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SEEGRASWIESEN – DIE GRÜNEN LUNGEN DER MEERE


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TAUCHEN - epaper ⋅ Ausgabe 101/2021 vom 21.09.2021

SEEGRASWIESEN

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Im Mittelmeer bildet das Neptungras (Posidonia oceanica) dichte Teppiche.

Bei den umgangssprachlich als Seegras bezeichneten Pflanzen handelt es sich um gut 40 verschiedene Arten aus drei Familien, die mit Ausnahme der Polarregionen weltweit verbreitet sind. Im Mittelmeer kommen davon lediglich fünf Arten vor. Es handelt sich übrigens um die einzigen echten Meerespflanzen unter den höheren Pflanzen. Und zwar um Einkeimblättrige Samenpflanzen – so wie unsere Gräser oder etwa Orchideen, Lilien oder Palmen. Die Wissenschaft geht davon aus, dass die Seegräser von ehemaligen Landpflanzen abstammen, die vor hunderten Millionen Jahren zurück ins Meer gegangen sind, um die flachen, lichtdurchfluteten Küstenbereiche zu erobern.

UNTERWASSER-SEX

Als Samenpflanzen vermögen auch Seegräser zu blühen, um sich sexuell fortzupflanzen – und zwar unter Wasser! Die fadenartigen, schwimmfähigen Pollen aus den männlichen Blüten werden dazu unter Wasser mit Hilfe von Wellengang und ...

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... Strömung zu den winzigen, unscheinbaren weiblichen Blüten gespült, um sie zu bestäuben. Die daraus hervorgehenden Früchte driften zunächst an der Wasseroberfläche, bis sich die mit Luftbläschen gefüllte Fruchtwand auflöst und die Samen auf den Meeresgrund sinken, um sofort auszukeimen.

Neben dieser – unter Wasser eher komplizierten Vermehrung – überwiegt die vegetative Art der Ausbreitung durch Bildung von Ausläufern.

GEMEINSAME STÄRKE

Genau diese Ausläufer gelten als das Erfolgskonzept der Seegräser. Ihre Sprossachsen sind unter dem Meeresgrund über schlauchartige Rhizome miteinander verbunden, die sich gegenseitig Halt geben und sich so im Sandgrund stabil verankern. Sie bilden quasi ein über „Wurzelstöcke“ verbundenes System – eine Kolonie, die über 1000 Jahre alt werden kann, obwohl ein Schössling maximal 50 Jahre lebt. Dadurch festigen sie nicht nur das Bodensediment und bilden damit einen wichtigen Schutz gegen Küstenerosion, sondern verwandeln eine ebene Sandwüste in eine dreidimensionale Oase des Lebens.

KINDERSTUBE & SAFTIGE WEIDE

Während man sich am leeren Sandgrund fast nur durch Eingraben vor Fressfeinden schützen kann, bietet eine bis über einen Meter hohe Seegraswiese eine ganze Fülle unterschiedlicher Lebensräume und Versteckmöglichkeiten. So stellt sie denn auch ein eigenes, höchst reichhaltiges Ökosystem dar, das unzähligen Tierarten Wohnraum, Schutz und Nahrung bietet. Die Sprossachsen und Blätter werden von pflanzlichen und tierischen Aufwuchsorganismen bewohnt.

Diese dienen Muscheln und Schnecken sowie Krebsen und Stachelhäutern als Nahrung. Aber auch größere Meerestiere wie Kopffüßer, Fische, Schildkröten und Seekühe leben im dichten Blätterwald. Selbst für einige Vögel – wie etwa Wattvögel, Pfeifenten und Ringelgänse – sind bei Niedrigwasser trocken fallende Seegrasbestände eine lebenswichtige Nahrungsquelle. Als beispielsweise in den 1930er Jahren große Teile der Bestände vom Gewöhnlichen Seegras (Zostera marina) an den Atlantikküsten durch eine Pilzkrankheit verschwanden, brach auch die Population von Ringelgänsen um bis zu 90 Prozent ein. Nicht zu vergessen: Viele Tierarten nutzen den Blätterwald der Seegraswiesen zur Fortpflanzung, Eiablage und als Kinderstube für ihre Nachkommen. So sind auch wirtschaftlich bedeutsame Arten wie Zackenbarsch, Dorade, Hering und Scholle in ihrer Jugend auf gesunde Seegrasbestände angewiesen.

