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Se(e)henswert


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Camping, Cars & Caravans - epaper ⋅ Ausgabe 11/2022 vom 11.10.2022

8 CAMPS

Westschweiz

Artikelbild für den Artikel "Se(e)henswert" aus der Ausgabe 11/2022 von Camping, Cars & Caravans. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Camping, Cars & Caravans, Ausgabe 11/2022

Kartendaten © 2022 Google

Hohe Berge und Wintersport, Schokolade und Fondue – dafür steht die Schweiz. Doch im Westen, genauer gesagt zwischen dem Jura-Hügelzug, dem Dreiseenland und dem Genferseegebiet, zeigt sich die Schweiz von einer ganz anderen, bei uns viel weniger bekannten Seite. Diesen Abwechslungsreichtum in Landschaft und Architektur, aber auch in der Vielzahl an genussvollen Momenten haben wir nicht erwartet. Umso größer sind die Freude und der Drang, dieses andere Gesicht des Nachbarlandes einmal vorzustellen, denn hier ist die Schweiz mehr als ein reines Transitland auf dem Weg in den Süden. Bei allen Vorschusslorbeeren soll auch die andere Seite der Medaille nicht verschwiegen werden: Die Schweiz ist ein teures Pflaster. Stolze 5,50 Schweizer Franken für eine Kugel Eis bedürfen keiner weiteren Worte.

Die Schweiz ist gesegnet mit gut ausgestatteten Campingplätzen. Auf ...

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... unserer Route gegen den Uhrzeigersinn von Basel aus kommend werden wir immer wieder überrascht, denn in Relation zur Kugel Eis sind die Gebühren erträglich.

Bielersee – Uhren und Wein

Der erste Stopp im Dreiseenland erfolgt von Norden aus am Bielersee (französisch: Lac de Bienne). In Port, einem Vorort von Biel, parken wir direkt am Fahrradweg. Mit dem Fahrrad geht es von hier aus in weni-gen Minuten über den Fluss nach Biel. Die größte zweisprachige Stadt der Schweiz gilt als die Wiege der Schweizer Uhrenindustrie, ein Besuch im Omega Museum ist für uns daher Pflicht.

Weiter geht es Richtung Süden am Westufer entlang. Die von terrassierten Weinbergen geprägte Landschaft mutet beinahe südländisch an. Unterwegs laden die drei deutschsprachigen Winzerdörfer Tüscherz, Twann und Ligerz zu einem Halt und einer Weindegustation ein. Aber auch Wanderungen durch die Rebhänge belohnen die vielen Aussichtspunkte mit schönen Ausblicken auf den See, die St. Petersinsel bis hin zur Alpenkette.

Wir passieren die Sprachgrenze und werden fortan mit Bonjour, immer seltener mit Grüezi begrüßt, aber auch ohne Fremdsprachenkenntnisse steht einer Konversation mit den Schweizer Gastgebern nichts im Wege – eine Verständigung auf Deutsch ist bis nach Genf fast überall möglich.

Vom kleinen, gemütlichen und zum Zeitpunkt der Tour fast restlos ausgebuchten Campingplatz in Le Landeron lässt sich die St. Petersinsel, genau genommen eine Halbinsel, wunderbar erkunden. Im 18. Jahrhundert beherbergte das reizvolle Eiland für einige Wochen den in Genf geborenen Philosophen Jean-Jacques Rousseau. Alternativ gibt es hier noch Camping Erlach, der mit Strandbad und Anlegestelle ideal für längere Aufenthalte ist. Der Platz ist für Familien besonders geeignet, aber auch für Ausflüge rund um den Bieler See. Übrigens wird hier wieder Schwyzerdütsch gesprochen.

Murtensee – von Römern und Rittern

Wir steuern den zweiten und kleinsten der drei Jurarandseen an, den Murtensee (französisch: Lac de Morat). Der Murtensee ist ein beliebter Badesee, der sich im Sommer bestens für Segelsport und Standup-Paddling eignet.

Ein gutes Basislager ist der Camping Port Plage in Avenches am Südufer. Der Platz ist schön gelegen mit eigenem Strand und gepflegten Sanitäranlagen, ein idealer Ausgangspunkt für Radtouren nach Avenches und Murten.

In Murten am Ostufer des Sees schlendern wir über die Seepromenade in das 800-jährige Zähringer-Städtchen. Die Kleinstadt besticht mit einer mittelalterlichen Altstadt, wie sie im Buche steht: die begehbare, fast vollständig erhaltene Stadtmauer mit Ausblicken über den See Richtung Mont Vully, gemütliche Laubengänge und malerische Gassen sowie zahlreiche Cafés – perfekt, um die Seele baumeln zu lassen.

Tipp: Konditorei Aebersold. Unbedingt Nidelkuchen probieren, eine Spezialität Murtens. Mächtig, aber lecker.

