Bereits Kunde? Jetzt einloggen.
Lesezeit ca. 10 Min.

Sei still und spare


Deutsch perfekt - epaper ⋅ Ausgabe 5/2019 vom 10.04.2019

lt@Über Geld reden die meisten Menschen in Deutschland nicht so gern. Was sie nicht gleich brauchen, sparen sie zwar – aber oft auf eine Art, die kaum Profit bringt. Warum sind die Deutschen beim Thema Finanzen so vorsichtig?


Eine weiße Website, fast nichts ist darauf zu sehen – außer einem kleinen, roten Text: 38 834,74 EUR, davor ein Minus. Es ist der Kontostand von Simon Freund an einem Sonntag im März, inklusive Schulden. Bis zu zweimal pro Tag wird die Seite automatisch auf den aktuellen Stand gebracht. Wer wissen will, wie es dem 29-Jährigen gerade finanziell geht, sieht das ganz einfach auf der ...

Artikelbild für den Artikel "Sei still und spare" aus der Ausgabe 5/2019 von Deutsch perfekt. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Deutsch perfekt, Ausgabe 5/2019

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 8,99€
NEWS 14 Tage gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Deutsch perfekt. Alle Rechte vorbehalten.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 5/2019 von Hanami in Berlin: LEICHT. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Hanami in Berlin: LEICHT
Titelbild der Ausgabe 5/2019 von PANORAMA: BAYERN: LEICHT: Panoramablick auf München: AUDIO. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
PANORAMA: BAYERN: LEICHT: Panoramablick auf München: AUDIO
Titelbild der Ausgabe 5/2019 von LEICHT: Spargel. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
LEICHT: Spargel
Titelbild der Ausgabe 5/2019 von Das Geld hat viele Namen. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Das Geld hat viele Namen
Titelbild der Ausgabe 5/2019 von Werbeverbot für Tabak?. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Werbeverbot für Tabak?
Titelbild der Ausgabe 5/2019 von Der Letzte seiner Art. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Der Letzte seiner Art
Vorheriger Artikel
LEICHT: Spargel
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel Das Geld hat viele Namen
aus dieser Ausgabe

... Seite countless.info. Der Künstler setzt sich in seinen Installationen online und offline mit Privatsphäre in unserer Gesellschaft auseinander. „Wir teilen in sozialen Medien alle möglichen Informationen. Aber wie viel Geld wir haben oder auch nicht haben, behalten wir lieber für uns“, sagt Freund.

Fotos: 4x6, OSTILL,omersukrugoksu,

Auch fast 30 Jahre nach dem Ende der Deutschen Demokratischen Republik verdienen die meisten Ostdeutschen noch immer viel weniger als die Westdeutschen .

Ost und West, Mann und Frau

Ein Vollzeitbeschäftigter verdient in Deutschland im Durchschnitt 3209 Euro brutto. Allerdings unterscheiden sich die Löhne innerhalb der Republik zum Teil stark. Vergleicht man die einzelnen Bundesländer, stehen in Hamburg im Durchschnitt die höchsten Summen auf den Gehaltszetteln. Dort verdienen die Beschäftigten im Durchschnitt 3619 Euro. Auch in Baden-Württemberg und

Hessen bekommen die Menschen besonders viel Geld für ihre Arbeit. In den ostdeutschen Bundesländern ist das Lohnniveau aber auch fast 30 Jahre nach dem Ende der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) immer noch viel niedriger als im Westen. So verdienen Arbeitnehmer in Sachsen in Vollzeit durchschnittlich 2479 Euro, in Mecklenburg-Vorpommern sind es sogar nur 2391 Euro. Im bayerischen Ingolstadt, wo der Autohersteller Audi seine Zentrale hat, bekommen die Menschen mehr als doppelt so hohe Gehälter wie im Landkreis Görlitz an der polnischen Grenze.

Groß sind die regionalen Lohnunterschiede zwischen Frauen und Männern. Insgesamt verdienen Frauen in Deutschland im Durchschnitt deutlich schlechter als Männer – zwischen Vollzeitbeschäftigten lag der Unterschied im Jahr 2016 bei 14,2 Prozent. Im bayerischen Landkreis Dingolfing-Landau verdienen Frauen, die in Vollzeit arbeiten, sogar 38 Prozent weniger. Anders in Cottbus (Brandenburg): Dort bekommen Frauen 17 Prozent mehr Geld als Männer. Cottbus ist keine Ausnahme: Auch in anderen Regionen der früheren DDR sind die Gehälter von Frauen im Durchschnitt höher als von Männern.

