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Schwarzwalduhren mit Figuren


Trödler - epaper ⋅ Ausgabe 9/2019 vom 14.08.2019

mechanische automaten brachten im 19. Jahrhundert groß und Klein zum Staunen – ob auf Volksfesten, auf Jahrmärkten oder im Kuriositätenkabinett. in der Sonderausstellung „tick tack trick“ im deutschen uhrenmuseum Furtwangen haben die kleinen Figuren der Schwarzwälder automatenuhren noch bis zum 3. november einen großen auftritt.


Figurenuhren

Früher waren Automatenuhren als Spielereien den Herrscher- und Adelshäusern vorbehalten. Allmählich aber fanden sich die Figurenautomaten dann auch auf Drehorgeln oder in Musikuhren, um das gemeine Volk zu ergötzen. Die meisten Figurenuhren stammten aus dem ...

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Bildquelle: Trödler, Ausgabe 9/2019

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... Schwarzwald. Hier gab es jedoch viel Konkurrenz. Um sich abzuheben, wandten sich erfinderische Uhrenmacher dem Automatenbau zu. In diesen Uhren bewegt eine meist simple Mechanik verschiedene Figuren im Pendeltakt oder führt beim Stundenschlag eine kleine Geschichte auf. Als Sujets waren vor allem volkstümliche Figuren beliebt: Tanzbären, Akrobaten, Messerschleifer oder Trinker. Manchmal kamen aber auch ganz drastische Szenen auf die Bildfläche – etwa ein Scharfrichter, der seines blutigen Amtes waltet.

„uhren, auf welchen ein Kapuziner Bruder alle Stunde läutet.“ so beschreibt Pater Steyrer aus St. Peter 1796, damals typische Figurenuhren. Selten erhaltene musikuhr mit glasglockenspiel, Johann wehrle, neukirch, ende 18. Jahrhundert


Flanierende damen und herren auf ihrem laufteller, der durch den rhythmus des Pendels bewegt wird. detail einer lackschilduhr, Schwarzwald um 1860


Oben von links nach rechts: zur vollen Stunde bewegen sich die musikanten mit der Flötenmelodie. die Stadtansicht zeigt Furtwangen kurz vor 1840. Flötenuhr mit Figuren, Schwarzwald um 1840


im takt des Pendels bewegt dieser mann seine augen, jede Stunde „schnappt“ er. lackschilduhr mit augenwender und Schnapper, Schwarzwald um 1850


durch das Pendel in gang gesetzt, reitet der „Schneider“ auf einem „ziegenbock“ hin und her. lackschilduhr mit automat. werk sign. J. Bäuerle, Furtwangen, um 1860


rechts: drei Figuren schlagen viertel, halbe und volle Stunden auf den glocken, für die Stadt zu ihren Füßen. lackschilduhr von martin wehrle, wohl St. märgen um 1810


lackschilduhren

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts waren bunte Lackschilduhren der Exportschlager des Schwarzwalds. Auch diese wurden manchmal mit beweglichen Figuren ausgestattet. Dabei orientierte man sich meist an althergebrachten Szenen. Ab 1850 wurden die Lackschilduhren dann zunehmend von den neuartigen Regulatoren und Rahmenuhren verdrängt. Und so meldet ein Text von 1873: „Diese einst so beliebten Figurenuhren waren […] ganz aus der Mode gekommen.“

trompetenuhren

1854 erschien ein Versepos von Joseph Victor von Scheffel: „Der Trompeter von Säckingen“. Angeregt davon soll der Furtwanger Maler Johann Baptist Kirner vorgeschlagen haben, nun auch Uhren mit Trompetenklang zu bauen – so heißt es zumindest in einer Legende. Der Furtwanger Uhrmacher Jacob Bäuerle stellte 1858 dann eine erste Uhr vor, bei der die vollen Stunden nicht mit Glocke oder Kuckuck, sondern mit einem Trompetersignal angezeigt wurden. Auf der Gewerbeausstellung in Villingen wurde er dafür mit einer Silbermedaille ausgezeichnet, obwohl der Klang seiner Uhr im Vergleich zum hohen Preis nicht gerade überzeugte. Die Erzeugung von Trompetenklang mittels Automat war jedoch schwierig. Noch 1873 brachte „die Herstellung [der Trompeteruhren] so viele Schwierigkeiten mit sich, daß sich bis jetzt nur 2 Geschäfte damit befassen. Es sind dies: J. Bäuerle und Em. Wehrle und Comp., beide in Furtwangen“ heißt es in einem alten Dokument. Und auch die Militärbegeisterung im wilhelminischen Kaiserreich brachte der Trompeteruhr keinen Erfolg. Die Herstellung war einfach zu kniffelig und so blieb sie ein Nischenprodukt.

