vor vermeintlich schwierigen Themen schützen zu wollen: „Wir Eltern lernen sehr früh: Rassismus ist schlecht, Rassismus ist böse. Und das ist alles, was wir darüber lernen. Jedes Verhalten in diese Richtung muss schnell weggedrückt werden. Gerade für Kinder, die selbst betroffen sind, ist es aber total wichtig zu lernen, es gibt da etwas, das heißt Rassismus. Und das hat nichts mit mir zu tun. Diese Bemerkung, die Beleidigung, das Verhalten der anderen Kinder – daran bin ich nicht schuld. Deshalb ist es so wichtig, mit Kindern Gespräche über Rassismus zu führen.“

Mona hat viele dieser Gespräche geführt. Nicht nur mit ihrem Sohn, sondern auch mit den Lehrkräften an der Schule, mit der Kita-Leitung und mit befreundeten Eltern. Online hat sie eine Petition ins Leben gerufen: Benutzt nicht das Wort ‚Hautfarbe‘ für Beige- Rosa. „Das sind kleine Schritte“, weiß Mona, „aber wahnsinnig wichtige. Und ich bin froh und dankbar für jeden, der sie mitgeht.“

Jedes Jahr am 16. November erinnert die UNESCO mit dem internationalen Tag der Tolarenz an jene Regeln, die ein menschenwürdiges Zusammenleben der unterschiedlichen Kulturen und Religionen auf unserem Planeten ermöglichen. Der Gedenktag geht auf den 16. November 1995 zurück: An diesem Tag unterzeichneten 185 Mitgliedstaaten der UNESCO die Erklärung der Prinzipien zur Toleranz.