Am Südufer, unweit des Campingplatzes, ist das Römerstädtchen Avenches einen Abstecher wert – am besten per Fahrrad. Zeugnisse der Vergangenheit finden sich fast überall in der Landschaft verstreut. Neben dem römischen Museum beim Amphitheater besichtigen Gäste auf den Feldern Überreste der ehemaligen Umfassungsmauer, der Tempelanlage Cigognier und der Thermen von Aventicum, der ehemaligen antiken Hauptstadt der Helvetier.

Neuenburgersee – Prähistorisches und Schifffahrt

Der dritte und größte See im Dreiseenland trägt den Namen des Ortes Neuenburg, (französisch: Neuchâtel). Den Neuenburgersee am Fuße des Schweizer Jura prägt im Norden großflächige Reblandschaft, während sich am Südufer das größte Sumpfgebiet und Vogelparadies der Schweiz erstreckt.

Das aus dem gelbem Sandstein des Jura erbaute Neuchâtel ist wunderschön und verkehrsberuhigt. Im langen Tunnelnetz quittiert das GPS zwar öfters seinen Dienst, aber die Stadt profitiert davon. Lohnenswert ist von hier ein Ausflug in das Laténium. Das größte Archäologiemuseum der Schweiz samt Park steht an drei prähistorischen Fundstellen und zeigt Exponate aus dem Mittelpaläolithikum bis heute. Auch wer die ganze Kulisse einmal vom See aus erblicken möchte, ist hier richtig: Der Hafen eignet sich für Schifffahrten in das Mittelalterstädtchen Estavayer-le-Lac oder dank zahlreicher Kanäle für ausgedehntes Seen-Hopping. Das brauchen wir nicht, da wir unser Lager auf dem Camping La Nouvelle Plage in Estavayer-le-Lac aufgeschlagen haben. Hier am Ostufer beginnt der große Schilfbereich, der in den Naturpark übergeht. Estavayer zeigt sich mittelalterlich, traumhaft restauriert und gut erhalten. Gegenüber am anderen Seeufer liegt Saint-Aubin-Sauges am Fuß des Soliat. Die 24 Kilometer auf den Gipfel lohnen sich. Nur wenige Meter vom Parkplatz des Bergrestaurants erwartet uns ein Naturspektakel: 60 Meter hohe, senkrechte Felswände umschließen einen vier Kilometer langen und über einen Kilometer breiten Talkessel – nur gut für Schwindelfreie. Die fehlenden Absperrungen lassen den Puls in die Höhe schnellen, aber der Ausblick in den Kraterrand auf die Felsformationen ist atemberaubend.

Genfer See – Genf, die kleinste Metropole der Welt

Wir kehren dem Dreiseenland den Rücken und wagen einen größeren Ortswechsel nach Genf. Nach exakt 111 Kilometern fällt die Wahl auf den wirklich schönen Campingplatz im Vorort Vésenaz. Gepflegt, saubere Sanitäranlagen, großzügige Parzellen und nur sechs Kilometer von Genf entfernt. Das Busticket für den Nahverkehr ist inklusive und tröstet ein wenig über den hohen Preis hinweg. Schöner ist es jedoch, mit dem Fahrrad – nach einem kurzen, knackigen Berganstieg – die Promenade bis in das Herz der wohl internationalsten Stadt der Schweiz entlangzufahren. Vorbei geht es an der 140 Meter hohen Wasserfontäne Jet d’Eau, an Badestränden mit Sand und der Horloge Fleurie, einer Uhr aus Blumen im Englischen Garten als Symbol der Genfer Uhrenindustrie. In Genf befindet sich der europäische Sitz der UNO, und das Internationale Rote Kreuz steuert von hier aus seine humanitären Aktionen weltweit.

Lausanne – Olympia-Hauptstadt

Am Nordufer des Genfer Sees (französisch: Lac Léman) geht es gegen den Uhrzeigersinn wieder nach Osten. Hier liegt die Olympia-Hauptstadt Lausanne. Seit 1914 hat das Internationale Olympische Komitee hier seinen Sitz, ebenso das Olympische Museum wie das weltweit größte Infozentrum rund um die Spiele. Es zeigt mit Computertechnik und audiovisuellen Medien Athleten und Geschichte der Spiele von der Antike bis heute. Gut ausgestattet und für die Stadtbesichtigung gut gelegen ist der Campingplatz Vidy direkt neben den Ruinen des antiken gallorömischen Vicus Lousonna. Schöner Service: Eine Karte für den ÖPNV ist auch hier – wie in Genf – im Übernachtungspreis inklusive. Perfekt, um die lebendige Stadt zu besichtigen.