zwei turner. Bewegliche Figuren sind auch thema der diesjährigen Sommerwerkstatt: noch bis 3. September können Kinder jeden dienstag solche fröhlichen akrobaten selbst bauen und trainieren


immer wieder tauchen neue gegenstände unter den hütchen auf. der „hütchenspieler“ fasziniert bis heute mit seinen tricks. Stutzuhr mit hütchenspieler, Schwarzwald um 1870


„Scherenschleifer“ einer typischen Schaufensteruhr. mit dem Fuß bedient er den Schleifstein und schärft in regelmäßigen abständen die Klinge. werk signiert i. B., Schwarzwald um 1890


drehorgeln mit Figuren

Figuren von Schwarzkünstlern, Scharfrichtern, Artisten, fahrendem Volk und Napoleon schmücken auch die Drehorgeln im 18. und 19. Jahrhundert. Zum Einsatz kamen diese Musikorgeln auf Volksfesten, Messen und Jahrmärkten, um die Besucher anzulocken und zu erfreuen. Manche dienten auch als Fenster in die weite Welt. Denn die umherziehenden Bänkelsänger brachten Neuigkeiten aus nah und fern, oft als Moritaten und als Lieder mit vielen Strophen. Besonders geeignet zur musikalischen Untermalung waren Drehorgeln, mit denen man die Melodie beliebig oft wiederholen konnte. Einige der Instrumente besaßen auch eine kleine Bühne mit Figuren, die sich zur Musik bewegen konnten. Meist sah man hier Charaktere aus dem Volkstheater – etwa den Wein trinkenden König oder salutierende Soldaten. Manchmal gab es aber auch Anspielungen auf zeitgeschichtliche Ereignisse: So gab es nach Napoleons Tod allerlei Gerüchte über seine erneute Wiederkehr. Auf einer Drehorgel wurde dies dramatisch dargestellt, indem sich die Figur des französischen Kaisers aus einem Sarg erhebt. Derartige Figuren-Drehorgeln entstanden in Zusammenarbeit zwischen Instrumentenbauern und Schnitzern. So bezog zum Beispiel die Waldkircher Orgelbaufamilie Bruder ihre Figürchen vom Holzschnitzer Fidel Heer aus Vöhrenbach, der auch Figuren für Uhren fertigte.

Schaufensteruhren

Ab Mitte des 19. Jahrhunderts wurden im Schwarzwald vermehrt Tischuhren hergestellt. Waren die Wanduhren durch Gewichte in Gang gehalten worden, so wirkten in den Tischuhren nun Federn als Antriebskraft. Wie den Lackschilduhren fügte man auch den Tischuhren mancherlei Figuren hinzu, jedoch mit einem entscheidenden Unterschied: Die Bewegungen der Figuren war, anstatt nur eine Beigabe zur Uhr zu sein, nun die eigentliche Hauptattraktion. Diese Automatenuhren waren vor allem interessante Schaustücke, als dass sie tatsächlich als Uhren dienten, und wurden als „Schaufenster- Uhren“ bezeichnet. Die ersten dieser Automatenuhren wurden 1858 in Villingen präsentiert. Neben den traditionellen Szenen wie der „Scherenschleifer-Automat mit Uhr“ gab es bald auch ganz neue Motive, etwa ein „Affe, welcher sich rasirt“, eine „TheeGesellschaft“ oder „Ringkämpfer“. Die bis heute wohl bekannteste Schaufenster-Uhr dürfte jedoch der „Knöpflefreßer“ sein, um dessen Entstehungsgeschichte sich zahlreiche Legenden ranken. Schaufenster-Uhren wurden noch bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts produziert. Dann wurde der Wechsel der Moden zu schnell, als dass sich die teuren Uhren noch als Dekoration gerechnet hätten.

