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SCHWIMMEN ODER UNTERGEHEN?


Bücher - epaper ⋅ Ausgabe 2/2020 vom 15.01.2020

Schon mit seinem Debüt „Vom Wasser“ aus dem Jahr 1998 hat sich John von Düffel diesem Element verpflichtet. Es folgten unter anderem „Wassererzählungen“, in „Houwelandt“ ist das Meer das Lebenselixier des Patriarchen Jorge. In „Der brennende See“ geht es auch um die Bedrohung dieser Lebensgrundlage.


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Bildquelle: Bücher, Ausgabe 2/2020

JOHN VON DÜFFEL wurde 1966 in Göttingen geboren, ist Dramaturg, derzeit am Deutschen Theater in Berlin. Er schreibt Romane, Essays, Hörspiele, Theaterstücke und wurde vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Ernst-Willner- und Nicolas-Born-Preis.


John von Düffel hat ein ereignisreiches Wochenende. ...

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Wovon handelt „Der brennende See“ genau? Die schwierigste Frage zuerst … Zunächst handelt es von einer Frau, Mitte 40, die die unliebsame Aufgabe hat, den Nachlass ihres Vaters zu regeln. Dadurch gerät sie in einen Ort der Erinnerung, in dem sie nicht sein will, in die Stadt ihrer Kindheit. Sie trifft eine alte Freundin, einen Notar, der ihr schon lange nachstellt. Und sie gerät auch mit der kommenden Generation, also der Generation Greta, in Konflikt. Die Frau ist eine verlorene Figur, aufgerissen, ortlos, die zwischen verschiedenen Zeitschichten und auch Menschen pendelt und obwohl sie kein explizit politischer Mensch ist, gerät sie in eine politische Situation. Sie erlebt auch die Veränderung der Natur und Menschen und ist zwischen allen Stühlen.

Dramaturgisch hat sie die Funktion, das festgefahrene Leben der Daheimgebliebenen zu beleuchten?

Gerade, weil ich Dramaturg bin, ist sie für mich persönlich eine undramaturgische Figur. Sie war einfach da. Wie ihr Leben ist, erfahren wir nicht, wir erleben sie nur in einer Ausnahmesituation. Mit jemandem in diese Ausnahmesituation zu gehen und die Orientierungs- und Koordinatenfrage zu stellen, war das Besondere. Ich habe mit ihr gesucht. Ich kann ja verraten, dass ich das ganze Manuskript zunächst aus der Ich-Perspektive geschrieben habe und dann habe ich alles in die personelle Form geändert. Das war ein riesiger Umweg, aber sonst wäre ich ihr nie so nahegekommen.

Das erklärt, warum man sie nicht von außen sieht, aber intensiv ihr Innenleben und den Ort.

Ich wollte, dass die Landschaften, gerade weil das Buch viele Naturbeschreibungen enthält, im Kopf der Leser entstehen. Und nicht durch die fotografischen Erinnerungen, die man von Berlin oder Hamburg oder anderen Orten hat, gefiltert sind. Das sollte eine eigene Welt werden.

Die Naturbeschreibungen sind sehr schön … Der Roman beginnt mit dem Tod eines Schriftstellers, der ja durchaus die eine oder anderer Parallele zu mir selber hat, und seinem verrückten Traum, den ich hoffentlich mit genügend Ironie und Distanz gezeichnet habe, ein Stillleben zu schreiben, in dem keine Menschen vorkommen. Diesen Traum habe ich auch, aber ich werde damit noch warten, bis zu meinem allerletzten Buch (lacht).

‚Das Wolkenbuch‘ aus dem Roman. Wolken seien aussterbende Spezies steht da …

Im Buch ist es April. Die Wetterdaten vor den Kapiteln sind die des letzten trockenen, heißen Frühjahrs. Die Natur verändert sich in einem Maße, dass man sich immer wieder erinnern muss, dass jetzt gerade ein sichtbarerer und beunruhigender Wandel stattfindet. Nicht nur statistisch, sondern in der erlebbaren Natur. Ich habe das Buch im April 2018 begonnen, da gab es tatsächlich keine Wolken. Nun lebe ich in Brandenburg, das ist so schon eine Wüste, und jetzt wird es das immer mehr, mit Sandstürmen. Ich liebe Naturbeschreibungen, aber ich habe noch nie so das Gefühl gehabt, dass jede Naturbeschreibung auch ein Politikum ist. Es gibt die Gefahr des Sensationsheischenden, wenn man diese Veränderung zum Alarmismus hin übertreibt, aber wenn man zu sehr verniedlicht, ist man in einer romantisch, rückwärtsgewandten Natursphäre. Ich weiß nicht, ob es mir gelungen ist, aber ich habe versucht, genau diese Schwelle zu treffen. Man sieht, es verändert sich. Es ist nicht mehr der ruhige Blick auf die Natur, dieses eins sein mit etwas, von dem man das Gefühl hat, es ist eine ewige Kraft, die sich immer wieder erneuert, sondern es ist prekär.

