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SEHNSUCHT NACH HALTUNG


Die Deutsche Bühne - epaper ⋅ Ausgabe 11/2019 vom 01.11.2019

Das diesjährige Programm der Ruhrtriennale setzt auf eine dezidiert sozialkritische Dramaturgie und die Integrationskraft der Musik


TEXT ANDREAS FALENTIN

Artikelbild für den Artikel "SEHNSUCHT NACH HALTUNG" aus der Ausgabe 11/2019 von Die Deutsche Bühne. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

„All the Good“ von Jan Lauwers war eines der Kernprojekte von Stefanie Carps zweiter Ruhrtriennale. Hier ein Szenenfoto aus der Gladbecker Maschinenhalle Zweckel


Fotos: Maarten Vanden Abeele

Die Ruhrtriennale und insbesondere Stefanie Carp gerieten 2018 auf unschöne Weise in die Schlagzeilen, vor allem weil die neue Intendantin in der teilweise sehr aggressiv ausgetragenen Antisemitismusdebatte rund um das Nichtstattfinden eines Konzerts der Band ...

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Die Ruhrtriennale und insbesondere Stefanie Carp gerieten 2018 auf unschöne Weise in die Schlagzeilen, vor allem weil die neue Intendantin in der teilweise sehr aggressiv ausgetragenen Antisemitismusdebatte rund um das Nichtstattfinden eines Konzerts der BandYoung Fathers instinkt- und orientierungslos agierte.

Möglicherweise von dieser traumatischen Erfahrung beeinflusst, erscheint das diesjährige Programm von einer klaren Haltung her gedacht, die Stefanie Carp in einem Interview mit derRheinischen Post auch benannt hat: „Es geht darum, dass die Versprechen von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit nie eingelöst wurden, dass die Demokratie nie wirklich für alle gegolten hat, insofern sehr verbesserungsbedürftig ist und stattdessen derzeit zunehmend zerstört wird.“ Im selben Interview brach sie einer weiteren, fast seit der Begründung des Festivals schwelenden Diskussion die Spitze ab, indem sie erklärte, sich sehr wohl bewusst zu sein, dass sie zwar Theaterim, aber nichtfür das Ruhrgebiet macht, zumindest nicht für das gesamte. Dafür bräuchte es „einen viel längerfristigen Prozess“ und „eine andere Form von Intendanz, die vielleicht gar nicht Intendanz heißt“. Ihr Stammpublikum sieht die Intendantin deutlich als „etabliertes Musiktheaterpublikum“, an dessen Bedürfnisse sie sich aber glücklicherweise nicht gebunden zu fühlen scheint. Denn schon die Eröffnungspremiere lief an genau dieser Publikumsschicht teilweise vorbei.

In „Nach den letzten Tagen. Ein Spätabend“ konfrontieren Stefanie Carp als Autorin und ihrArtiste associé Christoph Marthaler Musik von Komponisten, die von den Nazis ermordet oder vertrieben wurden, mit rechtsnationalen und antisemitischen Reden seit dem späten 19. Jahrhundert, angereichert durch von Carp geschriebene Texte. Das Ergebnis zeigt einmal mehr, was für ein großartiger Regiehandwerker Marthaler ist. Wie er den Raum nutzt, ohne ihn zu verkleiden, ist erlebensund bewundernswert. Und das Audimax der Uni Bochum, eher Repräsentationsbunker der Geistesindustrie als irgendeine Form von Kathedrale oder auch nur Halle, ist dafür gewiss keine einfache Vorgabe.

V. o.n.u.: Nach den letzten Tagen. Ein Spätabend im Bochumer Audimax, die Soundinstallation Bergama Stereo in der Bochumer Turbinenhalle, Everything that Happened and Would Happen in der Jahrhunderthalle, Dido and Aeneas, Remembered in der Duisburger Kraftzentrale und Evolution in der Bochumer Jahrhunderthalle

Fotos: Matthias Horn/Ruhrtriennale 2019 („Nach den letzten Tagen“), Michael Godehardt/Ruhrtriennale 2019 („Bergama Stereo“), Heinrich Brinkmöller-Becker/Ruhrtriennale 2019 („Everything“, „Evolution“), Paul Leclaire/Ruhrtriennale 2019 („Dido“), Ursula Kaufmann (Stefanie Carp)

Auch agiert das Ensemble, angeführt von der phantastischen Sängerin Tora Augestad und den Veteranen Walter Hess, Stefan Merki und Josef Ostendorf, auf höchstem Niveau. Deutlich zu spüren ist aber auch, dass Marthalers Theater sich verändert hat.