eine der ältesten erhaltenen Kuckucksuhren aus dem Schwarzwald. gebaut von Johannes wildi, eisenbach um 1780


aufwändig geschnitzte Kuckucksuhr, mit adler und Vogelnest, Schwarzwald, um 1900


„Knöpflefresser“ oder „ Kartoffel-esser“ auf einer Schaufenster-uhr. unaufhörlich isst er, doch die Schüssel leert sich nie. werk signiert i. B., Schwarzwald um 1890


rahmenuhren

In den 1840er-Jahren geriet die Schwarzwälder Uhrmacherei in eine Krise. „Die Hauptursache“, so urteilte Regierungsdirektor Kern 1844, „liegt ganz unzweifelhaft in dem eigensinnigen Festhalten am Althergebrachten, indem die Schwarzwälder Uhrmacher von den seitherigen Fortschritten der Kunst gar keine Notiz nehmen und ihren Wanduhren noch die nemliche geschmacklose Form und Gestalt geben, wie vor einem halben Jahrhundert“. Doch langsam entstanden neue Uhren-Typen, zum Beispiel die „Rahmenuhren“. Statt des bunt bemalten, aber ungeschützten Holzschilds besitzen sie einen Bilderrahmen mit einem Glas. Darunter befindet sich neben dem Ziffernblatt ein geprägtes Messingschild oder ein Gemälde auf Blech. Manchmal wurde das Glas auch von hinten bemalt oder bedruckt. Ganz besonders eindrücklich waren die sogenannten „Augendreher“. Bei einer menschlichen Figur oder einer Tierfigur wurden dafür die Stellen der Augen im Blech ausgeschnitten und sodann dahinter kleine Kugeln angebracht, die sich durch eine Verbindung mit dem Pendel hin und her bewegen.

amerikaneruhren

Im Schwarzwald kam es ab den 1870er- Jahren zu einem massiven Strukturwandel. Während die herkömmlichen Unternehmen zunehmende Absatzprobleme hatten, stellten neue, schnell wachsende Uhrenfabriken sogenannte „Amerikaneruhren“ her. Produziert wurde in Serie mit Hilfe von speziellen Maschinen. Die einzelnen Teile der Uhr waren somit austauschbar. Dies betraf nicht nur die Uhrwerke selbst. Dank standardisierten Gehäusen konnten auch unterschiedliche Zifferblätter verbaut werden. Insbesondere die „Babywecker“ wurden zum weltweiten Exportschlager. Mittels einer verlängerten Achse konnte man auf einfache Art eine wippende oder eine drehende Bewegung auf dem Zifferblatt erzeugen. Die Szenen-Motive spiegeln auch den wilhelminischen Zeitgeist mit seinem Militarismus und dem Drang zur kolonialen Macht wider: Angeboten wurden etwa Wecker, auf denen Karten spielende Soldaten zu sehen sind, und es gab auch das kolonialistische Modell „Neger“ wahlweise auch als „Negerin“. Auch Motive vom Land waren beliebt – etwa Jäger, Mäher, ein Schneider auf dem Geißbock oder eine Kuckuck-Schar.

Kuckucksuhren

Schon Mitte des 18. Jahrhunderts bauten einige Werkstätten dann Kuckucksuhren aus Holz. Ihre Gehäuse folgten dabei der allgemeinen Stilentwicklung: von Papierüber Lackschild bis hin zu den Kastenund Rahmenuhren. Von außen unterschieden sich die Kuckucksuhren lediglich durch das Türchen von anderen Schwarzwälder Uhren. Aufgrund ihrer Zusatzfunktion waren sie deutlich teurer als die einfachen Modelle mit Stundenschlag. Bis Mitte des 19. Jahrhunderts blieben Uhren mit dem typischen Kuckucksruf vorerst Nischenprodukte. Erst in den 1850er-Jahren zog der Kuckuck um in das bis heute bekannte „Bahnhäusle“. Dank der so einfachen wie stimmigen Gehäuseform mit dem Türchen unter dem Dachgiebel entwickelte sich die Kuckucksuhr dann innerhalb weniger Jahre zum beliebten Kassenschlager. Schon im Bericht über die Wiener Weltausstellung 1873 war zu lesen, „daß heute die Kuckucksuhr eine der gesuchtesten Schwarzwälder Uhren ist“. Und auch heute noch ist der Kuckuck in seinem Uhrenhäuschen ein weltweit beliebter und bekannter Botschafter des Schwarzwalds, der in alle Herren Länder exportiert wird und dort mit seinem typischen „Kuckuck“-Ruf verkündet, was die Stunde geschlagen hat.

informationen

TICK TACK TRICK, Schwarzwalduhren mit Figuren, Sonderausstellung noch bis 3. November 2019 im Deutschen Uhrenmuseum Furtwangen.www.deutsches-uhrenmuseum.de. Virtuelle Ausstellung unter:www.ausstellungen.deutsche-digitalebibliothek.de/figurenuhren.


Fotos: © Deutsches Uhrenmuseum Furtwangen