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SCHWINGER CLUB DIETER MEIER: DIETER MEIER


Golfpunk - epaper ⋅ Ausgabe 5/2019 vom 27.09.2019

Dieter Meier hat einen Allerweltsnamen, seine Lebensgeschichte ist jedoch unverwechselbar. Aus dem einstigen Punk der Schweizer Golf-Nationalmannschaft wurde ein weltberühmter Konzeptkünstler, Musiker und Unternehmer. Alles nur Zufall, meint er .


Artikelbild für den Artikel "SCHWINGER CLUB DIETER MEIER: DIETER MEIER" aus der Ausgabe 5/2019 von Golfpunk. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Golfpunk, Ausgabe 5/2019


GOLF IST EIN SPIEL FÜRTEILZEITMASOCHISTEN . ES IST DIE EINZIGEZEN-BUDDHISTISCHE DISZIPLIN, DIE DER WESTEN ERFUNDEN HAT.“


Dass ihr Musikprojekt kein Spaß mehr ist, merken sie, als scharfe Waffen vor ihren Füßen liegen. „Ich geh da nicht rein“, sagt Bandkollege Boris Blank zu Dieter Meier und zeigt auf die Türsteher des New Yorker Musikclubs, die den Gästen ...

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... Pistolen und Messer abnehmen. Es ist 1980 und in den Black Communities des Big Apple boomt der Hip-Hop. Blank, ein ehemaliger Lastwagenfahrer, und Meier, „ein Irgendetwas“, wie er selber sagt, werden seit Kurzem von US-amerikanischen Radiosendern gespielt. Die Songs ihrer Elektropop-Band Yello sind dank Meiers Sprechgesang besonders in den Black Communities beliebt. „Wenn die sehen, dass wir zwei Schweizer Käse-Köpfe sind, dann bringen die uns um!“ Die Menge wird mucksmäuschenstill, als das Scheinwerferlicht auf die Bühne fällt. Boris Blank hechtet unter sein Mischpult, doch nichts passiert. Nach wenigen Songs schaffen es Yello, die Club-Besucher auf ihre Seite zu bringen. „Als ich anschließend meinen ersten Plattenvertrag und Schecks von drei oder vier Millionen Dollar mit nach Hause nahm“, erzählt Meier heute, „schaute mich mein Vater an und sagte: ‚Dieter, die Welt muss verrückt sein. Du kannst ja ein bisschen schreiben und bist nicht auf den Kopf gefallen, aber dass man dir für deinen Gesang Geld gibt, das ist verrückt!’“

Solche Erlebnisse ziehen sich wie ein roter Faden durch Dieter Meiers Leben. Am Anfang steht der Wahnsinn, am Ende der Erfolg. Mit Yello schreibt er Musikgeschichte, verkauft über 14 Millionen Platten. Beinahe unfreiwillig wird er zu einem der Urväter des Elektropops und Hip- Hops, schließlich kann er anfangs weder singen noch ein Instrument spielen. „Ich vergleiche mich immer mit einem pathologisch faulen Hund, der an einem Fluss sitzt und in das Wasser hineinguckt“, sagt Meier. „Wenn ein interessantes Stück Holz vorbeitreibt, springe ich hinein. Dann bin ich plötzlich hartnäckig und lasse dieses Holzstück nicht mehr los.“

Dieter Meier (74) ist das, was man einen Lebenskünstler schimpft. Andere sagen Musiker, Gastronom, Winzer, Schnapsbrenner, Chocolatier, Großaktionär, Punk, Künstler, Autor oder Pokerspieler. Auch als Amateurgolfer ist er in seiner Jugend erfolgreich, spielt für drei Jahre in der Schweizer Nationalmannschaft. Als die Gründer dieser Gazette den Namen GolfPunk erfanden, müssen sie an jemanden wie Meier gedacht haben.

Deutschland 2019: Wir treffen Dieter Meier in Baden- Baden. Er reist mit dem Zug an, um am Abend ein Meet & Greet mit dem Magazin „Foodhunter“ abzuhalten. Seinen Gästen serviert er argentinisches Rindfleisch, Rotund Weißwein, Gin und Schokolade – alles seine eigenen Produkte. Lebensmittel sind das Stück Holz, in das er sich gerade verbissen hat.