Warum das? Michaela Fuchs vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung erklärt sich die erstaunlichen Zahlen mit der regionalen Wirtschaftsstruktur. In Dingolfing-Landau arbeiten viele Männer in der Autobranche, zum Beispiel bei BMW, wo sie ziemlich gut verdienen. In Cottbus gibt es aber nur wenige große Firmen. Andererseits arbeiten viele Menschen, vor allem Frauen, im öffentlichen Dienst. Anders die Männer: Dort sind besonders viele arbeitslos.

Wie viel die Menschen wo verdienen

Fotos: Classix,Pyty/Shutterstock.com; Quelle Infografik: Bundesagentur für Arbeit

Im Vergleich zu den meisten Nachbarländern lebt es sich in Deutschland günstiger: Nur in Polen und Tschechien zahlen die Menschen fürs Wohnen, Essen oder für Kleidung noch weniger.

Es gibt einen guten Grund, beim Thema Geld auf Nummer sicher zu gehen: Wer sein Geld mit vereinbarten Zinsen auf ein Sparkonto legt, kann die Summe nicht verlieren. Bis zu einem Betrag von 100 000 Euro sind die Ersparnisse von Bürgern auf Konten in der Europäischen Union sicher – auch dann, wenn die Bank bankrott ist. Es gibt aber auch einen guten Grund, beim Thema Geld etwas zu riskieren: Mit Aktien lassen sich höhere Renditen erzielen als mit den Sparzinsen, die in Europa seit Jahren bei fast null Prozent liegen.

Die Inflation macht daraus sogar einen Verlust. Denn: Die Summen, die auf den Sparkonten der Republik liegen, werden zwar formell nicht kleiner. Sie verlieren aber dauernd an Wert, weil das Leben in Deutschland teurer wird. Im Jahr 2018 lag der Realzins bei -1,74 Prozent. Das ist der Zins für Spargeld, der übrig bleibt, wenn man die Inflation mitrechnet. Im Durchschnitt hat 2018 jeder Deutsche 470 Euro verloren, weil das Geld unter dem Kopfkissen oder auf niedrig verzinsten Konten lag.

Es gibt einen einfachen Grund, weshalb die Menschen trotzdem nichts ändern: „Inflationsbedingte Verluste sind nicht als Minus auf dem Konto erkennbar“, sagt Finanzpsychologin Müller. Der Betrag auf dem Konto bleibt gleich – oder steigt durch minimale Zinsen sogar leicht an. Kaum jemand kontrolliert, dass es im Supermarkt für zehn Euro nicht mehr die gleiche Menge an Brot, Butter oder Käse gibt wie im Jahr davor. Besitzt man aber ein Wertpapierdepot und die Kurse der Aktien fallen zwischenzeitlich, blitzt da ein rotes Minus auf. Für viele bedeutet das zu viel Stress.

Was das Leben kostet

Das Leben ist in Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern günstig. Die privaten Konsumausgaben lagen im Jahr 2017 zwar fünf Prozent über dem Durchschnitt der 28 Mitgliedsstaaten der Europäischen Union (EU). Aber im Vergleich zu den meisten Nachbarländern lebt es sich günstiger: Nur in Polen und Tschechien zahlen die Menschen fürs Wohnen, Essen oder für Kleidung noch weniger. Nirgends in der EU ist das Preisniveau höher als in Dänemark, dort liegt es 41,5 Prozent über dem EU-Durchschnitt. Am niedrigsten ist es in Bulgarien. Die Kaufkraft setzt diese Zahlen in Relation zu den Steuern und Sozialabgaben. Was bleibt, ist das verfügbare Einkommen. Eine Studie des Konsumforschungsinstituts GfK zeigt, dass den Deutschen im Jahr 2019 im Durchschnitt 23 779 Euro pro Kopf für Konsumausgaben, Wohnen, Freizeit und Sparen zur Verfügung stehen. In München ist die Kaufkraft besonders hoch, in Teilen Sachsens und Brandenburg ist sie am geringsten. In München – wie in anderen Regionen mit hohen Löhnen – ist aber auch das Leben viel teurer. Insgesamt liegt Deutschland in Europa auf Platz acht, hinter Österreich und vor Schweden.

In Deutschland hat ein Haushalt mit vier Personen im Jahr 2017 pro Monat durchschnittlich 3365 Euro ausgegeben. Davon fielen 1049 Euro aufs Wohnen, 524 Euro auf Transportmittel und 516 Euro auf Lebensmittel. Bildung ist im Vergleich zu anderen Ländern besonders günstig: Dafür gab jeder Haushalt im Durchschnitt nur 57 Euro im Monat aus. Die meisten Bildungsinstitutionen sind nämlich zumindest fast kostenlos.

