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Schwarze Untergrundkämpfer


Metal Hammer - epaper ⋅ Ausgabe 8/2021 vom 14.07.2021

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Mayhem sind die resistenten Kellerasseln des norwegischen Schwarzmetalls, der die harte Musik vor mittlerweile bereits drei Jahrzehnten nachhaltig revolutionierte. Mittlerweile hat sich dieser Stil, der noch immer Europas Norden dominiert, weltweit etabliert. Im Gegensatz zu vielen ihrer musizierenden Landsleute, die als gelangweilte Wohlstandskinder einer saturierten Mittelschicht gegen Norwegens geordnete Uniformität rebellierten, stammen die meisten Mitglieder von Mayhem aus der Arbeiterklasse und den schmuddeligen Ecken von Oslo.

Die Krake mit fünf Gehirnen

„Uns hat niemand jemals etwas geschenkt“, knurrt Bassist Jørn „Necrobutcher“ Stubberud in der Konferenzschaltung, während er mit Sonnenbrille auf seiner Terrasse den Frühsommer in Norwegens Hauptstadt genießt. „Aber ich habe wohl das ein oder andere richtig gemacht, wenn ich sehe, wo Mayhem jetzt stehen.“ Mit diesem Satz unterstreicht ...

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... Necrobutcher seinen Führungsanspruch. Dieser resultiert nicht nur aus dem Umstand, dass Jørn neben dem am 10.

August 1993 ermordeten Gitarristen Øystein Aarseth aka Euronymous und Schlagzeuger Manheim zu den Gründungsmitgliedern der Band zählt. „Dass Øystein im Nachhinein so berühmt geworden ist, liegt vor allem daran, dass Vikernes ihn umgebracht hat“, fügt der Bassist ungnädig hinzu. „Wir waren wie Yin und Yang, wobei ich mich darum gekümmert habe, Mayhem am Laufen zu halten.“ Zuletzt produzierte Necrobutcher fette Schlagzeilen mit der Aussage, dass er ebenfalls auf dem Weg gewesen sei, Euronymous zu töten. „Da hat mich die Presse mal wieder viel zu wörtlich genommen“, rudert der Norweger zurück.

„Ich wollte damit nur sagen, dass ich damals verdammt wütend auf Øystein war. Es gab viele Gründe, aber der letzte Strohhalm war erreicht, als er Vikernes hinter meinem Rücken anheuerte – was bekanntlich böse endete.“ Interner Streit war und ist bei Mayhem der Normalzustand. Die Band scheint den Dauerkrach regelrecht als Lebenselixier zu brauchen. „Bei Mayhem läuft alles noch genauso wie vor zwanzig Jahren“, gibt deren ehemaliger Frontmann Maniac alias Sven-Erik Kristiansen in einem anderen Gespräch zu Protokoll. „Die Band ist wie eine Krake. Doch die kontrolliert ihre acht Tentakel mit einem Hirn in der Mitte, während bei Mayhem in jedem Tentakel ein eigenwilliges Gehirn steckt, das aber im Kopf fehlt.“ Maniac wurde ebenso wie sein Vorgänger Messiah aka Eirik „Billy“ Norheim für jeweils eine der drei Punk-Cover-Versionen auf ATAVISTIC BLACK DISORDER /KOMMANDO reaktiviert. Gitarrist Ghul alias Charles Hedger, der seinen eigenen Worten zufolge bereits bei Cradle Of Filth Erfahrungen mit einer dysfunktionalen Band sammeln durfte, stößt ins gleiche Horn: „Es ist eigentlich unlogisch, dass diese Band funktioniert, denn ihre Mitglieder streben grundsätzlich in unterschiedliche Richtungen – aber irgendwie schafft sie es“, stellt Charles fest, weist aber auch auf die positive Kehrseite hin: „Wir treten mittlerweile wieder mehr als eine Einheit auf, was nach dem Abgang von Blasphemer lange nicht der Fall war. Es ging ein spürbarer Ruck durch diese Band, und wir sind bei allen Streitigkeiten zumindest allesamt stolz darauf, was wir aktuell im Studio und auf der Bühne abliefern.“

Schwarzer Block

Tatsächlich gibt es derzeit sogar ein Thema, bei dem sich die gesamte Band überraschend einig ist: Punk. Auf Mayhems aktueller EP werden Anarcho-Schwergewichte wie Dead Kennedys, Discharge oder Ramones gecovert. „Letztlich bin ich wohl schuld daran“, meldet sich Schlagzeuger Hellhammer zu Wort. „Ich war im Studio deutlich schneller fertig als geplant. Um keine Zeit zu verschwenden, sind wir auf die Idee gekommen, dass sich jeder von uns zwei Songs zum Covern aussuchen sollte. Punk hat uns früher sehr beeinflusst. Punker waren Underdogs, wir auch. Punker waren gegen den Staat, wir auch.“ Auf die Idee, ihre alten Sänger Maniac und Messiah für einen Gastauftritt wieder auszugraben, kam Necrobutcher – nach eigenen Angaben beim ersten Anhören der Cover-Versionen. Beide waren laut seinen Worten sofort Feuer und Flamme für den Vorschlag. „Es hat riesigen Spaß gemacht, ‘Hellnation’ einzusingen”, stimmt Maniac zu.