Seine müde Melancholie, sein poetischer Witz haben Trauerränder bekommen. Dafür rückt die Haltung ins Zentrum. Sie explodiert an mehreren Stellen geradezu direkt ins Publikum, mit allenfalls einem Minimum an künstlerischer Verbrämung. Die Substanz leidet dadurch nicht, aber das „etablierte Musiktheaterpublikum“ gerät ins Fremdeln. Zumal der Abend dramaturgische Schwächen hat, im Ungleichgewicht von Text und Musik in den einzelnen Teilen, in der Anordnung der musikalischen Nummern in der letzten Dreiviertelstunde und in Resten überkommener MarthalerÄsthetik, die Szenenblöcke verzahnen, untermalen, vermitteln, aber eigentlich an diesem Abend keinen Ort haben, ein Eindruck, der vielleicht damit zu tun hat, dass dieser „Spätabend“ Paraphrase und Fortschreibung eines „Vorabends“ ist, den Marthaler und Carp 2013 für die Wiener Festwochen entwickelten. Das dramaturgische Gerüst stand also – und damit dem Theater wohl teilweise im Weg, trotz großartiger musikalischer Darbietungen.

Was kein Einzelfall ist bei der diesjährigen Ausgabe des Festivals. So hat der türkische Künstler Cevdet Erek in der Bochumer Turbinenhalle die Installation „Bergama Stereo“ errichtet, eine Art Nachbau des berühmten, in der Neuzeit auf der Berliner Museumsinsel beheimateten Pergamon- Altars mit Lautsprecherbausteinen. Diese senden dann eine 34-Kanal-Klanginstallation in den Raum, die sich an jeder Stelle anders anhört und gedacht ist in Kombination mit einem, laut Programmheft, „Konzert- und Performanceprogramm, das The- men und strukturelle Elemente der Architektur aufgreift“. Davon kann zumindest bei den „Serbian War Songs“ keine Rede sein. Zwar ist die Idee wunderbar, die Berliner Noise-Music-Experimentiererzeitkratzer mit traditionellen serbischen Musikern zusammenzubringen und im Ersten Weltkrieg entstandene serbische Lieder aufführen zu lassen. Auch ist die Performance in sich schlüssig, überzeugen die Arrangements wie die kleinen choreographischen, microtheatralischen Elemente, nimmt die Vielfalt der Krach-Klangfarben genauso gefangen wie der traditionelle zweistimmige Gesang und das serbische Musikidol Obrad Mili´c. Der marschiert in Tracht auf, exekutiert eine lange Eloge auf den Thronfolgermörder Gavrilo Princip und spielt virtuos Gusle und Diple, ein einseitiges Saiteninstrument und eine Doppelblatt-Doppelflöte.

Das Ergebnis ist ein streitbarer, faszinierend fremder Abend. Aber irgendeine Art von Verbindung zu „Bergama Stereo“ stellt sich nicht her.

Die Motivation ist dennoch klar: Stefanie Carp und ihr Team wollen den doppelten Blick kultivieren, einerseits entschlossen über den mitteleuropäischen Tellerrand hinausblicken, andererseits genau diesen sozusagen von zwei Seiten in die Zange nehmen, hier innere Fäulnis diagnostizieren, da den Blick von außen, nach dem wir hier immer noch auf einer Art Insel der Seligen leben, gleichzeitig ernst nehmen und problematisieren. Auch „Gefährliche Operette. Eine Wiederbelebung“ im Maschinenhaus der EssenerZeche Carl kann man so betrachten, als Blick auf uns verwöhnte Einzelwesen, denen, allerdings nur hauchzart, ein Spiegelchen vorgehalten wird. Der Countertenor Daniel Gloger und das siebenköpfige Ensembleascolta führten zur Musik von Gordon Kampe eine Art Jamsession auf, berstend vor Musizierlust, mit vielen Umzügen des Protagonisten und – leider – halb privat interagierenden Musikern, die trotzdem mit ihrer Bühnenausstrahlung Freude machten. Die Performance ist, wie Kampes Musik, von den Roaring Twenties in Berlin und anderswo inspiriert, von Kabarett und Revue, von der so gerne „Tanz auf dem Vulkan“ genannten Dialektik von Lebenslust und Verlorenheit. Da ist nichts weiter weg als „Fledermaus“ und „Lustige Witwe“. Auch hier bleibt der Titel also dramaturgische Behauptung. Oder Sehnsucht nach Haltung.