„IM GOLFCLUB WAR ICHEIN ANARCHISCHER FREMDKÖRPER . DIE LEUTE FRAGTEN HEUCHLERISCH MEINE ELTERN: ,WIE GEHTS DEM DIETER? ’, SO NACH DEM MOTTO ,IST ER SCHON IM KNAST?’“


Dieter Meier zählt zu den 300 reichsten Schweizern, ist Großaktionär der nationalen Banknotendruckerei. Er trägt Seide um den Hals, eine beinahe durchsichtige Sonnenbrille, lange graue Haare, nach hinten gegelt, aus der Brusttasche des Sakkos blitzt ein Einstecktuch. Seine Markenzeichen. Der 74-Jährige spricht mit einer so tiefen Stimme, dass selbst Edeka-Werbegesicht Friedrich Lichtenstein („Geiler Dorsch“) gegen ihn wie ein Sopran aus dem Knabenchor klingt. „Na gut, dann reden wir jetzt über diesen lustigen Sport“, sagt Meier, trinkt ein Glas Sprudelwasser und grinst: „Golf ist ein Spiel für Teilzeitmasochisten. Es ist die einzige zen-buddhistische Disziplin, die der Westen erfunden hat. Es geht nicht ums Treffen, sondern nur um die Auslotung des Zustands, in dem man sich befindet.“ Ohne eine einzige Frage gestellt zu haben, bekommen wir von Dieter Meier eine Antwort, die ausreicht, um den Notizblock zuzuklappen, sich zu bedanken und zu verabschieden. Doch er macht weiter.

„Dass ich mit Golf anfing, war ein großer Zufall, wie alles in meinem Leben. Nur weil ein Freund meines Vaters seine Schläger bei uns vergaß, konnte ich als Achtjähriger damit im Garten rumhacken. Meine Mutter schickte mich hoch zum Golfplatz, doch die lehnten mich ab. Zufälligerweise kam ein Teaching Pro vorbei und fand es lustig, dass ich kleiner Knirps allein im Golfclub Mitglied werden wollte. Für 50 Franken nahmen sie mich dann doch noch auf und plötzlich war ich Golfer.

Dieter Meier nennt sein Leben einen Zufall. Gemeint ist der Erfolg. Er habe diesen nie gesucht, sagt er, sondern der Erfolg kam zu ihm. Schicksal. Egal ob es um die Schokolade, die Musik oder seine Texte ging: Immer wurde Meier erst von jemandem gefragt, bevor er das Interesse an den jeweiligen Themen bekam. „Ich habe nie etwas gemacht, um gut darin zu sein, also als Mittel zum Zweck, sondern weil es mich glücklich machte und ich nicht aufhören konnte“, erklärt er. So auch beim Golf. Selbst im Dunklen geht der junge Dieter nicht vom Platz, spielt weiter mit einer Taschenlampe in der Hand. „Der Golfschwung ist für mich eine Sensation“, sagt er, „wenn man den Ball mal im Sweet-Spot erwischt und über 200 Meter an eine kleine Stange heranbugsiert, dann ist das ein geniales Gefühl.“ Mit 15 Jahren wird Dieter Meier in die Schweizer Nationalmannschaft berufen, drei Jahre später in Unehren entlassen. „Das war eine lustige Geschichte“, lacht er. „Unser bester Spieler – ein ziemlich korpulenter Herr, der mit Nylonhemdchen und Plastikhütchen rumlief und stets mit einem Wohnwagen ankam –, war sehr gut im Kurzspiel. Im Trainingslager zog er mich zum Putting-Grün und wollte um Kohle spielen.“ Meier, der als Jung-Erwachsener viel Poker spielt, gilt als Zocker. „Ich puttete gegen ihn und gewann jedes Mal. Plötzlich schuldete er mir 2.000 Franken, die er nicht beglich. Stattdessen verpfiff er mich beim obersten Chef der Swiss Golf Association: ‚Wisst ihr überhaupt, dass ihr einen Junior habt, der um Tausende von Franken zockt?’ Daraufhin musste ich mein Jackett und meine Krawatte abgeben und wurde aus der Mannschaft geschmissen.“