Fotos: Carpe89, 4x6,

Für den Finanzexperten Marius Kleinheyer ist ein nationales Trauma der Grund, weshalb die Deutschen besonders davor Angst haben, ihr Geld zu verlieren.

Ist das die „German Angst“, mit der auf der ganzen Welt das typisch vorsichtige Verhalten der Deutschen beschrieben wird? Ja, glaubt Marius Kleinheyer. Er analysiert für das Forschungsinstitut des Vermögensverwalters Flossbach von Storch, wie Gesellschaft und Finanzen in Verbindung stehen. Für ihn ist ein nationales Trauma der Grund, weshalb die Deutschen besonders davor Angst haben, ihr Geld zu verlieren: „Wer schon einmal alles verloren und dann glücklicherweise wiedergewonnen hat, fürchtet sich vor einem erneuten Verlust besonders“, schreibt er in einer Analyse. In der Wirtschaftskrise in den 20er-Jahren haben viele Menschen ihr angespartes Vermögen verloren, zum Teil komplett. Dieses Szenario hat sich „nachhaltig im Bewusstsein deutscher Sparer festgesetzt“, glaubt Kleinheyer.

Finanzpsychologin Müller hat eine andere Theorie. Sie glaubt, dass die Deutschen ihr Geld deshalb so konservativ anlegen, weil sie nicht über Finanzen sprechen und deshalb zu wenig über die Alternativen wissen. „Viele kennen außer dem Sparbuch und der Überweisung ja gar keine Fachbegriffe“, sagt Müller. Wenn der Berater in der Bank dann noch vom „Spread“ und der „Asset Allocation“ spricht, „dann wendet sich der Kunde erst recht ab.“ Es ist menschlich: Was die Menschen nicht kennen, dem vertrauen sie nicht. So verbinden die Deutschen mit Aktien heute vor allem Begriffe wie „Risiko“ oder „Spekulation“.

Zwischenzeitlich war das allerdings auch mal anders. Es war vor etwas mehr als 20 Jahren, als die Deutschen fast ihre Liebe zu Aktien entdeckt hätten. Dann holte sie ein Trauma ein – schon wieder. „Wenn die Telekom jetzt an die Börse geht, dann geh ich mit“: Mit diesen Worten bewarb der damals sehr bekannte Schauspieler Manfred Krug im Jahr 1996 die neue Telekom-Aktie, besser bekannt als T-Aktie. Der Konzern bewarb das Wertpapier damals als „Volksaktie“ und sichere Investition. In Werbespots formten Menschen auf der Straße ihre Hände zu einem großen T. Als die Aktie 1996 zum ersten Mal an der Frankfurter Börse gehandelt wurde, kauften sie 1,9 Millionen Menschen im ganzen Land. Zusammen investierten sie Milliarden.

In den kommenden Jahren erlebte Deutschland einen Aktien-Boom – von „German Angst“ war plötzlich nicht mehr viel übrig. Die Menschen kauften nicht nur die Wertpapiere der Telekom, sondern auch von anderen Technologieunternehmen. EM.TV, Mobilcom oder Comroad, so hießen einige der bekannten Werte am sogenannten Neuen Markt. Eifrig kontrollierten viele Deutsche jeden Tag, wie es den Kursen in Frankfurt ging, und riefen beim Bankberater an, um Aktien zu kaufen und zu verkaufen. Im Jahr 2000 besaß jeder fünfte Deutsche, der älter als 14 Jahre war, eine Aktie. Wenige Jahre davor war es nicht einmal jeder Zehnte gewesen.

Dann, im Jahr 2000, war plötzlich Schluss. Manch gefeierter Unternehmenschef war ein Betrüger, andere Firmen verdienten einfach kein Geld oder machten Managementfehler. Die Kurse fielen schnell, nicht nur der der Telekom. Fast jeder Deutsche kennt jemanden, der damals viel Geld verloren hat. Das bleibt in Erinnerung.

