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Schwierige Zeitgenossen: Erfolgreiche Mediation dank besserer Menschenkenntnis


Die Mediation - epaper ⋅ Ausgabe 4/2019 vom 26.09.2019

Trotz einer guten Menschenkenntnis werden Mediatoren bei ihrer Arbeit oft vor Herausforderungen gestellt. Einer der Gründe: komplizierte Medianden. Doch was macht diese eigentlich aus – und wie gehen wir mit ihnen um? In diesem Beitrag erläutert der Autor das Konzept der fünf Menschentypen aus den traditionellen ostasiatischen Wissenschaften. Ein Mediator mit guter Menschenkenntnis kann diese Typen anhand des Konzepts rasch erkennen, sich auf sie einlassen und in der Mediation emotional belastbare Situationen schneller entschärfen.


Markus Porcher

Sie kennen das sicher auch: Wieder einmal sitzen Ihnen zwei ...

Artikelbild für den Artikel "Schwierige Zeitgenossen: Erfolgreiche Mediation dank besserer Menschenkenntnis" aus der Ausgabe 4/2019 von Die Mediation. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Die Mediation, Ausgabe 4/2019

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... Klienten gegenüber, deren Persönlichkeiten unterschiedlicher nicht sein könnten. Sie versuchen auf die Medianden mit Verständnis einzugehen und merken, wie der eine Partner zunehmend mit den Füßen scharrt und den anderen unterbrechen möchte, während dieser sich schon beleidigt in sich zurückzieht. Ja, dafür verfügen Sie sicher bereits über Handlungsalternativen. Was aber, wenn die Persönlichkeitsmerkmale nicht so deutlich zutage treten und Sie mit Ihrem Latein sprichwörtlich am Ende sind?

Extreme Verhaltensweisen

Das Fünf-Phasen-Konzept entstand in seinen Grundzügen in der Zeit der Han-Dynastie (ca. 200 v. Chr. bis 220 n. Chr.) und gründete sich auf die Beobachtung von Naturprozessen und ihren Erscheinungsformen im Menschen. Es geht von der Vorstellung aus, dass alle fünf Elemente in jedem einzelnen Element repräsentiert sind: „Nichts auf Erden oder im Universum existiert unabhängig von den fünf Elementen, und der Mensch bildet keine Ausnahme.“ (Liu 1988) Demnach sind die Menschen nicht einem einzelnen „Typus“ eindeutig zuzuordnen, vielmehr haben sie ein bis zwei Haupt- und zusätzliche Nebenanteile.

Neben den normalen Ausprägungen (Tabelle, Zl. „Normale Emotion / normales Auftreten“) gibt es während aller Phasen ein Kontinuum von zwei Extremen (Tabelle, Zl. „Extreme in der Emotion“). So ist Freude eine natürliche, emotionale Empfindung. Im einen Extrem zeigt sie sich als wilde Euphorie, im anderen als völlige Freudlosigkeit oder Unglück. Und genau diese Extreme sind es, die Menschen zu einer „schwierigen“ Persönlichkeit mit besonderen Eigenheiten machen. Um eine genaue Einteilung der Vielzahl von beobachtbaren, individuellen Erscheinungsformen vornehmen zu können, sind allerdings umfassende Erfahrung und ein tiefergehendes Verständnis notwendig (Müller 2012; Lorenzen / Noll 2005–2012).

Umgang mit speziellen Charakteren

Erste Indikatoren für den jeweiligen Typus – wie spricht oder verhält sich der Klient bei der ersten Kontaktaufnahme oder beim Telefonat, wie erfolgt das Eintreten in den Mediationsraum – ermöglichen dem Mediator das individuelle Eingehen auf den Klienten (Tab., Zl. „Stimme“, „Farbe“).