SAUERSTOFFPRODUZENT

Seegraswiesen bedecken weltweit eine Fläche etwa doppelt so groß wie

Deutschland. Und das, obwohl sie nur die flachen Küstenregionen – je nach Art – bis zu einer Tiefe von maximal 50 Meter besiedeln können. Denn zum Leben brauchen sie Sonnenlicht, das sie genau so wie unsere Landpflanzen mittels Photosynthese zur Energiegewinnung nutzen.

Dabei werden aus Kohlendioxid (CO2) und Wasser wichtige Nährstoffe in Form von Zucker gebildet und quasi als Abfallprodukt Sauerstoff freigesetzt. Der Zucker fließt als Kohlenhydrate und Zellulose direkt ins Pflanzenwachstum ein, der Sauerstoff wird ins Wasser abgegeben.

Hier dient er nicht nur zum Atmen für alle wasserlebenden Organismen, sondern entweicht teilweise auch in die Atmosphäre und versorgt damit auch uns Menschen mit dem lebensnotwendigen Gas.

PERFEKTER CO2-SPEICHER

Noch wesentlich bedeutsamer als die Sauerstoffproduktion ist jedoch die Fähigkeit der Seegraswiesen, enorme Mengen an CO2 zu binden. Seegraswiesen gehören zu den marinen Lebensräumen mit der höchsten Primärproduktion. Bemerkenswert daran ist, dass nur gut die Hälfte davon von den Seegräsern selbst stammt und der Rest von den zahllosen Aufwuchs-Algen, die Sprossachsen und Blätter teilweise überziehen. Denn diese Rot-, Braun- und Grünalgen betreiben auch Photosynthese und nehmen dabei ebenso CO2 aus dem Wasser auf wie die Seegraspflanzen. Das schädliche Klima-Gas, das unsere Atmosphäre immer weiter aufheizt – Stichwort Erderwärmung – wird hier in Form von

Biomasse gespeichert. Da sich die weitverzweigten Rhizome im Meeresboden befinden und noch dazu steinalt werden können, ist hier das CO2 für sehr lange Zeit sicher verwahrt. Aber selbst wenn die Seegraswurzeln absterben, verbleiben sie zumeist tief im Sediment, werden eher abgeschlossen als zersetzt und fungieren somit als dauerhafte CO2-Falle. Zudem haben Wissenschaftler berechnet, dass die Aufnahmekapazität von Seegras für Kohlendioxid mindestens zehnmal so groß ist wie die eines Waldes. Ein Hektar Seegras kann also mehr CO2 binden und speichern als zehn Hektar Wald!

Weitere Berechnungen gehen davon aus, dass Seegraswiesen bis zu 15 Prozent des weltweit von den Ozeanen aufgenommene CO2 speichern. Bei der Erhaltung von Seegrasbeständen geht es also nicht bloß um das Wohl von ein paar Fischen und sonstigem Meeresgetier, sondern um unser aller Überleben!

KEIN SEEGRAS – KEIN ESSEN

Weil diese Zusammenhänge nicht jeden interessieren und es immer noch unzählige Leugner von Klimaveränderung und deren Bedrohung für Mensch und Tier gibt, hier ein kleines Beispiel für die unmittelbaren Auswirkungen: Vor der philippinischen Insel Mindoro sind die vormals reichen Erträge der heimischen Fischer innerhalb von zehn Jahren komplett eingebrochen. Während seit Menschengedenken vor den flachen Küsten reichlich Fisch gefangen werden konnte, muss man heute für einen Bruchteil des Ertrages zehn Stunden lang aufs offene Meer hinausfahren. Was ist geschehen? Die gesteigerte Nachfrage aus China nach Seegras zur Verarbeitung für Viehfutter, Dünger, Kosmetika und Medikamente ließ die Fischer ihre Seegrasbestände direkt vor den Dörfern massiv abernten.

Da manche Seegrasarten nur wenige Zentimeter pro Jahr wachsen, sind die Bestände komplett eingebrochen und mit ihnen auch die Fische verschwunden. Den Fischen wurden Brutplatz und Kinderstube genommen und gegen eine öde Sandwüste getauscht.

Der Lerneffekt hielt sich so lange in Grenzen, bis jemand den Fischern die Zusammenhänge erklärte. Nun bleibt nur abzuwarten, ob sich die Seegraswiesen und damit in weiter Zukunft auch die Fischbestände wieder erholen. Zwar gibt es mittlerweile ein Gesetz, das auf den gesamten Philippinen unkontrolliertes Sammeln von Seegras verbietet – doch es ist noch viel Aufklärungsarbeit zu leisten.