Markus Demary ist Finanzmarktexperte beim Institut der deutschen Wirtschaft Köln. Er glaubt, dass das Trauma um die T-Aktie und den Neuen Markt bis heute der Grund ist, warum die Bundesbürger lieber keine Aktien kaufen. „So wie jeder in Deutschland glaubt, dass er Ahnung von Fußball hat, dachten damals viele, dass sie Ahnung von Aktien haben“, sagt Demary. Dabei hätten viele einen typischen Fehler gemacht: Sie setzten alles auf eine Karte und kauften viele Aktien von einem einzigen Unternehmen. Und sie hofften, in kurzer Zeit Gewinne zu machen. „Mit Aktien zu sparen ist aber nur dann sinnvoll, wenn man über Jahre hinweg investiert“, sagt Demary. Er hält es für sinnvoll, immer wieder kleinere Beträge anzulegen, zum Beispiel über einen Sparplan, und die Wertpapiere mehrerer Aktiengesellschaften aus unterschiedlichen Branchen zu kaufen. Das geht mit einem Fonds. Stürzt der Kurs bei einem dieser Unternehmen oder sogar einer ganzen Branche ab, fangen andere Aktien den Verlust auf – nicht immer gleich, aber wenigstens nach längerer Zeit.

Fotos: Okea, Rouzes,,omersukrugoksu,

Seit die Zinsen in Europa dauerhaft niedrig sind, kaufen wieder etwas mehr Menschen in Deutschland Aktien oder Aktienfonds. Allerdings gibt es in der Republik große geografische Unterschiede: In Niedersachsen, Hessen, Baden-Württemberg und Bayern besitzen in manchen Orten ein Drittel, zum Teil sogar mehr als die Hälfte der Menschen Aktienfonds. Im Westen und im Osten des Landes liegt die Aktienquote im Durchschnitt bei deutlich weniger als zehn Prozent, in manchen Städten und Landkreisen sogar bei null Prozent.

Die Zahlen, die eine Bank herausgefunden hat, zeigen die Vermögenssituation in Deutschland: wohlhabender Norden, reicher Süden, armer Westen und Osten. 40 Prozent der Deutschen haben keine Ersparnisse. Aber nur wer Geld besitzt, kann es auch in Aktien investieren. Weil Aktien nach einiger Zeit vergleichsweise hohe Renditen abwerfen, werden die Reichen noch reicher. Anders geht es den Menschen, die kein Geld besitzen und investieren können: Spätestens als Rentner werden sie arm. Die Ungleichheit steigt. Manche Wirtschaftsexperten und Politiker sind deshalb für einen Staatsfonds nach dem Vorbild skandinavischer Länder. In Deutschland wäre das ein Topf, in den alle, die arbeiten, einzahlen. Die

Menschen, die wenig Geld haben, bekommen Geld vom Staat, damit auch sie einzahlen können. Das Geld wird dann in unterschiedliche Aktien investiert, wo es erfahrungsgemäß höhere Renditen bringt. Später bleibt den Menschen mehr Geld zum Leben, so die Theorie.

Die Idee für einen sogenannten Deutschlandfonds gibt es schon länger. Aber es sieht zurzeit nicht danach aus, dass sie bald realisiert wird. Bis sich das ändert, helfen sich einige Bürger selbst – wenigstens diejenigen, die genug Geld haben, um etwas sparen zu können. „Nach meiner Wahrnehmung redet die junge Generation mehr über Finanzen als die ältere“, sagt Finanzpsychologin Müller. Durch die dauerhaft niedrigen Zinsen setzen sich manche Menschen langsam doch mit ihren Finanzen auseinander.

Das Internet hilft ihnen dabei: In Online- Foren tauschen sich Männer und Frauen, zum Teil anonym, erstaunlich offen über Geld, Zinsen und Aktien aus. Dabei erlebt auch ein Instrument eine Renaissance, das kaum deutscher sein könnte: Um herauszufinden, ob sie im Alltag zu viel Geld für Coffee-to-go oder den Pizzaservice ausgeben, führen einige Menschen ein Haushaltsbuch. Darin notieren sie jede Einnahme und Ausgabe. So suchen sie nach Stellen, an denen sie Geld sparen können – mit einer App, einer Excel-Tabelle oder einem Buch.

Simon Freunds Konto- und Schuldenstand im Internet ist in Deutschland immer noch eine Kuriosität. Aber trotzdem sieht es ein bisschen danach aus, dass Geld in Deutschland irgendwann vielleicht wirklich kein so großes Tabuthema mehr sein wird.

Arm und reich

Die reichsten 45 Haushalte in Deutschland besitzen genau so viel Geld wie alle anderen Menschen zusammen: jeweils 214 Milliarden Euro. Zu den reichen Haushalten gehören vor allem Familien mit eigenen Firmen.


Illustration:S.Sheina/Shutterstock.com