Jeder der fünf Typen (Holz, Feuer, Erde, Metall, Wasser) zeichnet sich durch bevorzugte Vorgehensweisen bei Konflikten aus (Tab., Zl. „Handlungen im Konflikt“). Auf diese muss der Mediator gezielt reagieren können. All diesen Menschen ist der Raum zu geben, den sie benötigen. Ihr Anliegen muss erkannt und ernst genommen werden.

Holztyp

Der „Sturkopf “: Er beharrt bis zum bitteren Ende auf seinem Standpunkt. Ebenso der „Choleriker“: Er schreit, flucht, brüllt, poltert. Zwei starke Holztypen, von denen Sie Verständnis und Rücksicht einfordern sollten und die so in ihrer schnellen Entfaltung zur Räson gebracht werden können.

Tab.: Die fünf Phasen des Wandels und ihre Indikatoren (Quelle: Markus Porcher, nach Lorenzen/Noll, 2005–2012; Platsch 2005).


Vielleicht hatten Sie es auch schon mit dem kopfschüttelnden und „Ich bin so ein Dummkopf “ Murmelnden zu tun. Ein schwacher Holztyp, dem Sie helfen können, zu seinem Ärger zu stehen, und den Sie bestärken sollten, seinen Unmut kontrolliert rauszulassen. Greifen Sie seine Wachstumsimpulse auf, aktivieren Sie sein Durchsetzungsvermögen.

Feuertyp

Während bei der „Tratschtante“ nicht das kleinste Geheimnis sicher ist und sie sich im Detail verliert, drängt sich der „Narzisst“ bei jeder Gelegenheit in den Vordergrund. Bei diesen starken Feuertypen werden Sie Mühe haben, den Kommunikationsdrang einzugrenzen. Zusätzliches Holz in das Feuer zu geben würde zu einem Großbrand führen. Insofern wäre das „Reflektieren“ (W) ein Handlungsansatz.

Beim schwachen Feuertyp („Ich kann nicht Nein sagen.“) ist es sinnvoll, den Medianden bei der Unterscheidung von Denken und Fühlen zu unterstützen.

Erdetyp

Der „Jammerlappen“ (starker Erdetyp) fühlt sich in jeder Situation ungerecht behandelt, wiederholt sich kontinuierlich und beschwert sich ständig über Gott und die Welt. Er wird sprichwörtlich unbeweglich und unbeholfen. Ihm müssen Sie neue Perspektiven bieten und ihn aus seiner Schwermut herausholen.

Dem „Klammernden“ (schwacher Erdetyp) gilt es, seine Unterwürfigkeit zu nehmen, Sicherheit zu geben und zu seiner eigenen Mitte zu führen. So kann er seine Wünsche ausdrücken und will es nicht nur den anderen recht machen.

Metalltyp

Der „Perfektionist“ (starker Metalltyp) achtet pingelig auf jeden Prozessschritt, aber auch auf die geäußerten Inhalte der anderen Konfliktpartei. Seine sehr harte Position wird sprichwörtlich durch mehr Freude (F) weicher gemacht und wieder formbar.

Dem „Traurigen“ (schwacher Metalltyp), dessen Welt aus den Fugen geraten ist, sollte im Mediationsprozess mehr Sicherheit gegeben werden, damit er wieder zu seiner sachlichen und korrekten Form zurückfindet.

Wassertyp

Nehmen Neugierde und Wahrheitssuche unverhältnismäßig zu (starker Wassertyp), beginnt der „Besserwisser“ philosophisch und intensiv über jedes Detail zu streiten und korrigiert Sie mit seiner Willensstärke und Zähigkeit zusätzlich bei jeder möglichen Gelegenheit. Damit dieses Verhalten ihn nicht in die Einsamkeit führt, helfen die Freundlichkeit und der lockere Umgang eines Erdetyp-Mediators. So gelingt es, im verkopften Menschen auch den Bauch zu aktivieren und ihn für sein Umfeld verträglicher zu machen. Vom Feuertyp wird er sich eher nichts sagen lassen. Mit diesem steht er auf Kriegsfuß, denn dieser erscheint ihm zu oberflächlich und zu sehr auf Äußerlichkeiten bedacht.