„Es ist eigentlich unlogisch, dass diese Band funktioniert, denn ihre Mitglieder streben grundsätzlich in unterschiedliche Richtungen.“

Charles „Ghul“ Hedger

„Jetzt kommen bestimmt wieder irgendwelche Deppen aus ihren Löchern um rumzuheulen, dass eine Black Metal- Band keinen Punk spielen darf. Tja, Pech gehabt, Kinder – wir haben damals bei Euronymous auch immer viel Punk gehört, denn er besaß all die klassischen Alben.“ Sänger Attila Csihar hätte dagegen tatsächlich gute Gründe, sich zu beschweren, denn er erfuhr erst hinterher von den Gasteinsätzen. „Als ich die Coversongs endlich zu hören bekam, war ich auf Anhieb von Maniacs und Messiahs Beiträgen begeistert“, gibt der Ungar zu Protokoll. „Und so gerne ich auch den Song von meinem Freund Jello Biafra eingesungen hätte – ich muss mir nun wirklich nichts mehr beweisen. Außerdem trifft niemand den Tonfall der Dead Kennedys so perfekt wie Sven-Erik.“ Die Verbindungen zwischen der Black Metal-Szene und Punk waren speziell in den Anfangstagen in Oslo enger, als es die spätere Legendenbildung wahrhaben will. So befand sich Euronymous’ kultiger Plattenladen Helvete inmitten von besetzten Häusern, und die Untergrund-Clubs der Punk-Szene boten dem schwarzen Metal-Nachwuchs erste Auftrittsmöglichkeiten. „Wir sind früher auch oft zu Punk- Konzerten gegangen“, erinnert sich Necrobutcher. „Da haben deutsche, englische und sogar amerikanische Bands vor 150 Leuten gespielt. Das hat uns auf die Idee gebracht, dass wir das umgekehrt genauso machen können. Wir sind billig losgezogen und haben wie die Punker nach den Konzerten in den Läden oder in Bruchbuden gepennt.“

Vor Kurzem tauchte Jørn zur Freude des dort seit Jahrzehnten arbeitenden Barkeepers sogar wieder im Osloer Autonomentreff Blitz auf. Dem Bassisten waren Originalbänder der DEATHCRUSH EP aus dem Jahr 1987 telefonisch zum Verkauf angeboten worden. „In ganz Oslo war kein Tonbandgerät mehr aufzutreiben, aber dann fiel mir ein, dass im Blitz noch eins steht“, erzählt Necrobutcher.

„Dort stellte sich heraus, dass es sich tatsächlich um das Duplikat der Originalaufnahme handelte. Obwohl es eigentlich sowieso mein Eigentum war, denn ich hatte die Aufnahmen aus meiner Tasche bezahlt, bin ich mit der Frau handelseinig geworden.“ Wie die Kopie in die Hände der Vorbesitzerin gelangt waren, konnte der Norweger auch rekonstruieren: Euronymous hatte das Band über seiner Zimmertür angenagelt und es dort bei seinem Umzug in eine neue Wohnung vergessen.

Während sich Necrobutcher mental auf den Nachfolger seines Buchs ‘The Death Archives: Mayhem 1984-94’ vorbereitet, berichten die anderen Band-Mitglieder von zahlreichen Nebenprojekten: Attila übernahm unter anderem aktuell den Part des Hunding in David Kanagas COVID-Oper ‘Soft Valkyrie’ – einer Podcast-Adaption von Richard Wagners ‘Die Walküre’. Außerdem hat der Ungar an dem rituellen Kunstprojekt ARA der Volksbühne Berlin in der ihm auf den Leib zugeschnittenen Rolle eines Priesters teilgenommen. Auch Hellhammer zog es zuletzt nach Berlin, um dort mit der Sängerin Adda an dem Projekt Mord (zuvor Mørd) zu arbeiten, an dem auch Ex-Dimmu Borgir-Keyboarder Mustis, Arcturus-Gitarrist Knut Magne Valle und Troll-Bassist Nagash beteiligt sind. Ghul möchte Instrumentalaufnahmen „aus seinem Schlafzimmer“ unter dem Titel SCRATCHES herausbringen und endlich ein SF-Electro-Projekt auf Tonträger bannen, das schon seit Langem in seinem Kopf rotiert. Ginge es nach dem Willen seines Gitarristenkollegen Teloch, würde Charles mehr Material für Mayhem komponieren, damit ihm selbst mehr Zeit bleibt, endlich mit einem neuen Niding-Werk voranzukommen. Dazu müsste Teloch aber wohl weniger Gitarren-Podcasts auf diversen Videokanälen unter die Leute bringen, zumal er unter dem Etikett Lucifær auch noch eine Klamottenlinie offeriert. Selbst Gastsänger Maniac kündigt ein neues „Doom Noise Wagner Black Metal Projekt“ mit einem japanischen Perkussionisten an. Die Tentakel streben mal wieder in alle möglichen Richtungen, aber irgendwann wird Necrobutcher als das schwarze Herz der Band dem renitenten Monster Mayhem erneut den Takt vorgeben.

GUNNAR SAUERMANN