JOHN VON DÜFFEL: Der brennende See DuMont, 320 Seiten, 22 Euro Erstverkaufstag: 18. Februar

BÜCHERmagazin verlost fünfmal „Der brennende See“ (Du- Mont). Teilnahmebedingungen auf S. 4. Viel Glück!

Für das Bremer Goethe Theater bearbeitete John von Düffel „Die rote Zora“: Zora (Mirjam Rast) und Branko (Emil Borgeest) staunen, wie reich das Meer an Fischen ist – in Kroatien 1940


Der ökologische Zankapfel in diesem Roman ist ein Baggersee. Ist der nicht per se eine ökologische Katastrophe?

Die Natur, über die wir reden, ist ja schon keine Natur mehr. Wenn man in Brandenburg durch einen Kiefernwald stapft, ist das durch und durch Kulturlandschaft, auch eine sehr ausgebeutete. Der Baggersee ist ein gutes Beispiel dafür, wo die Natur gerade steht. Doch diese Seen haben auch eine Schönheit, es geht ja nicht um das Urheberrecht. Effektiv steuern wir aber auf eine Grundwasserebbe zu, und wenn man über diese Dinge nachsinnt, dann kommt man in ganz dunkle Szenarien.

Der See erscheint wie eine Metapher. Ob es sich darum zu kämpfen lohnt, wenn er doch ohnehin sterben wird?
Wie viel Resignation und Mut legt man in solche Beschreibungen? Sagt man, der Kampf sei schon sinnlos, oder ist man mutig, engagiert und kämpferisch. Das ist eine Frage, die jeder Leser für sich beantworten muss. Auch wenn das Buch „Der brennende See“ heißt, habe ich keine Vorentscheidung in den Text eingeschrieben. Ich wollte den Wandel in dem Moment des Veränderns zu fassen bekommen. Das ist ja genau der Moment, an dem wir sind, die letzte Generation, die den Klimawandel verhindern kann. Wenn man auf sich selber schaut, gibt es Momente, wo man resigniert ist und glaubt, Energiesparbirnen, Heizungsdämmung, was auch immer, das wird nichts retten. Und dann gibt es Momente, da weiß man, nein, ich muss, ich will und ich werde!

Die Sätze der jungen Klimaaktivistin Julia – sind die aus der aktuellen Bewegung zitiert? Ich habe mich gefragt, ob ich das aus der Distanz zitieren möchte, und habe dann darauf gesetzt, dass Julia und der alte Schriftsteller, mit dem sie sich zusammentut, entdecken, wie viele Forderungen und Aspekte der Diskussionen schon da gewesen sind. Dass er selbst einen Kampf gegen die ressourcenverschwenderischen, klimafeindlichen Aktivitäten in seiner Jugend geführt hatte. Der Protest hat ja schon in meiner Jugend begonnen. Das Interessante ist, dass diese junge Bewegung sich in ihren Forderungen eher wieder mit denen der Großeltern trifft. Je nachdem, was man für Großeltern hat. Deshalb ist es nicht zitiert, sondern ein Amalgam. Ich denke auch, die Klimabewegung wird sich radikalisieren.

Aber die Radikalisierung der linken Szene in den Siebzigern hat deren Anliegen eher geschadet als genützt.
Das stimmt. Ich glaube, dass man diese Fehler, wenn es einem um positive Veränderungen geht, nicht wiederholen darf. Das Neue an dieser Bewegung ist, dass sie noch ein anderes Generationsthema hat. Auch im Roman ist Erbe wichtig. Was ist unser Erbe? Das Wort hat inzwischen einen ganz anderen Klang. Wir können nicht Krieg gegen unsere Kinder führen.

Die „Boomer“, also die Eltern von Julia, haben durchaus das Interesse, die Natur zu erhalten, nur aus wirtschaftlichen Interessen …
Es ist eine interessante Frage, aus welchen Motiven heraus man Natur schützt. Natur ist ein Allgemeingut und soll es bleiben, aber dafür muss ja auch die Allgemeinheit anfangen, sie zu schützen. Und wenn man, so wie ich, sehr oft an und in Baggerseen ist, dann muss man sich die unangenehme Frage stellen, ob gewisse Seen nur überleben, wenn sie umzäunt sind. Der einzelne See hängt auch mit dem Grundwasser zusammen und so ist eine Kontamination auch eine Gefahr für die Allgemeinheit. Nach jeder Sommernacht sieht das Ufer eines öffentlichen Sees, und das steht ja auch im Roman, so aus, dass ein Räumkommando kommen muss. Das Plastikproblem der Weltmeere haben wir direkt vor der Haustür. Das ist kein Zustand.

Sind Sie ein Wassermensch?
Absolut. Es gibt ja keinen See, der halbwegs zu beschwimmen ist, den ich nicht beschwommen habe. Das Wasser war für mich zunächst ein sinnlich ästhetisches Erleben. Was sich jetzt verändert, ist, dass es immer mehr zu einer ethischen Frage wird. Weil Wasser das Lebenselement ist und unser Umgang damit genau spiegelt, wie wir mit unseren Ressourcen und mit Natur überhaupt umgehen. Es gibt schon Horrorszenarien, dass die Kriege der Zukunft um Wasser geführt werden.

