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„Schweigen zu Putin ist auch eine Botschaft“


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Sport Bild - epaper ⋅ Ausgabe 32/2022 vom 10.08.2022

OLYMPIA

Artikelbild für den Artikel "„Schweigen zu Putin ist auch eine Botschaft“" aus der Ausgabe 32/2022 von Sport Bild. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Sport Bild, Ausgabe 32/2022

Der mächtigste Sportfunktionär der Welt: 2013 wurde Thomas Bach (68) zum neunten Präsidenten des IOC gewählt. Am 10. März 2021 wurde er für vier weitere Jahre im Amt bestätigt

SPORT BILD: Herr Bach, Sie waren zuletzt bei der Kanuslalom-WM in Augsburg. Waren Sie schon mal im Wildwasser?

THOMAS BACH (68): Das ist lange her, war aber eine sehr kurze Erfahrung. Ich habe es einmal im Wildwasser und einmal im Becken versucht. Beide Male bin ich kläglich gescheitert.

Wie viel Sport lassen Job und Knochen noch zu?

Wenn ich nicht so ein Morgenmuffel wäre, hätte ich morgens um 6 Uhr schon die Zeit. Ich versuche dennoch, regelmäßig Sport zu treiben. Joggen ist problematisch wegen Fechterhüfte und Rücken, aber ich habe Powerhiking in den Bergen für mich entdeckt. Wenn ein Weg mit vier Stunden ausgeschrieben ist, möchte ich ihn in maximal zweieinhalb schaffen. Ich brauche Herausfor- derung, muss schwitzen, schnaufen, Erschöpfung fühlen. Natürlich ist es ein Ausgleich, auch geistig. Meine Mitarbeiter sind jedoch nicht so glücklich, wenn ich Sport mache, denn sie wissen: Da ...

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... kommt er dann immer mit seinen Ideen zurück.

In den vergangenen zwölf Monaten haben Sie zwei Olympische Spiele unter extremen Corona-Bedingungen durchgeboxt. Waren Sie irgendwann mal an dem Punkt, wo Sie sagten: Ich brauche eine Pause?

Nach Peking. Da hatte ich das Gefühl, ich brauche eine Pause, muss runterkommen. Das waren zwei Jahre voll mit Adrenalin, jeden Tag neue Herausforderungen. Ich hatte mir dann zehn Tage eingeplant. Aber aus den zehn Tagen sind 36 Stunden geworden. Montagnacht kam ich aus Peking zurück, Mittwochnachmittag um 16 Uhr habe ich einen Anruf aus der Ukraine bekommen, der mich vor der russischen Invasion gewarnt hat. Da war der Urlaub dann vorbei.

Haben Sie einen Versuch gestartet, diese Invasion zu verhindern?

Das liegt leider nicht in der Kraft des Sports. Ich habe das Beste getan, was wir tun konnten. Ich habe sowohl bei der Eröffnungsfeier der Winterspiele in Peking als auch bei der Schlussfeier an die Führer der Welt appelliert: „Gebt dem Frieden eine Chance.“ Haltet euch an das, was ihr selbst über den olympischen Waffenstillstand in einer UN-Resolution gesagt habt. Leider ist dieser Ruf ungehört verhallt.

Haben Sie den Krieg kommen sehen?

Wir haben schon vor der Eröffnungsfeier große Sorge gehabt, dass sich Russland auf diese Invasion vorbereitet. Insbesondere aus den USA sind ja fast täglich Nachrichten gekommen. Wir haben uns intern darauf eingestellt, dass es während der Spiele zum Krieg kommen könnte.

„Wir waren Gegenstand sehr ausgefeilter Cyberattacken, es hat Drohungen gegeben“

Sie galten lange als Freund Wladimir Putins.

Freundschaft wird von außen sehr schnell interpretiert. Wir haben mit Russland und Putin im Umfeld der Spiele 2014 sehr gut und sehr eng gearbeitet. Dort hat er auch auf unsere Forderungen reagiert. Ein Beispiel: das Recht der LGBTQ- Bewegung auf freie Meinungsäußerung.

Im Nachhinein war es nicht mehr effektiv: Der Einmarsch auf die Krim kam gleich nach Olympia, das Dopinglabor der Russen in Sotschi flog auf.

Die Manipulation des Anti- Doping-Systems hat das Verhältnis – diplomatisch gesagt – stark eingetrübt, insbesondere im Vorfeld der Winterspiele 2018. Dort waren wir Gegenstand sehr ausgefeilter Cyberattacken, es hat Drohungen gegeben. Teile der Attacken sind nach Aussage der Experten mit größter Wahrscheinlichkeit aus Russland gekommen. Zu einer Attacke haben sich auch die „Fancy Bears“ (eine Hackergruppe; d. Red.) bekannt. Das hat dann diese Beziehungen zur russischen Föderation und zum Präsidenten praktisch zum Erliegen gebracht.

