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Schwergewicht in der Mehrzweckrolle


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FliegerRevue - epaper ⋅ Ausgabe 12/2022 vom 04.11.2022

AIRBUS TANKER UND TRANSPORTER A330 MRTT

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Die Nachtankvorrichtung der F-16 befindet sich ? typisch für Flugzeuge der US-Luftwaffe ? auf dem Rumpfrücken.

Am 15. August 2022 brach ein Kontingent der Bundeswehr nach Australien auf, um mit sechs Eurofightern, vier Transportern A400M sowie drei gemeinsam in der Multi Role Tanker Transport Unit geflogenen A330 MRTT am Manöver „Rapid Pacific“ teilzunehmen. 250 deutsche Soldaten waren involviert, allein aufgrund der weiten Entfernung eine zweifellos große Herausforderung. Die deutschen Crews landeten mit ihren Flugzeugen nach insgesamt 12 800 km Flugstrecke in Darwin, Australien. Dazu zählten drei unter deutschem Kommando stehende A330 MRTT. Diese großen Flugzeuge können nicht nur Aufgaben als Tanker, sondern gleichfalls Aufträge zum Transport von Fracht, Soldaten oder Medevac-Missionen zur Evakuierung von Verwundeten oder Kranken übernehmen. Eine Mehrzweckrolle gehörte von Anfang an zum Einsatzkonzept der A330 MRTT, schließlich steht das MRTT für Multi Role Tanker ...

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... Transport Aircraft. Airbus arbeitet auch weiterhin an weiterentwickelten Komponenten für das Flugzeug, um es neuen Anforderungen anzupassen und einen zeitgemäßen Einsatz zu gewährleisten. Mit dem AutoMate etwa wurde der automatische Luft-Luft-Betankungsbetrieb demonstriert und die A330 MRTT als erster Tanker weltweit für die automatische Betankung bei Tageinsätzen zertifiziert. Hierzu laufen allerdings noch weitere Testreihen bis zum Jahr 2024.

Airliner als Ausgangsbasis

Als Ausgangsbasis der MRTT-Variante diente das Passagierflugzeug Airbus A330-200. Das kann je nach Bestuhlung zwischen 250 und 404 Passagiere oder in der Frachtversion bis zu 70 t Nutzlast befördern. Bereits mit der kleineren A310 MRTT konnte Airbus Erfahrungen beim Umbau sammeln, etwa bei der Installation der Kraftstoffanlagen, der notwendigen Pumpen oder den Bedien- und Überwachungssystemen. Aufgrund der Größe bot die A330 erweiterte Nutzlastkapazitäten und eine größere Reichweite. So mussten nicht mal mehr zusätzliche Kraftstoffbehälter installiert werden, weil das vorhandene Tankvolumen wesentlich größer ist.

Zur Betankung anderer Flugzeuge wurden drei verschiedene Systeme ausgewählt. So gibt es unter den äußeren Abschnitten der Tragflächen auf jeder Seite einen Betankungsbehälter Cobham 905E, mit denen andere Flugzeu-ge über je einen beweglichen Schlauch mit Fangtrichter versorgt werden. Das sind vorwiegend taktische Kampfflugzeuge mit Betankungssonde, zu denen auch Eurofighter oder F-35 Lightning II gehören. Über digital gesteuerte und elektrisch betriebene Schlauchtrommelsysteme können dabei knapp 1600 l Kraftstoff pro Minute an das Empfängerflugzeug fließen.

Größere Flugzeuge wie bspw. der Transporter A400M werden über eine am Hinterrumpf installierte, ausfahrbare Schlauchtrommeleinheit Cobham 805E betankt. Dabei ist die Abgabe von 2270 l pro Minute möglich, zugleich kann dies ein anderer Kraftstoff als der von den Unterflügelstationen abgegebene sein. Die dritte Möglichkeit zum Betanken anderer Flugzeuge bietet ein Ausleger unter der Bezeichnung Air Refuelling Boom System, kurz ARBS. Dieser am Heck befindliche und auf Kundenwunsch installierbare Tankausleger ist im Stande, pro Minute bis zu 4540 l abzugeben.

Der ARBS dient vor allem der Versorgung von Typen, die wie z.B. die Flugzeuge der U.S. Air Force über eine feste Aufnahmevorrichtung auf dem Rumpfrücken verfügen. Sind Empfängerflugzeuge wie etwa andere A330 MRTT wiederum mit einer sogenannten Universal Aerial Refuelling Receptacle Slipway Installation (UARR-SI) ausgerüstet, können auch diese den auf bis zu 17 m Länge ausfahrbaren ARBS-Ausleger zur Kraftstoffaufnahme nutzen. Dazu gibt es für den Boom Operator einen zusätzlichen Arbeitsplatz im Heck, während die zuvor genannten Betankungsmethoden über eine Konsole im Cockpit durch Videoüberwachung gesteuert werden.