NEUE WIESEN BRAUCHT DAS LAND

Nicht nur das Land, sondern die ganze Welt benötigt dringend neue Seegraswiesen. Denn während man noch vor wenigen Jahrzehnten von einem jährlichen Rückgang der Seegraswiesen von etwa 1,5 Prozent ausging, schätzt die Wissenschaft derzeit einen Schwund von stolzen drei bis sieben Prozent pro Jahr. Damit reihen sich Seegraswiesen gemeinsam mit Korallenriffen und Regenwäldern in die Liga der am stärksten bedrohten Ökosysteme ein. Vermutlich ist bislang bereits ein Drittel der globalen Seegraswiesen verschwunden, ein Viertel aller Arten steht auf der Roten Liste. Nachdem sich rund 45 Prozent der Weltbevölkerung auf die gerade mal fünf Prozent der Landfläche in Küstenregionen konzentrieren, kann man sich den Druck auf die Küstengewässer gut vorstellen.

„SEEGRASWIESEN SPEICHERN ENORME MENGEN AN CO2. “

Neben mechanischer Zerstörung durch Bautätigkeit, Schleppnetzfischerei und Ankern leiden die Seegraswiesen vor allem unter Umweltverschmutzung und Überdüngung. Weil Seegras seine Nährstoffe vorwiegend über die Wurzeln aufnimmt, sind sie auf klares, nährstoffarmes Wasser angewiesen. Ein Zuviel an Nährstoffen führt dagegen zu einem vermehrten Wachstum von schädlichen Aufwuchsalgen auf den Seegrasblättern. Der pelzartige Überzug aus fädigen Grünalgen raubt ihnen das Licht und lässt die Blätter absterben. In lokal begrenzten Regionen geht das schnell. So sind etwa Seegrasbestände im Südchinesischen Meer im Bereich von Aquakulturen innerhalb weniger Jahre um knapp 90 Prozent zurückgegangen. Schuld war ein Übermaß an Nährstoffen aus Futterrückständen und Ausscheidungen der gezüchteten Garnelen und Fische, die ungefiltert ins Meer geleitet wurden.

WELTWEITES VERBREITUNGSGEBIET VON SEEGRAS

Eine weitere Bedrohung für Seegraswiesen – vor allem im Mittelmeer – ist die sogenannte „Killeralge“ Caulerpa taxifolia. Die ursprünglich im Indopazifik vor Australien beheimatete und in Aquarien sehr beliebte Grünalge gelangte 1984 aus dem Ozeanographischen Institut von Monaco unbeabsichtigt ins Mittelmeer, um sich von dort explosionsartig zu verbreiten. Fatal war nur, dass die giftige Caulerpa-Alge das heimische Neptunsgras (Posedonia oceanica) mitsamt dem Großteil der darin vorkommenden Lebensgemeinschaften verdrängt hat.Die ganz große Katastrophe blieb allerdings aus, denn aus noch unbekannten Gründen verschwinden großflächige Bestände der Killeralge etwa seit der Jahrtausendwende nach und nach wieder. Zurück bleiben jedoch riesige Lücken in den extrem langsam wachsenden Posidonia-Wiesen.

ES GIBT HOFFNUNG

So wie die steigenden Wassertemperaturen den Korallenriffen massive Probleme bescheren, werden sie auch von Seegraswiesen nicht besonders gut vertragen. So kam es erst kürzlich bei einer Hitzewelle vor der Westküste von Australien zu Schäden an rund einem Drittel der dortigen Seegrasbestände. An „Wiederaufforstungsprojekten“ von Seegraswiesen arbeiten Forscher weltweit, doch der Erfolg hält sich bislang in Grenzen. Die besten Aussichten sieht man derzeit in der Regenerationsfähigkeit geschädigter Seegrasbestände. Wird etwa die Überdüngung durch strikte Umweltschutzmaßnahmen massiv reduziert, können sich zumindest die schnellwüchsigen Seegrasarten innerhalb weniger Jahre regenerieren.

Ein globales Umdenken muss stattfinden, politische Entscheidungen getroffen werden – vor allem gegen die unkontrollierte Verwendung von phosphat- und stickstoffhaltigem Dünger in der Landwirtschaft, der letztendlich über Flüsse und Grundwasser ins Meer gelangt.

Text von Wolfgang Pölzer