Der „Zurückgezogene“ hat seine Kraft vollständig verpulvert, erscheint Ihnen müde und erschöpft (schwacher Wassertyp). Ihm hilft es, bisherige Regeln und Strukturen zu reaktivieren, die ihn wieder fokussieren und seine verbleibende Kraft bündeln. Traditionelle Rituale und Abläufe in den Mediationssitzungen sind hier sinnvoll. Ein zu verständnisvoller Mediator wäre kontraproduktiv, da dieses Verhalten den Geschwächten zusätzlich entblößt und dieser sich in seiner Schwäche gar nicht hiergegen wehren kann.

Menschenkenntnis und Mediation

Eine genauere Einschätzung der Klienten kann zu einem besseren Verständnis führen und den Mediationsprozess wirksamer begleiten. Nun sind in der Mediation meistens zumindest drei Parteien involviert. Durch die Verschiedenartigkeit kommt es vor, dass ein Ungleichgewicht der Verhaltensweisen besteht. Vorteilhaft ist es, wenn ein Feuertyp die vielen Anregungen des Holztyps übernehmen und aus den Ideen die konkrete Umsetzung initiieren kann. Wenn aber der laute und begeisterte Feuertyp auf den stark strukturierten Metalltyp trifft, kann es passieren, dass der Metalltyp sprichwörtlich dahinschmilzt und aus den Fugen gerät. In diesem Fall wäre es als Mediator nicht empfehlenswert, dem Metaller recht zu geben und ihn zu stärken, sondern eher das Feuer durch das Wasser – also etwa mit konkreten Fragen bezüglich des Machbaren – vorsichtig zu dämpfen und damit die Gesamtsituation auszubalancieren.

Dies gilt auch für den Fall, dass der tiefgründige und wahrheitssuchende Wassertyp mit dem oberflächlichen Feuertyp in Konfrontation steht.

Eine besondere Konstellation entsteht in der Mediation, wenn beide Parteien ähnliche Hauptanteile haben. Dann sollte der Mediator die anderen „Rollen“ umso kraftvoller beherrschen, um zum Beispiel zwei Besserwisser oder Jammerlappen zielgerichtet durch die Mediation zu führen. (Für weitere Zusammenhänge und Abhängigkeiten siehe auch Lorenzen / Noll, 2000–2012, und Müller 2019.)

Literatur

Liu, Yanchi (1988): The Essential Book of Traditional Chinese Medicine: Theory (English and Chinese Edition). New York: Columbia University Press.
Lorenzen, Udo/Noll, Andreas (2005–2012): Die Wandlungsphasen der traditionellen chinesischen Medizin. Bd. 1–5. München: Müller & Steinicke.
Müller, Josef Viktor (2012): Den Geist verwurzeln. Bd. 2. München: Müller & Steinicke.
Platsch, Klaus-Dieter (2005): Die fünf Wandlungsphasen. München: Urban & Fischer Verlag/Elsevier GmbH.
Porkert, Manfred (1991): Die theoretischen Grundlagen der chinesischen Medizin. Stuttgart: S. Hirzel.
Unschuld, Paul U. (2005): Das Heil der Mitte. Berlin: Cygnus.
Unschuld, Paul U./Tessenow, Hermann (2011): Huang Di Nei Jing Su Wen. Bd. 1. Berkeley: California University Press.

Markus Porcher

Executive Coach, über 25 Jahre Erfahrung im HR-Bereich eines großen IT-Unternehmens. Als HR-Leader u. a. Begleitung von Top-Executives in globalen Geschäftsbereichen bei der strategischen Personal- und Organisationsentwicklung. Heute berät er Top-Führungskräfte bei Transformationen.


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