Die A330 MRTT bietet als Mehrzweckmuster noch andere Verwendungsmöglichkeiten. Als Truppentransporter kann sie bis zu 300 ausgerüstete Soldaten oder bis zu 380 Passagiere befördern, letztere allerdings in Einklassenbestuhlung und ohne zusätzliches Equipment. Als Frachter sind die Mitnahme von 45 t Last sowie die Nutzung verschiedener Standard-Container und Paletten möglich. In diesem Fall dienen das untere Deck und die eigentliche Passagierkabine als Frachtraum, ansonsten ermöglicht allein das untere Deck die Mitnahme von bis zu 37 t Fracht. Für den Verwundeten- und Krankentransport in der Medevac-Konfiguration ist im Rumpf die Unterbringung von maximal 130 Standardtragen möglich, in einer modifizierten Variante sind es neben einem 20 Personen umfassenden Team aus Medizinern bis zu 40 Liegen. Diese sind erhöht an den Rumpfseiten angebracht, sodass darunter weitere 100 Passagiere auf Klappsitzen Platz finden. Außerdem kann bei Langstreckeneinsätzen im Vorderrumpf des Flugzeugs eine zusätzliche Mannschaftskabine für eine Ersatzcrew eingerichtet werden. Die Besatzung verfügt über ein sogenanntes Glascockpit mit mehreren Bildschirmen in arbeitsfreundlicher Größe und Position, sie besteht grundsätzlich aus Pilot, Kopilot sowie zwei Mission System Operateuren.

Australien wird Erstkunde

Die Multi Role-Ausführung auf Basis der A330 wurde bei Airbus in Sevilla durchgeführt. Der Prototyp flog erstmals am 15. Juni 2007. Im Folgenden wurden die in Toulouse, Frankreich, komplettierten A330 im spanischen Getafe zur MRTT-Ausführung umgerüstet. Auch übernahmen in der Vergangenheit Fluggesellschaften wie Iberia und Qantas als Unterauftragnehmer den Einbau der erforderlichen Systeme. Nicht immer handelt es sich um neu gebaute Flugzeuge, auch einige gebrauchte Airliner kamen ins Umrüstprogramm.

Erstkunde wurde Australiens Luftwaffe und kaufte bisher sieben Exemplare. Die Indienststellung erfolgte Mitte 2011 in der No 33 Squadron in Amberly unter der Dienstbezeichnung KC-30A. Im Dezember 2012 ging der erste Lehrgang für Piloten sowie die Air Refuelling Ope-rateure zu Ende und noch im selben Jahr wurden erstmals F/A-18 Hornet zum Manöver „Cope North“ nach Guam begleitet und betankt. Eine anfängliche Einsatzbereitschaft wurde im Februar 2013 offiziell vermeldet. Ein Teil der KC- 30A wurde von Qantas modifiziert, die Flugzeuge nutzen General Electric-Triebwerke CF6-80, eine Defensive Aid Suite (DAS) zum eigenen Schutz sowie die Cobham 905-Betankungsanlagen und den ARBS-Betankungsausleger.

Die britische Royal Air Force wurde der zweite Kunde und erhielt zum Jahresende 2011 das erste von aktuell 14 Exemplaren. Von diesen sind neun als Tanker/Transporter im regulären Einsatz, während die restlichen fünf im Bedarfsfall eine Art Reserve darstellen oder durch das AirTanker-Konsortium verleast werden können. Die Dienstbezeichnung in Großbritannien lautet Voyager KC.2 sowie Voyager KC.3. Erstgenannte Ausführung verwendet die Cobham 905-Unterflügelanlagen, die Variante KC.3 ist zusätzlich mit dem Cobham 805-Betankungssystem ausgerüstet. Seit einiger Zeit wird auch die Modifizierung mit dem ARBS-Ausleger anvisiert, um RAF-Einsatzmaschinen wie bspw. Transporter C-17 Globemaster in der Luft betanken zu können.

Der Dienst bei der Royal Air Force erfolgt in zwei Staffeln, der in Brize Norton beheimateten No 10 und No 101 Squadron. Im Februar 2015 kamen britische Voyager erstmals in Afghanistan zum Einsatz und während der Operation „Shader“ zur Bekämpfung des IS absolvierten britische Maschinen allein 2015/2016 mehr als 3000 Flugstunden über Irak und Syrien. Als Antrieb verwenden die Voyager britische Rolls-Royce-Triebwerke Trent 772B-60. Die verfügen mit jeweils 316 kN über einen ähnlich starken Schub wie die CF6-80 der australischen MRTT, ebenso wie die als dritte Möglichkeit zur Verfügung stehenden Pratt & Whitney-Triebwerke PW4170.