Lavaux – Wein und Welterbe

Unweit Lausanne tauchen wir in eine einzigartige Landschaft ein. Die Weinberg-Terrassen des UNESCO-Welterbes Lavaux bilden mit 800 Hektar Rebfläche das größte zusammenhängende Weinbaugebiet der Schweiz. Die steilen Weinberge profitieren in puncto Wärme in gleich dreierlei Hinsicht. Sie entfaltet sich direkt von der Sonne, von der Reflexion der Seeoberfläche und aus der gespeicherten Wärme der unzähligen Steinmauern. Von jeder Ecke an den steilen Hängen lassen sich traumhafte Ausblicke auf den See und die hohen Berge genießen – und anschließend ein Glas Chasselas, unbestritten die Königsrebsorte der Region. Dieser Genuss gelingt am besten in einem der kleinen Winzerorte Saint-Saphorin, Dézaley und Epesses. Einziger Nachteil: Die Staßen sind eng und parken ist fast aussichtslos. Aber zum Degustieren bleibt das Auto sowieso am besten stehen – es empfiehlt sich, das schöne Fleckchen zu Fuß, mit dem Rad oder im blau-gelben Zug „Train des vignes“ zu erkunden.

Montreux – Jazz und Mittelmeeratmosphäre

Zwischen Vevey und Montreux fällt das Ufer steil zum See hinab. Empfehlenswert ist der winzige Campingplatz La Maladaire, einzigartig an einem schmalen Uferstreifen gelegen. Auch der Campingplatz in Noville, ein paar Kilometer außerhalb von Montreux, eignet sich sehr gut als Ausgangspunkt, die Stadt samt Region mit Bike oder Bahn zu erkunden.

Gesagt, getan: Mit dem Rad geht es vorbei am traumhaft auf einem Felsen am See gelegenen Schloss Chillon. Die Wasserburg diente jahrhundertelang den Grafen von Savoyen als Wohnsitz. Weiter am See entlang ist Montreux nicht mehr weit. Die Stadt ist weltweit bekannt für das alljährliche Jazzfestival und lockte bereits Größen wie Freddie Mercury an, dem an der Promenade eine Statue gewidmet ist. Das Mikroklima erzeugt gemeinsam mit der mondänen Architektur einen Hauch von Mittelmeeratmosphäre – Dolce Vita in der Schweiz. Wer in der Nähe von Montreux campieren will, ist auf dem Camping Les Grangettes in Noville gut aufgehoben. Direkt am Radweg um den Genfer See gelegen, kann die Stadt gut erreicht werden. Wer will, kann von hier auch noch einen Ausflug zum Zufluss der Rhone in den See oder ins Wallis machen. Hier locken die Viertausender rund um Verbier, aber das ist eine andere Geschichte. Uns zieht es wieder nach Norden, über die Autobahn 9 geht es hoch ins Schweizer Mittelland.

Gruyère – der Ruf des Käses

Käseliebhaber dürften beim Klang dieses Ortsnamens aufhorchen: Der Le Gruyère AOP ist hier, in der Mitte des Greyerzerlandes, nahe den Alpweiden zu Hause.

Der charaktervolle, würzige Hartkäse ist weit über die Grenzen der Schweiz hinaus bekannt und nicht nur von Gourmets – und dem Verfasser dieser Zeilen – geschätzt, ist er doch ein wichtiger Bestandteil der Raclettes.

Unbedingt lohnt sich ein Abstecher in das Maison du Gruyère. Das Thema wird in dieser Schaukäserei touristisch ausgeschlachtet, allerdings nicht im negativen Sinn. Eine interaktive Ausstellung vermittelt Sinneseindrücke – Kuhglocken lauschen, Alpenheu und Kräuter riechen. Von einer Galerie aus lässt sich die Käseherstellung beobachten und das Ergebnis anschließend im Restaurant verkosten.

Gruyère, ein Fest für die Sinne und ein wahrlich königlicher Abschluss dieser Tour – und dann wäre da ja noch das quasi um die Ecke liegende Maison Cailler, ein Schokoladentraum.

Tipp des Autors

Hoch hinaus – per Zahnradbahn auf den Rochersde-Naye: Was wäre ein Schweiz-Besuch, ohne nicht wenigstens einmal Höhenluft zu schnuppern? Und obendrein einen atemberaubenden Panoramablick über den Genfer See, die Montreux Riviera und die Alpen genießen: Das bietet sich vom Rochersde-Naye aus. Von Montreux aus nutzen wir die Möglichkeit und fahren per Zahnradbahn in 55 Minuten direkt auf 2.042 Meter über NN. Allein die Fahrt vom Ufer des Sees über die eng am Hang entlangführende Bahnstrecke bis hinauf in die malerische Berglandschaft ist ein Erlebnis. Wer sich an einer der schönsten Aussichten der Schweiz sattgesehen hat, kann den botanischen Alpengarten „La Rambertia“ mit tausend Alpenpflanzen erwandern oder in ein Restaurant einkehren. Für Familien ist das „Murmeltierparadies“ mit Nagetieren aus der ganzen Welt ein Tipp. Info: Die Bahn fährt ganzjährig ab Bahnhof Montreux. Preis: 35 CHF/P einfach.