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Sebastian Weßling und Kai Schiller


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Berliner Morgenpost - epaper ⋅ Ausgabe 320/2022 vom 22.11.2022
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Bildquelle: Berliner Morgenpost, Ausgabe 320/2022

Beim WM-Test gegen den Oman in der vergangenen Woche trug Nationaltorwart Manuel Neuer die One-Love-Kapitänsbinde noch. Während der WM ist sie verboten.

Al Ruwais. Mit ernstem Blick schritten Bernd Neuendorf und Oliver Bierhoff über den Rasen des Al Shamal Sports Clubs in Al Ruwais. Dieser Termin am Trainingsplatz der deutschen Nationalmannschaft machte ihnen wenig Freude. DFB-Präsident Neuendorf, der geübte Redner, hatte sogar einen Sprechzettel vorbereitet. Es ging um ein heikles Thema, da mussten zumindest die einleitenden Sätze genau sitzen. Und diese Sätze hatten es in sich: „Die Fifa hat heute eine Aussage für Diversität und Menschenrechte untersagt“, meinte Neuendorf. „Das sind Werte, zu denen sie sich in ihren eigenen Statuten verpflichtet. Aus unserer Sicht ist das mehr als frustrierend und ein beispielloser Vorgang in der WM-Geschichte.“

Der Konflikt zwischen dem Weltverband auf der einen und dem Deutschen Fußball-Bund und weiteren europäischen Verbänden auf der anderen Seite, er hatte am Montag eine weitere Eskalationsstufe erreicht. ...

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... Und alles wegen eines scheinbar harmlosen Stück Stoffs mit der scheinbar harmlosen Botschaft „One Love“. Das hätte auf der Kapitänsbinde stehen sollen, die die deutsche Mannschaft, aber auch England, Wales, die Niederlande, die Schweiz, Belgien und Dänemark tragen

„Ein beispielloser Vorgang “ Die Fifa untersagt die One-Love-Kapitänsbinde. Der DFB reagiert mit scharfer Kritik am Weltverband

wollten, schon im September war das beantragt. Aber eine Antwort der Fifa erhielten sie nicht, monatelang wurden sie hingehalten. Erst am Montag, ganz kurz vorm Auftaktspiel der Engländer, teilte Fifa-Generalsekretärin Fatma Samoura den beteiligten Verbänden mit, dass die Binde unerwünscht sei. Zudem drohte sie explizit mit sportlichen Sanktionen – blieb aber auch dabei wieder vage. „Wir haben bis heute keinerlei konkrete Hinweise, wie Sanktionen aussehen könnten, auch das ist befremdlich“, haderte Neuendorf.

Gelbe Karten, Platzverweise, Punktabzüge – all das stand im Raum. Einen schriftlichen Bescheid der Fifa, wie ihn die Regularien vorsehen, gab es nach Informationen unserer Redaktion nie. Und deswegen entschieden die beteiligten Verbände, kein Risiko einzugehen. „Wir wollten die Spieler nicht dieser Situation aussetzen“, erklärte Neuendorf, der von einer „Machtdemonstration der Fifa“ sprach.

Eine Machtdemonstration, vor der man nun einknickte? Nein, findet Neuendorf und verwies darauf, dass der deutsche Verband dem Fifa-Präsidenten Gianni Infantino für die anstehende Wiederwahl öffentlich die Gefolgschaft verweigerte. „Das war doch ein deutliches Signal an die Fifa, dass wir nicht bereit sind, bestimmte Dinge mittragen“, sagte Neuendorf. „Da haben wir uns als einer der wenigen Verbände klar positioniert.“ Die Positionierung auf dem Platz aber bleibt aus – und das habe auch Kapitän Manuel Neuer enttäuscht, berichtete Oliver Bierhoff, der Manager der Nationalmannschaft: „Bei uns herrscht große Verärgerung, das fühlt sich stark nach Zensur an.“

‘Bei uns herrscht große Verärgerung, das fühlt sich stark nach Zensur an.

Oliver Bierhoff, DFB-Manager

Hinter den Kulissen fielen noch deutlichere Worte, ein ranghoher DFB-Vertreter fühlte sich im Gespräch mit unserer Redaktion an „Game of Thrones“ erinnert, die TV-Serie voller politischer Ränkeschmiede, Intrigen und sehr viel Blut. Erst ließ die Fifa die Verbände monatelang zappeln – dann die Entscheidung gegen die Binde, kurz bevor die Engländer auf den Rasen gehen. „Ganz bewusst kam das kurzfristig am Spieltag, um eine Drucksituation aufzubauen“, schimpfte Bierhoff.

Dabei, darauf wies man beim DFB hin, hatte Neuer die One-Love-Binde ja schon beim Freundschaftsspiel im Oman getragen, was offiziell ein Fifa-Spiel war – Reaktionen oder gar Sanktionen hatte es da nicht gegeben. Nun aber ist man in Katar, und dem Gastgeberland gegenüber präsentiert sich die Fifa mit ihrem Präsidenten Infantino bislang als erstaunlich willfährig. Katar will entgegen aller Absprachen in letzter Sekunde doch kein Bier rund um die Stadien? Es gibt kein Bier. Aussagen pro Diversität könnten Katar missfallen? Also erklärt sie die Fifa zu politischen Botschaften, die das Regelwerk untersagt.

Zum Unverständnis der Deutschen: „Wir sehen beim Eintreten für Menschenrechte und Diversität keine politische Aussage, das ist ein Grundrecht“, meinte Bierhoff. Doch die Fifa-Generalsekretärin Samoura wollte die Haltung des Weltverbands gar nicht groß begründen. „Die Fifa setzt die Regeln, Punkt – das war die Aussage“, sagte der frustrierte Neuendorf.

Dabei hatte Fifa-Präsident Infantino, der Mann mit dem Zweitwohnsitz im WM-Gastgeberland, noch am Sonnabend in großen Worten die Vielfalt proklamiert: „Heute fühle ich mich als Katarer, heute fühle ich mich als Araber, heute fühle ich mich afrikanisch. Heute fühle ich mich homosexuell. Heute fühle ich mich behindert. Heute fühle ich mich als Arbeitsmigrant.“ Schon am Montag aber waren die Gefühle nicht mehr stark genug, um eine Kapitänsbinde zu tolerieren, die für Vielfalt stehen sollte.

Tatsächlich hatte Infantino auch die erste Eskalationsstufe zünden lassen. Aus heiterem Himmel brachte die Fifa eigene Kapitänsbindenbotschaften ins Spiel, mit mehr oder weniger wolkigen Slogans wie „Football unites the World“ (Fußball vereint die Welt) oder „Be active“ (sei aktiv). Schon das fasste man nicht nur im deutschen Lager als klare Aktion gegen die eigene Binde auf. Und dann hatte Infantino die Europäer sehr direkt angegriffen: „Ich denke, was wir Europäer in den vergangenen 3000 Jahren weltweit gemacht haben, da sollten wir uns die nächsten 3000 Jahre entschuldigen, bevor wir anfangen, moralische Ratschläge an andere zu verteilen“, sagte er.

So lange aber will man beim DFB nicht warten: „Man kann uns die Binde nehmen, aber unsere Werte werden wir immer wieder zum Ausdruck bringen“, sagte Bierhoff. Wie genau das aussieht, wissen die Deutschen aber selbst noch nicht. „Auf dem Platz gibt es klare Regularien“, sagte Bierhoff. „Aber was in der Freizeit passiert, bleibt ja wohl uns überlassen.“