Die nächsten Exportabnehmer ergaben sich mit Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten, die ihre ersten A330 MRTT jeweils im Februar 2013 erhielten. Die beiden arabischen Nutzer haben für ihre MRTT die Unterflügelanlagen Cobham 905 sowie den ARBS-Betankungsausleger ausgewählt, verwen-den andererseits unterschiedliche Antriebe. Saudi-Arabien nutzt die Triebwerke von General Electric und die Emirate die von Rolls-Royce. Im Jahr 2018 begannen die Auslieferungen an drei neue Kunden. Im August übernahm Singapur die erste von sechs bestellten A330 MRTT, im Oktober Frankreich und im November Südkorea seine ersten Maschinen. Südkoreas Bestellung beläuft sich auf insgesamt vier Exemplare, in Frankreich sind es inzwischen 15. Hier gibt es wiederum zwei Versionen als Standard 1 und Standard 2, letztere mit modernisierten Komponenten wie Selbstschutzsystemen, Link 16-Datenvernetzung und Satellitennavigation. Gleichfalls wurden einige davon mit ARBS-Tankausleger bestellt. Innerhalb der französischen Luftwaffe wurden für das Flugzeug der Zusatzname Phénix vergeben und mittlerweile zahlreiche Missionen mit der A330 MRTT durchgeführt. Dazu zählten 2020/2021 auch Medevac-Einsätze zum Verlegen von Covid 19-Erkrankten mit erhöhtem Sauerstoffbedarf.

Das US-Drama und weitere Nutzer

Die US-Streitkräfte verfügen über die größte Flotte an Tankflugzeugen weltweit und nicht zuletzt über reichlich Erfahrung im Betrieb mit dieser Flugzeuggattung. Doch die vorhandenen Maschinen, vor allem KC-135, sind inzwischen in die Jahre gekommen und stehen wie auch die etwas jüngeren KC-10, trotz einiger Modernisierungen zur Ablösung bereit. Für diese durchaus lukrativen Anschaffungen suchte sich Airbus bzw. seinerzeit EADS mit dem US-amerikanischen Hersteller Northrop Grumman einen Partner, um die A330 MRTT in den Vereinigten Staaten zu vermarkten. Es ging um nicht weniger als 179 Flugzeuge. Dazu war die Ausstattung mit den verschiedenen Betankungssystemen notwendig und wurde von Anfang an einkalkuliert.

Nur Monate nach dem Erstflug der ersten A330 MRTT gab die US-Luftwaffe Ende Februar 2008 den Sieger bekannt. Es handelte sich tatsächlich um die von EADS und Northrop Grumman vorgeschlagene KC-30, die im Dienst der U.S. Air Force allerdings KC-45 heißen sollte. Optimistisch eingestimmt, waren dafür Produktions- und Versorgungslinien in den USA vorgesehen und die Lieferungen sollten ab 2013 beginnen. Doch schon im März 2008 hatte Boeing als unterlegener Mitbewerber Beschwerde beim US-Rechnungshof eingelegt und bekam wegen Vergabefehlern bei der Ausschreibung im Juni desselben Jahres diesbezüglich Recht. Nun kam es zu einem neuen Wettbewerb mit geänderten Anforderungen, die Northrop Grumman nicht mittragen wollte und seinen Ausstieg aus dem Bieterprozess verkündete. Dann bemühte sich 2010 Airbus im Alleingang um den Auftrag, den im folgenden Jahr aber Boeing mit seiner KC-46 wegen angeblich günstigeren Beschaffungskosten gewann.

Doch die A330 MRTT konnte anderenorts Verkäufe erzielen und erwies sich in den folgenden Jahren als effizientes Einsatzmuster. Allein in den ersten fünf Einsatzjahren wurden mehr als 85 000 Flugstunden absolviert. Bei den Flugzeugen pendelte sich ein Klarstand von 90 Prozent ein und bei den Betankungsmanövern konnte eine Erfolgsrate von bis zu 97 Prozent verbucht werden. Damit sind die Nutzer sehr zufrieden, hier fällt die Effizienz gegenüber dem Vorgänger C-135FR mehr als doppelt so hoch aus. Und auch die europäischen Bündnispartner der USA in der NATO setzen auf Airbus. Belgien, Deutschland, Luxemburg, die Niederlande, Norwegen und Tschechien betreiben zusammen die aus neun A330 MRTT bestehende Multi Role Tanker Transport Unit (MMU), deren Koordination durch das European Air Transport Command (EATC) erfolgt. Ab Juni 2020 begann die Auslieferung der bestellten Maschinen, von denen fünf im holländischen Eindhoven sowie die restlichen vier am Standort Köln-Bonn in Deutschland ihre Heimatbasis fanden. Offenbar geht die Erfolgsgeschichte weiter, denn mittlerweile gibt es mit Brasilien, Kanada und Spanien weitere Abnehmer des großen und zugleich nützlichen Flugzeugs.

• HEIKO THIESLER