Sie wollten trotzdem einen Weg finden, Russland in der olympische Familie zu halten. Haben Sie Russland zu oft die Hand gereicht?

Nein, es geht um die Athleten. Es geht um die Bestrafung derjenigen, die für etwas verantwortlich sind, und um den Schutz derjenigen, die nicht verantwortlich sind. Wenn sie alle über einen Kamm scheren, haben sie nie Gerechtigkeit. Dann kommen sie zu politischen Urteilen und setzen sich politischen Bewertungen aus, das hält der Weltsport nicht aus. Und das ist nicht unsere Aufgabe. Unsere Aufgabe ist es, sich um die Athleten zu kümmern. Und hier haben wir die russischen Athleten geschützt, sie zumindest unter neutraler Flagge starten lassen.

Wir fragen uns gerade, wer überhaupt auf russischer Seite bestraft wurde: Im IOC sitzen weiter zwei Mitglieder, es gibt zwei Ehrenmitglieder, das Nationale Olympische Komitee ist weiter Teil der Familie. Richtig hoch ist die Strafe nicht ausgefallen.

Es sind diejenigen bestraft worden, die für diesen Angriffskrieg verantwortlich sind: Das ist die russische Regierung. Hier haben wir alle internationalen Verbände erfolgreich aufgefordert, dass es keine internationalen Sportereignisse auf russischem und weißrussischen Boden geben soll. Wir haben diese Empfehlung herausgegeben, und die gilt. Gegenwärtig ist nicht die Zeit, diese Empfehlung aufzuheben und die Haltung aufzuheben. Wir empfehlen auch, keine russischen oder weißrussischen Athleten einzuladen: keine Hymnen, keine Flaggen, keine Farben. Und wir haben eine Entscheidung getroffen, erstmals in der Historie des IOC: Wir haben einen Orden aberkannt, den der russische Staatspräsident Putin 2001 erhalten hat.

„Erstmals in der Historie haben wir einen Orden aberkannt – den Putin 2001 erhalten hat“

Wenn Sie russische Sportler nicht pauschal bestrafen wollen, wie findet man da eine Lösung? Dürfen nur Sportler antreten, die sich gegen den Krieg und Putin positionieren?

Bei all der Beurteilung des Verhaltens jedes russischen Staatsbürgers, IOC-Mitglieds oder Sportlers müssen sie die Lage in Russland beachten: Dort gibt es ein Gesetz, dass jeder, der sich dort gegen den Krieg einsetzt, mit bis 15 Jahren Gefängnis bedroht ist. Wenn sie dann noch sehen, welchem Druck sich Einzelpersonen aber auch Organisationen ausgesetzt sehen, sich für den Krieg auszusprechen, dann kann man zu dem Schluss kommen, dass Schweigen auch eine Botschaft ist.

Was ist mit russischen Sportlern, die für diesen Krieg sind?

Ich bin den internationalen Verbänden dankbar, dass sie uns gefolgt sind. Dass Athleten, die den Krieg unterstützen, die mit dem infamen „Z“ auftreten oder werben, sanktioniert werden. Das ist so geschehen. Ansonsten sind wir im Moment in einem nicht lösbaren Dilemma: Unsere Aufgabe wäre eigentlich in so einer Situation, die Athleten zusammenzubringen. Und zu zeigen, es geht auch friedlich im Wettstreit. Aber hier sind wir in einer Situation, wo einige Regierungen die Entscheidungen getroffen haben, wer an einem internationalen Wettbewerb teilnehmen kann und wer nicht.

Zum Beispiel in Wimbledon, wo russische Sportler nicht starten durften.

Das ist ein Beispiel. Das läuft vollkommen gegen unsere Regeln und gegen unsere Aufgabe. Sie wissen genau, wie spannungsgeladen und wie konfrontativ die geopolitische Situation nicht nur bezüglich Russland und Weißrussland ist. Morgen entscheiden Regierungen, die Athleten aus dem oder dem Land sind auch nicht willkommen. Dann würde der Sport Teil des im Moment sehr gängigen Sanktions- und Gegensanktions-Systems.

Dann sind wir wieder bei Olympiaboykott …

Dann sind wir beim Olympiaboykott, beim Sportboykott aus reinen politischen Gründen. Und als Weltorganisation muss man sich überlegen: Diese Sanktionen aus Russland werden getragen von nicht einmal 50 Staaten dieser Welt. Das heißt, wir haben etwa 150 Nationale Olympische Komitees im IOC, deren Regierungen keinerlei Sanktionen gegen Russland verhängt haben. Und die fragen uns: Warum reagiert ihr hier? Nur weil es in Europa ist? Was habt ihr mit Jemen gemacht, was mit Afghanistan? Was mit Äthiopien, was ist mit Mali? Man muss diese Weltsicht sehen. Wir dürfen uns nicht diesen politischen Sanktionen und politischen Boykotts ausliefern.