Dass der Baggersee eingezäunt oder nicht eingezäunt werden soll, ist das auch eine Metapher für die Privatisierung des Wassers?
Da gibt es mehrere Aspekte. Es gab die Zeit, in der die Kommunen ihr Tafelsilber und auch ihre Wasserwerke verkauft haben. Jetzt haben sie festgestellt, dass die Privatunternehmen Profit machen wollen, was ja die Definition eines Privatunternehmens ist. Die kümmern sich nicht um den Erhalt der teuren Leitungssysteme. Ähnlich wie bei der Deutschen Bahn, die Schienen, die sind so teuer, da denkt man, lasst uns doch mal den Profit rausfahren, mal gucken, wie lange die noch halten. Aber man kann bei Wasserleitungen nicht sagen, weil sie lang und teuer sind, schicken wir euch kein Wasser mehr. In London sind nach der Privatisierung 70 Prozent des Wassers, das eingespeist wurde, gar nicht mehr in den Haushalten angekommen, weil die Rohre undicht waren. Dann wurde alles zurückgekauft und die Sanierung des maroden Systems von allen bezahlt, nur nicht von denen, die den Profit gemacht hatten.

Weil Wasser Allgemeingut ist, wird von Coca Cola in der Lüneburger Heide Grundwasser gepumpt und in Vio-Plastikflaschen verkauft. Es ist ja nicht verboten, wenn ein Bauer den Tankwagen auf seinem Grund stehen lässt …
Das sind bedrohliche Szenarien, denn wenn eine Kommune nicht mehr in der Lage ist, mir die Grundressourcen des Lebens zur Verfügung zu stellen, warum soll ich dann noch Steuern zahlen? Die notwendige Basis der Infrastruktur kann der Einzelne ja nicht leisten und dann finde ich, ist der Gesellschaftsvertrag aufgekündigt. Im Roman gehen einige Menschen nach der Klimademonstration in Geschäfte in der Innenstadt, wo sie schon mal da sind.
Das sind Widersprüche, die im Bewusstsein jedes Einzelnen sind und das Paradox eines Systems. Und da stellt sich die Frage: Wie wollen wir leben? Es gibt auch viele interessengesteuerte Lügen. Die FDP-Lüge: Da sind irgendwo Wissenschaftler und die denken sich so kluge Dinge aus, dass wir uns gar nicht ändern müssen. Oder die E-Roller als Mittel zum Klimaschutz. Jetzt gehen die Müllhalden wegen der explosiven Akkus in Flammen auf, und das ist nicht nur deshalb alles eine Umweltkatastrophe. Es geht ums Verkaufen. Wir wachsen in einem System auf, in dem wir viel leisten und viel konsumieren sollen. Und am besten danach ganz schnell sterben.

Es stehen brutal wahre Sätze im Buch, zum Beispiel „Dinge müssen das kosten, was sie wirklich kosten.“ Oder „Er ist ein Bauer, er denkt, der Natur ginge es gut, wenn sie ihm gehört.“
Es gibt ja auch diesen wunderbar wahren Satz von Karl Marx: Das gesellschaftliche Sein bestimmt das Bewusstsein. Jeder versucht, sich zu fragen, wie er mit sich und mit dem Leben der anderen umgeht. Aber die große Frage, was konsumiere ich, was leiste ich, steht in einem gesellschaftlichen Zusammenhang, sodass man auch immer eine Abbildung der Zeit ist, in der man lebt. Wir leben im Primat der Gegenwart. Jetzt! Jetzt! Jetzt! Wir denken nicht nachhaltig. ES denkt nicht nachhaltig. Angefangen von den Firmen, die vierteljährlich ihre Quartalsberichte vorlegen müssen und dann im Ranking rauf oder runter gestuft werden, die Nachrichten, die täglich aufpoppen. Es gibt keine Vergangenheit und es gibt eigentlich auch keine längerfristige Zukunft. Wir müssen eine Debatte führen, die das Primat der Gegenwart bricht und über den Tellerrand des unmittelbar Aktuellen herausschauen.

Wir reden über große Themen
Das ist genau der Sinn des Buches. Das sind viele von den Fragen, die ich mir beim Schreiben gestellt habe und hoffentlich beim Lesen wieder entstehen. Dennoch ging es mir darum, wirklich eine Geschichte zu erzählen und kein Thesenbuch zu schreiben. Ich glaube, der Klimawandel ist eine Debatte, in der sich jeder auf einen Standpunkt stellt und es kracht, aber es ist nichts wirklich in Bewegung geraten. Das Erzählen hat noch einmal eine andere Chance Bewusstsein zu schaffen, weil es ein Angebot ist, einen Raum zu öffnen und zu sagen, ich sehe die Welt mit den Augen dieser Figur. Was erlebt die, was erlebe ich und wie bringe ich das in Abgleich?

Foto: Joerg Landsberg