Stefanie Carp


Anders betrachtet ist „Gefährliche Operette“ das, was der Zuschauer draus macht. Die Offenheit der dezent theatralisch aufgepeppten Konzertform kann auch als Angebot aufgefasst werden, selber Assoziationsräume zu öffnen und zu begehen.

Allerdings ist hier die Grenze zur ästhetischen Beliebigkeit schwer zu ziehen. Auch „Everything that happened and would happen“ von Heiner Goebbels, „All the Good“ von Jan Lauwers und„Dido and Aeneas, Remembered“ von David Marton und Kalle Kalima (ausführliche Besprechungen sind aufwww.die-deutsche-buehne.de zu finden) waren wohl in dieser Problemzone angesiedelt.

Ganz anders „Evolution“ von Kornél Mundruczó: eine klar erzählte, originelle und relevante Gegenwartsgeschichte, mythisch und ästhetisch ausfransend in Vergangenheit und Zukunft; der Einsatz aller theatralischen Mittel für eine sinnliche und dennoch, zumindest über weite Strecken, gedankenklare Performance voller großer, unverbrauchter Bilder. Auf eine absurde Pantomime zu Musik im denkbar unbehaglichsten Ambiente, die im Nachgang aufgelöst und gedeutet wird, folgt ein packendes Sozialdrama. Mutter und Tochter lieben und streiten sich in der Wohnküche, einkitchen sink drama auf höchster denkbarer Intensitätsstufe, stimmig und diszipliniert gespielt, durch das Balkonfenster zu beobachten wie durch ein Schlüsselloch und per Livekamera auf Leinwände projiziert. Den Schluss bildet eine gewaltige Lichtinstallation. Der vorher künstlich abgeflachte Raum der Jahrhunderthalle erglänzt in voller Tiefe, wird schwefelgelber Tunnel und grauer Spiralnebel, von dem alle sich willig verschlingen lassen, um am Ende aus Blau wieder aufzutauchen.

Die komplette Geschichte, das Trauma einer im KZ geborenen Frau, das sich in ihre Nachkommen fortpflanzt und schließlich in der virtuellen Welt transformiert und dann absorbiert wird, ist großartig aus der Musik und im Einklang mit ihr entwickelt. Der ungarische Komponist György Ligeti, der Vater und Bruder im Nazi-KZ verloren hat und anschließend von Kommunisten aus seiner Heimat vertrieben wurde, hat seinem Requiem laute Wut wie leise Trauer, Heimatverbundenheit wie Sehnsucht nach genau dieser eingeschrieben.

Das, auch in fragmentierter Form, mehrfach angegangene Stück bietet Mundruczós Theater eine ideale Projektionsfläche. Durch ihre feinsinnige und dringliche Interpretation dieser Musik werden der Lettische Staatschor, die Bochumer Symphoniker und die hervorragenden Gesangssolisten und -solistinnen genauso Protagonisten dieses Abends wie die Schauspieler und Schauspielerinnen des BudapesterProton Theaters , was das Schlussbild dieser theatralischen Aktion explizit dokumentiert.

Hier zeigt sich dann auch, was die Ruhrtriennale jenseits aller Haltungsbehauptungen zu leisten imstande ist: Inspiriert durch die außergewöhnlichen Räume und gestützt durch die so ausgezeichneten wie ungewöhnlichen Produktionsbedingungen, kann hier gerade in der Verzahnung der klassischen Theatersparten und -mittel Einzigartiges entstehen. Wofür bei der Intendantin Stefanie Carp, zumindest im Jahr 2019, stets Musik Ideenspender und Zentrum ist.