Wie hilft das IOC den ukrainischen Sportlern?

Wir haben etwas über 3000 Athleten und Trainer, die wir mit der olympischen Bewegung unterstützen. Sie leben teilweise noch im Land, teilweise als Flüchtlinge außerhalb des Landes. Ich habe die Ukraine vor neun Monaten, also vor dem Krieg, besucht, und jetzt im Krieg wieder. Es hat uns ermutigt, die Unterstützung zu stärken. Wir haben das Ziel ausgegeben, dass 2024 ein starkes und erfolgreiches Team der Ukraine in Paris an den Start geht.

Das IOC hat für die Entscheidung, die Spiele in Peking auszutragen, viel Kritik geerntet. Mittlerweile wurden die Vergabeverfahren geändert. Würde Peking heutzutage noch eine Chance haben?

Generell ist es unsere Aufgabe mit den Spielen dafür zu sorgen, dass innerhalb der Spiele die Olympische Charta und die Menschenrechte respektiert werden. Das ist das, was wir sichern und was in unserem Einflussbereich liegt. Unsere Aufgabe ist es nicht und kann es nicht sein, Probleme in einem Land zu lösen, die Generationen von Politikern nicht in der Lage waren zu lösen. Das übersteigt unsere Fähigkeiten bei Weitem. Das darf man nicht auf billige Art und Weise auf den Sport abschieben, nach dem Motto: ‚Jetzt macht ihr mal schön.‘ Innerhalb der Spiele aber ist das klar festgelegt. Hier gelten die Bestimmungen der Charta: keine Diskriminierung, die Situation auf den olympische Baustellen, die Lieferketten, dem allem wird nachgegangen. Darauf konzentrieren wir uns.

Warum verpflichten Sie sich nicht den Menschenrechtsstandards der Vereinten Nationen so wie viele Firmen oder viele Ihrer Sponsoren? Das würde verhindern, Olympische Spiele an China zu vergeben.

Ich darf Sie um etwas Geduld bitten. Wir leben dieses Standards ja bereits, und wir sind im Moment in der Schlussphase der Beratungen unserer allumfassenden Menschenrechtsstrategie. Wenn diese Gespräche, die wir jetzt zum Ende mit verschiedenen NGOs (Nichtregierungsorganisationen; d. Red.) führen, so laufen, wie ich hoffe, werden wir in den nächsten paar Wochen diese Strategie vollumfänglich verabschieden können. Dann wird auch zu Papier gebracht sein, was wir in weiten Teilen schon gelegt haben.

In Deutschland sind olympischen Bewerbungen zuletzt am Willen der Bevölkerung mehrmals gescheitert. Nehmen Sie den Leuten doch mal die Angst. Warum sollte sich Deutschland bewerben?

Weil Olympia nach wie vor das Ereignis ist, das die gesamte Welt an einem Ort versammelt. Das die besten Athleten der Welt an einem Ort zusammenbringt. Das den deutschen Athleten die Chance gibt, Olympia zu Hause zu feiern. Und mit der Bevölkerung zu feiern, so wie wir das 2006 bei der Fußball-WM erlebt haben. Und weil Olympia darüber hinaus viele positive Impulse setzt für die Gesellschaft, für den Wert des Sports in der Gesellschaft.

Wie wichtig waren die Spiele 1972 in München für die Entwicklung des deutschen Sports?

Enorm wichtig. Das war eine Zeitenwende für den Sport. Das war die Gründungsphase für die „Sporthilfe“, dort hat „Jugend trainiert für Olympia“ seinen Ursprung. Das Ansehen des Sportes wurde ein ganz anderes, das hat sich für Schulsport und Leistungssport ausgewirkt. Das kann man überhaupt nicht überschätzen.

2036 ist wieder eine deutsche Bewerbung im Gespräch. Ist es aus Ihrer Sicht wirklich vorstellbar, dass sich Deutschland 100 Jahre nach den Nazispielen von Berlin 1936 noch mal bewirbt und vielleicht sogar damit durchkommt?

Ja.

Warum?

Weil es international nicht so belastet gesehen würde. Natürlich gäbe es Kritiker, und es gäbe Kritiker bei den anderen Bewerbern. Aber aus internationaler Sicht werden Deutschland diese Spiele von 1936 nicht vorgeworfen. Sie könnten sogar ein Zeichen setzen, so wie München ein Zeichen gesetzt hat. Damals sind uns die Spiele von 1936 auch nicht vorgeworfen worden. Diese Chance würde sich auch 2036 ergeben – beim Datum würde ich nicht das wirkliche Hindernis sehen.

Würden Sie sich für Ihren Job manchmal mehr Applaus wünschen oder erwarten?

Manchmal wünschte ich mir eine etwas umfassendere Betrachtung.