Die Niederlage ist nur eine Form der Erfahrung – ein weiteres dieser Meier-Zitate. „Ich ließ mich von solchen Rückschlägen nie verunsichern. Leute lieben es, wenn jemand scheitert. Viele trauen sich dann keinen zweiten Versuch mehr zu.“ Zu Dieter Meiers Biografie, die auf den ersten Blick makellos scheint, gehören auch Rohrkrepierer. Mit Mischpulten wollte er im Silicon Valley durchstar- ten, aber der finanzielle Erfolg blieb aus. Und auch die ersten Bühnenauftritte als Sänger von Punkbands waren manchmal anarchisch lustig und manchmal katastrophal. „Seitdem weiß ich den Unterschied zwischen einer leeren und einer vollen Bierdose wertzuschätzen“, sagt Meier, grinst verschmitzt und erklärt: „Eine leere Dose kommt harmlos angesegelt, aber eine volle ist ein echtes Geschoss. Da sollte man sich schnell ducken können.“

Erkennen selbst Laien: Das ist kein Plattenbau


Streben nach Erfolg vergleicht Meier mit Prostitution. Leute würden ihre Werte verkaufen, sich kastrieren, um zu gefallen. Ihn treiben andere Dinge an: spielen, etwas entwickeln, Risiko eingehen, sich selber besser kennenlernen – sich für etwas begeistern. So kauft er in den 70ern den New Yorker Passanten für einen Dollar ihr Ja oder Nein ab, ein Jahr später betoniert er eine Metalltafel in den Kasseler Boden ein mit der Inschrift „Am 23. März 1994 von 15:00 bis 16:00 Uhr wird Dieter Meier auf dieser Platte stehen“. Er hält Wort und seine Kunst wird zu dem, was andere als erfolgreich betiteln. Zuletzt lässt sich Lady Gaga eines seiner Bilder einen fünfstelligen Betrag kosten.

Nach dem Rausschmiss aus der Nationalmannschaft gehen Dieter Meier und Golf auf Abstand. „Ich spielte keine Turniere mehr, hatte keine Lust, mit diesen Leuten zu reden. Mit meinen grünen Haaren schlich ich bei Dämmerung lieber um die Häuser. Im Golfclub war ich ein anarchischer Fremdkörper. Die Leute zeigten auf mich. Sie fragten heuchlerisch meine Eltern: ‚Wie geht’s dem Dieter?’, so nach dem Motto ‚Ist er schon im Knast oder in der Irrenanstalt?“ Die versnobten Schweizer Clubs nerven ihn. „Ich war eher ein Links-Anarchist, der eigenartige Straßentheater aufführte. Das war dann nicht mehr vereinbar mit dem Snobismus. Bis heute mag ich Clubmitglieder nicht, die sich wichtig nehmen, sich übers Essen beschweren und überhaupt kein Golf spielen können.“

Trotzdem greift der Familienvater wieder zum Schläger. Beinahe täglich. Bis heute. Morgens wird gerudert, abends geht’s auf den Platz. „Aber in Höchstgeschwindigkeit“, sagt er. „Es ist ja total lächerlich, wenn da Spieler mit Handicap 30 herumkrebsen und ihre Putts von zwei Seiten lesen.“ Die Kreativität, die er stets in all seinen Lebensprojekten ausleben konnte, findet er auch im Golf. „Das Kreative am Golf ist, nicht zusammenzubrechen, wenn man scheiße spielt.“ Sich mit Sieg und Niederlage auseinanderzusetzen ist Meiers Spezialgebiet und beides nirgends so eng beieinander wie beim Golf. Gibt es etwas, das er an dem Sport nicht mag, fragen wir ihn zum Abschluss. „Nein“, antwortet Meier, „ich würde auch auf einem Kartoffelacker spielen. Mir geht es um den Schwung und das Gefühl, den Ball zum Ziel zu bringen. Solange ich Golf spielen kann, ist alles gut.“ Herzlich willkommen im Schwinger Club, Dieter Meier!


FOTO CHRISTIAN GRUND/13 PHOTO

FOTOS KIRILL WAGNER